Viktor Schklowskij schildert die Grauen der Oktoberrevolution

Viktor Schklowskij: Sentimentale Reise Die Oktoberrevolution und ihre Folgen haben die Welt verändert wie nur ganz wenige Ereignisse der Weltgeschichte. Was in Moskau zunächst eher ein seltsamer Staatsstreich war, wuchs sich zu einem unglaublich brutalen Bürgerkrieg aus. Der Literaturwissenschaftler Viktor Schklowskij erlebte die Revolution in Petersburg als Panzerfahrer. Später war er als Kommissar an unterschiedlichen Fronten. Sein Bericht mit dem zynischen Titel „Sentimentale Reise“ ist eine lakonische Beschreibung ungeheuren Leids und unvorstellbaren Chaos‘. „Viktor Schklowskij schildert die Grauen der Oktoberrevolution“ weiterlesen

Mit Schlump durch den 1. Weltkrieg – das ist große Literatur

Hans Herbert Grimm: SchlumpEmil Schulz hat einen Spitznamen. Er wird Schlump genannt. Das klingt ein bisschen wie Lump und etwas wie Schussel. Wie letzteres bewegt sich Schlump durch den 1. Weltkrieg. Er ist der einfache Soldat, der in der Etappe und im Schützengraben den gesamten Krieg an der Westfront erlebt. Hans Herbert Grimm hat den Roman „Schlump“ 1928 veröffentlicht. Gegen Remarques „Im Westen nichts Neues“ konnte er sich nicht durchsetzen, obwohl er vielfach sehr positiv rezensiert worden war. Im Mai 1933 landete „Schlump“ auf den Scheiterhaufen der Nazis. Und anschließend wurde das Buch vergessen. 

Aber jetzt ist es wieder auf dem Markt. Kiepenheuer & Witsch hat den Roman neu aufgelegt und so einen erstaunlichen Roman über den Krieg wieder zugänglich gemacht. Schlump ist ein Schelmenroman. Aus der Perspektive des einfachen Soldaten wird der 1. Weltkrieg geschildert. Der Soldat ist nur einer unter Millionen. Er ist zu klein, um zu überschauen, was mit ihm und all den anderen passiert. Ganz naiv meldet er sich freiwillig in den Krieg, kommt nach Frankreich in die Etappe, bevor er an die Front muss und in einer der unzähligen Abnützungsschlachten im Schützengraben verwundet wird. Es folgt Lazarett, Etappe und schließlich der Waffenstilstand und ein abenteuerlicher Rückzug in die Heimat. 

All das, was Schlump erlebt hat, haben Millionen von Soldaten erlebt. Hans Herbert Grimm offenbar auch. Denn  viele seine Szenen sind autobiografisch gefärbt. Der Thüringer Lehrer wollte seine Erlebnisse zwar zu einem Roman verdichten. Aber er hatte auch Angst vor der eigenen Courage. Und so erschien das Buch anonym. Denn Heldengeschichten gibt es in dem Roman nicht. Und wenn, dann enden sie tragisch. Grotesk tragisch. Die einzigen positiven Geschichten sind die, in denen sich Schlump mit Naivität und Gerissenheit in der Etappe einrichtet, dem Schwarzhandel frönt und dennoch die Kameradschaft nie vergisst. Egal wie öde oder furchtbar das Leben des einfachen Soldaten Schlump ist, seinesgleichen gilt die Empathie. 

Hans Herbert Grimm hat einen großen Roman geschrieben. Einen, in dem das Grauen des Krieges genauso eindringlich geschildert wird, wie die Absurditäten bei der Versorgung eines gigantischen Heeres. Weil Schlump wie ein naiver Schelm durch das Leben stolpert, nimmt er mit, was gut für ihn ist. Ob das französische, beglische oder deutsche Frauen sind – sie tun ihm gut. Aber Liebe empfindet er nicht in diesem Krieg. Die geht ihm erst viel später auf. Und genau in dem Moment verändert sich auch Schlump. Das Überleben wird zum Ziel. Jedes Heldengebaren ist endgültig überwunden. Und weil Schlump ein Schelm ist, überlebt er auch den ganzen Krieg.

Der Roman hat eine eigene Sprache, die den Leser sehr schnell zu einem Freund Schlumps macht. Selbst wenn der Geld fälscht, bleibt er sympathisch. Wie die anderen großen Schelme der (Anti-) Kriegsliteratur, der Grimmelshausen oder der Schwejk, ist der Schlump in der Lage, den Leser ganz für sich einzunehmen. Und so den Krieg aus einer ganz menschlichen Perspektive zu erleben. Das ist große Literatur, die Hans Herbert Grimm in seinem einzigen Roman geschrieben hat. Und es ist ein Glück, dass sich der Verlag getraut hat, das Buch wieder herauszubringen.  

Sinaida Hippius beschreibt die russischen Revolutionen

Sinaida Hippius: Petersburger Tagebücher 1914-1919Sie war in der Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts in Russland eine wichtige Größe: Sinaida Hippius. Sie war mit allen wichtigen Intelektuellen bekannt, ihre Gedichte wurden gelesen und ihre Mitarbeit bei Zeitschriften und Zeitungen geschätzt. In der Anderen Bibliothek jetzt ein besonderes Buch von ihr erschienen: die „Petersburger Tagebücher 1914 – 1918“.

In ihnen schildert sie ihre Sicht auf den 1. Weltkrieg. Sie beschreibt die schwache Regierung von Zar Alexander, den schwankenden Nationalismus und vor allem die schlechte Regierungskunst, die dann 1917 zu deren Sturz und einem permanentem revolutionären Zustand führte. Ihre Wohnung in St. Petersburg ist ein Ort, an dem sich liberale und linke Politiker treffen. Hier werden Resolutionen diskutiert, politische Aktionen vorbereitet und das Agieren der Generalität an der Front, des Zaren auf dem Thron oder der Regierung analysiert. Und das erstarken der revolutionären Kräfte, das Versagen Kerenskis und der Aufstieg der Bolschewisten.

Vor allem aber hat Sinaida Hippius von Anfang an einen Blick für die Brutalität und institutionalisierte Rechtlosigkeit der Bolschewisten. Gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Ukraine-Kriegs ist die Lektüre deshalb sehr aufschlussreich. Das bezieht sich auf das Agieren Russlands in der Ukraine in den Jahren 1917 und vor allem 1918. Aber auch auf die Kultur der Desinformation, die heute zu einer erschreckenden Perfektion ausgebaut wurde. Hippius schildert in klaren Worten, wie sich Maxim Gorki den Bolschewisten andiente und wie er sich letztlich moralisch korrumpierte. Vor allem aber beschreibt sie die Sehnsucht zu Europa zu gehören – und nicht zu einem Russland, das das Leben und die Rechte des Einzelnen nicht achtet. Nicht umsonst ist sie selbst 1919 aus Russland geflohen. Zu viele der eigenen Freunde waren zu diesem Zeitpunkt den Mördern im Dienste Lenins und Trotzkis schon zum Opfer gefallen.

Bettina Eberspächer und Helmut Ettinger haben die Tagebücher aus dem Russischen in ein klares Deutsch übersetzt. Da Tagebücher keine Lektüre sind, die von Form und Inhalt per se Spannung aufbauen, ist es auch ihr Verdienst, dass das Lesen stets fortgesetzt werden will.  Christa Ebert hat den Text mit einem guten Apparat versehen und in einem Nachwort eingeordnet.

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Die Horen suchen den europäischen Blick auf den Ausbruch des 1. Weltkriegs

Die Horen: August 1914 Allerorten wird an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren erinnert. Der Bundespräsident reist nach Frankreich und Belgien, die Zeitungen füllen Seiten mit historischen Betrachtungen und Auszügen aus zeitgenössischen Zeitungsartikeln und Tagebüchern. Überall ist der Rückblick auf den mörderischen Krieg Thema. Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat auch einen Beitrag dazu geleistet. Einen Beitrag, der sehr lesenswert ist.

Als Kooperation der Literaturhäuser Europas ist diese Ausgabe mit dem simplen Titel „August 1914“ entstanden. 23 Autoren oder Autorenpaare aus 23 Städten Europas schildern in dokumentarischen Texten, in Erzählungen oder Gedichtzyklen von den Tagen kurz vor und nach Kriegsbeginn. Sie reflektieren Kriegsbegeisterung und Nationalismus, sie zeigen den Widerstand gegen den Krieg und sie öffnen die Augen für die Dynamik, die zu diesem Krieg führte. Und das immer aus der Perspektive der einzelnen Städte, wie München, Ostende, Salzburg, Graz, Venedig oder Sarajewo.

So entsteht eine Anthologie, bei der nicht nur die einzelnen Texte beachtenswert sind, sondern das Gesamtgefüge das wirklich Besondere ist. Weil das Thema alle Texte eint, entsteht trotz der Vielfalt der Formen ein schillerndes Bild der Zeit, die viele Anknüpfungspunkte an die Gegenwart hat. Zu den Autoren gehören Karl-Markus Gauss, Marcel Beyer, Lukas Hammerstein oder Andrea Molesini. Alles in allem ein sehr lesenswerter Band, der nachdenklich macht und dank der literarischen Texte mehr schafft als viele Geschichtsbücher: Emotionalität und Fakten.

Aleppo in Zeiten des Krieges

Pass von Rudolf Tillmetz, ausgestellt vom Konsulat in Aleppo.
Pass von Rudolf Tillmetz, ausgestellt vom Konsulat in Aleppo.

Am 12. September 1917 bekam Rudolf Tillmetz (1880 – 1966) vom Auswärtigen Amt in Berlin den Auftrag, nach Aleppo aufzubrechen. Der Kunstmaler sollte an der Deutschen Schule unterrichten. Das Auswärtige Amt ordnete an, dass ihm alle Stellen dabei helfen sollten.

Seit drei Jahren führte das Deutsche Reich Krieg. Auch im Osmanischen Reich war es nicht mehr überall ruhig. Aber eine Stadt wie Aleppo schien auf jeden Fall sicherer und deutlich besser versorgt als München. Insofern war ein Engagement an der dortigen Schule ein gutes Angebot für den Bruder meines Urgroßvaters.

Heute ist wieder Krieg. Aber nicht n Deutschland – nur in Syrien. Der Chef des Auswärtigen Amtes ist mit Beschwichtigungen beschäftigt. Hilfe für jene, die seit 19 Monaten gegen den Diktator Assad kämpfen, gibt es von Guido Westerwelle nicht. Die Altstadt, die Rudolf Tillmetz kannte, gibt es wegen des Beschusses durch Assads Truppen von der Zitadelle aus – und durch die Luftwaffe – nicht mehr. Und unzählige Menschen, die auf die Unterstützung des Auswärtigen Amtes und des gesamten Westens gehofft hatte, sind gefallen.

Selbst am Ende des 1. Weltkrieges ging das Leben in Aleppo weiter – trotz des neuen Status als französische Kolonie. Die Stadt hat diesen Krieg überstanden. Rudolf Tillmetz auch. Seit vielen Jahren will ich Aleppo besuchen. Immer wieder hat es nicht geklappt. Vor 20 Jahren reichte es immerhin für Damaskus, aber nicht für Aleppo. Aleppo bleibt ein Traum. Inzwischen leider einer, der nie mehr so erfüllt werden kann, wie ich es immer wünschte. Und das auch, weil uns im Westen Aleppo und Syrien ziemlich egal ist. Leider.

Blick auf die Zitadelle von Aleppo um 1914
Blick auf die Zitadelle von Aleppo um 1914

Angezogen von Krisen und Kriegen

Lutz Kleveman © Kleveman, Lutz
Lutz Kleveman © Kleveman, Lutz

Gute Journalisten haben Neugier, Empathie und Leidenschaft. Bei Kriegsreportern kommt noch Abenteuerlust hinzu. Das zumindest meint Lutz Kleveman, der zehn Jahre aus allen Krisengebieten der Welt berichtete. Seine Erfahrungen hat er in einem Buch gebündelt.

Lutz Kleveman ist Mitte 20, als er sich entschließt, etwas erleben zu wollen. Nach dem Studium in Frankreich und England fängt er beim „Daily Telegraf“ als freier Journalist an. Um Geschichten verkaufen zu können, geht er in Länder, in denen die Redaktion keine Korrespondenten hat. Das sind vor allem Krisen- und Kriegsgebiete.

Im Spiegelsaal von „Clairchens Ballhaus“ in Berlin-Mitte berichtet Kleveman von seinem Weg. Inzwischen ist er 37 und „Herbergsvater“, wie er selbst sagt. Das elterliche Gut im Landkreis Cuxhaven hat er von der Landwirtschaft auf Tagungen und Seminare umgestellt. Auf dem ersten Blick ist vom Kriegsreporter nicht viel geblieben.

Aber wenn er beginnt zu erzählen, wie unverwundbar er sich fühlte, weil der Journalist Kleveman mit Warlords und einfachen Menschen sprechen konnte, dann wird klar, dass noch immer diese Leidenschaft in ihm brennt. „Wenn ich jetzt als Tourist reise, merke ich doch, dass ich mit niemandem mehr ins Gespräch komme. Das war schon geil als Journalist“, resümiert er seine aktive Zeit. In seinem Buch „Kriegsgefangen“ hat er diese zu Papier gebracht.

In ihm schildert er seinen Weg durch die Krisen und Kriege in Ex-Jugoslawien, Liberia und die Elfenbeinküste, Tschetschenien, den Irak, Afghanistan, Kolumbien, Nordkorea und Burma, Laos und Vietnam. Aber er reiht seine Erlebnisse nicht nur aneinander. Vielmehr verknüpft er sie mit der Frage, warum es ausgerechnet ihn, der als vierter Sohn weder Zivildienst noch Wehrdienst leisten musste, in den Krieg zog.

Dabei blickt Kleveman in die Familiengeschichte. Er begibt sich auf seine „Deutsche Spurensuche“, als er sich mit den Briefen seines Großvater aus der russischen Kriegsgefangenenschaft im 1. Weltkrieg beschäftigt. Dessen Bruder wiederum war der erste Verwundete 1914. Der zweite Bruder ist als Generalstäbler gefallen. Und der Großvater hat im 2. Weltkrieg entschieden, welcher Bauernsohn der Umgebung unabkömmlich war und wer an die Front musste – auch noch als ihm längst klar war, dass der Krieg verloren ist.Das Militärische ist also überall. So wie im Traditionszimmer des Gutes, in dem Waffen, Uniformen und Büsten von Soldaten aufbewahrt waren.

Lutz Kleveman: Kriegsgefangen
Lutz Kleveman: Kriegsgefangen

Zwar wird bei der Buchvorstellung in „Clairchens Ballhaus“ nicht vollständig klar, weshalb es den nachgeborenen Enkel in die Kriegsgebiete zog. Aber es wird deutlich, dass ihn die Gewalt faszinierte. „Wir sprechen immer von sinnloser Gewalt. Aber das stimmt nicht. Gewalt ist ein Weg, Dinge durchzusetzen,“ sagt Kleveman. Vor allem da, wo die staatliche Ordnung zusammengebrochen ist, müsse man immer bedenken, dass Gewalt für diese Menschen sinnvoll sei.

Solange er selbst keine Gewalt am eigenen Körper erlebte, machte sie ihn nur neugierig: „Egal ob Dealer oder Soldaten, die Jungs waren in meinem Alter. Ich fand es interessant, sie zu beobachten und zu beschreiben.“ Und dabei ein so ganz anderes Leben zu entdecken, als es in Deutschland gelebt wird.

Der Schatten des Großvaters, der Klevemans ältere Brüder noch für Klimmzüge wie in einer privaten Kadettenanstalt in den Garten befohlen hatte, ist übermächtig. Davor flieht er. Wie überhaupt vor Deutschland. Beim „Daily Telegraf“ schaffte er es monatelang, seine Herkunft zu verleugnen. Dass er für die totale Abgrenzung von der eigenen Familiengeschichte ausgerechnet in die kriegerischen Fußstapfen des Großvaters tappte, ist ihm erst in Afghanistan klar geworden.

Als er dann in Vietnam durch Verbrecher das erste Mal selbst verletzt wird, ist ihm klar, dass das Dasein als Kriegsreporter enden muss. So wie er es seiner Mutter versprochen hatte. Die letzte Reise wird die auf den Spuren des Großvaters an die Stationen der Gefangenschaft. Es wird dadurch auch eine Reise zu ihm selbst, auf der er Frieden mit der Familie und den Deutschen schließt.

„Kriegsgefangen“ beschreibt die Gefangenschaft des Großvaters. Viel mehr aber schildert es die Last, die Kleveman stellvertretend für viele Nachgeborene erforscht. Es geht um den Krieg, der noch immer nachwirkt, der Familien noch immer gefangen nimmt – im speziellen Fall natürlich auch anhand von zehn Jahren Erlebnissen zwischen Kindersoldaten, Drogendealern und Warlords.

Lutz Kleveman: Kriesgefangen. Siedler Verlag, 22,99 Euro

Der Text ist am 11. September 2011 in der Märkischen Oderzeitung erschienen…