Martin Schäuble denkt Trump gnadenlos zu Ende

Was passiert, wenn Mauern zur Abschottung von Flüchtlingen und Migranten gebaut werden? Wie fühlt es sich an, wenn Fremde konsequent ausgegrenzt werden? Und wo endet die Ideologie und beginnt die Menschlichkeit? Für Martin Schäuble sind es diese Fragen, die ihn dazu gebracht haben, den Thriller „Endland“ zu schreiben.

Da, wo derzeit die offene Oder die Grenze zu Polen ist, gibt es in seinem Roman eine Mauer. Ganz so, wie sie Donald Trump zwischen den USA und Mexiko angekündigt hat. Diese Mauer soll Flüchtlingen den Weg nach Deutschland verwehren. Die neue deutsche Regierung von der „Nationalen Alternative“ hat die Wahlen gewonnen und sofort damit begonnen, das eigene Programm umzusetzen. Anton, der Soldat, findet das in Ordnung. Auch ihm sind Flüchtlinge suspekt. Deshalb stört es ihn auch nicht, wenn er an der Grenze zum Einsatz muss, um Flüchtlinge zu jagen.

„Martin Schäuble denkt Trump gnadenlos zu Ende“ weiterlesen

Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe

Hans Keilson: Sonette für HannaLiebe in Zeiten des Untergrunds und des Exils ist immer auch ein Hoffen auf eine andere Zukunft. 1944, als Hans Keilson seine Sonette für Hanna schrieb, waren die Niederlande noch immer von den Deutschen besetzt. Hans Keilson lebte im Untergrund und lernte eine junge Frau, die sich als Jüdin vor den deutschen Mördern und ihren Helfern verstecken musste, kennen. Und er begann Hanna zu lieben. Davon zeugen die 46 Sonette, die vom S. Fischer Verlag jetzt erstmals als eigenes Buch veröffentlicht wurden. „Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe“ weiterlesen

Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit

Thea Dorn: Die UnglückseligenWissenschaft ist kein großes literarisches Thema. Allenfalls in Science Fiction spielt sie eine bedeutende Rolle. Aber sonst? Wissenschaftler als Figuren gibt es häufiger, aber die Auseinandersetzung mit der Forschung der Gegenwart scheuen die Schriftsteller. Umso erstaunlicher – und erfreulicher – ist der aktuelle Roman von Thea Dorn, „Die Unglückseligen“. Das sind Johanna, eine energische Genforscherin, die auf der Suche nach der Unsterblichkeit ist. Und Johann, ein Physiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der aufgrund eines Gen-Defekts jede Art von Verletzung in kürzester Zeit auskuriert. Außerdem altert er seit Mitte 30 nicht mehr. Johanna lernt den Deutschen bei einem Forschungsaufenthalt in den USA kennen. Von Anfang an fühlt sie sich zu diesem Mann hingezogen. Warum weiß sie nicht. Ab dass er besonders ist, weiß sie. „Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit“ weiterlesen

Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner

de-bruynKeiner schreibt über Preußen wie Günter de Bruyn. Seine Bücher bilden immer märkische Geschichte ab. Das gilt auch für „Sünder und Heiliger“, in dem de Bruyn „das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner“ – so der Untertitel – nachzeichnet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist die literarische Biografie soeben erschienen.

„Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner“ weiterlesen

Richard Swartz erzählt die Geschichte seiner kroatischen Familie

Richard Swartz: Blut, Boden & GeldDie Bücher von Richard Swartz bewegen sich immer zwischen Journalismus und Literatur. Das Verbindende ist stets die Leidenschaft für die Reportage. Der schwedische Journalist, der seit Jahrzehnten aus Südosteuropa berichtet hat sich für sein neues Buch die Familiengeschichte seiner kroatischen Frau vorgenommen. Und die ist in dieser Region der Multinationalität höchst komplex. Sie reicht vom Partisanen über die Halbitalienerin bis hin zu einer Kroatin, die sich auch in Zeiten der Jugoslawienkriege weigert, Nationalistin zu sein. Ein Buch also, das dem Leser Kroatien sehr nahe bringt.

Zusammen mit seiner Frau lebt Richard Swartz auch in einem Dorf in Istrien. Sie ist Kroatin und Journalistin wie er. Ihr Vater war Partisan und in der Folge im Jugoslawien Titos Oberst und später Geschäftsführer. Seinen sozialen Aufstieg hat er dem Kampf gegen die Besatzung durch die Nationalsozialisten zu verdanken. Sein Leben war Teil des Vielvölkerstaates. Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo waren für ihn nicht nationalistisch besetzt. Und der Kommunismus war sein Glaube, der das ermöglichte.

Seine Frau stammt von einer kroatischen Insel, auf der die Bevölkerung immer Italienisch und Kroatisch sprach. Der Wechsel zwischen den Sprachen und den Nationalitäten war immer möglich. Das Verbindende blieb der katholische Glaube. Und mit dem Alter, nach dem Tod des Mannes und dem Zerfall Jugoslawiens, wird das Bekenntnis und das Verwischen der Identität wieder stärker. Ihre Tochter schließlich, die Frau Richard Swartz‘, hat sich im kroatisch-serbischen Krieges gegen die nationalistische Aufwallung gestemmt. Dafür wurde sie von Freunden und Bekannten geschnitten. Das Nationale war das Bestimmende.

Richard Swartz schaut auf all diese Entwicklung ohne einen einfachen Blick, der sich einfacher Schubladen bedient. Er spürt vielmehr all den lange währenden Traditionen nach, die unter den nationalen Oberflächen nachhaltig wirken. In Istrien mussten sich zum Beispiel viele Menschen entscheiden, ob sie Kraoten, Slowenen oder Italiener sein wollten. Und das, obwohl sie eigene Dialekte sprachen, im Dorf in Gemeinschaft lebten. Die Idee der Nation zerstörte all das. Und dennoch leben die Traditionen fort, leben nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt Sloweniens und Kroatiens wieder auf. Aber die Wunden, die der Zerfallskrieg geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. All das erzählt der Schwede Swartz anhand der Familie seiner Frau. Und weil es eine Familiengeschichte ist, kommt er ohne jede Art von Diffamierung aus. Das macht den Text so stark. Und zeigt uns, wie großartig die europäische Idee ist.

Richard Swartz: Blut, Boden & Geld – Eine kroatische Familiengeschichte. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder; S. Fischer, 19,99 Euro.

Wlodzimierz Odojewski im Sog der „Verdrehten Zeit“

Wlodzimierz Odojewski: Verdrehte ZeitWlodzimierz Odojewski ist einer der Gegenwartsautoren Polens, die nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten. Zwar sind seine Bücher auch in Deutschland erschienen, aber vor 1989 war das ein Drahtseilakt und anschließend war das Interesse in Deutschland an Polen nicht so groß, wie es eigentlich immer sein müsste. Jetzt ist sein Roman „Verdrehte Zeit“ bei dtv erschienen. Zwei Tage zuvor, am 20. Juli ist er jedoch mit 86 Jahren gestorben. Sein großes Thema war Polen im 2. Weltkrieg.

20 Jahre nach seiner Beteiligung im Widerstand gegen die Deutschen wird Waclaw Konradius in die Vergangenheit zurückgeworfen. Damals war er in einer Gruppe, die einen ranghohen SS-Mann liquidieren sollte. Doch die Gruppe wurde verraten, nur er selbst überlebte. Jetzt – im Roman das Jahr 1964 – wird er wieder an das prägende Ereignis seines Lebens erinnert.

Wlodzimierz Odojewski geht der Frage nach, wie viel Schuld sich der Einzelne aufbürden kann, wenn er der Richtige will. Die Aktion der Widerstandsgruppe ist definitiv richtig. Aber ist es auch in Ordnung, wenn der Widerständler Mitleid angesichts des Blutes seines Opfers bekommt? Darf er lebensrettende Hilfe rufen? Und wenn ja, auch dann, wenn das Leben der anderen Mitglieder seiner Widerstandsgruppe dadurch gefährdet wird?

Waclaw Konradius wird in die Vergangenheit wie ein einen Tunnel gezogen. Eine Spirale zieht ihn in die Vergangenheit hinab. Seine Gegenwart gleicht sich dem Damals an. Dieses durchdringt das ganze Jetzt – das Denken, das Fühlen. Die Erinnerung verschlingt ihn. Odojewski ist als Autor ganz bei und in seiner Figur. Deren Angstzustände übertragen sich auf den Leser. Auch der verliert zeitweise die Orientierung in der Zeit.

In den Tagen, in denen sich der ehemalige Widerstandskämpfer mit den schrecklichen Ereignissen im Jahr 1944 beschäftigt, wird ihm nach und nach klar, dass er mit dem Tod seiner Kameraden und seiner Kameradin etwas zu tun hat. Er wurde gefasst. Er wurde gefoltert. Er hatte Mitleid mit dem Opfer. Aber seine Erinnerungen täuschen ihn. Sowohl die Familie, die vor dem SS-Mann und nach der Flucht der Nazis aus Warschau wieder in der Wohnung lebte, als auch ein Historiker erzählen Varianten seiner Geschichte, von denen er gar nichts weiß.

All das ist konzentriert und knapp geschrieben. Wlodzimierz Odojewski erweist sich als ein Meister des Stils, was seine Übersetzerin Barbara Schaefer wunderbar ins Deutsche überträgt. Er fällt kein Urteil. Das überlässt er dem Leser, der mit Konradius mitleidet. Auf nur 159 Seiten ist ein kompakter, großartiger Roman entstanden, dem sehr viele Leser zu wünschen sind.

 

 

Das ägyptische Konzil von Leonardo Sciascia spielt mit Macht, Gier und Lüge

Leonardo Sciascia: Das ägyptische KonzilOb Umberto Eco oder Luigi Malerba, in Italien ist der historische Roman auch in der Nachkriegszeit immer ein Genre der Gegenwartsliteratur gewesen. Anders als in Deutschland galt er nie als angestaubt. Und so haben ihn die besten Schriftsteller immer wieder mit alten Stoffen, neuen Ideen neu belebt. So wie der Sizilianer Leonardo Sciascia (1921 – 1989) mit seinem 1963 erschienen Roman „Das ägyptische Konzil“, der in den 1790er-Jahren in Palermo spielt.

„Die Andere Bibliothek“ hat das Buch in der Übersetzung von Monika Lustig jetzt neu herausgebracht. Und das zu Recht. Der Roman enthält alles, was in Serien wie „House of Cards“ oder „Borgen“ die Zuschauer an die Fernsehsessel fesselt. Nur dass es in diesem Roman um einen jungen Vikar geht, der sich dank einer genialen Fälschung unentbehrlich macht und den Mächtigen die Argumente liefert, die sie benötigen um ihre Privilegien als historisch berechtigt zu begründen. Don Giuseppe Vella nutzt die Gunst der Stunde als der marokkanische Botschafter in Palermo strandet. Er wird vom Vizekönig gebeten, sich um ihn zu kümmern, weil der annimmt, dass der Malteser Arabisch könne. Da der Botschafter einen zufriedenen Eindruck macht, glauben schließlich alle, dass der Vikar wirklich Arabisch spricht.

Und so macht er sich daran, ein arabisches Manuskript zu „übersetzen“. Dieses „ägyptische Konzil“ fasst zusammen, welche Rechtstitel und Privilegien in der Zeit Friedrich II. galten und auf die sizilianischen Adelsfamilien übergingen. Sciascia beschreibt ganz ruhig, wie sich der Adel dem Ordensmann nähert, ihn mit Geschenken bedenkt, um ja nicht irgendetwas zu verlieren. Selbst wissenschaftliche Zweifel von echten Arabisten übersteht Don Giuseppe Vella, weil er das Publikum mit Witz und guter Rhetorik auf seine Seite zu ziehen weiß. Was immer auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit. Sie passt nichts ins Gefüge der Macht, der Gier und der Herrschaft im feudalen Vizekönigreich Neapel.

Auch wenn das Buch schon mehr als 50 Jahre alt ist, wirkt es noch immer frisch und modern. Sciascias feine Ironie, sein lakonischer Stil und seine Beschränkung auf die wesentlichen Figuren und Handlungsstränge wirkt noch immer. Da ist nichts angestaubt oder nur aus der Zeit verständlich. Das alles zusammen macht einen großen Roman aus. Und damit auch „Das ägyptische Konzil“.

Mehr von Leonardo Sciascia:
– „Der Zusammenhang
– „Das ägyptische Konzil
– „Mein Sizilien

Mehr von der Anderen Bibliothek auf diesem Blog…

Italo Calvino liebt den „Rasenden Roland“ von Ariost

ariostEigentlich ist es schade, dass so großartige Bücher wie der „Rasende Roland“ auch bei mir zwölf Jahre im Regal stehen, bevor sie gelesen werden. Was für ein Fest an Gedanken, Farben, Leben, Wahnsinn und Freude! Was für ein irrer Ritt durch ganz Europa! Was für eine Lust am Fabulieren und Sprache zu formen. Kaum ist das Buch zu Ende gelesen, kommt schon Wehmut auf, weil das nächste mit Sicherheit nicht so viel Kraft haben kann. Und die Erkenntnis, dass es sich eben doch lohnt, alte Texte zu lesen. Dass es ein Vergnügen ist, sich in die Gedanken- und Fabelwelten anderer Zeiten hineinzuversetzen und den Wahnsinn der Gegenwart in einem 500 Jahre alten Text zu spiegeln.

Das Besondere an der Ausgabe des „Rasenden Roland“, die ich zur Hand hatte, war die Mischung aus Original-Passagen und Nacherzählung von Italo Calvino. Die bringt den teils auch sperrigen Text elegant, belesen und immer gut verständlich jedem Leser nahe. Aber sie gibt dem Versepos auch genug Raum, um die ihm innewohnende Faszination entfalten zu können. Der Stoff des strahlenden Ritters, der dem Wahnsinn verfällt, weil sich seine Liebe zu einer chinesischen Prinzessin nicht erfüllen kann, stammt schon aus dem Mittelalter. Er geht auf Karl den Großen zurück, der im „Rasenden Roland“ Krieg gegen die Sarazenen und deren König Agramante führt. Roland ist einer der wichtigsten Ritter Karls und für das Kriegsglück extrem wichtig. Aber die Liebe kostet ihn erst den Verstand, dann fast das Leben und zu guter Letzt dann beides doch nicht.

ariost-orlandoBis dahin erlebt der Leser eine Reise auf den Mond, er durchreist ganz Europa zu Fuß, auf dem Pferd und per Schiff. Und immer wieder nimmt ihn Ariost mit auf die Schlachtfelder Karls und Agramantes. Da wird Paris gestürmt und gebrandschatzt, da werden Klöster und Burgen gestürmt, gebaut, geschliffen. Und da treffen Männer und Frauen aufeinander, die sich lieben, die sich hassen, die sich nicht finden dürfen oder die sich wie der rasende Roland im Wahnsinn hinterherlaufen. Da ist das ganze Panorama menschlichen Lebens zu bestaunen. Und umwerfend viel Phantasie, die den Geist des Lesers neue Welten öffnet. Das ist viel besser als all diese Phantasy-Romane, die sich ja doch nur an den alten Stoffen bedienen.

Ein Glück gibt es immer mal wieder Urlaub – und damit Zeit und Muße, sich auf solche Texte einlassen zu können!

Stefano Benni erzählt packend vom Billard

Stefano Benni: Die PantherinDer schmale Band hat gerade 90 Seiten. „Die Pantherin“ von Stefano Benni enthält zwei Erzählungen. Wobei die zweite, die nicht die Namensgeberin des Buches ist, die ergreifendere ist. „Aixi“ spielt an der Küste Siziliens. „Die Pantherin“ im Keller eines riesigen Billardsalons.

Beide Erzählungen verbindet der sehr genaue Blick Bennis auf die Umgebung und die Personen, die er beschreibt. Bei der Pantherin handelt es sich um eine legendäre Billardspielerin, die sich in der Männerdomäne durchsetzt. Ein Jugendlicher erzählt davon, wie sie im Billardsalon unter der Erde die besten und größten Spieler demontiert. Er erliegt der Faszination dieser Frau – und so ist es kein Wunder, dass eine enorme Portion Sexualität den Raum mit den vielen Billardtischen mit einer enormen Spannung auflädt. Und das vor allem, weil sie mit ihren Lederklamotten, ihrem Schweigen und ihrem phantastischen Spiel die Projektionsfläche für den jungen Kerl ist. Stefano Benni erzählt das alles ganz ruhig. Und dennoch ist der Schweiß beim Lesen fast schon zu riechen. Der Angstschweiß der Helden der Billardszene, die von der Pantherin in die Enge getrieben werden.

Ganz andere Assoziationen löst „Aixi“ aus. Auch sie ist eine weibliche Heldin. Aber keine Frau, sondern ein Mädchen, das ihren Vater retten will. Der ist Fischer, kann aber wegen eines Krebsleidens nicht mehr aufs Meer fahren. Und so verarmen Aixi und ihr Vater. Das Mädchen entscheidet sich, ein Boot auszuleihen und zu fischen. Das geht zunächst auch gut, aber ein Motorschaden bringt sie in Lebensgefahr. Stefano Benni schafft es, dass der Leser von Anfang an mit dem Kind fühlt. Die Ablehnung des städtischen Lebens seiner Tante prägt sie. Aixi will am Meer leben. Sie will die Natur spüren, ins Meer eintauchen, auf Booten fahren und spüren, dass dsa Leben auch anstrengend sein kann. Denn der Preis für ein Leben in einer städtischen Wohnung ist der Verlust der Freiheit. Und des Vaters.

Es zeichnet Stefano Benni aus, dass er beide Erzählungen so kompakt gehalten hat. Kein Satz ist überflüssig. Jedes Wort zahlt auf die Geschichte ein. Nichts lenkt ab. Andere hätten aus den Stoffen vielleicht versucht einen kurzen Roman zu schreiben. Aber er konzentriert sich auf den Kern der Geschichten. Zum Glück.

Faszinierende Abruzzen-Saga von Dacia Maraini

Dacia Maraini: Gefrorene TräumeAm Anfang steht eine verschwundene junge Frau in den Abruzzen. Und eine Ich-Erzählerin, die als Autorin von diesem Thema so gepackt wird, dass sie sich ihm nicht mehr entziehen kann. Dacia Maraini hatte also keinen Krimi geschrieben, als sie „Gefrorene Träume“ vorlegte. Das Buch ist eine große Familiensaga aus den Abruzzen – und ein Roman übers Schreiben.

Dem Buch tut genau dieser Teil nicht gut. Er lenkt von der großen Geschichte ab. Von den Wurzeln der Colomba Minna, der verschwundenen jungen Frau, die bis ins 19. Jahrhundert nach Sizilien und immer wieder in das Bergdorf in der Nähe von Avezzano reicht. Diese ist an sich wunderbar erzählt. Wobei sie auch immer wieder mythisch aufgeladen wird. So entsteht ein Dickicht aus Bezügen, die auch die historische Dimension der Landschaft aufgreift. Die verbinden in den Wäldern der abruzzischen Berge den Kampf der Marser gegen die Römer mit der Gegenwart genauso wie die zwei Jahrzehnte Faschismus und die deutsche Besatzung.

Das ist schon arg viel, was der Leser da an Ebenen, Zeitbezügen und Erzählperspektiven im Blick haben muss. Insofern ist der Roman überfrachtet. Aber die eigentliche Familiensaga ist spannend, erzählt von der archaischen Gesellschaft in Italien und den Umbrüchen in den vergangenen 120 Jahren. Maraini weiß um die Armut,den Glauben, die Zwänge, denen die Frauen ausgesetzt waren. Sie hat im Blick, wie sich existenzielle Erfahrungen über Generationen vererben. Und sie kann packend davon erzählen, wie in einem Dorf die informellen Kommunikationsformen das Leben dominieren. Die Abruzzen, diese immer wieder von Erdbeben geschüttelte Hochgebirgslandschaft, bringt sie dem Leser so sehr nahe.

Aber dafür muss man sich eben auch durch die unsägliche Geschichte des Schreibens durchkämpfen. Und leider auch immer wieder verwirren lassen. Etwa wenn die Lust an literarischen Bezügen mit Maraini durchgeht. Das hat dann schon etwas von Bildungshuberei. Und dennoch kann einen das Buch auch packen, dann will man wissen, wie sich die Geschichte von Großmutter Zaira und ihrer verschwundenen Enkelin weiter entwickelt. Vor allem aber ist man neugierig auf ihren Vater, der vor den Faschisten nach Australien flüchtete, oder auf die starken Frauen. Ein Buch also, dass man in den Abruzzen sehr gut lesen kann. Ich Eichwalde aber, würde ich es zügig weglegen.