Adam Zamoyski großartiges Porträt des Wiener Kongresses

Adam Zamoyski: 1815Der Wiener Kongress steht für das Ende aller revolutionären Träume in Europa. Er ist das Sinnbild der Reaktion, die nach der Französischen Revolution und den ihr folgenden Umstürzen und Veränderungen in Europa, die alten Monarchien festigte. Und das Jahr 1815 steht für eine Epoche, die Restauration, in der Metternichs Geheimpolizei und die gefestigten Herrscher die Entwicklung Deutschlands zu einem normalen Nationalstaat verhinderte. Das ist alles richtig. Und dennoch wird diese Beschreibung dem Wiener Kongress nicht gerecht. Davon überzeugt Adam Zamoyski die Leser seines umfangreichen Werkes „1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“. „Adam Zamoyski großartiges Porträt des Wiener Kongresses“ weiterlesen

Wlodzimierz Odojewski im Sog der „Verdrehten Zeit“

Wlodzimierz Odojewski: Verdrehte ZeitWlodzimierz Odojewski ist einer der Gegenwartsautoren Polens, die nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten. Zwar sind seine Bücher auch in Deutschland erschienen, aber vor 1989 war das ein Drahtseilakt und anschließend war das Interesse in Deutschland an Polen nicht so groß, wie es eigentlich immer sein müsste. Jetzt ist sein Roman „Verdrehte Zeit“ bei dtv erschienen. Zwei Tage zuvor, am 20. Juli ist er jedoch mit 86 Jahren gestorben. Sein großes Thema war Polen im 2. Weltkrieg.

20 Jahre nach seiner Beteiligung im Widerstand gegen die Deutschen wird Waclaw Konradius in die Vergangenheit zurückgeworfen. Damals war er in einer Gruppe, die einen ranghohen SS-Mann liquidieren sollte. Doch die Gruppe wurde verraten, nur er selbst überlebte. Jetzt – im Roman das Jahr 1964 – wird er wieder an das prägende Ereignis seines Lebens erinnert.

Wlodzimierz Odojewski geht der Frage nach, wie viel Schuld sich der Einzelne aufbürden kann, wenn er der Richtige will. Die Aktion der Widerstandsgruppe ist definitiv richtig. Aber ist es auch in Ordnung, wenn der Widerständler Mitleid angesichts des Blutes seines Opfers bekommt? Darf er lebensrettende Hilfe rufen? Und wenn ja, auch dann, wenn das Leben der anderen Mitglieder seiner Widerstandsgruppe dadurch gefährdet wird?

Waclaw Konradius wird in die Vergangenheit wie ein einen Tunnel gezogen. Eine Spirale zieht ihn in die Vergangenheit hinab. Seine Gegenwart gleicht sich dem Damals an. Dieses durchdringt das ganze Jetzt – das Denken, das Fühlen. Die Erinnerung verschlingt ihn. Odojewski ist als Autor ganz bei und in seiner Figur. Deren Angstzustände übertragen sich auf den Leser. Auch der verliert zeitweise die Orientierung in der Zeit.

In den Tagen, in denen sich der ehemalige Widerstandskämpfer mit den schrecklichen Ereignissen im Jahr 1944 beschäftigt, wird ihm nach und nach klar, dass er mit dem Tod seiner Kameraden und seiner Kameradin etwas zu tun hat. Er wurde gefasst. Er wurde gefoltert. Er hatte Mitleid mit dem Opfer. Aber seine Erinnerungen täuschen ihn. Sowohl die Familie, die vor dem SS-Mann und nach der Flucht der Nazis aus Warschau wieder in der Wohnung lebte, als auch ein Historiker erzählen Varianten seiner Geschichte, von denen er gar nichts weiß.

All das ist konzentriert und knapp geschrieben. Wlodzimierz Odojewski erweist sich als ein Meister des Stils, was seine Übersetzerin Barbara Schaefer wunderbar ins Deutsche überträgt. Er fällt kein Urteil. Das überlässt er dem Leser, der mit Konradius mitleidet. Auf nur 159 Seiten ist ein kompakter, großartiger Roman entstanden, dem sehr viele Leser zu wünschen sind.

 

 

Leo Perutz ist eine lesenswerte Entdeckung

Leo Perutder_judas_des_leonardo-9783423133043z ist einer dieser Schriftsteller, deren Name ich schon immer kenne, für dessen Bücher ich aber noch nie den nötigen Impuls bekam. Für seinen letzten Roman, „Der Judas des Leonardo“, gab es jetzt so einen Anlass. Und siehe da: Es hat sich gelohnt, Leo Perutz zu lesen.

Zum einen ist der Roman aus dem Mailand des frühen 16. Jahrhunderts historisch dicht. Beim Lesen entsteht ein vielschichtiges Bild des Lebens, der kulturellen und der gesellschaftlichen Zustände. Zum anderen ist der Stoff faszinierend erzählt. Leonardo da Vinci kommt mit seinem berühmten „Abendmahl“ nicht voran. Die Auftraggeber werden schon ungeduldig. Aber Leonardo fehlt ein Gesicht. Und nicht nur das. Es fehlt ihm vor allem der Ausdruck des Gesichts. Deshalb ist er auf der Suche nach einem Mann, der ihm als Judas zum Vorbild taugen könnte.

Das Wesentliche am Verrat des Judas ist die Bereitschaft, seine Liebe gegen Geld zu verraten. Von einer solchen Liebe und ihrem Verrat handelt das Buch deshalb vor allem. Von den zarten Banden, die ein deutscher Kaufmann und eine junge Mailänderin knüpfen. Leo Perutz schildert das wunderbar zart und ergreifend. Auch wenn man als Leser sehr bald weiß, auf welches Ende die Geschichte zu laufen wird, bleibt das Wie immer spannend. Und natürlich steht der Verrat als das zentrale Thema des Buches für mehr als nur einen Liebesverrat. Er steht für die Suche nach den Motiven, die Menschen dazu bringen, das zu verraten, was ihnen am wichtigsten ist. In diesem Fall ist es die Gier und die vernichtende Kraft, die ein zu großes Gerechtigkeitsempfinden entwickeln kann.

Dass Perutz dies nicht mit erhobenem Zeigefinger geschrieben hat, macht die Qualität des Romans aus. Es lohnt sich also, Leo Perutz zu lesen und für sich zu entdecken.

Bei Wolf Haas ist die Luftmatratze von vor 15 Jahren richtig wichtig

Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren
Wolf Haas: Das Wetter vor 15 Jahren

Es gibt Schriftsteller, von denen will man schon immer etwas lesen, kommt aber aus etlichen Gründen nicht dazu. Und dann greift man doch noch zu einem Roman von ihnen und ärgert sich. Nicht weil das Buch schlecht wäre. Im Gegenteil! Weil es gut ist und man bedauert, so lange auf das Vergnügen verzichtet zu haben. Wolf Hass ist für mich einer dieser Schriftsteller, die ich viel zu lange nicht gelesen habe! „Das Wetter vor 15 Jahren“ habe ich als Taschenbuch im modernen Antiquariat gekauft – und schon in der S-Bahn konnte ich nicht mehr aufhören.

Die Idee des Romans ist schon großartig! Dass sich ein Mann das Wetter der letzten 15 Jahre an einem ganz bestimmten Ort Tag für Tag merkt, weil er seine Jugend- und Urlaubsliebe wegen eines Wetterumschwungs doch nicht ausgiebig küssen konnte, ist wunderbar. Dass er damit bei „Wetten dass“ auftritt ist nachvollziehbar. Dass diese Geschichte ein Autor so spannend findet, dass er den Mann kennenlernen und mit seiner Jugendliebe zusammenbringen will, ist komisch. Aber dass er das alles gar nicht als Roman schreibt, sondern in Form eines Interviews zwischen einer Literaturredakteurin und dem Autor – das bringt so viel Witz in den Stoff, dass man beim Lesen einfach nicht ernst bleiben kann.

Haas schreibt konsequent im Duktus der norddeutschen Redakteurin und dem des österreichischen Autors. In feinen Nuancen bringt diese unterschiedliche Sprache die Verschiedenheit der Personen zum Ausdruck – und damit auch der Regionen, für die sie stehen. Das ist wirklich ganz große Literatur mit Esprit, Witz und einer Liebe zur dramatischen Steigerung, dass es eine Lust ist. Haas schafft es, die Geschichte die immer denkbar schlechteste Wendung nehmen zu lassen, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Auch das wunderbar. Deshalb: Wer Wolf Haas nicht gelesen hat, sollte damit auf keinen Fall so lange warten wie ich!

Wer wir sind (8) – Wut und Trauer über das Scheitern

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Die letzten 250 Seiten von „Wer wir sind“ gehen an die Nieren. Sabine Friedrich gelingt es, den Leser emotional so zu packen, dass Wut, Trauer, Verzweiflung aufsteigen. Diese Wut beim Lesen der Passagen über die Verhandlungen des Volksgerichtshofs. Diese Wut über Roland Freissler, dessen Vorsitzenden, der es nicht einmal zugelassen hat, dass sich die Angeklagten verteidigen können. Oder die Wut über Hanns Martin Schleyer, den Sabine Friedrich exemplarisch für all diejenigen auftreten lässt, die sich am Unrecht der Nazis bereicherten. Auf den Seiten 1828 und 1829 schildert sie ganz kurz, wie sich der spätere Arbeitgeberchef eine Villa in Prag unter den Nagel riss, weil die vorherigen Bewohner, die sich selbst schon bereichert hatten, wegen ihres aufrechten Sohnes in Ungnade gefallen waren.

Oder die Verzweiflung, weil Dietrich Bonhoeffer es nicht wagt aus dem Gefängnis zu fliehen, weil inzwischen auch sein Bruder verhaftet wurde – und er nicht will, dass sich an ihm gerächt wird. Die Verzweiflung über die Ignoranz, mit der den Überlebenden des Attentats in der Bundesrepublik begegnet wurde. Und die Trauer über all die Toten, die sich durchgerungen hatten, endlich etwas gegen die braunen Mörder zu unternehmen – und die dafür mit dem Leben bezahlten. Das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen, die im untergehenden Dritten Reich, im Bombenhagel und im besetzten Schlesien einen Weg fürs eigenen Überleben suchten.

All das schildert Sabine Friedrich ruhig. Diese Ruhe fesselt den Leser emotional. Den Schicksalen kann man sich nicht entziehen. Friedrich dramatisiert nicht. Dieser Versuchung angesichts des dramatischen Stoffes, den sie sich ausgesucht hat, erliegt sie nicht. Genau darin liegt die Qualität des Romans. Und darin, dass sie all diese Menschen nicht nur ins Gedächtnis zurückholt, sondern sie auch Mensch sein lässt. Mit Stärken und Schwächen. Nicht unanfechtbare Helden, sondern Männer und Frauen mit Sorgen um die Kinder, Freude über ein gutes Essen oder einen besonderen Wein und Befriedigung angesichts gelungener Arbeit.

„Wer wir sind“ ist ein großer, doppeldeutiger Titel. Sabine Friedrich wird ihm gerecht. Der Leser weiß nach 2000 Seiten, wer die Menschen waren, die sich gegen Hitler und den Nationalsozialismus stellten. Er weiß, warum viele so lange dafür brauchten und andere von Anfang an dagegen waren. Aber auch die zweite Ebene, auf wen wir uns im Erinnern beziehen sollten, wird klar. Die Zeit, die das Lesen dieser 2000 Seiten kostet, ist keine vertane Zeit. Sie ist ein Gewinn. Und spätestens, wenn dieses Buch verfilmt wird, wird man den Menschen und ihrem Mut wieder begegnen. Erinnern wird man sich aber immer wieder. Beim Gang durch Berlin, wenn man die Orte passiert, in denen sie lebten und litten und starben.

Mehr zu “Wer wir sind”:
1 Ein verblüffend leichter Einstieg
2 Das Gewebe der Roten Kapelle
3 Das Ende der Roten Kapelle
4 Wie die Rote Kapelle und der Kreisauer Kreis verbunden sind
5 Der Weg nach Kreisau
6 Zwischen Kreisauer Idylle und Morden in Russland
7 Das Attentat
Sabine Friedrich überzeugt im Berliner Literaturhaus

Wer wir sind (7) – Das Attentat

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Es ist schon seltsam, wie ein Stoff, den man kennt, so in den Bann ziehen kann. Selbst um das Ende weiß eigentlich jeder. Und doch entwickelt Sabine Friedrich gerade auf den Seiten 1500 bis 1750 von „Wer wir sind“ Spannung. Der Roman nimmt Tempo auf – und das liegt eben nicht an einer anderen Art zu schreiben, sondern an der Art und Weise, wie Friedrich die Ereignisse collagiert.

Auf der einen Seite sind da die Debatten und Manifeste etwa von Carlo von Mierendorff und seiner Sozialistischen Aktion, die als Texte auch Diskussionsgrundlage beim Kreisauer Treffen an Pfingsten 1943 eine große Rolle spielen. Und damit auch die Geschichte der Moltkes, die durch die Verhaftung Helmuths am 19. Januar 1944 eine neue Dramatik bekommt. Und einen fast schon tragikomischen Aspekt: Nicht die Verschwörungspläne lassen die Gestapo anrücken, sondern eine einfache Warnung vor Verhaftung an einen Freund.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Büste von Frank Mehnert; Foto: Wikipedia.de)
Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Büste von Frank Mehnert; Foto: Wikipedia.de)

Zentrales Thema der Seiten 1500 bis 1750 ist das Attentat vom 20. Juli. Ab Seite 1525 bekommt Claus Schenk von Stauffenberg viel Platz. Eingeführt wurde er schon relativ bald, als es um den George-Kreis des Dichters Stefan George ging. Doch jetzt steht der Offizier Stauffenberg im Mittelpunkt. Mit ihm als Figur des Romans gewinnt die Debatte und dann die Planung der Beseitigung Hitlers Gewicht. Julius Leber, die Stauffenberg-Brüder und auch Peter Yorck von Wartenberg sind ab einem bestimmten Zeitpunkt dafür. Helmuth von Moltke lehnt es ab. Doch nach seiner Verhaftung kann er sich an der Diskussion darüber nicht mehr beteiligen.

Gegen Ende dieser 250 Seiten scheitert das Attentat, die Verhaftungen beginnen. Sabine Friedrich hat mit dem Juli 1944 einen Höhepunkt, den die Geschichte vorgibt. Es gelingt ihr, diesen auch literarisch zu bilden. Mit aller Dramatik, die angesichts der zuvor gescheiterten Pläne stets zunimmt. Und mit großen Einfühlungsvermögen in jene, die bereit waren, ihr Leben für die Befreiung vom Diktator zu geben.

Mehr zu “Wer wir sind”:
1 Ein verblüffend leichter Einstieg
2 Das Gewebe der Roten Kapelle
3 Das Ende der Roten Kapelle
4 Wie die Rote Kapelle und der Kreisauer Kreis verbunden sind
5 Der Weg nach Kreisau
6 Zwischen Kreisauer Idylle und Morden in Russland
8 Wut und Trauer über das Scheitern
Sabine Friedrich überzeugt im Berliner Literaturhaus

Wer wir sind (6) – Zwischen Kreisauer Idylle und Morden in Russland

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Auf den Seiten 1250 bis 1500 schreibt Sabine Friedrich ihre Geschichte von Helmuth und Freya von Moltke zunächst fort. Der Eindruck verfestigt sich, als wollte sie im zweiten Teil von „Wer wir sind“ eigentlich einen Roman über diese Ehe und die Freunde der beiden verfassen. Dabei verschweigt sie weder die Depressionsattacken Helmuth von Moltkes, noch das Alleingelassenwerdens Freyas in Kreisau, wo sie ohne ihren Mann den Sohn Konrad zur Welt bringt. Aber trotz des vielfach getrennten Lebens der beiden, sind sie eine Einheit. Sabine Friedrich ist sichtlich faszniert von den täglichen Briefen, die beide zwischen Berlin und Kreisau austauschten. Auch daraus formt sie ihren Roman, in diesem Fall einen von der unglaublichen Kraft der Liebe und des Vertrauens.

Richtig stark ist Sabine Friedrich, wenn sie das Grauen im Russlandfeldzug schildert. Etwa wenn Generalleutnant Johann Pflugbeil es nicht wagt, am 27. Juni 1041 in Bialystok ein Massaker durch das Polizeibataillon 309 zu unterbinden. Ein einfacher Polizist kauft dem Divisionskommandeur den Schneid ab, als er direkt vor ihm auf Sterbende uriniert. Ein schreckliches Bild, ja ein widerliches. Aber auch ein starkes, das das Versagen der Wehrmacht gegenüber der SS verdichtet.

Während Helmuth von Moltke schon nach dem Frankreichfeldzug seine Denkschrift „Über die Grundlagen der Staatslehre“ schreibt und sich eine schnelle Ablösung der Nazis wünscht, gefällt anderen Verschwörern der Russlandfeldzug – solange sie das Geschehen hinter der Front ausblenden, etwa Fritz Dietloff von der Schulenburg.

Moltke versucht gegen diese Kriegsverbrechen vorzugehen. Mit den Mitteln des Juristen formuliert er Eingaben gegen die Ermordung von Kriegsgefangenen, von Juden und gezielten Erschießungen der Bevölkerung als vermeintliche Vergeltung für die Unterstützung von Saboteuren. Dabei argumentiert er nicht moralisch. Ihm ist bewusst, dass er in der Logik der Kriegsmaschinerie bleiben muss, um etwas zu erreichen. Und so ist sein Argument, dass die Unterstützung der Bevölkerung notwendig ist, um den Krieg gewinnen zu können.

Henning von-Tresckow; Quelle: WikipediaHenning von Tresckow ist ein anderer Adliger, den diese Gedanken und Verrenkungen umtreiben. Ihn führt Sabine Friedrich auf 60 bis 70 Seiten ein. Der Soldat, der schon als 17jähriger am 1. Weltkrieg teilnahm, der als Freikorps-Soldat gegen Linke kämpfte und nach einer kurzen Karriere als Börsenmakler in die Reichswehr eintrat, drängt als Generalstabsoffizier auf ein Attentat aus Hitler. Während er schon soweit war, ist Helmuth von Moltke mit seinen Freunden Pfingsten und im Oktober 1942 auf Kreisau, um darüber zu debattieren, wie ein Deutsches Reich nach dem Ende der Nationalsozialisten aussehen sollte. Diese Gegensätze im Großen schildert Sabine Friedrich genauso anschaulich, wie die im Alltag: Etwa wenn sich ein Massaker an der Ostfront mit den Sorgen Freya von Moltkes um die Wasserleitungen in Kreisau ablösen. Das genau ist die Stärke des Buches auch nach 1500 Seiten: Die Verknüpfung des Alltags und damit die Fassbarkeit der Handelnden als normale Menschen mit den historischen Ereignissen.

Mehr zu “Wer wir sind”:
1 Ein verblüffend leichter Einstieg
2 Das Gewebe der Roten Kapelle
3 Das Ende der Roten Kapelle
4 Wie die Rote Kapelle und der Kreisauer Kreis verbunden sind
5 Der Weg nach Kreisau
7 Das Attentat
8 Wut und Trauer über das Scheitern
Sabine Friedrich überzeugt im Berliner Literaturhaus

„Wer wir sind“ (5) – Der Weg nach Kreisau

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Julius Leber, der Gewerkschafter, und seine Frau Annedore werden ab Seite 1000 in den Roman „Wer wir sind“ genauso eingeführt wie Carlo Mierendorff, der Sozialdemokrat aus Darmstadt oder Edolf Reichwein und seine Frau Romai. Sabine Friedrich erweitert das Personal jetzt ziemlich schnell. Nach den langen Passagen über die Herkunft und den Werdegang von Helmuth und Freya von Moltke sowie von Henning und Erika von Tresckow widmet sich Friedrich jetzt jenen, die in Kreisau vor allem über die Zeit nach dem Fall der Nationalsozialisten nachdachten.

Die Beschleunigung tut dem Lesefluss gut. Zwar waren die Seiten über die Moltkes und Tresckows aufschlussreich. Sie waren wie der Beginn eines Romans über die Freundschaft zweier Familien. Das stimmt ja auch. Aber die Erweiterung um die anderen Mitstreiter öffnet nicht nur den Horizont. Sie bringt auch eine nur Dramatik in das Buch. Denn das Schicksal von Julius Leber, der schon 1933 inhaftiert uns ins KZ kam, dann aber Jahre später wieder auf freien Fuß kam, ist erschütternd – und genauso wie die Geschichte Carlo Mierendorffs voller Hoffnung. Und so kommt ein Aspekt in den Roman, der in der Folge immer wichtiger sein wird – obwohl der Leser ja das (historische) Ende schon kennt.

Julius Leber vor dem Volksgerichtshof; Quelle: Wikipedia
Julius Leber vor dem Volksgerichtshof; Quelle: Wikipedia

Und dann werden auch noch die Familie Stauffenberg, die Schulenburgs und die Yorck von Wartenbergs immer stärker beleuchtet. Dieser Adel, der die Nazis anfangs gar nicht schlecht fand, aber im Laufe der Zeit immer weiter von ihnen abrückt. Sabine Friedrich legt auf diesen Seiten das Fundament, um die Beweggründe von ihnen so verstehen zu können, dass ihr Zögern und dann ihr spätes Handeln verständlich werden wird.

Die Seiten 1000 bis 1250 sind keine, die voller Spannung wären. Aber sie sind welche, die die Menschen, die sich auf dem schlesischen Gut der Moltkes in Kreisau treffen, verstehbar zu machen. Und das wieder vor allem, indem Friedrich ganz behutsam schildert, wie das Gefüge der einzelnen ins Rutschen gerät. Etwa, wenn Helmuth von Moltke von den Erschießungen von Juden im Polenfeldzug erfährt.

Mehr zu “Wer wir sind”:
1 Ein verblüffend leichter Einstieg
2 Das Gewebe der Roten Kapelle
3 Das Ende der Roten Kapelle
4 Wie die Rote Kapelle und der Kreisauer Kreis verbunden sind
6 Zwischen Kreisauer Idylle und Morden in Russland
7 Das Attentat
8 Wut und Trauer über das Scheitern
Sabine Friedrich überzeugt im Berliner Literaturhaus

“Wer wir sind” (4) – Wie Rote Kapelle und Kreisau verbunden sind

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Mit Hilde Coppi beginnt mein vierter Teil von „Wer wir sind“. Es sind ja immer 250 Seiten, die ich in einem kleinen Text über meine Leseerfahrungen mit dem 2000-Seiten-Buch von Sabine Friedrich aufschreibe. Bis Seite 800 geht quasi das erste Buch das auch als solches hätte verkauft werden können. Es ist in sich geschlossen und ein literarisches Denkmal für die Rote Kapelle.

Die letzten 50 Seiten dieses Teils handeln vor allem von Hilde Präsens der Frau. Sie schildert die Verlegung in das Frauengefängnis. Sie beschreibt die Entbindung und das Leben mit ihrem Kind. Und sie macht den Leser fassungslos, wenn er lesen muss, wie Mutter und Kind auseinandergerissen werden. Denn nach einigen Monaten kann Hilde Coppi nicht mehr stillen. Das ist der Moment, in dem sie ihr Leben verliert. Durch Hinrichtung. Für die Nazis hat sie dann genug Leben gespendet.  Brutaler und erschütternder ist bis dahin nichts in „Wer wir sind“. Sabine Friedrich lässt die Ereignisse und die Gefühle der Betroffenen für sich sprechen. Wie vermeidet jede Dramatisierung, obwohl sie das Leben in der Zelle natürlich einfühlsam erfindet. Aber eben nie so, dass sie selbst das Geschehen dominieren könnte.

Hilde Coppi. Quelle: Wikipedia
Hilde Coppi. Quelle: Wikipedia

Und dann beginnt das zweite Buch. Jetzt schreibt Sabine Friedrich über den adligen Widerstand in der Abwehr, der Wehrmacht und dem Auswärtigen Amt, der viel zu spät am 20. Juli 1944 versuchte Deutschland von Adolf Hitler zu befreien. Helmuth James Graf von Moltke begleitet sie zunächst. Und seine Frau Freya. Ihrer beider Einführung in den Roman stellt einen Bruch dar. Was angesichts des abgeschlossenen, tödlichen Handlungsstrangs der Roten Kapelle nicht verwunderlich ist. Jetzt schreibt Friedrich ganz behutsam über die Herkunft der beiden, zeichnet ihren Weg nach – und dennoch verwebt sie auch dies mit dem zuvor gelesenen. Auch die Moltkes haben Bekannte, die bereits eine Rolle spielten. Aber der Tonfall ist jetzt noch ruhiger, ja philosophischer als im ersten Teil.

Mehr zu „Wer wir sind“:
1 Ein verblüffend leichter Einstieg
2 Das Gewebe der Roten Kapelle
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5 Der Weg nach Kreisau
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7 Das Attentat
8 Wut und Trauer über das Scheitern
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„Wer wir sind“ (3) – Das Ende der Roten Kapelle

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Immer dieses Präsens. Auf den ersten 500 Seiten gab es einige Momente, in denen ich es verfluchte. An Szenenwechsel, Personenwechsel und teilweise Zeitsprüngen über Jahrzehnte muss sich der Leser erst gewöhnen. Aber wenn man in den Lesefluss kommt, dann spielt das ständige Präsens keine Rolle mehr. Dann tritt ein Effekt wie in einem Film ein, in dem Szene für Szene auch in der jeweiligen Gegenwart spielt, selbst wenn es eine Rückblende ist.

Gerade in den Passagen bis zu Seite 750 von „Wer wir sind“ wird das Präsens sogar besonders wirkungsmächtig. Denn Sabine Friedrich nimmt auf ihnen das Ende der Roten Kapelle in den Blick. Unglaublich, dass der lose Ring daran scheiterte, dass der sowjetische Geheimdienst – wenn auch verschlüsselt – Namen und Adressen funkte! Nach der Entschlüsselung war es für die Gestapo nicht schwer, die Akteure festzunehmen.

Harald Poelchau Quelle: Kreisau-Initiative
Harald Poelchau. Quelle: Kreisau-Initiative

Haft, Verhöre, Gerichtsverhandlungen – von allen Auswirkungen des Unrechtsstaates erzählt Sabine Friedrich. Und genau hierbei ist das Präsens stark und anrührend. Beim Lesen verschwimmt jede Distanz. Man wird zum anwesenden Beobachter, nimmt ein bisschen die Perspektive von Harald Poelchau ein, dem Gefängnispfarrer, der zum Bindeglied der Inhaftierten untereinander und deren Familien wird. Und letztlich zum letzten Begleiter der zum Tode Verurteilten. All das ist sehr dicht geschrieben und nimmt den Leser gefangen.

Erstaunlich ist auch weiterhin das Beziehungsgeflecht derer, die sich gegen Hitler engagierten. Falk Harnack, der kleine Bruder von Arvid Harnack, einem der wichtigsten Akteure der losen Gruppe, die von den Nazis dann „Rote Kapelle“ genannt wurde, war mit den Scholls von der Weißen Rose in München befreundet. Deshalb nimmt Sabine Friedrich auch die Münchner Studentengruppe in den Blick.

Libertas Schulze-Boysen. Quelle: Wikipedia
Libertas Schulze-Boysen. Quelle: Wikipedia

Und immer wieder erschreckend ist das Wiedererkennen von Gebäuden oder Landschaften, in denen sich das damalige Leben abspielte. Und die heute genauso belebt sind, oftmals ohne die Erinnerung an deren einst mutige Bewohner zu bewahren. Etwa auf der Insel im Teupitzer See, auf der sich Libertas Schulze-Boysen ein Grundstück gekauft hatte.

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1 Ein verblüffend leichter Einstieg
2 Das Gewebe der Roten Kapelle
4 Wie Rote Kapelle und Kreisau verbunden sind 
5 Der Weg nach Kreisau
6 Zwischen Kreisauer Idylle und Morden in Russland
7 Das Attentat
8 Wut und Trauer über das Scheitern
Sabine Friedrich überzeugt im Berliner Literaturhaus