Stephan Wackwitz erkundet den Kaukasus

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der WeltStephan Wackwitz ist ja nicht nur mit einem Roman über die Goethe-Institute – „Walkers Gleichung“ – bekannt geworden. Er arbeitete auch für den Vermittler deutscher Kultur im Ausland. Unter anderem in Krakau, New York und Tiflis. All diese Stationen hat er literarisch verarbeitet. „Die vergessene Mitte der Welt“ ist eine hervorragende Sammlung von Essais über den Kaukasus, die in seiner Zeit in Tiflis entstanden ist. Unter anderem hat er 2012 dort einen friedlichen Machtwechsel erlebt, der nur durch den Druck der demokratischen, westlichen Kräfte auf der Straße stattfinden konnte. Sämtliche Texte sind zwischen 2011 und 2013 entstanden.

Wackwitz gehört zu den großen deutschsprachigen Essayisten, die uns die Welt näher bringen, die früher durch den eisernen Vorhang getrennt war. Und die für den Großteil der Menschen in Westeuropa noch immer nicht wirklich interessant ist. Nach einer aktuellen Umfrage waren zum Beispiel nur 30 Prozent der Deutschen schon einmal in Polen, dem immerhin zweitgrößten Nachbarland. Und von diesen 30 Prozent kommt der größte Teil aus dem Osten Deutschlands. Umso wichtiger sind die Texte von Wackwitz oder zum Beispiel Karl Markus Gauß. Denn sie nehmen den Leser bei ihren Reisen in der Gegenwart auf eine unaufdringliche Entdeckung in die europäische Vergangenheit mit. Und machen so anschaulich, welche Entwicklungen das Jetzt bewegen und teilweise sogar bestimmen.

In „Die vergessene Mitte der Welt“ wird das besonders anschaulich. Georgien, Aserbaidschan und Armenien wirken die vielen Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft nach. Da die drei Länder unterschiedliche Traditionen haben – Aserbaidschan ist muslimisch geprägt, Georgien und Armenien unterschiedlich christlich – hat sich dort die Dominanz Moskaus aber auch verschieden ausgewirkt. Georgien beispielsweise distanziert sich sehr stark von der imperialen Macht, die 2008 sogar Krieg gegen das kleine Land führte. Aber es gibt nach wie vor auch Stolz darauf, dass Stalin einer der ihren war. Wackwitz nähert sich solchen Aspekten als wissender Flaneur an. Er bereist das Land, spricht mit den Menschen und reflektiert die historische Substanz von Bauwerken, Städteplanung und Bushaltestellen, um den Geist zu destillieren, in dem all dies entstand. Und um zu zeigen, mit welchem Geist heute damit umgegangen wird und wie verschieden die postsowjetischen Transformationsprozesse vonstatten gehen.

Das lässt sich nicht nur gut lesen. Es ist tatsächlich auch spannend. Etwa wenn er von den Menschen in Tiflis erzählt, die sich gegen Korruption und Vetternwirtschaft wehren. Oder wenn er verdeutlicht, welche Traditionsstränge helfen den Nachhall sowjetischen Denkens zu überwinden. All das ist klug erzählt ohne auch nur den Anschein von Überheblichkeit zu erzeugen. Wackwitz ist ein Mensch, der mit Empathie durch die Gassen und über die Treppen von Tiflis geht. Genau deshalb sieht er viele Dinge, die anderen verborgen blieben.

Wer das erst vor zwei Jahren erschienene Buch jetzt kaufen will, hat ein Problem. Es ist vergriffen. Und offenbar denkt der S. Fischer Verlag, dass sich Bücher über den Osten Europas nicht so gut verkaufen lassen. Eine neue Auflage ist nicht angekündigt. Es bleibt nur der Download des Ebooks oder die Hoffnung, dass sich das Buch im Antiquariat auftreiben lässt.

Ilja Ehrenburg bringt uns mit dem traurigen Lasik Roitschwantz zum Lachen

Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik RoitschwantzLasik Roitschwantz ist ein Jude aus Homel. Sein ganzes Leben lang will der gelernte Schneider ankommen und ein ganz normales Leben führen. Und wenn das nicht klappt, dann wäre er schon mit regelmäßigen Mahlzeiten zufrieden. Aber Lasik Roitschwantz ist einer von denen, die in jedes Fettnäpfchen tappen, einer von denen, die stärkeren und mächtigeren Menschen den Spiegel vorhalten und deshalb aus deren Blick geräumt werden müssen.

Ilja Ehrenburg, einer der bedeutendsten Literaten, Journalisten und Intellektuellen der frühen Sowjetunion hat seinen Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ 1928 in Berlin veröffentlicht – auf Russisch. Im selben Jahr ist der Roman auch noch von Waldemar Jollos ins Deutsche übersetzt worden. Diese Übersetzung ist nun fast 90 Jahre später in der Anderen Bibliothek mit leichten Korrekturen erneut veröffentlicht worden. Das ist ein Glück für alle, die sich für jüdische Literatur, für russische Literatur und generell für großartige Literatur interessieren. Sie können mit Lasik Roitschwantz in die Welt des Stetls, in die Wirrnisse der Sowjetunion in ihrem ersten Jahrzehnt, ins Europa der Zwischenkriegszeit und ins Palästina des frühen Zionismus eintauchen. Und wer das mit Lasik Roitschwantz tut, der kann dies nicht, ohne sehr viel zu lachen.

Denn der Roman über den wandernden Juden ist auch ein Schelmenroman. Lasik Roitschwantz ist dabei weder dumm noch einfältig oder moralisch gefestigt. Er ist ein Schelm, weil er mit seinen unendlich vielen Geschichten aus der Welt der Juden im Osten Europas und seiner jüdisch-jidisch-chassidischen Logik die Welt entlarvt. Trotz aller Versuche sich die Welt anzueignen, bleibt er zeitlebens dem Denken und der Tradition seiner Heimat verwurzelt.

Homel ist heute eine Großstadt mit 500.000 Einwohnern. Es ist die zweitgrößte Stadt Weißrusslands. 1926, also ungefähr zu der Zeit, in der uns Lasik Roitschwantz begegnet, lebten knapp 34.500 Juden in der Stadt und damit 44 Prozent. Und der Rest waren Weißrussen, Russen, Polen, Ukrainer und einige Deutsche. Zwar gab es Anfang des 20. Jahrhunderts hier schon ein Pogrom. Aber die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten war noch nicht absehbar. Auch die antisemitischen Auswüchse Stalins und seines Terrorsystems waren Ende der 1920er-Jahre noch nicht manifest. Schon einige Jahre später hätte der Roman nicht mehr publiziert werden dürfen. Deshalb ist Ehrenburgs Roman auch ein seltener Schatz, der das jüdische Leben und Denken zwar satirisch, aber immer auch liebevoll darstellt.

Lasik Roitschwantz hat es mit sowjetischer Denunziation und Misswirtschaft zu tun. Er stört kommunistische Literaten und polnische Rittmeister. Er eckt mit deutschen Apothekern, Metzgern und reformierten Juden an. Er versucht sich als Künstler am Montmartre, allerdings ohne Kunst zu produzieren und versucht sich in England als Missionar. Nur eins macht er nie: sich als Spitzel zu verdingen. Und das, obwohl er fast 20 mal Gefängnisse von innen kennenlernt.

All das kommentiert Lasik Roitschwantz mit seiner unglaublichen Fülle an jüdischen Erzählungen, Gleichnissen und Legenden. Selbst als er in der Nähe Jerusalems stirbt, kann er den Mund noch nicht ganz halten. Und das ist ein Genuss für den Leser, der angesichts der Fülle ganz sprachlos wird – aber nie humorlos. Denn ohne Humor lässt sich dieses Buch voller Witz wahrscheinlich gar nicht lesen.

Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz; Die Andere Bibliothek Bd. 375

Jurij Wynnytschuk entführt uns nach Lemberg

Jurij Wynnytschuk: Im Schatten der MohnblüteDer Krieg in der Ukraine hat das Land zwischen Polen und Russland buchstäblich ins europäische Bewusstsein geschossen. Je länger die russische Aggression währt, umso mehr beschäftigen sich Öffentlichkeit und Medien, aber auch die Wissenschaft mit der Geschichte des Landes. Und umso klarer schält sich heraus, dass die Ukraine eine eigenständige Kultur, eine eigene Sprache, ein eigenes Nationalbewusstsein hat, das sich klar gegen Russland abgrenzt. Ein wunderbares Beispiel für die ukrainische Literatur ist der kürzlich erschienene Roman „Im Schatten der Mohnblüte“ von Jurij Wynnytschuk.

Im Mittelpunkt des Buches die Freundschaft von vier jungen Lembergern. Ein Pole, ein Ukrainer, ein Jude und ein Deutscher bilden das Quartett, das in den 1930er-Jahren in der damals polnischen Stadt unzertrennlich sind. Jurij Wynnytschuk schildert die multikulturelle Stadt aus der Sicht der dort lebenden Nationalitäten bis in die 1940er-Jahre hinein. Der Roman handelt also von Krieg und Frieden. Er schildert die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee in Folge des Hitler-Stalin-Paktes und fast zwei Jahre später durch die Wehrmacht. Wynnytschuk erzählt vom Wüten des NKWD und davon, wie die gleichen Foltergefängnisse dann von der Gestapo genutzt wurden, um nach dem Fall Lembergs 1944 wieder vom NKWD in Besitz genommen zu werden.

Im Grauen, das die Stadt erlebte, fehlt natürlich auch nicht der Untergang und die Vernichtung der Juden durch die Deutschen. Eine furchtbare Rolle dabei muss der jüdische Freund übernehmen. Er muss bei den Exekutionen zusammen mit anderen Juden in einem Orchester musizieren. Dabei spielt er einen ganz speziellen Tango so, dass er kaum gehört werden kann. Aber dessen Melodie hat eine ganz wichtige Funktion: Wer sie beim Sterben hört, erhält die Chance zur Seelenwanderung in einen anderen Menschen, der dann zwei Seelen in sich trägt. Eine gewagte Geschichte, die Jurij Wynnytschuk aber wunderbar erzählt. Diese Seelenwanderung ermöglicht es den Menschen, vertraute Seelen wiederzufinden. Und so finden auch die Freunde wieder – und zwar in der von der Sowjetunion befreiten Ukraine.

„Im Schatten der Mohnblüte“ vereinigt alles, was gute Literatur ausmacht. Es strotzt vor Fabulierfreude, es öffnet den Kopf für phantastische Gedanken, die sich trotz allem irgendwie wahr anfühlen. Denn wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen man sich fremden Menschen verbunden fühlt oder sich in einer fremden Stadt auskennt, als sei man schon dort gewesen. Jurij Wynnytschuk verzaubert den Leser, der sich auf das Gedankenexperiment einlässt. Und er zeigt in seinem Lemberg-Roman ganz deutlich, weshalb die Ukraine kein Wurmfortsatz Russlands ist, sondern eigenständig.

Der bewegende Roman „Ewiger Sabbat“ von Grigori Kanowitsch

Grigori Kanowitsch: Ewiger SabbatDaniel wächst in einem Provinznest in Litauen auf. Sein Vater sitzt als Kommunist im Gefängnis. Die Großmutter ist seine Bezugsperson. Als sie stirbt nimmt sich der Totengräber des Jungen an – und o wird auch Daniel zum Totengräber auf dem jüdischen Friedhof. Das ist die Ausgangslage des Romans „Ewiger Sabbat“ von Grigori Kanowitsch (* 1929). Das besondere an dem Buch ist die Perspektive. Denn Kanowitsch schildert das Lebe und die Welt immer durch die Augen Daniels.

Deshalb beginnt das 600 Seiten dicke Buch wie ein Schelmenroman. Der Junge ist naiv, versteht die Welt nicht richtig und wirkt so lustig und entlarvend. Aber mit zunehmenden Alter wird Daniel auch erwachsener. Sein Handeln bleibt zwar immer grundehrlich, manchmal auch naiv. Aber als junger Erwachsener weiß er, was passiert. Auch wenn die fehlende Bildung ihm vieles erschwert. Daniel sehnt sich nach seinem Vater. Als er erfährt, dass der im spanischen Bürgerkrieg gefallen ist, nähert er sich der kommunistischen Jugend an. Aber er wird nicht Teil von ihr. Erst während der Besatzung durch Nazis beginnt er, zu handeln. er versteckt Waffen auf dem Friedhof. Und im Ghetto versteckt er Kinder, rettet sie im Jauchewagen und ist bereit, sein Leben für das Anderer einzusetzen.

Dabei wird Daniel von Grigori Kanowitsch niemals als Held geschildert. Er und bleibt ist der einfache Totengräber. Aber ein Totengräber, der sich nach dem Leben sehnt und das Leben der anderen zu bewahren sucht. Kanowitsch, der selbst 1929 in der Nähe von Vilnius im Litauen als Jude geboren wurde (und heute in Israel lebt), hat mit der „Ewige Sabbat“ ein bewegendes Buch über das Leben und den Tod der Juden Litauens geschrieben. Er schildert die bittere Armut im Schtetl. Er beschreibt die Feste und die Freude der Juden genauso packend wie den Untergang im Ghetto. Obwohl das Buch 1979 in der Sowjetunion erschienen ist, schwingt keine Ideologie mit, wenn er den Krieg schildert. Die Soldaten der Roten Armee sind einfach Menschen, keine Helden. Alle sind Spielball der Geschichte.

Die große  Kunst Grigori Kanowitsch‘ ist es, all das ganz unaufgeregt zu schreiben. Diese Zurückhaltung erzeugt beim Leser eine umso größere Wirkung angesichts der furchtbaren Erlebnisse Daniels. Die Andere Bibliothek hat das Buch genauso unaufgeregt gestaltet. Es ist der Text, der wirktn. Und das nachhaltig.

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