Der erschütternde Euthanasie-Roman von Barbara Zoecke

Dieses Buch ist die vielleicht erstaunlichste Neuerscheinung des Jahres: „Die Stunde der Spezialisten“ von Barbara Zoeke. Da ist zum einen die unglaublich klare Sprache. Da ist das kunstvolle Weben des Erzählungsgeflechts. Und da ist eine Geschichte, die den Leser emotional so mitnimmt, dass selbst Tränen fließen. Barbara Zoeke hat einen Roman geschrieben, der es schafft, ohne Kitsch, ohne Oberflächlichkeit, ohne jede Übertreibung auskommt. Vielmehr ist es die gekonnte Zurückhaltung, die dem Leser in manchem Moment fast den Atem raubt.  „Der erschütternde Euthanasie-Roman von Barbara Zoecke“ weiterlesen

In Zeithain setzt Michael Roes Hans Hermann Katte ein Denkmal

Michael Roes: Zeithain Die geplante Fahnenflucht von Kronprinz Friedrich und Leutnant Katte ist ein Stoff, der alles enthält, was einen guten Roman ausmacht. Wenn Michael Roes sich damit auseinandersetzt, wird ein facettenreiches, faszinierendes und phantasievolles Buch daraus. Und je weiter man in den 800 Seiten kommt, umso erschütternder wird „Zeithain“. „In Zeithain setzt Michael Roes Hans Hermann Katte ein Denkmal“ weiterlesen

„Oder Florida“ – der Nachwende-Bildungsroman von Christian Bangel

Christian Bangel: Oder Florida
Christian Bangel: Oder Florida

Lange bevor die Republik geschockt auf die Wahlerfolge der AfD geschaut hat, suchten junge Ostdeutsche nach ihrer Identität. „3. Generation Ost“ nannten sie sich. Sie wollten verstehen, was sie von ihren gleichaltrigen Westdeutschen unterscheidet. Ohne die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie funktioniert das nicht. Umso besser, dass Christian Bangel jetzt einen tragisch-witzigen Roman geschrieben hat, der seine eigene Biografie als Material genau in diesem Sinne nutzt. Und dennoch sehr viel Spaß macht.

Christian Bangel ist 1979 in Frankfurt (Oder) geboren. Die prägenden Jahre seines Erwachsenwerdens sind von einer enormen Freiheit geprägt. Aber auch von den Ängsten der Eltern vor Arbeitslosigkeit, seinen eigenen Ängsten von der Gewalt der Neonazis und der Ungewissheit, was aus der eigenen Heimatstadt wohl werden wird. das einzig Gewisse war die Ungewissheit. Starke Menschen nutzen das, indem sie ihren Freiraum aktiv nutzen. Andere suchen Halt bei neuen Autoritäten.

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Martin Schäuble denkt Trump gnadenlos zu Ende

Was passiert, wenn Mauern zur Abschottung von Flüchtlingen und Migranten gebaut werden? Wie fühlt es sich an, wenn Fremde konsequent ausgegrenzt werden? Und wo endet die Ideologie und beginnt die Menschlichkeit? Für Martin Schäuble sind es diese Fragen, die ihn dazu gebracht haben, den Thriller „Endland“ zu schreiben.

Da, wo derzeit die offene Oder die Grenze zu Polen ist, gibt es in seinem Roman eine Mauer. Ganz so, wie sie Donald Trump zwischen den USA und Mexiko angekündigt hat. Diese Mauer soll Flüchtlingen den Weg nach Deutschland verwehren. Die neue deutsche Regierung von der „Nationalen Alternative“ hat die Wahlen gewonnen und sofort damit begonnen, das eigene Programm umzusetzen. Anton, der Soldat, findet das in Ordnung. Auch ihm sind Flüchtlinge suspekt. Deshalb stört es ihn auch nicht, wenn er an der Grenze zum Einsatz muss, um Flüchtlinge zu jagen.

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„Der Zusammenhang“ von Leonardo Sciascia ist ein Labyrinth

Als Leonardo Sciascia seinen „sizilianischen Kriminalroman“ „Der Zusammenhang“ 1971 veröffentlichte, war die Mafia noch alles andere als ein gängiger Stoff für Literatur und Film. Aber der Sizilianer Sciascia wusste, was die Ehrenwerte Gesellschaft war. Er kannte die Mechanismen, mit denen sich die Ehrenmänner Einfluss und Macht sicherten. Und er wusste, wie das Geschwür Mafia den Staat befiel und aussaugte. Stoff genug also für einen guten Krimi.

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Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen

Sören Bollmann: Angst in der halben St<adtSören Bollmann hat als Krimi-Autor seine Erfüllung gefunden. Schon zum dritten Mal schickt er seinen Frankfurter Kommissar Matuszek zusammen mit dessen Słubicer Kollegen Miłosz auf Mörderjagd. Diesmal steht ein Serienmörder im Mittelpunkt des Buches. Der verbreitet Angst und Schrecken vor allem an der Viadrina, der Frankfurter Universität. Denn die drei ersten Opfer sind allesamt Studentinnen. „Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen“ weiterlesen

Christoph Ransmayr sucht in „Cox“ nach der Zeit

Christoph Ransmayr: CoxHistorische Romane sind sehr oft bunt und überladen. Sie versuchen, dem Leser der Gegenwart angesichts eines Panoptikums der Seltsamkeiten der Vergangenheit einen wohligen Schauer zu bescheren. Wer mit solchen Erwartungen an „Cox oder der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr liest, wird enttäuscht. Wer sich aber auf die Geschichte aus dem China des 18. Jahrhundert einlässt, um darin ein Gleichnis über Zeit und Vergänglichkeit zu finden, wird angesichts der Sprache Ransmayrs nicht mehr von diesem Buch lassen können. Nicht Effekt, sondern Sätze von fast wunderbarer Schönheit machen diesen Text aus. „Christoph Ransmayr sucht in „Cox“ nach der Zeit“ weiterlesen

Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit

Thea Dorn: Die UnglückseligenWissenschaft ist kein großes literarisches Thema. Allenfalls in Science Fiction spielt sie eine bedeutende Rolle. Aber sonst? Wissenschaftler als Figuren gibt es häufiger, aber die Auseinandersetzung mit der Forschung der Gegenwart scheuen die Schriftsteller. Umso erstaunlicher – und erfreulicher – ist der aktuelle Roman von Thea Dorn, „Die Unglückseligen“. Das sind Johanna, eine energische Genforscherin, die auf der Suche nach der Unsterblichkeit ist. Und Johann, ein Physiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der aufgrund eines Gen-Defekts jede Art von Verletzung in kürzester Zeit auskuriert. Außerdem altert er seit Mitte 30 nicht mehr. Johanna lernt den Deutschen bei einem Forschungsaufenthalt in den USA kennen. Von Anfang an fühlt sie sich zu diesem Mann hingezogen. Warum weiß sie nicht. Ab dass er besonders ist, weiß sie. „Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit“ weiterlesen

Wlodzimierz Odojewski im Sog der „Verdrehten Zeit“

Wlodzimierz Odojewski: Verdrehte ZeitWlodzimierz Odojewski ist einer der Gegenwartsautoren Polens, die nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten. Zwar sind seine Bücher auch in Deutschland erschienen, aber vor 1989 war das ein Drahtseilakt und anschließend war das Interesse in Deutschland an Polen nicht so groß, wie es eigentlich immer sein müsste. Jetzt ist sein Roman „Verdrehte Zeit“ bei dtv erschienen. Zwei Tage zuvor, am 20. Juli ist er jedoch mit 86 Jahren gestorben. Sein großes Thema war Polen im 2. Weltkrieg.

20 Jahre nach seiner Beteiligung im Widerstand gegen die Deutschen wird Waclaw Konradius in die Vergangenheit zurückgeworfen. Damals war er in einer Gruppe, die einen ranghohen SS-Mann liquidieren sollte. Doch die Gruppe wurde verraten, nur er selbst überlebte. Jetzt – im Roman das Jahr 1964 – wird er wieder an das prägende Ereignis seines Lebens erinnert.

Wlodzimierz Odojewski geht der Frage nach, wie viel Schuld sich der Einzelne aufbürden kann, wenn er der Richtige will. Die Aktion der Widerstandsgruppe ist definitiv richtig. Aber ist es auch in Ordnung, wenn der Widerständler Mitleid angesichts des Blutes seines Opfers bekommt? Darf er lebensrettende Hilfe rufen? Und wenn ja, auch dann, wenn das Leben der anderen Mitglieder seiner Widerstandsgruppe dadurch gefährdet wird?

Waclaw Konradius wird in die Vergangenheit wie ein einen Tunnel gezogen. Eine Spirale zieht ihn in die Vergangenheit hinab. Seine Gegenwart gleicht sich dem Damals an. Dieses durchdringt das ganze Jetzt – das Denken, das Fühlen. Die Erinnerung verschlingt ihn. Odojewski ist als Autor ganz bei und in seiner Figur. Deren Angstzustände übertragen sich auf den Leser. Auch der verliert zeitweise die Orientierung in der Zeit.

In den Tagen, in denen sich der ehemalige Widerstandskämpfer mit den schrecklichen Ereignissen im Jahr 1944 beschäftigt, wird ihm nach und nach klar, dass er mit dem Tod seiner Kameraden und seiner Kameradin etwas zu tun hat. Er wurde gefasst. Er wurde gefoltert. Er hatte Mitleid mit dem Opfer. Aber seine Erinnerungen täuschen ihn. Sowohl die Familie, die vor dem SS-Mann und nach der Flucht der Nazis aus Warschau wieder in der Wohnung lebte, als auch ein Historiker erzählen Varianten seiner Geschichte, von denen er gar nichts weiß.

All das ist konzentriert und knapp geschrieben. Wlodzimierz Odojewski erweist sich als ein Meister des Stils, was seine Übersetzerin Barbara Schaefer wunderbar ins Deutsche überträgt. Er fällt kein Urteil. Das überlässt er dem Leser, der mit Konradius mitleidet. Auf nur 159 Seiten ist ein kompakter, großartiger Roman entstanden, dem sehr viele Leser zu wünschen sind.

 

 

Das ägyptische Konzil von Leonardo Sciascia spielt mit Macht, Gier und Lüge

Leonardo Sciascia: Das ägyptische KonzilOb Umberto Eco oder Luigi Malerba, in Italien ist der historische Roman auch in der Nachkriegszeit immer ein Genre der Gegenwartsliteratur gewesen. Anders als in Deutschland galt er nie als angestaubt. Und so haben ihn die besten Schriftsteller immer wieder mit alten Stoffen, neuen Ideen neu belebt. So wie der Sizilianer Leonardo Sciascia (1921 – 1989) mit seinem 1963 erschienen Roman „Das ägyptische Konzil“, der in den 1790er-Jahren in Palermo spielt.

„Die Andere Bibliothek“ hat das Buch in der Übersetzung von Monika Lustig jetzt neu herausgebracht. Und das zu Recht. Der Roman enthält alles, was in Serien wie „House of Cards“ oder „Borgen“ die Zuschauer an die Fernsehsessel fesselt. Nur dass es in diesem Roman um einen jungen Vikar geht, der sich dank einer genialen Fälschung unentbehrlich macht und den Mächtigen die Argumente liefert, die sie benötigen um ihre Privilegien als historisch berechtigt zu begründen. Don Giuseppe Vella nutzt die Gunst der Stunde als der marokkanische Botschafter in Palermo strandet. Er wird vom Vizekönig gebeten, sich um ihn zu kümmern, weil der annimmt, dass der Malteser Arabisch könne. Da der Botschafter einen zufriedenen Eindruck macht, glauben schließlich alle, dass der Vikar wirklich Arabisch spricht.

Und so macht er sich daran, ein arabisches Manuskript zu „übersetzen“. Dieses „ägyptische Konzil“ fasst zusammen, welche Rechtstitel und Privilegien in der Zeit Friedrich II. galten und auf die sizilianischen Adelsfamilien übergingen. Sciascia beschreibt ganz ruhig, wie sich der Adel dem Ordensmann nähert, ihn mit Geschenken bedenkt, um ja nicht irgendetwas zu verlieren. Selbst wissenschaftliche Zweifel von echten Arabisten übersteht Don Giuseppe Vella, weil er das Publikum mit Witz und guter Rhetorik auf seine Seite zu ziehen weiß. Was immer auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit. Sie passt nichts ins Gefüge der Macht, der Gier und der Herrschaft im feudalen Vizekönigreich Neapel.

Auch wenn das Buch schon mehr als 50 Jahre alt ist, wirkt es noch immer frisch und modern. Sciascias feine Ironie, sein lakonischer Stil und seine Beschränkung auf die wesentlichen Figuren und Handlungsstränge wirkt noch immer. Da ist nichts angestaubt oder nur aus der Zeit verständlich. Das alles zusammen macht einen großen Roman aus. Und damit auch „Das ägyptische Konzil“.

Mehr von Leonardo Sciascia:
– „Der Zusammenhang
– „Das ägyptische Konzil
– „Mein Sizilien

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