Naimark erinnert an den Völkermörder Stalin

Norman M. Naimark: Stalin und der GenozidDas Buch ist zwar schon knapp fünf Jahre alt. Aber „Stalin und der Genozid“ von Norman M. Naimark ist gerade jetzt eine wichtige Abhandlung über die Verbrechen der KPdSU in den 1920er bis 190er Jahren. Denn das Regime Wladimir Putins bezieht sich ganz offen auf Stalin. Bei offiziellen Anlässen sind Stalin-Banner zu sehen, die Denkmäler aus der sowjetischen Zeit werden weiter geehrt und all jene, die wie Memorial die Vergangenheit aufarbeiten wollen, leben gefährlich.

Norman M. Naimark übernimmt einen Teil der dringend notwendigen Aufarbeitung der Vergangenheit der Stalin-Ära. Er stellt in seinem gut 140 Seiten dünnen Essay die Frage, ob die großen Massenmörde, für die Stalin verantwortlich war, unter den Begriff Genozid gefasst werden können. Es geht also um die Deportation und Ermordung der Kulacken, den Holodomor – also den verordneten Hungertod an Millionen von Ukrainern, den „Großen Terror“ und die Massendeportationen von ganzen Völkern während des 2. Weltkrieges. Es steht außer Frage, dass Stalin ein Massenmörder war. Und es ist auch nicht umstritten, dass Stalin kein Problem damit hatte, ganze Bevölkerungsgruppen auszurotten. Aber dennoch fallen die Groß-Verbrechen Stalins nicht unbedingt unter den völkerrechtlichen Begriff Genozid – Völkermord.

Denn Stalin selbst hat zusammen mit den anderen Siegern des 2. Weltkrieges für die Nürnberger Prozesse und in der Folge für die UNO-Charta an der Definition des Tatbestandes Genozid mitgearbeitet. Deshalb beschränkt sich der Terminus auf „nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppen“, die ausgelöscht werden sollen. Der „Große Terror“ fällt deshalb genauso wenig unter diesen Begriff wie die Vernichtung der Kulacken. Bei diesen handelt es sich eher um eine soziale Gruppe in den Dörfern und bei jenen um politische Gegner. Den Holodomor schätzt Naimark allerdings anders ein. Und die großen Massendeportationen der Krim-Tataren, der Wolga-Deutschen und vieler anderer Volksgruppen erfüllen seiner Meinung nach den Tatbestand dagegen schon.

Naimark argumentiert stringent und genau entlang der Quellenlage. Für die politische Diskussion heute ist das von großem Interesse. Denn wer den Essay von Norman M. Naimark gelesen hat, versteht, was in Russland alles noch nicht aufgearbeitet wurde. Er kann nachvollziehen, wie eine völkische, faschistoide Politik mit historischen Verweisen auf Stalin und die kommunistische Vergangenheit funktionieren kann. Und er begreift, weshalb der politische Diskurs, den wir innerhalb Deutschland, der EU und des Westens gewohnt sind, mit Russland nicht funktioniert. Es gibt einfach keine Klarheit über die großen Verbrechen Stalins. Und eine Gesellschaft, die diese nicht aufarbeitet, kann die Gegenwart nicht friedlich gestalten. Denn der Krieg ist noch immer in den Köpfen.

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