Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe

Hans Keilson: Sonette für HannaLiebe in Zeiten des Untergrunds und des Exils ist immer auch ein Hoffen auf eine andere Zukunft. 1944, als Hans Keilson seine Sonette für Hanna schrieb, waren die Niederlande noch immer von den Deutschen besetzt. Hans Keilson lebte im Untergrund und lernte eine junge Frau, die sich als Jüdin vor den deutschen Mördern und ihren Helfern verstecken musste, kennen. Und er begann Hanna zu lieben. Davon zeugen die 46 Sonette, die vom S. Fischer Verlag jetzt erstmals als eigenes Buch veröffentlicht wurden. „Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe“ weiterlesen

Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner

de-bruynKeiner schreibt über Preußen wie Günter de Bruyn. Seine Bücher bilden immer märkische Geschichte ab. Das gilt auch für „Sünder und Heiliger“, in dem de Bruyn „das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner“ – so der Untertitel – nachzeichnet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist die literarische Biografie soeben erschienen.

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Richard Swartz erzählt die Geschichte seiner kroatischen Familie

Richard Swartz: Blut, Boden & GeldDie Bücher von Richard Swartz bewegen sich immer zwischen Journalismus und Literatur. Das Verbindende ist stets die Leidenschaft für die Reportage. Der schwedische Journalist, der seit Jahrzehnten aus Südosteuropa berichtet hat sich für sein neues Buch die Familiengeschichte seiner kroatischen Frau vorgenommen. Und die ist in dieser Region der Multinationalität höchst komplex. Sie reicht vom Partisanen über die Halbitalienerin bis hin zu einer Kroatin, die sich auch in Zeiten der Jugoslawienkriege weigert, Nationalistin zu sein. Ein Buch also, das dem Leser Kroatien sehr nahe bringt.

Zusammen mit seiner Frau lebt Richard Swartz auch in einem Dorf in Istrien. Sie ist Kroatin und Journalistin wie er. Ihr Vater war Partisan und in der Folge im Jugoslawien Titos Oberst und später Geschäftsführer. Seinen sozialen Aufstieg hat er dem Kampf gegen die Besatzung durch die Nationalsozialisten zu verdanken. Sein Leben war Teil des Vielvölkerstaates. Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo waren für ihn nicht nationalistisch besetzt. Und der Kommunismus war sein Glaube, der das ermöglichte.

Seine Frau stammt von einer kroatischen Insel, auf der die Bevölkerung immer Italienisch und Kroatisch sprach. Der Wechsel zwischen den Sprachen und den Nationalitäten war immer möglich. Das Verbindende blieb der katholische Glaube. Und mit dem Alter, nach dem Tod des Mannes und dem Zerfall Jugoslawiens, wird das Bekenntnis und das Verwischen der Identität wieder stärker. Ihre Tochter schließlich, die Frau Richard Swartz‘, hat sich im kroatisch-serbischen Krieges gegen die nationalistische Aufwallung gestemmt. Dafür wurde sie von Freunden und Bekannten geschnitten. Das Nationale war das Bestimmende.

Richard Swartz schaut auf all diese Entwicklung ohne einen einfachen Blick, der sich einfacher Schubladen bedient. Er spürt vielmehr all den lange währenden Traditionen nach, die unter den nationalen Oberflächen nachhaltig wirken. In Istrien mussten sich zum Beispiel viele Menschen entscheiden, ob sie Kraoten, Slowenen oder Italiener sein wollten. Und das, obwohl sie eigene Dialekte sprachen, im Dorf in Gemeinschaft lebten. Die Idee der Nation zerstörte all das. Und dennoch leben die Traditionen fort, leben nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt Sloweniens und Kroatiens wieder auf. Aber die Wunden, die der Zerfallskrieg geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. All das erzählt der Schwede Swartz anhand der Familie seiner Frau. Und weil es eine Familiengeschichte ist, kommt er ohne jede Art von Diffamierung aus. Das macht den Text so stark. Und zeigt uns, wie großartig die europäische Idee ist.

Richard Swartz: Blut, Boden & Geld – Eine kroatische Familiengeschichte. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder; S. Fischer, 19,99 Euro.

Stephan Wackwitz erkundet den Kaukasus

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der WeltStephan Wackwitz ist ja nicht nur mit einem Roman über die Goethe-Institute – „Walkers Gleichung“ – bekannt geworden. Er arbeitete auch für den Vermittler deutscher Kultur im Ausland. Unter anderem in Krakau, New York und Tiflis. All diese Stationen hat er literarisch verarbeitet. „Die vergessene Mitte der Welt“ ist eine hervorragende Sammlung von Essais über den Kaukasus, die in seiner Zeit in Tiflis entstanden ist. Unter anderem hat er 2012 dort einen friedlichen Machtwechsel erlebt, der nur durch den Druck der demokratischen, westlichen Kräfte auf der Straße stattfinden konnte. Sämtliche Texte sind zwischen 2011 und 2013 entstanden.

Wackwitz gehört zu den großen deutschsprachigen Essayisten, die uns die Welt näher bringen, die früher durch den eisernen Vorhang getrennt war. Und die für den Großteil der Menschen in Westeuropa noch immer nicht wirklich interessant ist. Nach einer aktuellen Umfrage waren zum Beispiel nur 30 Prozent der Deutschen schon einmal in Polen, dem immerhin zweitgrößten Nachbarland. Und von diesen 30 Prozent kommt der größte Teil aus dem Osten Deutschlands. Umso wichtiger sind die Texte von Wackwitz oder zum Beispiel Karl Markus Gauß. Denn sie nehmen den Leser bei ihren Reisen in der Gegenwart auf eine unaufdringliche Entdeckung in die europäische Vergangenheit mit. Und machen so anschaulich, welche Entwicklungen das Jetzt bewegen und teilweise sogar bestimmen.

In „Die vergessene Mitte der Welt“ wird das besonders anschaulich. Georgien, Aserbaidschan und Armenien wirken die vielen Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft nach. Da die drei Länder unterschiedliche Traditionen haben – Aserbaidschan ist muslimisch geprägt, Georgien und Armenien unterschiedlich christlich – hat sich dort die Dominanz Moskaus aber auch verschieden ausgewirkt. Georgien beispielsweise distanziert sich sehr stark von der imperialen Macht, die 2008 sogar Krieg gegen das kleine Land führte. Aber es gibt nach wie vor auch Stolz darauf, dass Stalin einer der ihren war. Wackwitz nähert sich solchen Aspekten als wissender Flaneur an. Er bereist das Land, spricht mit den Menschen und reflektiert die historische Substanz von Bauwerken, Städteplanung und Bushaltestellen, um den Geist zu destillieren, in dem all dies entstand. Und um zu zeigen, mit welchem Geist heute damit umgegangen wird und wie verschieden die postsowjetischen Transformationsprozesse vonstatten gehen.

Das lässt sich nicht nur gut lesen. Es ist tatsächlich auch spannend. Etwa wenn er von den Menschen in Tiflis erzählt, die sich gegen Korruption und Vetternwirtschaft wehren. Oder wenn er verdeutlicht, welche Traditionsstränge helfen den Nachhall sowjetischen Denkens zu überwinden. All das ist klug erzählt ohne auch nur den Anschein von Überheblichkeit zu erzeugen. Wackwitz ist ein Mensch, der mit Empathie durch die Gassen und über die Treppen von Tiflis geht. Genau deshalb sieht er viele Dinge, die anderen verborgen blieben.

Wer das erst vor zwei Jahren erschienene Buch jetzt kaufen will, hat ein Problem. Es ist vergriffen. Und offenbar denkt der S. Fischer Verlag, dass sich Bücher über den Osten Europas nicht so gut verkaufen lassen. Eine neue Auflage ist nicht angekündigt. Es bleibt nur der Download des Ebooks oder die Hoffnung, dass sich das Buch im Antiquariat auftreiben lässt.

Roland Schimmelpfennig und der „lonesome wolf“ in Berlin und Brandenburg

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren...Roland Schimmelpfennig hat sich als Dramatiker einen enormen Ruf erworben. Das ist seinem ersten Roman anzumerken. Dramatischer und knapper lässt sich ein Tableau von Personen kaum denken, das noch dazu so konsequent der Idee des Buches folgt. Alles, was Romane ausmacht, findet man in „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ nicht. Weder lange innere Monologe, intensive Landschaftbeschreibungen oder sich weit verästelnde Erzählstränge bietet Schimmelpfennig seinen Lesern an. Stattdessen: Kürze, Prägnanz, durchsichtige Konstruktion eines Beziehungsgeflechts.

Und dennoch lässt einen der Roman nicht kalt. Er berührt gerade wegen seiner Knappheit. Sie lässt dem Leser Raum, in seiner Phantasie all die Leerstellen der Beschreibung des Personals zu füllen. Da ist das junge polnische Paar, das in Berlin vor lauter Arbeit das gemeinsame Leben vergisst. Da ist ein jugendliches Pärchen aus Ostbrandenburg, das vor der schlagenden Mutter und den immer betrunkenen Eltern flüchtet. Da ist genau die Mutter, die einst als Künstlerin aus Berlin nach Brandenburg kam und nach der Trennung die Kunst abhanden kam. Da ist deren Ex, der sich in Berlin als Künstler etablierte, aber das Wesentliche im Leben vergessen hat.

Sie alle – und noch einige mehr – haben sich selbst verloren, sind seelisch abgemagert, so wie der Wolf, der über die Oder nach Brandenburg kam, körperlich. Alle sind einsame Wölfe, die sich auf den Weg machen, um etwas von sich selbst zu finden. Und alle sind irgendwie miteinander verbunden. So wie der Wolf alle miteinander verbindet. Die Jugendlichen stoßen bei ihrer Flucht Richtung Berlin auf seine Spuren. Der Pole steht ihm im Stau auf der A 12 zwischen Frankfurt (Oder) und Fürstenwalde gegenüber und fotografiert ihn. So wie es den Wolf über die Felder und Wälder bei Seelow, Beeskow und Blumberg nach Berlin an den S-Bahn-Ring in Prenzlauer Berg zieht, so nähern sich auch die Personen diesem einstigen Szeneviertel an.

Sie 250 Seiten sind mit großen Buchstaben und viel Weißraum gefüllt. Optisch sind sie fast so etwas wie die Entsprechung zur kalten Winterlandschaft, in der sich die Personen des Romans ihrer eigenen Verlorenheit bewusst werden. Schimmelpfennig hat einen Roman über die soziale Verkrüppelung Deutschlands geschrieben. Und das mit sehr eingängigen Sätzen. Ein faszinierendes Buch.

Günter de Bruyn erzählt von der verhängnisvollen Altersliebe des Staatskanzlers Hardenberg

Günter de Bruyn: Die Somnambule oder Des Staatskanzlers TodGünter de Bruyn ist inzwischen 89 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Beeskow und schreibt noch immer. Gerade ist sein neues Buch erschienen:  „Die Somnambule oder Des Staatskanzlers Tod“. In ihm geht es um einen alten Mann, der sich noch einmal in eine junge Frau verliebt. Auch, weil er es nicht erträgt, alt zu werden. Ein Stoff, der in einer älter werdenden Gesellschaft sicherlich nicht außergewöhnlich ist. Aber weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, hat sie einen ganz besonderen Reiz.

Günter de Bruyn erzählt von der letzten Liebe des preußischen Staatskanzlers und Reformers Karl August von Hardenberg. Mit 66 Jahren lernt er Friederike Hähnel kennen. Er verliebt sich in die nur 24 Jahre junge Frau und bringt nicht nur sein ganzes privates Umfeld gegen sich auf, sondern auch den König von Preußen, dessen Hof und den Großteil der Gesellschaft.

Das allein hätte schon genug Kraft, um eine Erzählung zu rechtfertigen. Aber die Geschichte hat noch mehr Zutaten, die uns neugierig machen. Der für seine Zeit sehr moderne Hardenberg stand auch damals modernen Heilmethoden aufgeschlossen gegenüber, wie dem Mesmerismus. Diese medizinische Methode glaubte, durch Magnetismus, sanftes Streichen und hypnotisch-psychologische Behandlungsmethoden die verschiedensten Krankheitsbilder heilen zu können. Bei einem Berliner Arzt dieser Schule sah Hardenberg die Hähnel das erste Mal. Sie war eher leicht angezogen und in einen hypnotischen Zustand versetzt (zumindest glaubten das die Anwesenden).

Günter de Bruyn erzählt dies mit vielen Zitaten von Zeitgenossen und einer leicht ironischen Distanz. Der Bericht über den Mesmerismus läßt de Bruyns Skepsis an aktuellen alternativen Heilmethoden erkennen. Und die Liebe des alten Mannes, der einer jungen Frau verfällt, ist für ihn auch ein Stoff, der nicht nur vor genau 200 Jahren Unheil anrichten konnte.

Das funktioniert deshalb so gut, weil de Bruyn immer bei den Fakten bleibt. Er, der wie kein anderer die Landschaft und Geschichte Brandenburg-Preußens ins literarische Bewußtsein der Gegenwart holte, vermeidet es konsequent, Altherren-Erotik wie etwa Martin Walser zu verfassen. Die Gefahr bei diesem Stoff, der ja auch noch die Scheidung Hardenbergs beinhaltet und dann den Tod des Staatskanzlers, weil er seiner Liebe nicht mehr gewachsen war, ist ja gewaltig groß. Er würde auch für ein schmalziges Historienspektakel taugen. Aber –  wie gesagt – da ist Günter de Bruyn vor. Und das ist ein Segen für diese feine, kleine Erzählung aus Preußen.

„Die Somnambule oder des Staatskanzlers Tod“ ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

Thomas Brussig tut so, als wäre die DDR noch immer da

Thomas Brussig: Das gibts in keinem RussenfilmAch immer diese Ostalgie! Warum hört das nicht auf? Sie war doch eine Diktatur! Und ausgerechnet zum Jubiläum ihres Untergangs wird sie von Thomas Brussig wieder zum Leben erweckt! Muss das sein?

JA!!! DAS MUSS SEIN!!! Wenn sie auf diese Art noch einmal auf der literarischen Bühne erscheinen darf, dann ist das nicht nur amüsant, komisch, witzig, sondern auch noch wunderbar lehrreich. Denn der Vergleich, der Systeme, den Thomas Brussig in seinem neuen Roman bis in die Gegenwart führt, öffnet für vieles in der DDR die Augen. Und für die Summe der Missverständnisse, die Ost- und Westdeutsche nicht nur vor 25 Jahren gegenseitig hatten.

Thomas Brussig tut in „Das gibts in keinem Russenfilm“ einfach so, als hätte er sein ganzes Leben in einer intakten DDR geführt. Und das als Schriftsteller, der mit Büchern wie „Wasserfarben“, „Helden wie wir“ oder dem Udo-Lindenberg-Musical „Hintern Horizont“ Erfolg hat. Teils in der DDR, teils in der Bundesrepublik, in der einige Bücher erscheinen mussten, weil die DDR-Zensur sie nicht billigte. Er entwickelt also ein Szenario, das sein reales Leben in eine noch immer weiter existierende DDR spiegelt. Das ist ein literarischer Kniff, der nicht nur wahnwitzig ist, sondern auch noch glaubwürdig funktioniert.

Thomas Brussig bleibt in seiner DDR, weil er in einem Moment unerwarteten Erfolgs vor Publikum versprochen hat, aus der DDR erst dann auszureisen, wenn alle DDR-Bürger reisen dürfen. Ein Telefon will er auch erst dann, wenn jeder problemlos eines haben kann. Und solange Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ verboten ist, will er es nicht lesen. Das Publikum ist begeistert, Brussig ein Held in Ost und West. Und weil er sich an das Versprechen hält auch ein Narr, der selbst seiner schwangeren Freundin nicht in den Westen folgt.

All das ist irrwitzig. Brussig entwickelt eine Geschichte, die ziemlich schlüssig ist. Und spiegelt nicht nur seine eigenen Bücher in diesem funkelnden Licht. De facto ist „Das gibts in keinem Russenfilm“ ein Schelmenroman über das Leben des Autors, in dem er sich selbst so naiv präsentiert, dass nicht nur die falsche, fiktive Wirklichkeit entlarvt wird, sondern auch die reale vergangene und die reale Gegenwart. Ziemlich viel für nur einen Roman. Und sehr amüsant!

Florian Illies entdeckt die Kraft des Jahres 1913

Florian Illies: 1913 - Der Sommer des JahrhundertsWas für ein furioser Beginn eines Buches. Der zwölfjährige Louis Armstrong schießt mit einem Revolver. Und als nächstes betritt der bis über beide Ohren verliebte Franz Kafka die Bühne. Und dann kommt Stalin in Wien an, Sigmund Freund streichelt eine Katze. Und so geht es weiter. Immer weiter. Ein bedeutender Name nach dem anderen wird von Florian Illies im Januar 1913 beobachtet. Sie alle haben vordergründig nichts miteinander zu tun. Aber doch sind sie miteinander verbunden. Zumindest mit der Gleichzeitigkeit ihres Lebens.

Die Idee von „1913“ ist simpel und genau dadurch so bestechend. Faszinierend, was alles 1913 passierte. Der Januar und der Februar ziehen den Leser in ein Jahr, in dem kulturell so viel passierte. Und natürlich lauert irgendwie der 1. Weltkrieg auf Thomas Mann, die Künstler der Brücke oder Pablo Picasso. Florian Illies ordnet sie und Adolf Hitler, Arnold Schönberg, Gertrude Stein und viele andere parallel an. Vielfach haben die Fäden, die er mit ihnen spinnt nichts miteinander zu tun. Und doch formt sich im Kopf des Lesers ein Bild von einer faszinierenden Zeit, in der sich Kunst, Musik, Literatur und die Gesellschaft neu formieren.

Genau das ist die große Leistung des Buches. Immer dann, wenn Illies die Ereignisse ohne eigenen Kommentar nebeneinander stellt, ist der Text stark. Der einzige, der dabei stört, ist Illies selbst. Sein bedeutungsschwangeres Raunen verstärkt die Wirkung nicht, sondern raubt ihr den Zauber. Der Autor vertraut seiner Idee und seiner Fähigkeit zu schreiben offenbar nicht. Und so stört er das Puzzle der Ereignisse und Erlebnisse aus dem Jahr 1913 mit seinem Wissen, stellt es aus und in den Vordergrund. Das ist schade. Denn Illies selbst stört das Buch, das er doch selbst geschrieben hat. Ja, er stört so sehr, dass der Sog des Textes immer dann verflacht, wenn er und nicht seine Protagonisten mit ihren verbürgten Erlebnissen auftaucht.

Doch trotz dieser Schwäche, die das Weiterlesen schwer macht, ist das Sammelsurium dieses außergewöhnliches Kalendariums ein beachtenswertes Buch.

Christoph Ransmayr kartografiert die Ängste eines Mannes

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes
Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes

70 kurze Erzählungen hat Christoph Ransmayr in seinem neuen Buch versammelt. Alle beginnen mit „Ich sah“. Alle schildern Begebenheiten, die Ransmayr selbst erlebt hat. Bis auf eine. Sie beruht auf einem Erlebnis seiner langjährigen Partnerin, die sie als Kind erlebte. Aber auch sie hat mit ihm zu tun. Mit seiner Wahrnehmung einer bestimmten Ecke Österreichs am Inn. Und mit Ängsten.

„Atlas eines ängstlichen Mannes“ heißt das Buch, das sehr persönlich ist. Lediglich in einigen dünnen Bänden seiner Reihe „Spielformen des Erzählens“ gibt er so viel von sich preis, wie in diesem außergewöhnlichem Band. Die Ereignisse, die Ransmayr zu Parabeln über die Angst, die Hoffnung und vor allem über die besonderen Augenblicke des Lebens verdichtet, spielen in der ganzen Welt. Ransmayer sah auf den Osterinseln und in Tibet, in der österreichischen Heimat und in Sibirien, in Peru und in China und in vielen anderen Weltgegenden. Wann er sah und beschrieb, ist nicht so wichtig. Ransmayer hebt die Begebenheiten in eine dichterische Gegenwart, die sich oft nicht real zeitlich festmachen lässt. Fast so, wie in seinem zweiten Roman „Die letzte Welt„, der zwar in der römischen Antike spielt, aber dennoch Kinovorführer und andere Dinge der Gegenwart kennt.

Der „Atlas eines ängstlichen Mannes“ ist keine klassische Reise-Literatur. Auch wenn die Geschichten auf Reisen ihren Ausgangspunkt nehmen. Wenn überhaupt ist es Buch über die Lebensreise von Christoph Ransmayr, das verdeutlicht, wie das Beobachten, das Sehen das Leben bestimmt, wenn man seine Umgebung wahrnimmt. Ransmayr schildert keine Höchstleistungen, auch wenn er zum Beispiel 1500 Kilometer durch Tibet und China wanderte. Er schildert zwar auch extreme Situationen, etwa den Beschuss durch einen Kampfjet in Peru. Aber all das sind nur Momente, in denen er beobachtet, was das Leben mit ihm und den Menschen, der Natur macht. Und dieses „nur“ ist so packend, dass die Geschichten trotz des immer gleichen Anfangs einen ungeheuren Sog entwickeln, weil sie den Leser teilhaben lassen. Und das im Wortsinne. „Atlas eines ängstlichen Mannes“ ist ein großes Buch, wieder in einer neuen erzählerischen Form – wie alle Bücher von Christoph Ransmayr.

Mehr von Ransmayr:
Die letzte Welt
Die Unsichtbare
Die Wolfsjäger

Die Unsichtbare bekommt von Christoph Ransmayr eine Stimme

Christoph Ransmayr: Die Unsichtbare
Christoph Ransmayr: Die Unsichtbare

Sie ist unsichtbar. Sie war Bibliothekarin, verschwunden in Büchern. Jetzt ist sie Souffleuse in einem Theater. Ans Licht kommt sie nur selten. Und dann entlädt sich all die aufgestaute Wut, der Ärger, der sich im Dunkeln aufgestaut hat. In Christoph Ransmayrs „Die Unsichtbare“ bekommt sie eine Stimme, eine leise, eine laute, eine suchende und eine verfluchende – eine menschliche, sehr menschliche.

Ransmayrs Bühnenstück lebt vom Erleben dieser einen Frau, die von einem Beleuchter zum Theater gebracht wird. Er, der die Schauspieler leuchten lässt, bringt auch sie zum Strahlen. Seine Aufmerksamkeit weckt ihre Gefühle. Seine Wärme erfüllt sie. Sie beginnt ihn zu lieben – und folgt ihm ins Theater. Aber der Beleuchter ist kein steter Wärmespender, Ins-Licht-Rücker. Wechselhaft wie das Aufscheinen seines Verfolgers ist auch sein männliches Interesse an der Bibliothekarin, die jetzt in dunklen Kisten stockenden Schauspielern über die Klippen der Vergesslichkeit hinweghilft.

In drei Akten erzählt die Frau ihre Geschichte. Ihre Tirade ist eine Abrechnung mit dem Leben am Beispiel des Theaters. Ransmayr packt die Verzweiflung, das Böse, die verblassende Freude und die erloschene Liebe in sprachlich ungeheuer komprimierte Bilder aus dem Theaterleben. Die Prosa hat einen treibenden Rhythmus, fast so, als wäre der Text in Versen geschrieben. Das hat Kraft und liest sich in einem Aufzug. So sehr drückt und fesselt die Tirade der Unsichtbaren. Etwa wenn sie darüber philosophiert, wie es sich anfühlt, verlassen zu werden:

„Ein Liebender, der verlassen wird, ist einsamer als der letzte Mensch, drängt doch alles in ihm dem Verlorenen nach und läßt ihn nicht los, reißt an ihm, raubt ihm den Schlaf, alle Lebenslust. Selbst ein Schiffbrüchiger auf seinem Floß und noch der einzige Überlebende in der Wüste weiß wenigstens, worum er kämpft und worauf er hofft; auf einen Weg zu den Menschen. Aber den Verlassenen schlägt nur die Gewißheit, daß ihn auch am Ende eines Wegs durch die Wüste nichts mehr erwartet als die Einsamkeit. Umdrängt von Menschen und dennoch allein.“

Mehr über Christoph Ransmayr:
Die letzte Welt
Die Wolfsjäger 
Atlas eines ängstlichen Mannes