Peter Robb erklärt Sizilien in all seinen Dimensionen

Peter Robb: Sizilianische Schatten„Sizilianische Schatten“ heißt ein Buch über Sizilien, das den Leser so gefangen nimmt, wie es die Mafia mit der sizilianischen Gesellschaft einst tat. Peter Robb, ein Australier, der mehr als 15 Jahre in Süditalien und auf Sizilien lebte, ist der Autor dieser fulminanten Reportage.

Leider gibt es das Buch nicht mehr im Buchhandel. 2000 ist es bei DuMont erschienen, vier Jahre nach der englischen Erstveröffentlichung. Auch wenn es also über 20 Jahre alt ist, hat es nichts von seiner Faszination verloren. Es lohnt sich, beim ZVAB auf die Suche nach einem antiquarischen Band zu gehen. „Peter Robb erklärt Sizilien in all seinen Dimensionen“ weiterlesen

Günter de Bruyn erzählt von der verhängnisvollen Altersliebe des Staatskanzlers Hardenberg

Günter de Bruyn: Die Somnambule oder Des Staatskanzlers TodGünter de Bruyn ist inzwischen 89 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Beeskow und schreibt noch immer. Gerade ist sein neues Buch erschienen:  „Die Somnambule oder Des Staatskanzlers Tod“. In ihm geht es um einen alten Mann, der sich noch einmal in eine junge Frau verliebt. Auch, weil er es nicht erträgt, alt zu werden. Ein Stoff, der in einer älter werdenden Gesellschaft sicherlich nicht außergewöhnlich ist. Aber weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, hat sie einen ganz besonderen Reiz.

Günter de Bruyn erzählt von der letzten Liebe des preußischen Staatskanzlers und Reformers Karl August von Hardenberg. Mit 66 Jahren lernt er Friederike Hähnel kennen. Er verliebt sich in die nur 24 Jahre junge Frau und bringt nicht nur sein ganzes privates Umfeld gegen sich auf, sondern auch den König von Preußen, dessen Hof und den Großteil der Gesellschaft.

Das allein hätte schon genug Kraft, um eine Erzählung zu rechtfertigen. Aber die Geschichte hat noch mehr Zutaten, die uns neugierig machen. Der für seine Zeit sehr moderne Hardenberg stand auch damals modernen Heilmethoden aufgeschlossen gegenüber, wie dem Mesmerismus. Diese medizinische Methode glaubte, durch Magnetismus, sanftes Streichen und hypnotisch-psychologische Behandlungsmethoden die verschiedensten Krankheitsbilder heilen zu können. Bei einem Berliner Arzt dieser Schule sah Hardenberg die Hähnel das erste Mal. Sie war eher leicht angezogen und in einen hypnotischen Zustand versetzt (zumindest glaubten das die Anwesenden).

Günter de Bruyn erzählt dies mit vielen Zitaten von Zeitgenossen und einer leicht ironischen Distanz. Der Bericht über den Mesmerismus läßt de Bruyns Skepsis an aktuellen alternativen Heilmethoden erkennen. Und die Liebe des alten Mannes, der einer jungen Frau verfällt, ist für ihn auch ein Stoff, der nicht nur vor genau 200 Jahren Unheil anrichten konnte.

Das funktioniert deshalb so gut, weil de Bruyn immer bei den Fakten bleibt. Er, der wie kein anderer die Landschaft und Geschichte Brandenburg-Preußens ins literarische Bewußtsein der Gegenwart holte, vermeidet es konsequent, Altherren-Erotik wie etwa Martin Walser zu verfassen. Die Gefahr bei diesem Stoff, der ja auch noch die Scheidung Hardenbergs beinhaltet und dann den Tod des Staatskanzlers, weil er seiner Liebe nicht mehr gewachsen war, ist ja gewaltig groß. Er würde auch für ein schmalziges Historienspektakel taugen. Aber –  wie gesagt – da ist Günter de Bruyn vor. Und das ist ein Segen für diese feine, kleine Erzählung aus Preußen.

„Die Somnambule oder des Staatskanzlers Tod“ ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

Naimark erinnert an den Völkermörder Stalin

Norman M. Naimark: Stalin und der GenozidDas Buch ist zwar schon knapp fünf Jahre alt. Aber „Stalin und der Genozid“ von Norman M. Naimark ist gerade jetzt eine wichtige Abhandlung über die Verbrechen der KPdSU in den 1920er bis 190er Jahren. Denn das Regime Wladimir Putins bezieht sich ganz offen auf Stalin. Bei offiziellen Anlässen sind Stalin-Banner zu sehen, die Denkmäler aus der sowjetischen Zeit werden weiter geehrt und all jene, die wie Memorial die Vergangenheit aufarbeiten wollen, leben gefährlich.

Norman M. Naimark übernimmt einen Teil der dringend notwendigen Aufarbeitung der Vergangenheit der Stalin-Ära. Er stellt in seinem gut 140 Seiten dünnen Essay die Frage, ob die großen Massenmörde, für die Stalin verantwortlich war, unter den Begriff Genozid gefasst werden können. Es geht also um die Deportation und Ermordung der Kulacken, den Holodomor – also den verordneten Hungertod an Millionen von Ukrainern, den „Großen Terror“ und die Massendeportationen von ganzen Völkern während des 2. Weltkrieges. Es steht außer Frage, dass Stalin ein Massenmörder war. Und es ist auch nicht umstritten, dass Stalin kein Problem damit hatte, ganze Bevölkerungsgruppen auszurotten. Aber dennoch fallen die Groß-Verbrechen Stalins nicht unbedingt unter den völkerrechtlichen Begriff Genozid – Völkermord.

Denn Stalin selbst hat zusammen mit den anderen Siegern des 2. Weltkrieges für die Nürnberger Prozesse und in der Folge für die UNO-Charta an der Definition des Tatbestandes Genozid mitgearbeitet. Deshalb beschränkt sich der Terminus auf „nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppen“, die ausgelöscht werden sollen. Der „Große Terror“ fällt deshalb genauso wenig unter diesen Begriff wie die Vernichtung der Kulacken. Bei diesen handelt es sich eher um eine soziale Gruppe in den Dörfern und bei jenen um politische Gegner. Den Holodomor schätzt Naimark allerdings anders ein. Und die großen Massendeportationen der Krim-Tataren, der Wolga-Deutschen und vieler anderer Volksgruppen erfüllen seiner Meinung nach den Tatbestand dagegen schon.

Naimark argumentiert stringent und genau entlang der Quellenlage. Für die politische Diskussion heute ist das von großem Interesse. Denn wer den Essay von Norman M. Naimark gelesen hat, versteht, was in Russland alles noch nicht aufgearbeitet wurde. Er kann nachvollziehen, wie eine völkische, faschistoide Politik mit historischen Verweisen auf Stalin und die kommunistische Vergangenheit funktionieren kann. Und er begreift, weshalb der politische Diskurs, den wir innerhalb Deutschland, der EU und des Westens gewohnt sind, mit Russland nicht funktioniert. Es gibt einfach keine Klarheit über die großen Verbrechen Stalins. Und eine Gesellschaft, die diese nicht aufarbeitet, kann die Gegenwart nicht friedlich gestalten. Denn der Krieg ist noch immer in den Köpfen.

Die Horen suchen den europäischen Blick auf den Ausbruch des 1. Weltkriegs

Die Horen: August 1914 Allerorten wird an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert. Der Bundespräsident reist nach Frankreich und Belgien, die Zeitungen füllen Seiten mit historischen Betrachtungen und Auszügen aus zeitgenössischen Zeitungsartikeln und Tagebüchern. Überall ist der Rückblick auf den mörderischen Krieg Thema. Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat auch einen Beitrag dazu geleistet. Einen Beitrag, der sehr lesenswert ist.

Als Kooperation der Literaturhäuser Europas ist diese Ausgabe mit dem simplen Titel „August 1914“ entstanden. 23 Autoren oder Autorenpaare aus 23 Städten Europas schildern in dokumentarischen Texten, in Erzählungen oder Gedichtzyklen von den Tagen kurz vor und nach Kriegsbeginn. Sie reflektieren Kriegsbegeisterung und Nationalismus, sie zeigen den Widerstand gegen den Krieg und sie öffnen die Augen für die Dynamik, die zu diesem Krieg führte. Und das immer aus der Perspektive der einzelnen Städte, wie München, Ostende, Salzburg, Graz, Venedig oder Sarajewo.

So entsteht eine Anthologie, bei der nicht nur die einzelnen Texte beachtenswert sind, sondern das Gesamtgefüge das wirklich Besondere ist. Weil das Thema alle Texte eint, entsteht trotz der Vielfalt der Formen ein schillerndes Bild der Zeit, die viele Anknüpfungspunkte an die Gegenwart hat. Zu den Autoren gehören Karl-Markus Gauss, Marcel Beyer, Lukas Hammerstein oder Andrea Molesini. Alles in allem ein sehr lesenswerter Band, der nachdenklich macht und dank der literarischen Texte mehr schafft als viele Geschichtsbücher: Emotionalität und Fakten.

Hammelburg Einst und Jetzt (9) – Blick von Schloss Saaleck auf die Stadt

Blick von Schloss Saaleck auf Hammelburg um 1960

In den vergangenen 50 Jahren hat sich der Anblick Hammelburgs vor allem im Hintergrund verändert. Ob Krankenhaus oder Erdfunkstelle, ob Hochhaus oder Gewerbegebiet in Westheim, die Stadt hat sich schon sehr verändert.

Blick von Schloss Saaleck auf Hammelburg im Mai 2013

Mehr Einst und Jetzt aus Hammelburg:
(1)  – Stadtpfarrkirche
(2)  – Rotes Schloss vom Weiher aus
(3)  – Am Kellereischloss
(4)  – Hüterturm
(5)  – Ruine Aura
(6)  – Baderturm
(7)  – Kloster Altstadt und Schloss Saaleck
(8)  – Kreuzigungsgruppe des Altstädter Kreuzwegs
(9)  – Blick von Schloss Saaleck auf die Stadt
(10) – Freibad (heute Saaletalbad)
(11) – St. Nepomuk
(12) – Kissinger Straße

Hammelburg Einst und Jetzt (7): Blick auf Kloster Altstadt und Schloss Saaleck

Blick auf Kloster Altstadt und Schloss Saaleck um 1915
Blick auf Kloster Altstadt und Schloss Saaleck um 1915
Blick auf Kloster Altstadt und Schloss Saaleck im Juli 2012
Blick auf Kloster Altstadt und Schloss Saaleck im Juli 2012

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(12) – Kissinger Straße

Fridericiana (IV) – d’Apriles feines Buch über die Aufklärer im Umfeld Friedrichs

Iwan-Michelangelo D'Aprile: Friedrich und seine Aufklärer
Iwan-Michelangelo D’Aprile: Friedrich und seine Aufklärer

Dieses Buch über die Aufklärung im Umfeld Friedrich II. aus dem Hause der heimischen MOZ hätten die Stadtverordneten von Frankfurt (Oder) mal lesen sollen. Und zwar vor der Abstimmung über den Namen des Karl-Liebknecht-Gymnasiums! Dann hätten sie festgestellt, dass es in Frankfurt Bezüge zu vielen positiven historischen Menschen gibt, die es allemal wert wären Namensgeber einer Schule zu sein – statt des Begründers einer in ihrer Geschichte regelmäßig die Menschenrechte mit Füßen tretenden kommunistischen Partei.

20 knappe Biografien hat der Potsdamer Historiker Iwan-Michelangelo d’Aprile geschrieben. Wobei das Wort Biografie etwas zu groß ist für diese Schlaglichter. Alle porträtierten spielen als Reformer im Zeitalter der Aufklärung in Preußen eine wichtige Rolle. Sie reformieren die Schulen, organisieren Universitäten erstmals wissenschaftlich oder begründen die moderne Staatsführung.

Die 100 Seiten lesen sich schnell, da d’Aprile eine klare Sprache hat. Die vielen Bilder runden den Eindruck von den Männern ab, die für ihr aufgeklärtes Denken oftmals auch persönliche Schwierigkeiten bis hin zur Haft auf sich nahmen. Vor allem nach Friedrich II. Tod war die Gefahr wieder größer, wegen eigenständigem Denken mit dem König oder dem Adel in Konflikt zu geraten.

Einige von ihnen haben an der Viadrina studiert oder lehrten dort. Etwa Christian Thomasius, der nach seinem Wechsel nach Leipzig die erste Vorlesung in Deutsch und nicht in Latein veranstaltete und der für die klare Trennung von Theologie und Wissenschaft eintrat. Eine Tradition, in die sich ein Frankfurter Gymnasium gut stellen ließe. Oder Gotthold Ephraim Lessing, der eine Minna von Barnhelm erstmals in Frankfurt zur Aufführung brachte – und damit dem Bürgertum das Theater eroberte. Auch er wäre ein guter Schulpatron. Oder Hans von Held, der an der Viadrina studierte und einer de wichtigsten Journalisten der Aufklärung war. Auch diese Tradition des Kampfes um Pressefreiheit wäre ein schöner Bezug für ein Gymnasium. Aber auf solche Ideen kamen in Frankfurt (Oder) die Kämpfer für die Aufrechterhaltung der SED-/DDR-Tradition nicht. Kein Wunder, Freiheit ist keine Bezugsgröße für sie. Sehr zum Leidwesen der Schüler.

Mehr Fridericiana:

I. Norbert Leitholds Panorama überzeugt
II. Wo steht das Erbstück richtig? 
III. Friederisiko zeigt den Preußenkönig in allen Farben

Fridericiana (III) – Friederisiko zeigt den Preußenkönig in allen Farben

Der Alte Fritz in vielen Farben
Der Alte Fritz in vielen Farben

Friederisiko, die Ausstellung zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs, zeigt Friedrich II. so bunt und vielseitig wie diese Büsten eines hießigen Künstlers aus dem Museumsshop. Da gibt es Räume über den Politiker, den Mann, das Kind, den Kunstfreund, den Feldherren, den Patriarchen und immer wieder ganz einfach über den Menschen. Mehr kann eine Ausstellung nicht schaffen. Und der Besucher kann das gar nicht alles ausfnehmen. Deshalb bin ich mir sicher, dass ich diese Ausstellung noch mindestens einmal besuchen werde.

Denn der Rahmen für die Jubiläumsschau ist das Neue Palais in Potsdam. Dieses Schloss, das Friedrich als Gästehaus und Zeichen seiner Macht hat bauen lassen, wurde extra restauriert. Etliche Räume waren noch nie zugänglich. Jetzt sind sie es – und sie blenden. Denn sie sind Ausdruck des Kunstsinns Friedrichs, der Verschwendungssucht, des Machtbewusstseins und der Freude am – teils witzigen – Detail.

Die Audio-Guides erklären das alles sehr gut. Die Fassung für Kinder ist aber wieder einmal packender. Hier wird nicht nur doziert, sondern in einem szenischen Gespräch mit gut ausgewählten Tönen eine enorme Anschaulichkeit erzeugt. Die vielen seltenen Exponate tun ein Übriges, um den Besucher gut zu informieren und Friedrich nahe zu bringen. Aber natürlich fordert allein ihre Fülle von mehreren hundert Stück die volle Konzentration des Besuchers. Mir war es für das erste Mal zu viel. Aber ich bin nicht satt. Ich bin nur überwältigt. Das wird sich mit dem Katalog aber bewältigen lassen. Und dann will ich da noch einmal hin. Oder vielleicht sogar zweimal! Und das sieht auch mein Sohn genauso.

Mehr Fridericiana:
I. Norbert Leitholds Panorama überzeugt
II. Wo steht das Erbstück richtig?
IV. d’Apriles feines Buch über die Aufklärer in Umfeld Friedrichs

Fridericiana (I) – Norbert Leitholds Panorama überzeugt

Norbert Leithold: Friedrich II. von Preußen - Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z
Norbert Leithold: Friedrich II. von Preußen – Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z

Bücher über Friedrich II. gibt es ja derzeit zuhauf. Das von  Norbert Leithold ragt aus dem Biographien, Anekdoten-Sammlungen und historischen Abhandlungen heraus. Denn Leithold hat quasi einen Friedrich-Blog zwischen Bücherdeckel gepackt.

„Friedrich II. von Preußen – Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z“ versammelt knappe, aber exakte und noch dazu gut erzählte Texte von „Abenteurer“ bis „Zeitungen und Journale“. Jeder dieser 95 Artikel überzeugt nicht nur durch die Darstellung, sondern vor allem auch durch die Verlinkung mit anderen Texten und teilweise mit weiteren erläuternden Artikeln, die die Zeitumstände beleuchten. All das ist, wie gesagt, wie auf einem Blog verlinkt. Und so springt der Leser nicht unbedingt alphabetisch, wie das Buch geordnet ist, durch die Seiten. Vielmehr kann er stöbern, blättern, erneut nachlesen und so besser verstehen.

Norbert Bleisch, so heißt Leithold eigentlich, hat mehrere Romane veröffentlicht und auch am Ingeborg-Bachmann-Preis teilgenommen. Diese literarische Ausbildung ist jedem Text anzumerken. Denn Leithold/Bleisch erzählt Geschichten – und erleichtert so den Zugang auch zu schweren historischen Themen.

Leithold blendet auch neue Quellen in seine Texte ein. Etwa die Briefe des Grafen Johann Eustach von Goertz (1737-1821), den Prinzenerzieher des Erbprinzen Carl August von Sachsen-Weimar und Diplomaten in Diensten des Weimarer Hofes und von Friedrich dem Großen. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viele Quellen zu Friedrich noch gar nicht richtig ausgewertet wurden und auf die Forscher nur warten. Auch davon erzählt Leithold – und davon, was eine neue Quellenauswertung zur Korrektur einer der historisch am häufigsten  von unterschiedlichsten politischen Gruppen und Ideologien missbrauchten Figur der deutschen Geschichte beitragen kann. In den fast 100 Texten kommt deshalb nicht nur ein erstaunlich umfassendes, sondern auch ein sehr facettenreiches Bild des preußischen Königs zusammen. Und ein guter Führer durch das Friedrich-Jahr.

Mehr Fridericiana:
II.  Wohin mit dem Erbstück?
III. Friederisiko zeigt den Preußenkönig in allen Farben
IV. d’Apriles feines Buch über die Aufklärer in Umfeld Friedrichs

Mehr über Bücher der Anderen Bibliothek

Max Herrmann-Neiße stellt Kabarettdichter und Kabarettkomponisten vor

Die Textlieferanten der ersten Überbrettlära in Deutschland waren (wie gesagt) lyrische Limonadenfabrikanten wie Ernst von Wolzogen, Bierbaum, platte Bonmotdrechsler und Bonhomiesatiriker wie Pserhofer, Rideamus. Traten im Rahmen dieser Kabaretts wirkliche Dichter auf, so war das eine ganz unorganische Erscheinung, ihrer Art nach hatten diese Poeten (Hille, Liliencron, die Lasker-Schüler) nichts mit den besondren Anforderungen eines Kabaretts zu tun, sie schrieben nicht fürs Kabarett und sie schrieben auch nicht so, daß ihre Werke irgendeine Möglichkeit gehabt hätten, vom Kabarett aus zu wirken. Von wirklichen Künstlern gemachtes Kabarett, das eine Welt für sich darstellte, war eben erst das der »Elf Scharfrichter«, mit den Dichtern Wedekind, Lautensack, Greiner, Ludwig Scharf, Gumppenberg. Dann gab es in den drei, vier Jahren, die dem Weltkrieg vorausgingen, eine Dichtung, die zwar nicht direkt fürs Kabarett gemacht war, aber ihrer Struktur nach einem wirklich künstlerischen und selbständigen Kabarett sehr geeignetes Material geboten hätte – ein Material, das erst jetzt ein paar belangvolle Kabaretts zu benützen anfangen. Die impressionistisch-naturalistische Literaturepoche hatte es in ihrem Ausgang zur grotesken Dichtung gezogen. Nachdem die höchste Reife des formalen Niveaus erreicht war, konnte man akrobatische Wagestücke und verblüffende Fingerfertigkeiten vorführen. Man hatte alles ausgekostet, alle Illusionen verloren, nun wurde man zuletzt artistischer Illusionist. Oder man hielt Berlins Großstadtsensationen in grotesk frisierter Verklärung lyrisch fest, dämonisierte die Vergnügungsmöglichkeiten, die Deutschlands Hauptstadt damals den Kapitalkräftigen bot. Die Reihe der Dichterexzentriks war groß und mannigfaltig, Scheerbart, Meyrink, Mynona waren ebenso darin wie Hardekopf, van Hoddis, Lichtenstein, Ernst Blass, Hugo Kersten und das Autorenterzett der Kriminalsonette (Ludwig Rubiner, Friedrich Eisenlohr, Livingstone Hahn). In der Öffentlichkeit dominierte gleichzeitig das durchschnittliche Vorkriegskabarett, das hauptsächlich von einer unreellen, kitschigen Nobelpikanterie zehrte, deren Personen der elegante Herr und sein Verhältnis waren, und die Erotisches mit einem schmalzigen, aber durchaus eindeutigen Schmus servierten. Dafür waren die gefragten Autoren beispielmäßig Eddy Beuth, Ralph Benatzky (Die kleine Pagode, Piefke in Paris, Die Marquise von Laualliere), die Lieblingskomponisten Rudolf Nelson, Bogumil Zepler, Bela Laszky, Harry Waldau, Nicklaß-Kempner, Rebner, Ehrlich, eine Reihe, die heut noch tätig und wirksam ist, da ja dieses Amüsiergenre immer bleibt, und sich fortsetzt in Autoren wie Wilczynski und Komponisten wie Stransky. Während des Kriegs lebte das Durchschnittskabarett natürlich von billiger Verunglimpfung der »Feinde«, gewürzt durch galante Tanzeinlagen. Nachher benötigte man eine revolutionäre Walze. »Soziales« dem Schieberpublikum der Neppetablissements mundgerecht aufzutischen, siedelte man es ausschließlich in der Sexualsphäre an. Man verabreicht Sektgästen kein Dynamit, sondern verhilft ihnen, wenn’s hochkommt, zum angenehmen sadistischen Kitzel, oft gar nur zur witzlosen Stammtischschweinerei, die durch den Gassendialekt Ursprünglichkeit vortäuscht.

Der ganze Text steht im Walter-Mehring-Blog…