Anpaddeln auf dem Zeuthener See

Am ersten Samstag im März ist der Zeuthener See ganz leer. Kein Segelboot, kein Motorboot, keine Paddler bevölkern das Gewässer. Von der Eichwalder und der Schmöckwitzer Badewiese tönt noch nicht der frohe Sound der badenden Kinder über das Wasser. Bei den ersten warmen Sonnenstrahlen des nahenden Frühlings herrscht Stille. „Anpaddeln auf dem Zeuthener See“ weiterlesen

Lynn Sherr feiert das Schwimmen in einer persönlichen Kulturgeschichte

Lynn Sher: SwimSie kann es nicht mehr lassen. Zwar ist Lynn Sherr Zeit ihres Lebens auch geschwommen, doch seit sie als Frau von fast 70 Jahren damit begonnen hat, sich auf eine Durchquerung des Hellespont vorzubereiten, ist das Schwimmen für sie immer wichtiger geworden. In ihrem siebten Lebensjahrzehnt hat sie daran gearbeitet, ihren Stil zu verbessern. Sie ist auf spezielle Trainigscamps gegangen, um bei großen Schwimmtrainern mehr über sich, über das Wasser und das Schwimmen zu erfahren. Und sie hat das alles in einer Kulturgeschichte des Schwimmens zwischen zwei Buchdeckeln zusammengefasst. Entstanden ist dabei ein Buch, das nicht nur Erstaunliches über das Schwimmen erzählt, sondern vor allem Lust darauf macht, ins Wasser zu springen und loszuschwimmen.

„Swim“ ist ein Buch mit einer persönlichen Rahmenhandlung. Lynn Sherrs eigener – geglückter – Versuch es der antiken Sagengestalt Leander gleich zu tun und den Hellespont zu durchschwimmen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Kapitel. Diese kleine Reportage über ihre Selbstwahrnehmung, über das Gewusel beim Start durch die Meerenge zwischen Europa und Asien, über die Gedanken und Gefühle bei Schwimmen entlang der Strömungen, ist allein schon lesenswert. Immerhin wird einmal im Jahr für 90 Minuten der Schiffsverkehr bei Canakkale angehalten, damit das Freiwasser-Schwimmspektakel überhaupt stattfinden kann. Wer sich nicht an die Vorgaben der Betreuer hält und statt der gut 1,5 Kliometer eine Strecke von 6,5 Kilometer auf den richtigen Strömungen schwimmt, hat keine Chance anzukommen. Wenn man bedenkt, dass der Großteil diese Distanz in gut 45 Minuten schwimmt, kann sich vorstellen, welche Kraft diese Strömungen haben.

Überhaupt lässt Lynn Sherr, eine ehemalige Journalistin von ABC-News in den USA, viele Schwimmer zu Wort kommen. Die wichtigste Frage, die sie alle für sich entschieden haben, ist die: Lieber im Becken schwimmen oder in Flüssen, Seen oder dem Meer? Der Großteil hat sich für das Freiwasserschwimmen entschieden. Vielleicht auch, weil die Autorin es selbst für sich entdeckt hat?

Auf jeden Fall war das der Beginn des Schwimmens. Sherr hat sich auf die Suche nach Fundstellen des Schwimmens in den Archiven der Welt gemacht. Und so erzählt sie von Präsident Jefferson, der ein leidenschaftlicher Schwimmer war. Oder von Präsident Adams, der bei einem morgendlichen Schwimmausflug in ein Gewitter geriet und sechs Stunden nackt am Ufer ausharren musste, bis er mit der Kutsche abgeholt wurde. Sie erzählt von den ersten Kanalschwimmern, von der Entwicklung der Bademoden und der Begeisterung der Massen für die ehemaligen Schwimmerinnen und Schwimmer, die im Kino nach der aktiven Zeit Karriere machten. All das – und noch sehr viel mehr – erzählt sie in einem angenehmen Plauderton. Der ist nie Besserwisserisch. Viel mehr zeugt er von der Freude, das Gelesene mit den Lesern zu teilen. Und so werden auch die Ausflüge in die Sport- und die Textilwissenschaft nicht von kaum verstehbaren Expertensprech verstellt, sondern gut für den Leser übersetzt.

Wer das Buch liest und schon immer gern geschwommen ist, den juckt es bei jeder Seite an den verkümmerten Schwimmhäuten zwischen den Fingern. Und – so glaube ich – wer bisher noch keine große Lust auf das Eintauchen ins Wasser hat, der muss genau die bekommen.

Mehr vom Schwimmen:
Mein Sprungturm
Schwimmen im Salzwasser der Adria
Gefahr beim Schwimmen im SeeHauptsache rüberschwimmen
Schwimmen ohne Wand und Wende
Wassererzählungen: John von Düffel schwimmt wieder
Leanne Shampton meditiert über das Bahnen-Ziehen
Anbaden 2012
Lynn Sherr feiert das Schwimmen in einer persönlichen Kulturgeschichte

Jan Beißen macht das Frankenderby zum Regionalkrimi

Jan Beißen: LokalderbyWenn der Club gegen Fürth spielt, dann ist das sehr viel mehr, als ein normales Fußballspiel. Es ist das traditionsreichste Derby schlechthin, auch wenn die Spiele nur noch in der 2. Liga stattfinden. Früher aber wurde bei diesen Spielen die Deutsche  Meisterschaft entschieden. Und zeitweise bestand die Deutsche Nationalmannschaft nur aus Spielern dieser beiden Vereine. Insofern bietet ein solches Spiel tatsächlich einen sehr guten Rahmen für einen Krimi.

Jan Beinßen, der mit seiner Reihe um den Nürnberger Hobbyermittler Paul Flemming eine feste Größe im Regionalkrimi-Geschäft ist, geht mit der großen Tradition allerdings nicht sonderlich respektvoll um. Nicht umsonst nennt er den achten Fall Paul Flemmings „Lokalderby“. Für echte Fans ist das wahrscheinlich eine Zumutung, weil das Derby damit zu einem Provinzkick abgestuft wird. Und als Mordopfer sucht sich Beinßen einen Busfahrer aus. Ganz so, als würden sich nicht Präsidenten, Trainer oder Wirtschaftsgrößen aus der Sponsorenszene anbieten. Zwar läßt er auch überzeugte Fans zu Wort kommen, die von der einstigen Größe dieser Begegnung erzählen. Aber all das ist eher von distanziertem Kopfschütteln getragen.

Vor allem bei den Schilderungen der harten Fanszene zeugen von einem gesunden Kopfschütteln des Autors über deren Motivation. Dennoch entwickelt sich der Fall des toten Busfahrers zu einem passablen Krimi, bei dem dubiose Machenschaften um und auf dem Platz das nötige Gewicht bekommen. Für Flemming wird der Fall sogar gefährlich. Insgesamt ist der Fall dann aber etwas zu konstruiert. Dubiose Spielerfrauen, seltsame Vereinsverantwortliche und ein bis zwei Fährten zu viel, hemmen die Spannung eher, als sie zu steigern. Dennoch lässt sich der Krimi gut lesen, auch für Fans.

Heimat (21) – Nürnberg gegen Union Berlin

Der Club gegen Union in der Alten Försterei am 7. November 2015
Der Club gegen Union in der Alten Försterei am 7. November 2015

Die eigene Heimat muss nicht die Heimat der eigenen Kinder sein. Wer mit seinen Kindern umgezogen ist oder vor deren Geburt die Region der eigenen Kindheit verlassen hat, merkt das immer wieder an Kleinigkeiten. So richtig deutlich wird dies aber, wenn der Sohn zum selben Fußballspiel geht wie man selbst, sich aber in der Kurve des Gegners heimisch fühlt. Da steht man dann in der Alten Försterei bei einem Spiel von Union Berlin auf einmal im Gästeblock oder direkt daneben. Das eigene Kind singt unweit des Capos der Union-Ultras Lobgesänge auf die Eisernen. Und noch schlimmer: Es jubelt, wenn im Netz des 1. FC Nürnberg das Netz zappelt.

Das fühlt sich dann ein bisschen falsch an. Der eine feiert, während der andere die Arme über dem Kopf zusammenschlägt, weil der Torwart mit einem veritablen Patzer Union wieder ins Spiel bringt. In der Masse der Jubler oder der der Entsetzten ist rationale Neutralität nicht möglich. Es zählt nur das Gefühl der Zugehörigkeit. Der Franke feiert die Franken. Der Fast-Berliner die Köpenicker.

Es ist schon ein erstaunliches Phänomen, welche Kraft, welche Freude, welches Leiden ein Fußballspiel auslösen kann. Man uniformiert sich mit Trikot, Schal oder Vereinslogo. Man ist und will Teil einer Gruppe sein, die sich in der Regel aus regionaler Verbundenheit zu einem Verein bekennt. Und das lässt sich auch gar nicht ablegen. Jeder Versuch scheitert. Es ist allenfalls möglich, Sympathie für den Club des Sohnes zu fühlen. Aber echtes Fan-Sein ist eigentlich ausgeschlossen. Das wäre ja so, als würde man seine Heimat vergessen wollen. Wie absurd!

Mehr Heimat:
(1) Mein Sprungturm
(2) Stänglich vom Schwab
(3) Leberkäsweck
(4) Bilder aus Hammelburg
(5) Schlesisch Blau in Kreuzberg
(6) Danke Biermösl Blosn!
(7) Weinlaub und Weintrauben
(8) Laufwege in Buchenwäldern
(9) Fränkische Wirtschaft
(10) Bamberger Bratwörscht am Maibachufer
(11) Weißer Glühwein
(12) Berlin
(13) Geburtstage bei Freunden aus dem Heimatort
(14) Gemüse aus dem eigenen Garten
(15) Glockenläuten in der Kleinstadt
(16) Italienische Klänge
(17) Erstaunliches Wiedersehen nach 20 Jahren
(18) Federweißen aus Hammelburg
(19) Wo die Polizei einem vertraut
(20) Erinnerungen in Aschaffenburg
(21) Nürnberg gegen Union Berlin
(22) Der DDR-Polizeiruf 110 „Draußen am See“

Berliner Fußballplätze – Tasmania 1973 Berlin

Bei Tasmania Berlin

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Bei Tasmania Berlin

Auf der einen Seite ist Neukölln, auf der anderen das Tempelhofer Feld. Dazwischen liegt der Werner-Seelenbinder-Sportpark, auf dessen Gelände Tasmania 1973 seine drei Plätze hat. Wo einst 30.000 Zuschauer Platz hatten, ist heute nur noch für 3500 Platz. Der Rasenplatz liegt zwischen zwei höher liegenden Kunstrasenplätzen. Von der Eisbahn nebenan schallt Musik herüber. Dafür gibt es keinen Fluglärm mehr, seit der alte Zentralflughafen in Tempelhof geschlossen ist.

Mehr Berliner Fußballplätze:
SV Schmöckwitz Eichwalde
SSV Köpenick-Oberspree
HSG Blau-Weiß Hohenschönhausen
VfB Einheit Pankow
Poelchau Oberschule Charlottenburg
Borussia Pankow 1960
Blau Gelb Berlin
Frohnauer SC
SV Nord Wedding 1893
SC Borussia 1920 Friedrichsfelde
BSV Eintracht Mahlsdorf
VfB Hermsdorf
FC Viktoria 1899 Berlin
VfB Biesdorf
BSV Hürtürkel
RFC Liberta – Scharnweberstraße
Tennis Borussia Berlin – Hans-Rosenthal-Sportanlage
Concordia Wilihelmsruh – Nordendarena
Jahn-Sportpark und Jahnstadion
Stadion Lichterfelde vom FC Viktoria Berlin

Berliner Fußballplätze – Stadion Lichterfelde vom FC Viktoria Berlin

Stadion Lichterfelde

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Stadion Lichterfelde

Am Ostpreußendamm liegt das Stadion Lichterfelde, in dem der FC Viktoria Berlin seine Heimspiele hat. Ergänzt um ein Trainingsgelände ist das Stadion mit seinen 4300 Plätzen eines der schönsten in Berlin. Das liegt zum einen an der Lage direkt am Teltowkanal, zum anderen an der klaren Architektur. Alles hier ist funktional und doch geschmackvoll. Gebaut wurde es zwischen 1926 und 1929, um dann von 1933 an zwölf Jahre nach Adolf Hitler benannt war. 2009 wurde es zuletzt umgebaut.

Mehr Berliner Fußballplätze:
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Jahn-Sportpark und Jahnstadion
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Berliner Fußballplätze – Jahn-Sportpark und Jahn-Stadion

Im Jahn-Sportpark

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Im Jahn-Sportpark

Die Olympia-Bewerbung rückt das Jahn-Stadion wieder ins Blickfeld. Sollten die Spiele in Berlin stattfinden, dann würde auch das Gelände in Prenzlauer Berg zur Wettkampfstätte. Aber davor müsste eine Sanierung her. Modern und auf dem neusten Stand sind hier nur die Umkleidekabinen für die Fußballer von Empor, die nicht im Stadion, sondern im Jahn-Sportpark trainieren und spielen. Mitten in der Großstadt ist der Jahnsportpark auch ein Zugang zum Mauerpark. Ein Stück Berlin, das auf eine respektable Ost-Vergangenheit zurückblickt und Mitten in der Gegenwart liegt. Früher spielte hier der DDR-Dauermeister Dynamo Berlin. Heute träumt der Club von der Wiederbelebung der Spielstätte Jahn-Sportpark. Doch davor müssten die Hohenschönhauser erst mal wieder aufsteigen.

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Wie ich 1990 Weltmeister wurde – obwohl ich eigentlich nicht wollte

Die Weltmeister von 1990
Die Weltmeister von 1990
Die A 7 war leer. Vollkommen leer. So leer wie sonst nie, in den drei Semestern, in denen ich regelmäßig von Hammelburg nach Göttingen fuhr. Kurz vor dem Anpfiff hatte ich mich auf den Weg gemacht. Statt Autostress wie sonst hatte ich eine ruhige Fahrt erwartet. Und genau so kam es.

Deutschland stand in Rom im Finale. Ganz Fußball-Deutschland fieberte mit. Und ganz Deutschland meinte mehr als ein halbes Jahr nach dem Fall der Mauer und einige Monate vor Helmut Kohls willkürlich terminierter Vereinigung von DDR und Bundesrepublik tatsächlich GANZ DEUTSCHLAND! Okay, es gab da noch viele Linke und skeptische Intellektuelle, die diskutierten, ob die Vereinigung der beiden Deutschlands der richtige Weg sei. Oder die davor warnten, dass dieses zukünftige vereinte Deutschland in alte, grausige Muster verfallen könnte. Dieser Skepsis konnte ich auch viel abgewinnen. So viel, dass ich mir sogar Gregor Gysi im Wahlkampf in Göttingen anschaute. Den Mann, der die Auflösung der SED verhinderte – und stattdessen eine reformierte Partei durchsetzte. Nicht aus moralischen Gründen, die er schon 1990 ständig im Mund führte, sondern aus rein finanziellen. Mit dem Argument, dass das mehr als zweifelhafte Vermögen der Diktatur-Partei nur bei einer Umbenennung, nicht aber bei einer Auflösung erhalten werden könne.

Nun ja, in diesem Land, das formal noch zwei Länder war, in dem aber der DFB die Vereinigung schon vollzogen hatte, fuhr ich auf der Autobahn. An diesem 8. Juli 1990, als Argentinien der Gegner war. Wirklich mitfiebern konnte ich nicht. Auch wenn ich das Spiel im Radio verfolgte. Die Live-Reportage war großartig, die Stimme des Reporters sonor und nur selten am kippen. Sie war ein wenig so wie das Spiel, das offenbar weder spielerisch noch kreativ eine Offenbarung war. Ich war zufrieden, es nicht im Fernseher verfolgen zu müssen und schwebte über die leere A 7.

Kurz vor Göttingen fiel das Tor. Kurz vor Göttingen wurde ich Weltmeister. Im alten hellgrünen Audi 100 mit dem weißen Kotflügel. Und irgendwie freute auch ich mich über dieses Tor. Vor allem aber über meine Cleverness, die mir zu dieser ruhigen Fahrt verholfen hatte. Gut gestimmt, ja formidable fröhlich fuhr ich in die Stadt. Und da stand ich dann. Mitten im Autokorso. Inmitten von Deutschlandfahnen schwenkenden jungen Frauen und Männern, die auch alle Weltmeister geworden waren. Inmitten von Türken und Griechen und Italienern, wie wir damals all die „Gastarbeiter“ nach ihrer Herkunft noch nannten. Und die auch alle Weltmeister geworden waren.

Und ich? Ich habe für die paar Kilometer in Göttingen fast genauso lange gebraucht wie auf den gut 200 Kilometern auf der A 7! Und ich habe noch viel länger gebraucht, bis ich verstanden habe, dass Deutschlandfahnen nicht schlimm sein müssen. Nämlich bis 2002. bei einer anderen WM. Aber das ist eine andere Geschichte, bei der weder wir noch Weltmeister wurden.

Be Berlin – Be BER – Be Olympia

Berlin ist kreativ. Berlin ist anders. Berlin ist einfach wunderbar. Be Berlin! Das ist der Kern der Stadt. Und das ist auch die Beschreibung für ihn: den Regierenden. Den einzigen Wowereit.

Berlin hat einen Flughafen, von dem nicht geflogen werden kann. Das ist anders. Das ist kreativ. Das können und wollen sich andere Städte nicht leisten. Aber Berlin! Und Brandenburg. Denn der Rand, das Umland ist zwar nicht Berlin. Aber eigentlich wäre man schon gern irgendwie auch Berlin.

Berlin hat einen Bürgermeister. Der ist seit 14 Jahren im Amt. In diesen 14 Jahren ist an diesem Flughafen gebaut worden. Aber fertig wurde er nicht. Stattdessen kostet er so viel Geld, dass nicht ausreichend Lehrer eingestellt werden können. Dass jeder Polizist mit dem privaten Handy telefoniert, weil sonst die Polizeiarbeit zusammenbrechen würde. Und dass kein Geld für wichtige neue Investitionen da ist.

Und was macht der Wowereit? Er ist kreativ! Er hält sich nicht mit Sachzwängen auf. Er greift nach den Sternen. Oder besser gesagt nach den olympischen Ringen! Besser von Olympia träumen, als vom Chaos-Flughafen zu reden, denkt er sich. Und wenn das nicht reicht, dann kommt sein größter Coup: Dann rückt er mit seinem eigentlichen Plan heraus. Dann kommt die umtimative Olympia-Idee: Olympia auf dem BER – oder kurz OlymBer! Die Spiele mit der besten Verkehrsanbindung überhaupt. Hallen bis zum Abwinken. Shopping-Mall im OlymBer-Gelände. Und was noch fehlt, wird Ruckzuck aufgebaut. Das ist kreativ. Das ist innovativ. Das ist anders. Be Berlin!

Michael Ebmeyer sortiert Schwarz-Rot-Gold bei der WM

Michael Ebmeyer: Das Spiel mit Schwarz-Rot-GoldHeute wehen sie wieder überall: die Fahnen in schwarz-rot-gold. Selbst 1990, als Deutschland das letzte mal Weltmeister wurde, gab es das in dieser Form nicht. Trotz „Wir sind ein Volk“ und deutscher Einheit war die deutsche Fahne damals noch nicht selbstverständlich. Der Autor Michael Ebmeyer hat dieses Phänomen in einem Essay beleuchtet. Und wirklich Erhellendes dazu geschrieben.

Für Ebmeyer waren deutsche Fahnen in den 80er-Jahren genauso fremd wie mir. Wer sich damit zeigte, stellte ein seltsam zurückgewandtes Weltbild zur Schau. Noch heute wirkt auf ihn die schwarz-rot-gold-selige Beflaggung nicht unbedingt sympathisch. Aber Ebmeyer verharrt nicht in solchem Denken. In seinem schlauen Büchlein sucht er, was der gerade heute wieder zu erlebende Umgang mit dem Staats-Symbol wohl bedeutet. Natürlich findet er rechte Dumpfbacken. Aber er erinnert auch daran, wann und wo sich die schwarz-rot-goldene Ausgelassenheit beim Fußball eingestellt hat. Das war erstmals bei der WM 2002 in Berlin. Und dann 2006 natürlich in Berlin und dem ganzen Land. Es waren vor allem Migranten, die sich mit der deutschen Fahne als Teil eines Landes präsentierten, das schon viel weiter war, als es viel politisch Verantwortlichen noch wahrhaben wollten.

Es waren diejenigen in der bunten Republik, die in der multikulturellen Nationalelf eine Möglichkeit zur Identifikation mit ihrer eigenen Heimat, mit Deutschland entdeckten. Und die dies genauso auslebten, wie mit ihren türkischen oder anderen Bezügen. Nämlich durch das Zeigen der Flagge. Ebmeyer schafft es, dies alles in einen Kontext zu stellen, der tatsächlich den Fußball und seine Identifikationskraft in den Mittelpunkt stellt. Dabei scheut er auch nicht davor zurück, Adorno in Frage zu stellen und Luhmann als theoretisches Rüstzeug zur Argumentation heranzuziehen. Und ist in diesem schmalen Bändchen ein intelligenter Essay zu lesen, der Spaß macht. Und nachdenklich. Und Hoffnung darauf, dass dieses schwarz-rot-gold vor allem eins nicht mehr ist: rückwärts gewandt und spießig. Sondern links, weltoffen und multikulti.

Michael Ebmeyer: Das Spiel mit schwarz-rot-gold. Kein & Aber, 7,90 Euro.