Christhard Läpple schreibt ein Dorf-Porträt des Nachwende-Ostens

Christhard Läpple: So viel Anfang war nieChristhard Läpple hat sich in ein Dorf in Brandenburg verliebt. In seinem Buch nennt er es Herzdorf, doch tatsächlich handelt es sich um Netzeband im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Hier hat sich der ZDF-Journalist vor 20 Jahren ein Haus gekauft. Und hier hat Läpple in einem Mikrokosmos erlebt, wie radikal der Bruch zwischen DDR und vereinigter Bundesrepublik war. Sein Buch handelt genau davon. Vom Aufbruch, von Widerständen, vom Scheitern und dem Wandel. „Christhard Läpple schreibt ein Dorf-Porträt des Nachwende-Ostens“ weiterlesen

Bei Matthus sehnen sich „Luthers Träume“ nach Brüsten, Bier und Essen

Foto: Andreas Oppermann
Howard Griffiths, Siegfried Matthus und die Solisten beim Applaus.

Die Konstellation hat es in sich: Ein ehemaliger DDR-Staatskünstler schreibt eine musikalische Vision über den Protestanten Luther, das bei der Welturaufführung auch vor polnischen Katholiken intoniert wird. Da ist theologisch und weltanschaulich „Musike drin“. Auf jeden Fall stellt sich sofort die Frage, ob es künstlerisch gelingt, den Text so in Musik zu setzen, dass sich der Sinn der Worte vermittelt, selbst wenn man sie nicht verstehen kann. „Bei Matthus sehnen sich „Luthers Träume“ nach Brüsten, Bier und Essen“ weiterlesen

Rainald Grebe seziert in Schwedt die Provinz

Schwedt ist Provinz. Niemand, der das behauptet, wird damit den Schwedtern auf die Füße treten. Wenn Rainald Grebe das sagen würde, wären sie ihm zumindest nicht böse. Seit er in seinem Brandenburg-Lied das Autohaus in Schwedt besungen hat, sind Grebe und Schwedt fast schon ein Begriffspaar. und darauf kann dann auch der Schwedter stolz sein. Denn das ist ja auch ein Merkmal von Provinz: Auch wenn man veräppelt wird, freut man sich über die überregionale Wahrnehmung. Und wenn der Scherz zu Lasten des Provinzlers mit der eigenen Erfahrung übereinstimmt, dann passt das schon.

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Antenne Stammtisch: Gibt es Gerechtigkeit für Altanschließer?

Rechtsanwalt Frank Mittag hat das Urteil vor dem Bundesverfassungsgericht erkämpft.

„Ich will mein Recht,“ sagt einer der Betroffenen Altanschließer beim Antenne Stammtisch in Strausberg. Sein Recht ist in seinen Augen – und denen der meisten der gut 120 Zuschauer im Saal – die Rückerstattung der gezahlten Anschlussbeiträge. Seit das Bundesverfassungsgericht im Dezember 2015 zwei Cottbusern Recht gab, sind Zehntausende in Brandenburg in Aufregung. Sie wollen ihr Recht. Das ist ihnen noch wichtiger als ihr Geld. „Antenne Stammtisch: Gibt es Gerechtigkeit für Altanschließer?“ weiterlesen

Herbst am Krebssee in der Uckermark

Herbst in der Uckermark. Am Krebssee herrscht Stille. Zwischen Raureif uns Sonnenstrahlen liegt der See bei Trampe in der Nähe von Brüssow ruhig im Novemberlicht.

Roland Schimmelpfennig und der „lonesome wolf“ in Berlin und Brandenburg

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren...Roland Schimmelpfennig hat sich als Dramatiker einen enormen Ruf erworben. Das ist seinem ersten Roman anzumerken. Dramatischer und knapper lässt sich ein Tableau von Personen kaum denken, das noch dazu so konsequent der Idee des Buches folgt. Alles, was Romane ausmacht, findet man in „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ nicht. Weder lange innere Monologe, intensive Landschaftbeschreibungen oder sich weit verästelnde Erzählstränge bietet Schimmelpfennig seinen Lesern an. Stattdessen: Kürze, Prägnanz, durchsichtige Konstruktion eines Beziehungsgeflechts.

Und dennoch lässt einen der Roman nicht kalt. Er berührt gerade wegen seiner Knappheit. Sie lässt dem Leser Raum, in seiner Phantasie all die Leerstellen der Beschreibung des Personals zu füllen. Da ist das junge polnische Paar, das in Berlin vor lauter Arbeit das gemeinsame Leben vergisst. Da ist ein jugendliches Pärchen aus Ostbrandenburg, das vor der schlagenden Mutter und den immer betrunkenen Eltern flüchtet. Da ist genau die Mutter, die einst als Künstlerin aus Berlin nach Brandenburg kam und nach der Trennung die Kunst abhanden kam. Da ist deren Ex, der sich in Berlin als Künstler etablierte, aber das Wesentliche im Leben vergessen hat.

Sie alle – und noch einige mehr – haben sich selbst verloren, sind seelisch abgemagert, so wie der Wolf, der über die Oder nach Brandenburg kam, körperlich. Alle sind einsame Wölfe, die sich auf den Weg machen, um etwas von sich selbst zu finden. Und alle sind irgendwie miteinander verbunden. So wie der Wolf alle miteinander verbindet. Die Jugendlichen stoßen bei ihrer Flucht Richtung Berlin auf seine Spuren. Der Pole steht ihm im Stau auf der A 12 zwischen Frankfurt (Oder) und Fürstenwalde gegenüber und fotografiert ihn. So wie es den Wolf über die Felder und Wälder bei Seelow, Beeskow und Blumberg nach Berlin an den S-Bahn-Ring in Prenzlauer Berg zieht, so nähern sich auch die Personen diesem einstigen Szeneviertel an.

Sie 250 Seiten sind mit großen Buchstaben und viel Weißraum gefüllt. Optisch sind sie fast so etwas wie die Entsprechung zur kalten Winterlandschaft, in der sich die Personen des Romans ihrer eigenen Verlorenheit bewusst werden. Schimmelpfennig hat einen Roman über die soziale Verkrüppelung Deutschlands geschrieben. Und das mit sehr eingängigen Sätzen. Ein faszinierendes Buch.

Maxim Leo schickt Kommissar Voss zum Auentod

Maxim Leo: AuentodAlles beginnt mit einer polnischen Hochzeit. Kommissar Voss feiert zusammen mit seiner Freundin, der Pflegerin seiner Mutter, mit viel Wodka einige Kilometer hinter der polnischen Grenze. Am nächsten Morgen wird Maja entführt. Aus einem fröhlichen Kurzurlaub wird ein Kriminalfall mit viel persönlichen Gefühlen.

Maxim Leo schickt seinen Ermittler aus der Nähe von Bad Freienwalde in sein zweites Abenteuer. Diesmal spielt die Grenze eine wesentliche Rolle, die mit dem Verschwinden Majas, einem vermeintlichen Selbstmord eines IT-Spezialisten und vielen gestohlenen Autos zu tun hat. Aber das wird erst langsam klar. Maxim Leo hat seinen neuen Krimi aus dem Oderland mit vielen klugen Beobachtungen gefüllt. Aber die Dichte der Fälle, in die Voss verwickelt wird, hätten vielleicht auch für zwei Bücher gereicht.

Das Beste am neuen Krimi ist die Entdeckung Polens. Und dabei der unverstellte Blick von Maxim Leo auf das Nachbarland. Leo hat in Polen die Augen geöffnet und die deutschen Vorurteile versucht zu vergessen. Wenn überhaupt, dann bricht er sie auf amüsante Art. Dennoch vergisst er nicht, die Spannung aufzubauen. Die Polizeiarbeit ist in sich logisch, auch wenn sich Voss nicht wirklich an die Regeln hält. Die persönliche Verstrickung in den Fall vernebelt ihm den freien Blick auf das Geschehen. Der meint stets, zu wissen, um was es geht. Aber Maxim Leo hat immer noch eine Drehung mehr zu bieten. Und genau das macht das Buch fast zu voll von Ideen und Tätern und Handlungssträngen. Dennoch lohnt sich der zweite Fall von Kommissar Voss.

Sabine Rennefanz sucht das Dunkle in der Familiengeschichte

Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner MutterSabine Rennefanz wurde 1974 in Beeskow geboren. Aufgewachsen ist sie in Eisenhüttenstadt. In ihrem Buch „Eisenkinder“ hat sie davon schon viel erzählt. In ihrem neuen Buch „Die Mutter meiner Mutter“ spielt die Heimat der jetzigen Berlinerin in Ostbrandenburg erneut eine ganz wichtige Rolle. Links der Oder kommt ihre Großmutter Anna mit Stiefmutter und zwei Brüdern in einem Dorf nach der Vertreibung aus dem jetzigen Westpolen an, um nach dem Krieg ein neues Leben zu beginnen.

Wie schwierig dieses Leben für Anna tatsächlich war, ahnt Sabine Rennefanz ganz lange nicht. In ihrem autobiografischen Text nähert sie sich ihrer Familie an, ergründet, weshalb Anna immer so abweisend war. Weshalb sie Berührungen und Herzlichkeit vermied und immer so anders war, als die Großmütter ihrer Freunde. Sie sucht nach den Gründen, weshalb auch ihre Mutter und deren Schwestern seelische Narben haben, die auch ihnen das Leben erschweren. Der Text, der dabei entsteht, liest sich wie ein Roman, ist aber ein Blick in die historische Wahrheit und die Gedanken- und Seelenwelt von Sabine Rennefanz.

Großmutter Anna arbeitet in dem ostbrandenburgischen Dorf als Magd auf dem Hof eines kinderlosen Ehepaars als Magd. Bald schon ist sie mehr als nur eine Bedienstete. Die Wendlers schließen sie ins Herz, werden eine Art Ersatzeltern. 1949 kommt Friedrich aus russischer Gefangenschaft zurück. Er gehört auch ins Umfeld der Wendlers, hat am Ende des Krieges seine Frau verloren. An einem Schlachttag vergewaltigt er Anna, die sich daraufhin umbringen will. Die Wendlers bringen Friedrich dazu, Anna zu heiraten. Mit ihm bekommt sie noch zwei weitere Kinder. Aber sie schläft immer in einem anderen Zimmer und zieht sich immer weiter zurück. Selbst auf die Straße in dem kleinen Dorf geht sie kaum.

So einfach, so brutal ist die eigentliche Geschichte. Aber die kennen die Kinder und Enkel gar nicht. Denn sie wird verschwiegen. Sie kennen Friedrich nur als liebevollen Vater und Großvater. Erst nach seinem Tod im November 1989 kommt die Geschichte heraus, weil sich die einzige damalige Freundin, der sich Anna damals anvertraut hatte, gegenüber Sabine Rennefanz Mutter verplappert. In der Folge beginnt sich die Autorin immer wieder mit dem schwarzen Fleck in der Familiengeschichte zu beschäftigen. Ihre Gedanken kreisen um das Thema, bis sie sich zum vorliegenden Text formen. Dabei wird aus der eigenen Familiengeschichte dann doch eine Art Roman, der immer wieder an Oskar Maria Grafs „Aus dem Leben meiner Mutter“ erinnert. Denn Rennefanz bindet das Geschehen auch in die Geschichte ein. Die Vergewaltigung geschieht zeitgleich mit der Gründung der DDR. Der Vergewaltiger stirbt, als die DDR im November 1989 untergeht. Als die Bürger der DDR die Lügen der Autoritäten nicht mehr ertragen, endet die Autorität des Vaters.

Es macht die besondere Qualität des Buches von Sabine Rennefanz aus, dass solche Parallelitäten nicht aufgesetzt wirken, sondern schlüssig sind. Denn wesentlicher Teil der Dorf- und Familiengeschichte ist es ja auch, dass Wahrheiten generell nicht ausgesprochen wurden. Und wenn doch, dann haben sie negative Konsequenzen. Wie für Mutter Monika, die sich in der Schule positiv zum Prager Frühling äußert und dafür beim Fahnenappell vorgeführt und gedemütigt wird. Und so erzählt Sabine Rennefanz de facto eine furchtbare Heimatgeschichte, sich über Generationen auswirkt und die Seelen mehrerer Generationen belastet und krank macht.

Kurz nach Sonnenaufgang auf dem Zeuthener See

In der Morgensonne

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Kurz nach Sonnenaufgang ist das Wasser richtig ruhig. Das Kajak gleitet ganz ruhig über den Zeuthener See. Ein, zwei Stunden später sorgen die Motorboote für einen steten, leichten Wellengang. Aber jetzt, da stimmt der alte Satz: „Still ruht der See.“ Das Licht strahlt in warmen Farben am westlichen Ufer. Die Bootshäuser, Villen und Segelvereine strahlen eine friedliche Ruhe aus. Auf dem glatten See spiegeln sie sich, wie sonst nie. Nur jetzt steht das Licht so, dass dies möglich ist. Aber von Kilometer zu Kilometer Richtung Wildau wird das Wasser unruhiger. Die ersten Motorboote stören nicht nur die plane Wasseroberfläche, sondern auch die Ruhe.

Die absonderliche Brautschau von Fürst Pückler in England

Peter James Bowman:  Ein Glücksritter - Die englischen Jahre von Fürst Pückler-MuskauDie Idee klingt absurd. Da lässt sich ein Paar scheiden, weil der Mann sich auf die Suche nach einer neuen Frau machen soll. Die soll dann mit der Ex unter einem Dach leben, weil sich das Scheidungspaar noch immer liebt. Die neue Frau soll das aber erst erfahren, wenn sie wirklich mit der Ex im gleichen Haus lebt. Einzige Voraussetzung: Die Neue muss eine Mitgift bekommen, die zur Tilgung der Schulden genügt.

Auf eine solche Idee kann nur kommen, wer einigermaßen verzweifelt ist. Fürst Hermann von Pückler-Muskau und seine Frau Lucie von Hardenberg stand das Wasser bis zum Hals. Die Güter in Muskau und Branitz erwirtschafteten nicht die Mittel, die zum Ausbau und zum Unterhalt der teuren Anlagen inklusive des Landschaftsparks in Muskau benötigt wurden. Aber beide, Hermann und Lucie wollten Muskau unbedingt erhalten. Um das zu ermöglichen, machte Lucie ihrem Mann den Vorschlag, sich scheiden zu lassen, damit er in England eine reiche Erbin heiraten kann. Ein Engländer ist es jetzt, der diese Episode im Leben Pücklers zu einem Buch zusammenfasste: „Der Glücksritter – Die englischen Jahre von Fürst Pückler-Muskau“ heißt der Band von Peter James Bowman.

Berühmt wurde der Fürst als Gartenbauer und als Schriftsteller. Mit seinem Buch „Briefe eines Verstorbenen“ schrieb er einen Bestseller in Deutschland, Frankreich und England. Bowman erzählt eigentlich die Geschichte, wie es zu diesem Buch kam. Denn die Briefe eines Verstorbenen sind die Überarbeitung von Pücklers Briefen an seine (Ex-) Frau Lucie. Sie reduzieren sich auf die Beschreibung von Menschen, Städten, Parks und Sitten vor allem in England. Was fehlt, sind sämtliche Passagen, in denen es um den eigentlichen Zweck der jahrelangen Reise ging: Die Suche nach einer guten Partie.

Bowman gelingt es, die schillernde Person Pückler-Muskau in all ihren Facetten zu beschreiben. Der Fürst ist sowohl ein Dandy als auch ein schüchterner Reisender, der Englisch erst in der Zeit in England immer besser beherrscht. Er ist kalt beim Sortieren potenzieller reicher Erbinnen, aber zu sensibel, um sich für eine zu entscheiden – und diese dann mit dem Leben mit Lucie zu konfrontieren. Pückler ist ein Lebemann und ein aufmerksamer Begleiter. Und Pückler ist vor allem ein unglaublich offener Mensch, der seiner in Muskau wartenden Lucie alles erzählt, was er erlebt. Auch, wenn das Lucie verletzen kann.

„Der Gücksritter“ ist eine kurzweilige Reise ins England der 1820er-Jahre. Übersetzt von Astrid Köhler regt es dazu an, die Reisebriefe Pücklers zu lesen. Ausgestattet mit Bildern der Zeit ist es mehr als nur ein guter Text. Der Band ist wiedereinmal ein schön gestaltetes Buch im Grün der Parks von Fürst Pückler-Muskau.

Ach ja: Der Fürst kehrte ohne reiche Engländerin zurück. Seine finanziellen Probleme lösten fürs erste die „Briefe eines Verstorbenen“.