In Zeithain setzt Michael Roes Hans Hermann Katte ein Denkmal

Michael Roes: Zeithain Die geplante Fahnenflucht von Kronprinz Friedrich und Leutnant Katte ist ein Stoff, der alles enthält, was einen guten Roman ausmacht. Wenn Michael Roes sich damit auseinandersetzt, wird ein facettenreiches, faszinierendes und phantasievolles Buch daraus. Und je weiter man in den 800 Seiten kommt, umso erschütternder wird „Zeithain“. „In Zeithain setzt Michael Roes Hans Hermann Katte ein Denkmal“ weiterlesen

Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner

de-bruynKeiner schreibt über Preußen wie Günter de Bruyn. Seine Bücher bilden immer märkische Geschichte ab. Das gilt auch für „Sünder und Heiliger“, in dem de Bruyn „das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner“ – so der Untertitel – nachzeichnet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist die literarische Biografie soeben erschienen.

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Günter de Bruyn erzählt von der verhängnisvollen Altersliebe des Staatskanzlers Hardenberg

Günter de Bruyn: Die Somnambule oder Des Staatskanzlers TodGünter de Bruyn ist inzwischen 89 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Beeskow und schreibt noch immer. Gerade ist sein neues Buch erschienen:  „Die Somnambule oder Des Staatskanzlers Tod“. In ihm geht es um einen alten Mann, der sich noch einmal in eine junge Frau verliebt. Auch, weil er es nicht erträgt, alt zu werden. Ein Stoff, der in einer älter werdenden Gesellschaft sicherlich nicht außergewöhnlich ist. Aber weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, hat sie einen ganz besonderen Reiz.

Günter de Bruyn erzählt von der letzten Liebe des preußischen Staatskanzlers und Reformers Karl August von Hardenberg. Mit 66 Jahren lernt er Friederike Hähnel kennen. Er verliebt sich in die nur 24 Jahre junge Frau und bringt nicht nur sein ganzes privates Umfeld gegen sich auf, sondern auch den König von Preußen, dessen Hof und den Großteil der Gesellschaft.

Das allein hätte schon genug Kraft, um eine Erzählung zu rechtfertigen. Aber die Geschichte hat noch mehr Zutaten, die uns neugierig machen. Der für seine Zeit sehr moderne Hardenberg stand auch damals modernen Heilmethoden aufgeschlossen gegenüber, wie dem Mesmerismus. Diese medizinische Methode glaubte, durch Magnetismus, sanftes Streichen und hypnotisch-psychologische Behandlungsmethoden die verschiedensten Krankheitsbilder heilen zu können. Bei einem Berliner Arzt dieser Schule sah Hardenberg die Hähnel das erste Mal. Sie war eher leicht angezogen und in einen hypnotischen Zustand versetzt (zumindest glaubten das die Anwesenden).

Günter de Bruyn erzählt dies mit vielen Zitaten von Zeitgenossen und einer leicht ironischen Distanz. Der Bericht über den Mesmerismus läßt de Bruyns Skepsis an aktuellen alternativen Heilmethoden erkennen. Und die Liebe des alten Mannes, der einer jungen Frau verfällt, ist für ihn auch ein Stoff, der nicht nur vor genau 200 Jahren Unheil anrichten konnte.

Das funktioniert deshalb so gut, weil de Bruyn immer bei den Fakten bleibt. Er, der wie kein anderer die Landschaft und Geschichte Brandenburg-Preußens ins literarische Bewußtsein der Gegenwart holte, vermeidet es konsequent, Altherren-Erotik wie etwa Martin Walser zu verfassen. Die Gefahr bei diesem Stoff, der ja auch noch die Scheidung Hardenbergs beinhaltet und dann den Tod des Staatskanzlers, weil er seiner Liebe nicht mehr gewachsen war, ist ja gewaltig groß. Er würde auch für ein schmalziges Historienspektakel taugen. Aber –  wie gesagt – da ist Günter de Bruyn vor. Und das ist ein Segen für diese feine, kleine Erzählung aus Preußen.

„Die Somnambule oder des Staatskanzlers Tod“ ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

Die absonderliche Brautschau von Fürst Pückler in England

Peter James Bowman:  Ein Glücksritter - Die englischen Jahre von Fürst Pückler-MuskauDie Idee klingt absurd. Da lässt sich ein Paar scheiden, weil der Mann sich auf die Suche nach einer neuen Frau machen soll. Die soll dann mit der Ex unter einem Dach leben, weil sich das Scheidungspaar noch immer liebt. Die neue Frau soll das aber erst erfahren, wenn sie wirklich mit der Ex im gleichen Haus lebt. Einzige Voraussetzung: Die Neue muss eine Mitgift bekommen, die zur Tilgung der Schulden genügt.

Auf eine solche Idee kann nur kommen, wer einigermaßen verzweifelt ist. Fürst Hermann von Pückler-Muskau und seine Frau Lucie von Hardenberg stand das Wasser bis zum Hals. Die Güter in Muskau und Branitz erwirtschafteten nicht die Mittel, die zum Ausbau und zum Unterhalt der teuren Anlagen inklusive des Landschaftsparks in Muskau benötigt wurden. Aber beide, Hermann und Lucie wollten Muskau unbedingt erhalten. Um das zu ermöglichen, machte Lucie ihrem Mann den Vorschlag, sich scheiden zu lassen, damit er in England eine reiche Erbin heiraten kann. Ein Engländer ist es jetzt, der diese Episode im Leben Pücklers zu einem Buch zusammenfasste: „Der Glücksritter – Die englischen Jahre von Fürst Pückler-Muskau“ heißt der Band von Peter James Bowman.

Berühmt wurde der Fürst als Gartenbauer und als Schriftsteller. Mit seinem Buch „Briefe eines Verstorbenen“ schrieb er einen Bestseller in Deutschland, Frankreich und England. Bowman erzählt eigentlich die Geschichte, wie es zu diesem Buch kam. Denn die Briefe eines Verstorbenen sind die Überarbeitung von Pücklers Briefen an seine (Ex-) Frau Lucie. Sie reduzieren sich auf die Beschreibung von Menschen, Städten, Parks und Sitten vor allem in England. Was fehlt, sind sämtliche Passagen, in denen es um den eigentlichen Zweck der jahrelangen Reise ging: Die Suche nach einer guten Partie.

Bowman gelingt es, die schillernde Person Pückler-Muskau in all ihren Facetten zu beschreiben. Der Fürst ist sowohl ein Dandy als auch ein schüchterner Reisender, der Englisch erst in der Zeit in England immer besser beherrscht. Er ist kalt beim Sortieren potenzieller reicher Erbinnen, aber zu sensibel, um sich für eine zu entscheiden – und diese dann mit dem Leben mit Lucie zu konfrontieren. Pückler ist ein Lebemann und ein aufmerksamer Begleiter. Und Pückler ist vor allem ein unglaublich offener Mensch, der seiner in Muskau wartenden Lucie alles erzählt, was er erlebt. Auch, wenn das Lucie verletzen kann.

„Der Gücksritter“ ist eine kurzweilige Reise ins England der 1820er-Jahre. Übersetzt von Astrid Köhler regt es dazu an, die Reisebriefe Pücklers zu lesen. Ausgestattet mit Bildern der Zeit ist es mehr als nur ein guter Text. Der Band ist wiedereinmal ein schön gestaltetes Buch im Grün der Parks von Fürst Pückler-Muskau.

Ach ja: Der Fürst kehrte ohne reiche Engländerin zurück. Seine finanziellen Probleme lösten fürs erste die „Briefe eines Verstorbenen“.

Fridericiana (IV) – d’Apriles feines Buch über die Aufklärer im Umfeld Friedrichs

Iwan-Michelangelo D'Aprile: Friedrich und seine Aufklärer
Iwan-Michelangelo D’Aprile: Friedrich und seine Aufklärer

Dieses Buch über die Aufklärung im Umfeld Friedrich II. aus dem Hause der heimischen MOZ hätten die Stadtverordneten von Frankfurt (Oder) mal lesen sollen. Und zwar vor der Abstimmung über den Namen des Karl-Liebknecht-Gymnasiums! Dann hätten sie festgestellt, dass es in Frankfurt Bezüge zu vielen positiven historischen Menschen gibt, die es allemal wert wären Namensgeber einer Schule zu sein – statt des Begründers einer in ihrer Geschichte regelmäßig die Menschenrechte mit Füßen tretenden kommunistischen Partei.

20 knappe Biografien hat der Potsdamer Historiker Iwan-Michelangelo d’Aprile geschrieben. Wobei das Wort Biografie etwas zu groß ist für diese Schlaglichter. Alle porträtierten spielen als Reformer im Zeitalter der Aufklärung in Preußen eine wichtige Rolle. Sie reformieren die Schulen, organisieren Universitäten erstmals wissenschaftlich oder begründen die moderne Staatsführung.

Die 100 Seiten lesen sich schnell, da d’Aprile eine klare Sprache hat. Die vielen Bilder runden den Eindruck von den Männern ab, die für ihr aufgeklärtes Denken oftmals auch persönliche Schwierigkeiten bis hin zur Haft auf sich nahmen. Vor allem nach Friedrich II. Tod war die Gefahr wieder größer, wegen eigenständigem Denken mit dem König oder dem Adel in Konflikt zu geraten.

Einige von ihnen haben an der Viadrina studiert oder lehrten dort. Etwa Christian Thomasius, der nach seinem Wechsel nach Leipzig die erste Vorlesung in Deutsch und nicht in Latein veranstaltete und der für die klare Trennung von Theologie und Wissenschaft eintrat. Eine Tradition, in die sich ein Frankfurter Gymnasium gut stellen ließe. Oder Gotthold Ephraim Lessing, der eine Minna von Barnhelm erstmals in Frankfurt zur Aufführung brachte – und damit dem Bürgertum das Theater eroberte. Auch er wäre ein guter Schulpatron. Oder Hans von Held, der an der Viadrina studierte und einer de wichtigsten Journalisten der Aufklärung war. Auch diese Tradition des Kampfes um Pressefreiheit wäre ein schöner Bezug für ein Gymnasium. Aber auf solche Ideen kamen in Frankfurt (Oder) die Kämpfer für die Aufrechterhaltung der SED-/DDR-Tradition nicht. Kein Wunder, Freiheit ist keine Bezugsgröße für sie. Sehr zum Leidwesen der Schüler.

Mehr Fridericiana:

I. Norbert Leitholds Panorama überzeugt
II. Wo steht das Erbstück richtig? 
III. Friederisiko zeigt den Preußenkönig in allen Farben

Fridericiana (III) – Friederisiko zeigt den Preußenkönig in allen Farben

Der Alte Fritz in vielen Farben
Der Alte Fritz in vielen Farben

Friederisiko, die Ausstellung zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs, zeigt Friedrich II. so bunt und vielseitig wie diese Büsten eines hießigen Künstlers aus dem Museumsshop. Da gibt es Räume über den Politiker, den Mann, das Kind, den Kunstfreund, den Feldherren, den Patriarchen und immer wieder ganz einfach über den Menschen. Mehr kann eine Ausstellung nicht schaffen. Und der Besucher kann das gar nicht alles ausfnehmen. Deshalb bin ich mir sicher, dass ich diese Ausstellung noch mindestens einmal besuchen werde.

Denn der Rahmen für die Jubiläumsschau ist das Neue Palais in Potsdam. Dieses Schloss, das Friedrich als Gästehaus und Zeichen seiner Macht hat bauen lassen, wurde extra restauriert. Etliche Räume waren noch nie zugänglich. Jetzt sind sie es – und sie blenden. Denn sie sind Ausdruck des Kunstsinns Friedrichs, der Verschwendungssucht, des Machtbewusstseins und der Freude am – teils witzigen – Detail.

Die Audio-Guides erklären das alles sehr gut. Die Fassung für Kinder ist aber wieder einmal packender. Hier wird nicht nur doziert, sondern in einem szenischen Gespräch mit gut ausgewählten Tönen eine enorme Anschaulichkeit erzeugt. Die vielen seltenen Exponate tun ein Übriges, um den Besucher gut zu informieren und Friedrich nahe zu bringen. Aber natürlich fordert allein ihre Fülle von mehreren hundert Stück die volle Konzentration des Besuchers. Mir war es für das erste Mal zu viel. Aber ich bin nicht satt. Ich bin nur überwältigt. Das wird sich mit dem Katalog aber bewältigen lassen. Und dann will ich da noch einmal hin. Oder vielleicht sogar zweimal! Und das sieht auch mein Sohn genauso.

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II. Wo steht das Erbstück richtig?
IV. d’Apriles feines Buch über die Aufklärer in Umfeld Friedrichs

Fridericiana (II): Wo steht das Erbstück richtig?

Friedrich II als Erbstück
Friedrich II als Erbstück

Der Großvater hat sich seinen Friedrich einst gekauft. Das politische Testament des Preußenkönigs war ihm sein wichtigstes Buch. Der Berliner, preußische Polizist, deutsche Soldat verehrte den ersten Diener seines Staates. Nur einmal las er mir aus einem Buch vor. Es war aus diesem Buch des Königs.

Friedrich II als Erbstück
Friedrich II als Erbstück

Jetzt ist die kleine Messing-Statue bei mir. Ich suche den richtigen Platz für ihn. Ein Regal mit Geschichtsbüchern scheint mir der richtige Ort. Doch vor welchen Büchern? Und auf welcher Höhe?

Friedrich II als Erbstück
Friedrich II als Erbstück

Ich habe kein vergleichbar inniges Verhältnis zum Preußen. Zwar habe ich meinen Zugang zur Geschichte auch über die Heyne-Biografie Friedrichs gefunden, so wie über viele andere dieser Reihe. Aber dieses Leben ohne echten Genuss war mir schön damals nicht ganz geheuer.

Friedrich II als Erbstück
Friedrich II als Erbstück

Aber wo ist jetzt der rechte Platz für ihn? Direkt vor seiner Biografie? Vor der Antike, die ihm so wichtig war? Oder vor Verwerfungen unserer jüngsten Geschichte, die alles Preußische lange vollständig vergessen wollte? Oder doch eher vor der Epoche, die direkt nach seinem aufgeklärten Absolutismus kam und ihn deshalb vor Michelets Revolutionsgeschichte erst recht wie ein Relikt aus der Vergangenheit aussehen lässt?

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Fridericiana (I) – Norbert Leitholds Panorama überzeugt

Norbert Leithold: Friedrich II. von Preußen - Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z
Norbert Leithold: Friedrich II. von Preußen – Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z

Bücher über Friedrich II. gibt es ja derzeit zuhauf. Das von  Norbert Leithold ragt aus dem Biographien, Anekdoten-Sammlungen und historischen Abhandlungen heraus. Denn Leithold hat quasi einen Friedrich-Blog zwischen Bücherdeckel gepackt.

„Friedrich II. von Preußen – Ein kulturgeschichtliches Panorama von A bis Z“ versammelt knappe, aber exakte und noch dazu gut erzählte Texte von „Abenteurer“ bis „Zeitungen und Journale“. Jeder dieser 95 Artikel überzeugt nicht nur durch die Darstellung, sondern vor allem auch durch die Verlinkung mit anderen Texten und teilweise mit weiteren erläuternden Artikeln, die die Zeitumstände beleuchten. All das ist, wie gesagt, wie auf einem Blog verlinkt. Und so springt der Leser nicht unbedingt alphabetisch, wie das Buch geordnet ist, durch die Seiten. Vielmehr kann er stöbern, blättern, erneut nachlesen und so besser verstehen.

Norbert Bleisch, so heißt Leithold eigentlich, hat mehrere Romane veröffentlicht und auch am Ingeborg-Bachmann-Preis teilgenommen. Diese literarische Ausbildung ist jedem Text anzumerken. Denn Leithold/Bleisch erzählt Geschichten – und erleichtert so den Zugang auch zu schweren historischen Themen.

Leithold blendet auch neue Quellen in seine Texte ein. Etwa die Briefe des Grafen Johann Eustach von Goertz (1737-1821), den Prinzenerzieher des Erbprinzen Carl August von Sachsen-Weimar und Diplomaten in Diensten des Weimarer Hofes und von Friedrich dem Großen. Überhaupt ist es erstaunlich, wie viele Quellen zu Friedrich noch gar nicht richtig ausgewertet wurden und auf die Forscher nur warten. Auch davon erzählt Leithold – und davon, was eine neue Quellenauswertung zur Korrektur einer der historisch am häufigsten  von unterschiedlichsten politischen Gruppen und Ideologien missbrauchten Figur der deutschen Geschichte beitragen kann. In den fast 100 Texten kommt deshalb nicht nur ein erstaunlich umfassendes, sondern auch ein sehr facettenreiches Bild des preußischen Königs zusammen. Und ein guter Führer durch das Friedrich-Jahr.

Mehr Fridericiana:
II.  Wohin mit dem Erbstück?
III. Friederisiko zeigt den Preußenkönig in allen Farben
IV. d’Apriles feines Buch über die Aufklärer in Umfeld Friedrichs

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Partnerschaft auf Augenhöhe

Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig  - Caroline und Wilhelm von Humboldt
Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig - Caroline und Wilhelm von Humboldt

Den Namen Humboldt tragen Schulen und eine Universität. Straßen sind so benannt. Ob damit Alexander oder Wilhelm oder beide geehrt werden, wissen selbst die Lehrer und Professoren nicht. Sicher ist nur, dass Caroline von Humboldt nicht gemeint ist. Hazel Rosenstrauch will das ändern. In ihrem Buch „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“ zeichnet sie das Leben zweier faszinierender Persönlichkeiten nach – und einer außergewöhnlichen Partnerschaft.

Wilhelm von Humboldt ist als der große Bildungsreformer Preußens in die Geschichte eingegangen. Und das, obwohl er nur einige Monate Minister war. Die meiste Zeit in Diensten Preußens war er Gesandter in Rom, Paris oder London.

Doch in Rosenstrauchs Buch geht es weniger um die Leistungen des Mannes, als um das Sittenbild einer Generation, die von der Aufklärung erfüllt und von Sturm und Drang beseelt war. Und dafür ist Caroline von Humboldt sehr bedeutsam. Denn die Thüringer Landadelige steht für einen Typus Frau, den es im späten 18. Jahrhundert in der sich formierenden literarischen Öffentlichkeit nicht nur vereinzelt gab. Caroline war Teil des Freundeskreises, zu dem Schiller genauso gehörte wie Rahel Levin, die spätere Rahel Varnhagen von Ense. In diesen aufgeklärten Kreisen galt die Stimme der Frau sehr viel. Entgegen der Konventionen wurden sogar Scheidungen toleriert.

Das Paar Caroline und Wilhelm von Humboldt lebte eine Ehe auf Augenhöhe. Beide wahrten ihre Autonomie, beide hatten Beziehungen außerhalb der Ehe. Und doch stand für sie nie in Frage, zueinander zu gehören. Wie Hazel Rosenstrauch diese Beziehung anhand der Briefe nachzeichnet, zeugt von viel Einfühlvermögen und einer umfassenden Kenntnis der Zeit. Dabei blendet sie auch nicht die negativen Aspekte aus. Caroline wandelte sich von der aufgeklärt toleranten Frau zur nationalen Antisemitin, während Wilhelm dieser geistigen Seuche gegenüber resistent blieb. Aber auch in diesem Aspekt steht Caroline von Humboldt beispielhaft für die deutsche Geistesgeschichte – und Wilhelm bleibt auch hier die vorbildhafte Ausnahme.

Hazel Rosenstrauch: „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“, Eichborn Verlag, Frankfurt/Main, 333 S., 24,95 Euro