Sigismund Krzyzanowski und sein „Club der Buchstabemörder“

Sigismund Krzyzanowski: Der Club der BuchstabenmörderIm Moskau der 1920er-Jahre treffen sich Literaten jeden Samstag, um ihre Ideen auszutauschen. Der Ort ist eine Bibliothek mit leeren Regalen. Bücher gibt es für sie nicht mehr. „Der Club der Buchstabenmörder“ ist sich sicher, dass Buchstaben auf Papier Ideen nicht befördern, sondern töten. Und sie glauben zu wissen, dass echte Überzeugungen das Ende der Freiheit sind. Sigismund Krzyzanowski (1887 – 1950) entwirft ein Szenario des literarischen Austauschs in einer Diktatur, die das eigenständige Denken als Gefahr begreift.

Zwar nimmt Krzyzanowski nie direkten Bezug auf die bolschewistische Revolution und ihren Terror. Aber das Bild der leeren Bibliothek ist ein sehr starkes, weil es auch für die geistige Armut der Diktatur steht, in der abweichende Gedanken Verschleppung und Tod bedeuten können. Sie steht aber auch für diesen exklusiven Club von Denkern, die sich ihres unabhängigen Denkens gewiss sind und deshalb auf die Fixierung auf Papier verzichten können. Dorothea Trottenberg findet als Übersetzung dafür immer die richtigen Sprachbilder und die nötige Distanz, die den Roman auszeichnet.

Der schmale Band aus dem Dörlemann Verlag ist eine faszinierende Entdeckung. Formal erinnert er etwas an das Dekameron, in den auch reihum Geschichten erzählt werden. Hier ist jeden Samstag ein anderer Erzähler an der Reihe. Sie entwickeln phantastische Geschichten voller literarischer Anspielungen. Gleich in der ersten wird dies auf die Spitze getrieben. Denn hier wird ein aus dem Hamletstoff eine Erzählung konstruiert, in der einzelne Rollen und Figuren ein Eigenleben entwickeln, sich vom Text Shakespeares geradezu emanzipieren. Als Einstieg ist dies ziemlich starker Tobak. Die folgenden Geschichten sind eingängiger und nicht ganz so theoriebeladen. Aber das hat wiederum den Effekt, dass dieser außergewöhnliche Roman von Seite zu Seite eingängiger und bereichernder wird.

Denn Krzyzanowski entfaltet auf den gut 220 Seiten vor allem das, was Literatur in ihrer vielfältigen Form zu leisten vermag. Eine Imagination der Wirklichkeit, die in kunstvollen Formen Erfahrungen des Lebens destilliert. Insofern ist dieser besondere Roman Literatur über Literatur, der auch in Zeiten funktioniert, wo das Denken nicht beschränkt und literarisches Schaffen nicht von Freiheitsentzug und Tod bedroht ist. Ein Abenteuer des Denkens und Entdeckens ist „Der Club der Buchstabenmörder“ aber allemal.

 

Karl Schlögel zieht Lektionen aus dem Ukraine-Krieg

Karl Schlögel: Entscheidung in KiewDer Krieg Russlands in der Ukraine hat Europa viel nachhaltiger verändert, als es den meisten politischen Beobachtern und der Öffentlichkeit bewusst ist. Davon ist Karl Schlögel überzeugt. Der Osteuropa-Historiker, der bis zu seiner Emeritierung an der Viadrina in Frankfurt (Oder) lehrte, hat in seinem neuen Buch nicht nur eine Einordnung der russischen Aggression vorgelegt, sondern auch eine persönliche Überprüfung des eigenen Denkens über die ukrainische Geschichte. Dazu hat er sich vor allem seiner wichtigsten Methode bedient, der Städteporträts, bei denen er die historischen Schichten der Stadtgeschichte freilegt.

Doch die ersten knapp 100 Seiten seiner „ukrainischen Lektionen“ – so der Untertitel des Buches – sind ein Essay, in dem er fragt, warum die Ukraine nach wie vor nicht als selbständiges Subjekt im Westen wahrgenommen wird. Schlögel schildert, wie auch er Kiew und die anderen Städte der Ukraine immer aus der Sicht des russischen, beziehungsweise sowjetischen Imperiums wahrgenommen hat. Als Orte in der Peripherie wurden sie immer auf Moskau und das Reich bezogen. Ihre Eigenständigkeit ist dabei vergessen worden. Und doch ist die Ukraine ein Land mit einer lange historischen Tradition, mit einer Sprache, die kein russischer Bauerndialekt ist, sondern eigenständig ist. Wer das vergisst und immer nur den Blickwinkel der imperialistischen Herrscher in Moskau einnimmt, denkt die Ukraine zwangsläufig als Teil Russlands – und wird damit einem der größten europäischen Länder nicht gerecht.

Ein weiteres Problem ist nach Schlögels Sicht die Gleichsetzung von Russland und der Sowjetunion, wenn es um den 2. Weltkrieg geht. Schlögel wählt deshalb des Begriff „Sowjetmensch“, wenn er von den Opfern in generalisierter Form spricht. Denn die deutsche Wehrmacht und die SS haben auf dem Gebiet der Sowjetunion vor allem in Weißrussland und der Ukraine ihren brutalen Krieg geführt. Millionen sowjetischer Zwangsarbeiter waren Ukrainer – mehr als Russen. Und bei Rückzug fielen der „verbrannten Erde“ tausende ukrainische Dörfer und Städte zum Opfer. Schlögel wirbt dafür, sich das bewusst zu machen, um die Ukrainer besser verstehen zu können.

In seinen Städteporträts der wichtigsten ukrainischen Städte legt er die historischen Schichten frei, die in ihn zu entdecken sind. Und dabei ist er wiederum sehr genau in den Benennungen. Sowjetische, russische, ukrainische Einflüsse werden als solche benannt, genauso wie jüdische, griechische, polnische oder deutsche. Wer sich mit Schlögel auf den geistigen Stadtrundgang durch Kiew macht, erlebt die enorme Vielfalt der Stadt, sieht die Narben, die deutsche und  sowjetische Diktatoren und ihre Schergen hinterlassen haben, lernt wo welcher Opfer gedacht wird – und wie enorm der Blutzoll im Krieg war – und in der Ära Stalins. Schlögel zeigt aber auch die Schönheit und die positiven Hinterlassenschaften. Er enthält sich eines Urteils. Und wird den Städten so gerecht.

Das gilt auch und gerade für Donezk, der inzwischen teilweise zerstörten Stadt des angeblichen Bürgerkriegs, der de facto das Ergebnis russischer Aggression mit russischen Soldaten und russischen Waffen ist. Schlögel war erst in diesem Jahr wieder in der Stadt. Er erzählt von den Menschen, die geflohen sind, von ganzen universitären Lehrkörpern, die ihre Tätigkeit in andere ukrainische Städte verlegt haben. Gerade am Beispiel Donezk macht er deutlich, wie nachhaltig die Veränderungen durch die russische Aggression für ganz Europa sind.

Gauck gedenkt am 8. Mai der Gefallenen der Roten Armee

Bundespräsident Gauck auf dem Soldatenfriedhof in Lebus

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Bundespräsident Gauck auf dem Soldatenfriedhof in Lebus

Joachim Gauck ist der richtige Präsident für die richtigen Worte in schwierigen Situationen. Am 8. Mai, 70 Jahre nach Kriegsende, bedankt er sich für die Befreiung Deutschlands durch die Alliierten. Alleine hätten es die Deutschen nicht geschafft, sich zu befreien. In Lebus bei Frankfurt (Oder) sagt er das. Auf einer Kriegsgräberstätte für sowjetische Soldaten, die in den letzten Tagen auf dem Weg nach Berlin ihr Leben ließen.

Gauck hält sich kurz, vergisst dabei aber auch nicht zu erwähnen, dass die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus nicht unbedingt Freiheit brachte. „Ich verneige mich auch vor dem Leid derer, denen die Befreiung vom Nationalsozialismus keine Freiheit brachte, sondern Rechtlosigkeit, Gewalt und Unterdrückung“, sagte der Präsident in Anwesenheit des russischen Botschafters  Grinin. Und des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk und weiteren Botschaftern des Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Gemeinsam gedachten sie der Opfer der Sowjetunion, machten dadurch aber auch klar, dass die Rote Armee keine russische Armee war, sondern eine vieler Völker.

Das war ein starkes Zeichen, ein angemessenes Gedenken, das die Vergangenheit in die Gegenwart spiegelte – und deutlich machte, dass Befreiung von einer Diktatur nicht gleich Freiheit bedeutet.

Naimark erinnert an den Völkermörder Stalin

Norman M. Naimark: Stalin und der GenozidDas Buch ist zwar schon knapp fünf Jahre alt. Aber „Stalin und der Genozid“ von Norman M. Naimark ist gerade jetzt eine wichtige Abhandlung über die Verbrechen der KPdSU in den 1920er bis 190er Jahren. Denn das Regime Wladimir Putins bezieht sich ganz offen auf Stalin. Bei offiziellen Anlässen sind Stalin-Banner zu sehen, die Denkmäler aus der sowjetischen Zeit werden weiter geehrt und all jene, die wie Memorial die Vergangenheit aufarbeiten wollen, leben gefährlich.

Norman M. Naimark übernimmt einen Teil der dringend notwendigen Aufarbeitung der Vergangenheit der Stalin-Ära. Er stellt in seinem gut 140 Seiten dünnen Essay die Frage, ob die großen Massenmörde, für die Stalin verantwortlich war, unter den Begriff Genozid gefasst werden können. Es geht also um die Deportation und Ermordung der Kulacken, den Holodomor – also den verordneten Hungertod an Millionen von Ukrainern, den „Großen Terror“ und die Massendeportationen von ganzen Völkern während des 2. Weltkrieges. Es steht außer Frage, dass Stalin ein Massenmörder war. Und es ist auch nicht umstritten, dass Stalin kein Problem damit hatte, ganze Bevölkerungsgruppen auszurotten. Aber dennoch fallen die Groß-Verbrechen Stalins nicht unbedingt unter den völkerrechtlichen Begriff Genozid – Völkermord.

Denn Stalin selbst hat zusammen mit den anderen Siegern des 2. Weltkrieges für die Nürnberger Prozesse und in der Folge für die UNO-Charta an der Definition des Tatbestandes Genozid mitgearbeitet. Deshalb beschränkt sich der Terminus auf „nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppen“, die ausgelöscht werden sollen. Der „Große Terror“ fällt deshalb genauso wenig unter diesen Begriff wie die Vernichtung der Kulacken. Bei diesen handelt es sich eher um eine soziale Gruppe in den Dörfern und bei jenen um politische Gegner. Den Holodomor schätzt Naimark allerdings anders ein. Und die großen Massendeportationen der Krim-Tataren, der Wolga-Deutschen und vieler anderer Volksgruppen erfüllen seiner Meinung nach den Tatbestand dagegen schon.

Naimark argumentiert stringent und genau entlang der Quellenlage. Für die politische Diskussion heute ist das von großem Interesse. Denn wer den Essay von Norman M. Naimark gelesen hat, versteht, was in Russland alles noch nicht aufgearbeitet wurde. Er kann nachvollziehen, wie eine völkische, faschistoide Politik mit historischen Verweisen auf Stalin und die kommunistische Vergangenheit funktionieren kann. Und er begreift, weshalb der politische Diskurs, den wir innerhalb Deutschland, der EU und des Westens gewohnt sind, mit Russland nicht funktioniert. Es gibt einfach keine Klarheit über die großen Verbrechen Stalins. Und eine Gesellschaft, die diese nicht aufarbeitet, kann die Gegenwart nicht friedlich gestalten. Denn der Krieg ist noch immer in den Köpfen.

Sinaida Hippius beschreibt die russischen Revolutionen

Sinaida Hippius: Petersburger Tagebücher 1914-1919Sie war in der Literaturszene des frühen 20. Jahrhunderts in Russland eine wichtige Größe: Sinaida Hippius. Sie war mit allen wichtigen Intelektuellen bekannt, ihre Gedichte wurden gelesen und ihre Mitarbeit bei Zeitschriften und Zeitungen geschätzt. In der Anderen Bibliothek jetzt ein besonderes Buch von ihr erschienen: die „Petersburger Tagebücher 1914 – 1918“.

In ihnen schildert sie ihre Sicht auf den 1. Weltkrieg. Sie beschreibt die schwache Regierung von Zar Alexander, den schwankenden Nationalismus und vor allem die schlechte Regierungskunst, die dann 1917 zu deren Sturz und einem permanentem revolutionären Zustand führte. Ihre Wohnung in St. Petersburg ist ein Ort, an dem sich liberale und linke Politiker treffen. Hier werden Resolutionen diskutiert, politische Aktionen vorbereitet und das Agieren der Generalität an der Front, des Zaren auf dem Thron oder der Regierung analysiert. Und das erstarken der revolutionären Kräfte, das Versagen Kerenskis und der Aufstieg der Bolschewisten.

Vor allem aber hat Sinaida Hippius von Anfang an einen Blick für die Brutalität und institutionalisierte Rechtlosigkeit der Bolschewisten. Gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Ukraine-Kriegs ist die Lektüre deshalb sehr aufschlussreich. Das bezieht sich auf das Agieren Russlands in der Ukraine in den Jahren 1917 und vor allem 1918. Aber auch auf die Kultur der Desinformation, die heute zu einer erschreckenden Perfektion ausgebaut wurde. Hippius schildert in klaren Worten, wie sich Maxim Gorki den Bolschewisten andiente und wie er sich letztlich moralisch korrumpierte. Vor allem aber beschreibt sie die Sehnsucht zu Europa zu gehören – und nicht zu einem Russland, das das Leben und die Rechte des Einzelnen nicht achtet. Nicht umsonst ist sie selbst 1919 aus Russland geflohen. Zu viele der eigenen Freunde waren zu diesem Zeitpunkt den Mördern im Dienste Lenins und Trotzkis schon zum Opfer gefallen.

Bettina Eberspächer und Helmut Ettinger haben die Tagebücher aus dem Russischen in ein klares Deutsch übersetzt. Da Tagebücher keine Lektüre sind, die von Form und Inhalt per se Spannung aufbauen, ist es auch ihr Verdienst, dass das Lesen stets fortgesetzt werden will.  Christa Ebert hat den Text mit einem guten Apparat versehen und in einem Nachwort eingeordnet.

Mehr von der Anderen Bibliothek auf diesem Blog…

Olga Grjasnowa ist vom eigenen Stoff überwältigt

Olga Grjasnowa: Die juristische Unschärfe einer EheSchreiben kann sie. Ideen hat sie. Geschichten, die erzählt werden wollen, hat sie ebenfalls. Und doch ist der zweite Roman von Olga Grjasnowa nicht wirklich überzeugend. Zu konstruiert wirkt die Geschichte. Und zu ambitioniert.

„Die juristische Unschärfe einer Ehe“ erzählt die Geschichte von Leyla, einer lesbischen Ballett-Tänzerin und Altay, einem schwulen Psychiater. Um ihre Neigungen leben zu können und die Familien in Baku ruhig zu stellen, heiraten beide und leben eine Scheinehe. Nach dem Umzug von Moskau nach Berlin, wo sie ihre Sexualität erstmals frei und ohne drohende Sanktionen ausleben können, lernen sie Jonoun kennen. Die Beziehung von Leyla und Jonoun erzeugt bei Altay Eifersucht. Und die führt zu Krisen. Überhaupt handelt das Buch hauptsächlich von Krisen. Von Leylas Krisen bei der Ausbildung zur Ballerina am Bolschoi in Moskau, von Altays Arbeit in einem Moskauer Krankenhaus, von den gescheiterten Ehen von Leylas Mutter und von den Krisen im Leben der Menschen in Baku. Krisen allerorten. Und doch der Versuch, glücklich zu werden oder wenigstens für einige Momente das Glück zu spüren.

Olga Grjasnowa ist in den Momenten wirklich in gut, in denen sie das Leben ihrer Geburtsstadt Baku und die Landschaften des Kaukasus schildert. Da macht sie den Leser neugierig, nimmt ihn mit in eine Welt, die faszinierend ist. Auch die Schilderungen von den Schindereien der Ballett-Ausbildung sind überzeugend. Doch was die Anziehungskraft zwischen Leyla und Jonoun ausmacht, bleibt im Ungefähren. Da prallen Menschen aufeinander, die völlig unterschiedlich sind, aber warum sie sich voneinander angezogen fühlen, ja weil sie sich irgendwie auch lieben, bleibt im Dunkeln. Genauso wie das Auseinandergleiten am Ende des Romans. Das ist nicht rund und lässt den Leser ratlos zurück.

Das ist schade, weil Olga Grjasnowa doch schreiben kann, weil in der Geschichte so viel steckt. Aber vielleicht ist das so bei einem zweiten Roman. Sie ist nicht die erste, die nach einem durchschlagenden Erfolg des Debüts beim zweiten Buch die Erwartungen nicht erfüllen kann. Das Buch ist irgendwie die erzählerische Unschärfe einer Ex-Dübetantin.

Der Krieg in der Ukraine eskaliert – und wir sehen weg

In der Ukraine eskaliert der Krieg. Die Separatisten bekennen sich zu Raketenangriffen auf Mariupol (nachdem sie von Moskau in den vergangenen Wochen offensichtlich so aufgerüstet und mit Soldaten verstärkt wurden, dass sie eine große Offensive starten konnten). Dutzende Menschen sterben täglich in einem Krieg mitten in Europa. Und beim Surfen über die wichtigsten Nachrichtenseiten im deutschen Internet spielt das (bis auf wenige Ausnahmen) keine oder nur eine versteckte Rolle. Ist das Angst vor Putins Trollen, die die Kommentarfunktionen verstopfen? Oder ist das Ignoranz? Oder mediale Ermüdung?

Inzwischen sind so viele Fakten über das Engagement Russlands zusammengetragen worden, doch Europa schaut weg. Immer dann, wenn Merkel, Steinmeier oder ein anderer wichtiger Politiker einen Schritt auf den Kreml zugeht, wird ein bis zwei Tage später mit einer Offensive der Separatisten geantwortet. Am Montag sagt Außenminister Lawrow zu, dass die schweren Waffen zurückgezogen würden. Heute schlagen Raketen in einem Wohngebiet in Mariupol ein. Vorgestern regte Merkel zusammen mit den wichtigsten Ministern der SPD eine Zollunion von Wladiwostok bis Lissabon an. Und was ist die Antwort? Tod und Mord in der Ukraine. Wie lange wollen wir uns das noch anschauen? Wenn jede Form von Diplomatie nichts bringt, muss dann nicht die Ukraine durch den Westen zumindest massiv aufgerüstet werden, damit sie sich wenigstens selbst verteidigen kann?

Übrigens: Ob Europa den Krieg Putins duldet, wird sich auf den Fortbestand der EU deutlich stärker auswirken als die morgige Wahl in Griechenland.

Alissa Ganijewa beschreibt den Untergang Dagestand durch Ismalismus und Antiterrorkampf

alissa-ganijewaIslamisten spielen in unseren Nachrichten eine wichtige Rolle. In Syrien, Irak, Libyen oder Mali machen sie sich in zerfallenden Staaten breit und terrorisieren die Bevölkerung. Alissa Ganijewa schildert in ihrem ersten Roman die Machtübernahme radikaler Islamisten in Dagestan. Eine russische Teilrepublik, die hier im Westen kaum bekannt ist. „Die russischen Mauer“ ist ein erschütternder Text, der vor allem von Niedergang und Zivilisationsverlust handelt, aber auch die große kulturelle Vielfalt des Kaukasus beschwört.

Alissa Ganijewa ist selbst in Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans, aufgewachsen. Studiert hat sie in Moskau, wo sie auch lebt. In ihrem Roman schildert sie einen islamistischen Umsturz in Dagestan vor allem aus der Perspektive Schamils, eines jungen Lokaljournalisten. Dagestan ist tatsächlich ein Landstrich, der seit nun eineinhalb Jahrzehnten von islamistischen Terror und russischen Militäroperationen geschunden wird. Ganijewa lässt sich auf die Traditionsstränge ein, die den Islamisten in die Hände spielen. Sie zeigt die Motivationen der islamistischen Kämpfer und ihrer weiblichen Unterstützerinnen. Das zutiefst korrupte Regime der Kommunisten ist ein wichtiger Aspekt. Aber auch die Missachtung alter Traditionen.

Auch für Schamil sind diese Traditionen noch Teil seines Lebens, obwohl er ein moderner Mensch ist. Mit Terror und Islamismus hat er nichts am Hut. Er will leben, Frauen verführen, Wodka trinken und in der Muckibude trainieren. Und er sucht einen dauerhaften Job, für den er allerdings zukünftige Vorgesetzte bestechen müsste. In Ganijewas Roman stolpert Schamil eher durchs Leben. Und dabei beobachtet er protzige Hochzeiten von Oligarchen, Versammlungen von Radikalen auf dem Hauptplatz oder Konzerte von Sängerinnen, die nicht mehr so selbstsicher wirken, weil der Umsturz zu erahnen ist. Und Schamil träumt: vom Leben auf dem Dorf, von alter Handwerkskunst oder Ausflügen in die wunderbare Bergwelt des Kaukasus.

Schamil kommt dabei leider zu naiv daher. Ganijewa haucht ihm zu wenig Leben ein, das den Leser mitfühlen lässt. Das liegt teilweise auch an der Sprache, die immer wieder von Phrasen in awarisch und anderen Sprachen durchzogen ist. Das hemmt den Lesefluss. Auf der anderen Seite entsteht dadurch eine orientalische Stimmung. Und das ist tatsächlich gut. So wie die Bewältigung des brutalen Stoffes auch eine große Könnerschaft zeigt. „Die russische Mauer“ ist ein seltenes Buch, das sich innerrussischen Konflikten annimmt. Mit Kritik spart die junge Autorin auch nicht. Schamil stirbt am Ende. Durch den Beschuss russischer Truppen. Der nächsten Stufe der Zerstörung des alten Dagestan, nachdem es die Islamisten schon innerlich vernichtet haben.

Christiane Körner hat das Buch aus dem Russischen übersetzt.

Yuriy Gurzhy und die Essad Bey City Rollers feiern Essad Bey

Ein Fund in einem Antiquariat soll der Grund für diesen großartigen Abend im Studio R des Gorki Theaters verantwortlich sein. Yuriy Gurzhy soll in Zürich die Biografie von Essad Bey entdeckt haben – und das Buch verschlungen haben. zu unglaublich ist das Leben des Essad Bey, der als Lew Nussimbaum in Baku geboren wurde, nach der Oktoberrevolution mit seinem Vater über Istanbul und Paris nach Berlin geflohen ist und schließlich ein berühmter, schillernder, deutscher Schriftsteller wurde. Zusammen mit Daniel Kahn, Marina Frenk, Ilya Schneyveys und Mehmet Yılmaz machte er sich jetzt auf eine muskalische Reise, um die Antwort auf die Frage „Who was Essad Bey“ zu suchen.

Die Essad Bey City Rollers am 18. Dezember 2014 im Studio R des Gorki-Theaters.

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Die Essad Bey City Rollers am 18. Dezember 2014 im Studio R des Gorki-Theaters.

Der Vater Ölbaron, die Mutter Revolutionärin, allein diese Konstellation würde schon für viele Geschichten und Lieder genügen. Aber aus dem Juden Lew Nussimbaum wurde auch noch der Muslim Essad Bey – und das mitten im Berlin der frühen 1920er-Jahre. Und der wurde zum erfolgreichen Schriftsteller, der sowohl die erste Stalin-Biografie als auch eine Mohammed-Biografie schrieb. Und Bücher über den Durst der Wirtschaft nach dem Erdöl. Und Romane – unter anderem einen der schönsten Liebesromane der Weltliteratur. Stoff also für mehr als ein Leben.

Als Essad Bey City Rollers treten die fünf auf. Das klingt nach Klamauk. Und tatsächlich hat dieser Auftritt mit Fez und Turban auch etwas Spielerisches. Es steht aber auch für das Wechselhafte des Essad Bey. Die Band singt einen Reigen eigener Lieder, die in ihrer Gesamtheit das Leben des Schriftstellers mit vielen seiner Widersprüche reflektieren. Das klingt ganz oft nach Rotfront, der Band von Yuriy Gurzhy. Vor allem aber klingt es nach dem Erwecken untergegangener kultureller Strömungen in Europa im Sound der Gegenwart.

Kombiniert werden die Songs mit Fotos und Videos, die den historischen Bezug zur Zeit und zum Leben Essad Beys auf eine Leinwand projizieren. Das sind ganz einfache Mittel, mit einer starken Wirkung im schwarzen Studio R. Die Lieder würden sowohl als Konzeptalbum als auch einfach so auf einer CD gut wirken. Die Band – und da vor allem die witzige, furiose, komische  Marina Frenk – sind live ein Erlebnis. Insgesamt entsteht so ein eindringlicher, gefühlvoller Abriss eines schillernden Lebens, der Lust auf die Bücher Essad Beys macht.

Die Reportagen von Albert Londres verblüffen durch Aktualität

Albert Londres: Ein Reporter und nichts als das
Albert Londres: Ein Reporter und nichts als das

Albert Londres kannte ich bislang nicht. Dass er ein großer französischer Journalist in den Zwischenkriegsjahren war, wusste ich nicht. Aber jetzt habe ich „Ein Reporter und nichts als das“ gelesen. „Die Andere Bibliothek“ hat wieder einmal Texte zugänglich gemacht, die in Deutschland bislang nicht verfügbar waren. Drei Bücher haben Christian Döring als Herausgeber und Linda Vogt als Lektorin in einem Band zusammengefasst. Und alle drei sind Reportagen von großer Klarheit.

„China aus den Fugen“ ist im Mai 1922 erschienen und schildert die Situation zehn Jahre nach der Abdankung des letzten Kaisers. „Ahashver ist angekommen“ ist eine Reise durch das jüdische Leben in Westeuropa, den Ghettos Osteuropas und im Palästina der Zionisten in den Jahren 1929 und 1930. Und „Perlenfischer“ ist das Ergebnis einer Recherche zwischen dem Golf von Oman und dem Golf von Aden im Jahr 1931. Jedes dieser Bücher ist ein erstaunlicher Reportageband. In ihrer Fülle sind sie ein fulminantes Zeugnis davon, was dieses Genre kann.

Das wird vor allem bei „Ahashver ist angekommen“ deutlich. Londres beginnt in London, sich auf die Suche nach dem Leben und dem Denken der Juden zu machen. Er lernt die reichen und die armen Juden kennen. Er besucht Talmud-Schulen und spricht mit Zionisten, die eine jüdische Zukunft nur in Palästina sehen. Von dort macht sich Londres auf den Weg über Westeuropa ins östliche Mitteleuropa, in die Tschechoslowakei, nach Polen und Russland. Er erlebt die kaum vorstellbare Armut der Juden in den Karpaten oder dem Lemberger Ghetto. Er reist zusammen mit Menschen, die sieben Sprachen fließend sprechen, aber es nicht schaffen sich aus den furchtbaren Zuständen ihrer Heimatorte zu befreien. Er lernt Wunderrabbis kennen und überall sieht er Fotografien von Theodor Herzl, dem Begründer des Zionismus. Londres erfährt, was die Juden Europas bewegt, wie unterschiedlich sie denken – und wie antisemitisch die Gesetzgebung Polens war, wie diskriminierend Tschechen, Slowaken, Rumänen, Ukrainer oder Russen mit der Minderheit in ihrer Mitte umgingen. Londres hört überlebenden der Pogrome in Russland zu. Und so versteht er immer besser, warum sich ein Teil der Juden in den tiefen Glauben flüchtete und ein anderer sein Heil in der Auswanderung ins Land der Vorväter in Palästina suchte.

Wer diese Reportage heute, nach der Shoa, liest, erschrickt zwangsläufig. Nicht nur, weil hier eine Welt auflebt, die durch die Mordmaschinerie der Nazis vernichtet wurde. Nein, man erschrickt auch, weil der Hass auf die Juden als ein europäisches Phänomen geschildert wird. Denn das diskriminiert werden, ja das ermordet werden, gehörte für die Juden auch in den 21 Jahren zwischen 1. und 2. Weltkrieg zum Alltag.

Sein Besuch im englischen Mandatsgebiet, in dem sich die Zionisten niederlassen durften, ist ebenfalls von einer ungeheuren Hellsichtigkeit. Londres beschreibt die Konflikte mit den Arabern, er schildert auch dort einen Pogrom gegen die Juden – und er beobachtet verblüfft, wie sie die jüdischen Einwanderer in den Dienst des Aufbaus eines jüdischen Staats stellten, ohne auf die einstige Stellung in Europa zurückzublicken. Wer etwas über das Entstehen des Nahost-Konflikts erfahren will, ist hier richtig. Denn Londres zeichnet bei seiner Reportage aus den Jahren 1929 und 1930 genau die Konfliktlinien nach, die noch heute entscheidend sind. Und er erfasst die Mentalität eines Volkes, das sich aus der Diskriminierung und Verfolgung befreit, um den eigenen Staat zu schaffen. Londres schafft es dabei, immer Distanz zu wahren. Ihn begeistern der Wille und die Zielstrebigkeit. Aber er versteht auch die Araber. Er nimmt keine Partei, sondern schafft es nur Kraft seiner Beobachtung und seiner klaren und prägnanten Stils, aufzuklären. Ein Meisterwerk eben.