Konstytucja – oder der Riss durch Polen beim Festkonzert mitten in Berlin


Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt ist ganz in rot und weiß getaucht. Die Nationalfarben Polens erinnern an 100 Jahre Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Und das mitten in Berlin. Einer der drei Hauptstädte, die Polen 123 Jahre von der Landkarte getilgt hatten.

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Andrzej Duda eskaliert die Spaltung Europas

Foto: Andreas Oppermann
Denkwürdige Diskussion beim Deutsch-Polnischen Forum in Berlin

Vielleicht gilt der 23. Oktober 2018 bald als der Tag, an dem sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen nachhaltig verschlechtert hat. Im Rahmen der Tagung des Deutsch-Polnischen Forums hatten sich die Präsidenten beider Länder zur Diskussion gestellt. Was die Vertreter der Zivilgesellschaften dann zu hören bekamen, löste von Kopfschütteln bis Fassungslosigkeit so ziemlich alle Formen der Verwunderung aus.

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Emilia Smechowski entdeckt den Strebermigranten in sich

Gnadenlos offen ist Emilia Smechowski in ihrem Buch „Wir Strebermigranten“. Sie erzählt ihre eigene Geschichte ohne sich und vor allem ihre Eltern zu schonen. Denn bei der Beantwortung der Frage, warum ausgerechnet die Polen in Deutschland Streber in der Anpassung sind, spürt sie der Motivlage ihrer Eltern nach.

Die Polen haben sich so angepasst, dass sie kaum oder gar nicht auffallen. Deshalb wissen viele Deutsche nicht, dass die zweitgrößte Gruppe der Einwanderer nach Deutschland Polen sind. Millionen von ihnen leben in Deutschland. Ohne sie würden viele Krankenhäuser nicht mehr funktionieren. Aber dennoch sind sie meist nicht sichtbar. Polen sind die zweitgrößte Migrantengruppe in Deutschland. Aber sie haben sich so angepasst, dass sie nicht auffallen. „Emilia Smechowski entdeckt den Strebermigranten in sich“ weiterlesen

Die Zwerge von Breslau

Wer sich in Breslau nicht nur die schön restaurierten Giebel, Fenster und Wandmalereien anschaut, wer nicht nur Ausschau nach den vielen Kneipen und Restaurants hält, sondern auch ab und an den Blick über das Kopfsteinpflaster schweifen lässt, der kann sie nicht übersehen: die Zwerge. Überall sind die kleinen Kunstwerke aus Bronze in der Stadt verteilt. Wer sie wahrnehmen will, muss genau hinsehen. Dann wird er mit viel Humor überrascht. „Die Zwerge von Breslau“ weiterlesen

Bei Matthus sehnen sich „Luthers Träume“ nach Brüsten, Bier und Essen

Foto: Andreas Oppermann
Howard Griffiths, Siegfried Matthus und die Solisten beim Applaus.

Die Konstellation hat es in sich: Ein ehemaliger DDR-Staatskünstler schreibt eine musikalische Vision über den Protestanten Luther, das bei der Welturaufführung auch vor polnischen Katholiken intoniert wird. Da ist theologisch und weltanschaulich „Musike drin“. Auf jeden Fall stellt sich sofort die Frage, ob es künstlerisch gelingt, den Text so in Musik zu setzen, dass sich der Sinn der Worte vermittelt, selbst wenn man sie nicht verstehen kann. „Bei Matthus sehnen sich „Luthers Träume“ nach Brüsten, Bier und Essen“ weiterlesen

Wlodzimierz Odojewski im Sog der „Verdrehten Zeit“

Wlodzimierz Odojewski: Verdrehte ZeitWlodzimierz Odojewski ist einer der Gegenwartsautoren Polens, die nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten. Zwar sind seine Bücher auch in Deutschland erschienen, aber vor 1989 war das ein Drahtseilakt und anschließend war das Interesse in Deutschland an Polen nicht so groß, wie es eigentlich immer sein müsste. Jetzt ist sein Roman „Verdrehte Zeit“ bei dtv erschienen. Zwei Tage zuvor, am 20. Juli ist er jedoch mit 86 Jahren gestorben. Sein großes Thema war Polen im 2. Weltkrieg.

20 Jahre nach seiner Beteiligung im Widerstand gegen die Deutschen wird Waclaw Konradius in die Vergangenheit zurückgeworfen. Damals war er in einer Gruppe, die einen ranghohen SS-Mann liquidieren sollte. Doch die Gruppe wurde verraten, nur er selbst überlebte. Jetzt – im Roman das Jahr 1964 – wird er wieder an das prägende Ereignis seines Lebens erinnert. „Wlodzimierz Odojewski im Sog der „Verdrehten Zeit““ weiterlesen

Maxim Leo schickt Kommissar Voss zum Auentod

Maxim Leo: AuentodAlles beginnt mit einer polnischen Hochzeit. Kommissar Voss feiert zusammen mit seiner Freundin, der Pflegerin seiner Mutter, mit viel Wodka einige Kilometer hinter der polnischen Grenze. Am nächsten Morgen wird Maja entführt. Aus einem fröhlichen Kurzurlaub wird ein Kriminalfall mit viel persönlichen Gefühlen.

Maxim Leo schickt seinen Ermittler aus der Nähe von Bad Freienwalde in sein zweites Abenteuer. Diesmal spielt die Grenze eine wesentliche Rolle, die mit dem Verschwinden Majas, einem vermeintlichen Selbstmord eines IT-Spezialisten und vielen gestohlenen Autos zu tun hat. Aber das wird erst langsam klar. Maxim Leo hat seinen neuen Krimi aus dem Oderland mit vielen klugen Beobachtungen gefüllt. Aber die Dichte der Fälle, in die Voss verwickelt wird, hätten vielleicht auch für zwei Bücher gereicht.

Das Beste am neuen Krimi ist die Entdeckung Polens. Und dabei der unverstellte Blick von Maxim Leo auf das Nachbarland. Leo hat in Polen die Augen geöffnet und die deutschen Vorurteile versucht zu vergessen. Wenn überhaupt, dann bricht er sie auf amüsante Art. Dennoch vergisst er nicht, die Spannung aufzubauen. Die Polizeiarbeit ist in sich logisch, auch wenn sich Voss nicht wirklich an die Regeln hält. Die persönliche Verstrickung in den Fall vernebelt ihm den freien Blick auf das Geschehen. Der meint stets, zu wissen, um was es geht. Aber Maxim Leo hat immer noch eine Drehung mehr zu bieten. Und genau das macht das Buch fast zu voll von Ideen und Tätern und Handlungssträngen. Dennoch lohnt sich der zweite Fall von Kommissar Voss.

Jurij Wynnytschuk entführt uns nach Lemberg

Jurij Wynnytschuk: Im Schatten der MohnblüteDer Krieg in der Ukraine hat das Land zwischen Polen und Russland buchstäblich ins europäische Bewusstsein geschossen. Je länger die russische Aggression währt, umso mehr beschäftigen sich Öffentlichkeit und Medien, aber auch die Wissenschaft mit der Geschichte des Landes. Und umso klarer schält sich heraus, dass die Ukraine eine eigenständige Kultur, eine eigene Sprache, ein eigenes Nationalbewusstsein hat, das sich klar gegen Russland abgrenzt. Ein wunderbares Beispiel für die ukrainische Literatur ist der kürzlich erschienene Roman „Im Schatten der Mohnblüte“ von Jurij Wynnytschuk.

Im Mittelpunkt des Buches die Freundschaft von vier jungen Lembergern. Ein Pole, ein Ukrainer, ein Jude und ein Deutscher bilden das Quartett, das in den 1930er-Jahren in der damals polnischen Stadt unzertrennlich sind. Jurij Wynnytschuk schildert die multikulturelle Stadt aus der Sicht der dort lebenden Nationalitäten bis in die 1940er-Jahre hinein. Der Roman handelt also von Krieg und Frieden. Er schildert die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee in Folge des Hitler-Stalin-Paktes und fast zwei Jahre später durch die Wehrmacht. Wynnytschuk erzählt vom Wüten des NKWD und davon, wie die gleichen Foltergefängnisse dann von der Gestapo genutzt wurden, um nach dem Fall Lembergs 1944 wieder vom NKWD in Besitz genommen zu werden.

Im Grauen, das die Stadt erlebte, fehlt natürlich auch nicht der Untergang und die Vernichtung der Juden durch die Deutschen. Eine furchtbare Rolle dabei muss der jüdische Freund übernehmen. Er muss bei den Exekutionen zusammen mit anderen Juden in einem Orchester musizieren. Dabei spielt er einen ganz speziellen Tango so, dass er kaum gehört werden kann. Aber dessen Melodie hat eine ganz wichtige Funktion: Wer sie beim Sterben hört, erhält die Chance zur Seelenwanderung in einen anderen Menschen, der dann zwei Seelen in sich trägt. Eine gewagte Geschichte, die Jurij Wynnytschuk aber wunderbar erzählt. Diese Seelenwanderung ermöglicht es den Menschen, vertraute Seelen wiederzufinden. Und so finden auch die Freunde wieder – und zwar in der von der Sowjetunion befreiten Ukraine.

„Im Schatten der Mohnblüte“ vereinigt alles, was gute Literatur ausmacht. Es strotzt vor Fabulierfreude, es öffnet den Kopf für phantastische Gedanken, die sich trotz allem irgendwie wahr anfühlen. Denn wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen man sich fremden Menschen verbunden fühlt oder sich in einer fremden Stadt auskennt, als sei man schon dort gewesen. Jurij Wynnytschuk verzaubert den Leser, der sich auf das Gedankenexperiment einlässt. Und er zeigt in seinem Lemberg-Roman ganz deutlich, weshalb die Ukraine kein Wurmfortsatz Russlands ist, sondern eigenständig.

Steffen Möller entdeckt für uns Warschau

Steffen Möller: Viva WarszawaWarschau ist eine Reise wert. Davon ist Steffen Möller, der viele Jahre in der polnischen Hauptstadt gelebt hat, überzeugt. Aber da Warschau bei den Touristen immer den Kürzeren im Vergleich mit Krakau zieht, erklärt uns Deutschlands bekanntester Polen-Versteher und -Kenner den Reiz der Stadt. Mehr als 280 kurzweilige Seiten locken uns nach Warschau. „Steffen Möller entdeckt für uns Warschau“ weiterlesen

Maxim Biller ist im Kopf von Bruno Schulz

Maxim Biller: Im Kopf von Bruno SchulzBruno Schulz, der große polnisch-jüdische Schriftsteller schreibt einen Brief an Thomas Mann. 1938, schon nach dem Einmarsch Deutschlands ins Sudetenland, sitzt Schulz an seinem Schreibtisch im heimisch Drohobycz und berichtet in einem Brief an den Autoren-Kollegen von dessen Doppelgänger. Das ist der Rahmen für eine kleine Novelle von Maxim Biller, in der auf nicht einmal 70 Seiten ein visionärer Alptraum entsteht, dem man sich als Leser nicht entziehen kann. „Maxim Biller ist im Kopf von Bruno Schulz“ weiterlesen