Ignazio Silone erzählt in Fontamara vom Widerstand gegen den Faschismus

Ignazio Silone: FontamaraIn Fontamara, einem fiktiven Bergdorf der Abruzzen, herrscht Armut. Die Cafoni, die Bergbauern, kämpfen in de späten 1920er-Jahren um ihre Existenz, weil die kleinen Grundstücke nicht genug Ertrag abwerfen. Außerdem hält der Kapitalismus in Person eines römischen Geschäftsmannes Einzug in die noch immer feudal geprägte Region.

Das ist der Hintergrund vor dem Ignazio Silones Debüt-Roman aus dem Jahr 1930 spielt. Silone war zu diesem Zeitpunkt im Exil in der Schweiz. Zuvor hatte er im Untergrund gegen Mussolinis Faschisten gearbeitet. „Fontamara“ spielt in der Heimat Silones, der selbst Sohn von armen Bergbauern war. Aus der Sicht eines Cafone schildert er, wie sich der Faschismus in der Region und im Dorf immer weiter ausbreitet. Erst kommt ein Kaufmann aus Rom, der sich Schritt für Schritt nicht nur die Ernten der Bauern sichert, sondern auch die gesamte Wertschöpfungskette der Agrarprodukte. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wächst auch der politische Einfluss, vor allem, weil er auch Faschist ist. Schließlich wird er dann sogar Bürgermeister.

Für die Bauern aus Fontamara ist das eine Katastrophe. Denn jetzt bemächtigt er sich des Wassers, das schon immer die Felder von Fontamara bewässert hat. Alle Versuche dagegen zu protestieren laufen ins Leere und führen am Ende dazu, dass junge faschistische Schläger das Dorf überfallen, brandschatzen, Frauen vergewaltigen und auch vor Mord nicht zurückschrecken. All das erzählt Silone aus der Sicht des Bauern, dessen Frau und dessen Sohns. Dadurch wird eine erstaunliche Nähe erzeugt. Das inzwischen so ferne Geschehen ist auch heute noch fesselnd. Vor allem auch, weil neben des Konflikts der Bauern mit dem kleinstädtischen, faschistischen Bürgermeister auch die Geschichte des aufkeimenden und tatsächlichen Widerstands vor allem anhand eines jungen Mannes erzählt wird. Das ist alles stimmig und noch immer lesenswert. Nicht nur, wenn man selbst in den Abruzzen ist und stets vor Augen hat, wie hart die Arbeit für die Bergbauern früher gewesen sein muss.

Welche Bücher kommen mit in den Urlaub?

UrlaubslektüreJedes Jahr das gleiche Problem. Ungelesene Bücher stapeln sich. Da liegen aktuelle Romane, historische Texte und politische Literatur. Aber sind das die richtigen Bücher für den Urlaub? Sind sie zu schwer? Und haben sie irgendetwas mit dem Reiseziel zu tun?

Auf dem zweiten Stapel liegen Bücher, die in den Abruzzen spielen oder von Autorinnen und Autoren sind, die im Gebirge in der Mitte Italiens geboren wurden. Und Bücher, die Italien als Thema in der Gegenwart und der Geschichte haben. Aber liest sich das besser, wenn man auf die Adria blickt? Oder auf die Fast-3000er der Abruzzen?

Jedes Jahr sind es die gleichen Fragen, die bis zum letzten Moment nicht entschieden werden. Aber in meinem Kopf ist das die entscheidende Frage vor dem Urlaub. Aber entschieden wird sie erst auf den letzten Drücker. Ich bin selbst gespannt, welcher Stapel es wird.

Saša Stanišić schaut in „Fallensteller“ auch wieder nach Fürstenfelde

Sasa Stanisic: Fallensteller„Fallensteller“ heißt das aktuelle Buch von Saša Stanišić. Es enthält eine Reihe von Erzählungen. Nach dem großen Roman „Vor dem Fest“ hat der Autor sich jetzt für die kürzere Form entschieden. Auf den ersten Blick wirkt das nicht wirklich überzeugend, weil einige Erzählungen im Band mit Folgeerzählungen fortgesetzt werden. Und weil die Erzählung „Fallensteller“ eine Art Fortsetzung des preisgekrönten Romans ist. Da könnte leicht der Eindruck entstehen, Stanišić habe es nicht geschafft, die entsprechenden Stoffe zu ganzen Romanen zu bündeln. Doch trotzdem ist das Buch ein Gewinn für alle begeisterten Leser. Denn seine Sprache ist ein Fest.

Saša Stanišić hat inzwischen einen ganz eigenen Ton entwickelt, der unsere vermeintliche Realität mit Mythen, alten Geschichten, Sagen, Träumen und anderen Erfindungen oder Erklärungsmustern der Welt durch unseren Geist und unsere Seele verbindet. Bei ihm ist immer mehr in der Sprache als reine Beobachtung oder Beschreibung dessen, was als Realität bezeichnet wird. Er legt nicht nur weitere Schichten dessen frei, was uns auch noch ausmacht. Saša Stanišić schafft es mit seinen Sätzen auch eine etwas andere Wirklichkeit zu imaginieren. Er befreit uns beim Lesen als auch aus der Vorstellungswelt des nur Möglichen.

Stanišić nimmt seine Leser wieder mit nach Fürstenfelde in der Uckermark, diesen imaginierten Ort, der dennoch in unserer Welt als Fürstenwerder real, aber anders existiert. Wir begegnen dem Personal aus „Vor dem Fest“ wieder. Und einer mysteriösen Figur, die den Ort durcheinander bringt, dem Fallensteller. Der gibt vor mit Fallen Probleme lösen zu können. Er sieht aus wie ein aus der Zeit gefallener Mann in altmodischen Klamotten. Und er spricht auch wie eine Figur aus einem mindestens 200 Jahre alten Roman in Versform. Denn alle seine Antworten sind kleine gereimte Gedichte. Der Fallensteller wirkt fast wie ein Schatten des Autors, der sich über den Ort gelegt hat. Der mit seinem Roman das echte Fürstenwerder bekannt gemacht und auch verändert hat. Dass Saša Stanišić diese Veränderung nicht als Reportage, sondern als echte Literatur reflektiert, lohnt allein die Anschaffung des Bandes. Mit mehr als 100 Seiten macht die Erzählung auch den größten Teil des Buches aus.

Aber Stanišić verarbeitet nicht nur seinen eigenen literarischen Erfolg. Seine anderen Figuren sind ein alter Sägewerkarbeiter, der sich als Zauberer versuchen will. Oder ein Paar, das sich teils als Hochstapler, teils als Kunstdiebe durch Köln, Stockholm und Lappland schlägt. Und da ist der Geschäftsreisende, der Dank einer Verwechslung in Brasilien nicht zu seinem Termin gebracht wird, sondern in die Natur eintauchen kann. Allen gemeinsam ist, dass sie der Normalität entfliehen. Die einen wollen es, den anderen geschieht es, bis sie sich so darauf einlassen, dass sie erkennen, dass die Welt mehr ist als die uns so vertraute Normalität.

Ein wahnwitziger Thriller über den Brexit von Andrew Marr

marrNur noch vier Tage, dann wissen wir, ob die Briten weiterhin Europäer sein wollen oder nur noch Insulaner. Die Debatte um den Brexit hat alles, was ein Thriller benötigt; inzwischen mit der Labour-Abgeordneten Jo Fox leider auch ein Mordopfer. Als der Journalist Andrew Marr seinen Thriller „Der Premierminister“ schrieb, war ein tatsächlicher politischer Mord noch unvorstellbar. Umso lustvoller hat er darüber geschrieben.

Das Buch selbst ist ein wahnwitziges Gedankenexperiment, indem Downing Street 10, das Parlament, die Finanzindustrie und natürlich die Medien wichtige Zutaten. Natürlich darf das Königshaus nicht fehlen und der berühmte britische Humor. Ohne diesen wäre das Buch nicht auszuhalten. Aber der Witz und die Schärfe, mit der Andrew Marr, immerhin einer der wichtigsten britischen Politik-Journalisten, seine jahrzehntelange intime Kenntnis der politischen Akteure und Verhältnisse auf die Schippe nimmt, macht dem Leser sehr viel Spaß.

Leider ist es nicht möglich, das wichtigste des Buches zu erzählen, ohne die Wucht der Überraschungen beim Lesen des Buches zu zerstören. Denn jedes Mal, wenn man sich denkt, jetzt wird doch nicht dieses oder jenes passieren, geschieht noch etwas viel erstaunlicheres. Der Thriller macht einen atemlos. Und fassungslos, weil der Irrsinn angesichts der gerade stattfindenden Debatten um den Ausstieg aus Europa nicht mehr nur als ein Hirngespinst erscheinen, sondern mit Blick auf die Verbissenheit beider Seiten als Steigerung realen Geschehens erscheint. Natürlich hat das Buch auch Schwächen. Aber wer es jetzt anfängt zu lesen, wird vor dem 23. Juni noch fertig. Und hat dann wenigstens noch richtig Spaß am Brexit – auch wenn man ihn sich definitiv nicht wünscht.

Stephan Wackwitz erkundet den Kaukasus

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der WeltStephan Wackwitz ist ja nicht nur mit einem Roman über die Goethe-Institute – „Walkers Gleichung“ – bekannt geworden. Er arbeitete auch für den Vermittler deutscher Kultur im Ausland. Unter anderem in Krakau, New York und Tiflis. All diese Stationen hat er literarisch verarbeitet. „Die vergessene Mitte der Welt“ ist eine hervorragende Sammlung von Essais über den Kaukasus, die in seiner Zeit in Tiflis entstanden ist. Unter anderem hat er 2012 dort einen friedlichen Machtwechsel erlebt, der nur durch den Druck der demokratischen, westlichen Kräfte auf der Straße stattfinden konnte. Sämtliche Texte sind zwischen 2011 und 2013 entstanden.

Wackwitz gehört zu den großen deutschsprachigen Essayisten, die uns die Welt näher bringen, die früher durch den eisernen Vorhang getrennt war. Und die für den Großteil der Menschen in Westeuropa noch immer nicht wirklich interessant ist. Nach einer aktuellen Umfrage waren zum Beispiel nur 30 Prozent der Deutschen schon einmal in Polen, dem immerhin zweitgrößten Nachbarland. Und von diesen 30 Prozent kommt der größte Teil aus dem Osten Deutschlands. Umso wichtiger sind die Texte von Wackwitz oder zum Beispiel Karl Markus Gauß. Denn sie nehmen den Leser bei ihren Reisen in der Gegenwart auf eine unaufdringliche Entdeckung in die europäische Vergangenheit mit. Und machen so anschaulich, welche Entwicklungen das Jetzt bewegen und teilweise sogar bestimmen.

In „Die vergessene Mitte der Welt“ wird das besonders anschaulich. Georgien, Aserbaidschan und Armenien wirken die vielen Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft nach. Da die drei Länder unterschiedliche Traditionen haben – Aserbaidschan ist muslimisch geprägt, Georgien und Armenien unterschiedlich christlich – hat sich dort die Dominanz Moskaus aber auch verschieden ausgewirkt. Georgien beispielsweise distanziert sich sehr stark von der imperialen Macht, die 2008 sogar Krieg gegen das kleine Land führte. Aber es gibt nach wie vor auch Stolz darauf, dass Stalin einer der ihren war. Wackwitz nähert sich solchen Aspekten als wissender Flaneur an. Er bereist das Land, spricht mit den Menschen und reflektiert die historische Substanz von Bauwerken, Städteplanung und Bushaltestellen, um den Geist zu destillieren, in dem all dies entstand. Und um zu zeigen, mit welchem Geist heute damit umgegangen wird und wie verschieden die postsowjetischen Transformationsprozesse vonstatten gehen.

Das lässt sich nicht nur gut lesen. Es ist tatsächlich auch spannend. Etwa wenn er von den Menschen in Tiflis erzählt, die sich gegen Korruption und Vetternwirtschaft wehren. Oder wenn er verdeutlicht, welche Traditionsstränge helfen den Nachhall sowjetischen Denkens zu überwinden. All das ist klug erzählt ohne auch nur den Anschein von Überheblichkeit zu erzeugen. Wackwitz ist ein Mensch, der mit Empathie durch die Gassen und über die Treppen von Tiflis geht. Genau deshalb sieht er viele Dinge, die anderen verborgen blieben.

Wer das erst vor zwei Jahren erschienene Buch jetzt kaufen will, hat ein Problem. Es ist vergriffen. Und offenbar denkt der S. Fischer Verlag, dass sich Bücher über den Osten Europas nicht so gut verkaufen lassen. Eine neue Auflage ist nicht angekündigt. Es bleibt nur der Download des Ebooks oder die Hoffnung, dass sich das Buch im Antiquariat auftreiben lässt.

Mehrforte begeistert wieder beim Rosenfestkonzert

Die Konzerte des Eichwalder Chores Mehrforte beim Rosenfest sind eine schöne Tradition. Jedes Jahr treten die Laien, die von Chorleiter Thomas Merfort zu immer neuen Leistungen geführt werden, in der Eichwalder Kirche auf. Die Mischung von Klassikern der Pop-Musik bis hin zu Mozart und schwedischem Volkslied hat wieder viel Spaß gemacht.

Viele Worte muss man dazu gar nicht verlieren. Besser ist einfach zuzuhören!

Lynn Sherr feiert das Schwimmen in einer persönlichen Kulturgeschichte

Lynn Sher: SwimSie kann es nicht mehr lassen. Zwar ist Lynn Sherr Zeit ihres Lebens auch geschwommen, doch seit sie als Frau von fast 70 Jahren damit begonnen hat, sich auf eine Durchquerung des Hellespont vorzubereiten, ist das Schwimmen für sie immer wichtiger geworden. In ihrem siebten Lebensjahrzehnt hat sie daran gearbeitet, ihren Stil zu verbessern. Sie ist auf spezielle Trainigscamps gegangen, um bei großen Schwimmtrainern mehr über sich, über das Wasser und das Schwimmen zu erfahren. Und sie hat das alles in einer Kulturgeschichte des Schwimmens zwischen zwei Buchdeckeln zusammengefasst. Entstanden ist dabei ein Buch, das nicht nur Erstaunliches über das Schwimmen erzählt, sondern vor allem Lust darauf macht, ins Wasser zu springen und loszuschwimmen.

„Swim“ ist ein Buch mit einer persönlichen Rahmenhandlung. Lynn Sherrs eigener – geglückter – Versuch es der antiken Sagengestalt Leander gleich zu tun und den Hellespont zu durchschwimmen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Kapitel. Diese kleine Reportage über ihre Selbstwahrnehmung, über das Gewusel beim Start durch die Meerenge zwischen Europa und Asien, über die Gedanken und Gefühle bei Schwimmen entlang der Strömungen, ist allein schon lesenswert. Immerhin wird einmal im Jahr für 90 Minuten der Schiffsverkehr bei Canakkale angehalten, damit das Freiwasser-Schwimmspektakel überhaupt stattfinden kann. Wer sich nicht an die Vorgaben der Betreuer hält und statt der gut 1,5 Kliometer eine Strecke von 6,5 Kilometer auf den richtigen Strömungen schwimmt, hat keine Chance anzukommen. Wenn man bedenkt, dass der Großteil diese Distanz in gut 45 Minuten schwimmt, kann sich vorstellen, welche Kraft diese Strömungen haben.

Überhaupt lässt Lynn Sherr, eine ehemalige Journalistin von ABC-News in den USA, viele Schwimmer zu Wort kommen. Die wichtigste Frage, die sie alle für sich entschieden haben, ist die: Lieber im Becken schwimmen oder in Flüssen, Seen oder dem Meer? Der Großteil hat sich für das Freiwasserschwimmen entschieden. Vielleicht auch, weil die Autorin es selbst für sich entdeckt hat?

Auf jeden Fall war das der Beginn des Schwimmens. Sherr hat sich auf die Suche nach Fundstellen des Schwimmens in den Archiven der Welt gemacht. Und so erzählt sie von Präsident Jefferson, der ein leidenschaftlicher Schwimmer war. Oder von Präsident Adams, der bei einem morgendlichen Schwimmausflug in ein Gewitter geriet und sechs Stunden nackt am Ufer ausharren musste, bis er mit der Kutsche abgeholt wurde. Sie erzählt von den ersten Kanalschwimmern, von der Entwicklung der Bademoden und der Begeisterung der Massen für die ehemaligen Schwimmerinnen und Schwimmer, die im Kino nach der aktiven Zeit Karriere machten. All das – und noch sehr viel mehr – erzählt sie in einem angenehmen Plauderton. Der ist nie Besserwisserisch. Viel mehr zeugt er von der Freude, das Gelesene mit den Lesern zu teilen. Und so werden auch die Ausflüge in die Sport- und die Textilwissenschaft nicht von kaum verstehbaren Expertensprech verstellt, sondern gut für den Leser übersetzt.

Wer das Buch liest und schon immer gern geschwommen ist, den juckt es bei jeder Seite an den verkümmerten Schwimmhäuten zwischen den Fingern. Und – so glaube ich – wer bisher noch keine große Lust auf das Eintauchen ins Wasser hat, der muss genau die bekommen.

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Ilja Ehrenburg bringt uns mit dem traurigen Lasik Roitschwantz zum Lachen

Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik RoitschwantzLasik Roitschwantz ist ein Jude aus Homel. Sein ganzes Leben lang will der gelernte Schneider ankommen und ein ganz normales Leben führen. Und wenn das nicht klappt, dann wäre er schon mit regelmäßigen Mahlzeiten zufrieden. Aber Lasik Roitschwantz ist einer von denen, die in jedes Fettnäpfchen tappen, einer von denen, die stärkeren und mächtigeren Menschen den Spiegel vorhalten und deshalb aus deren Blick geräumt werden müssen.

Ilja Ehrenburg, einer der bedeutendsten Literaten, Journalisten und Intellektuellen der frühen Sowjetunion hat seinen Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ 1928 in Berlin veröffentlicht – auf Russisch. Im selben Jahr ist der Roman auch noch von Waldemar Jollos ins Deutsche übersetzt worden. Diese Übersetzung ist nun fast 90 Jahre später in der Anderen Bibliothek mit leichten Korrekturen erneut veröffentlicht worden. Das ist ein Glück für alle, die sich für jüdische Literatur, für russische Literatur und generell für großartige Literatur interessieren. Sie können mit Lasik Roitschwantz in die Welt des Stetls, in die Wirrnisse der Sowjetunion in ihrem ersten Jahrzehnt, ins Europa der Zwischenkriegszeit und ins Palästina des frühen Zionismus eintauchen. Und wer das mit Lasik Roitschwantz tut, der kann dies nicht, ohne sehr viel zu lachen.

Denn der Roman über den wandernden Juden ist auch ein Schelmenroman. Lasik Roitschwantz ist dabei weder dumm noch einfältig oder moralisch gefestigt. Er ist ein Schelm, weil er mit seinen unendlich vielen Geschichten aus der Welt der Juden im Osten Europas und seiner jüdisch-jidisch-chassidischen Logik die Welt entlarvt. Trotz aller Versuche sich die Welt anzueignen, bleibt er zeitlebens dem Denken und der Tradition seiner Heimat verwurzelt.

Homel ist heute eine Großstadt mit 500.000 Einwohnern. Es ist die zweitgrößte Stadt Weißrusslands. 1926, also ungefähr zu der Zeit, in der uns Lasik Roitschwantz begegnet, lebten knapp 34.500 Juden in der Stadt und damit 44 Prozent. Und der Rest waren Weißrussen, Russen, Polen, Ukrainer und einige Deutsche. Zwar gab es Anfang des 20. Jahrhunderts hier schon ein Pogrom. Aber die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten war noch nicht absehbar. Auch die antisemitischen Auswüchse Stalins und seines Terrorsystems waren Ende der 1920er-Jahre noch nicht manifest. Schon einige Jahre später hätte der Roman nicht mehr publiziert werden dürfen. Deshalb ist Ehrenburgs Roman auch ein seltener Schatz, der das jüdische Leben und Denken zwar satirisch, aber immer auch liebevoll darstellt.

Lasik Roitschwantz hat es mit sowjetischer Denunziation und Misswirtschaft zu tun. Er stört kommunistische Literaten und polnische Rittmeister. Er eckt mit deutschen Apothekern, Metzgern und reformierten Juden an. Er versucht sich als Künstler am Montmartre, allerdings ohne Kunst zu produzieren und versucht sich in England als Missionar. Nur eins macht er nie: sich als Spitzel zu verdingen. Und das, obwohl er fast 20 mal Gefängnisse von innen kennenlernt.

All das kommentiert Lasik Roitschwantz mit seiner unglaublichen Fülle an jüdischen Erzählungen, Gleichnissen und Legenden. Selbst als er in der Nähe Jerusalems stirbt, kann er den Mund noch nicht ganz halten. Und das ist ein Genuss für den Leser, der angesichts der Fülle ganz sprachlos wird – aber nie humorlos. Denn ohne Humor lässt sich dieses Buch voller Witz wahrscheinlich gar nicht lesen.

Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz; Die Andere Bibliothek Bd. 375

„Faust I und II“ als pralle Musical-Oper am Berliner Ensemble

Programmheft von Faust I und II am Berliner Ensemble
Programmheft von Faust I und II am Berliner Ensemble

Es dröhnt beim Betreten des Zuschauerraums am BE. Mit lauter Musik – einer Mischung aus Techno und Rock – begrüßt das Berliner Ensemble das Publikum. Die Bühne ist nackt. Die Kabel und die Notleitern sind zu sehen. Und ein Ensemble, das wild durcheinander auf der Bühne tanzt. Schon dieser erste Eindruck macht klar, dass hier kein klassischer Faust-Abend droht. Stattdessen Schauspieler in Bewegung, die bis zur Selbstaufgabe Bilder zu Musik formen und dabei mit ihren Stimmen den alten Goethe als Lied mit voller Wucht vor dem Verstummen in Reclam-Heftchen oder repräsentativen Klassiker-Ausgaben bewahren.

Sobald der lange Abend mit „Faust I und II“ am Berliner Ensemble beginnt, ist also Erstaunen. Und das nimmt noch zu, wenn das eigentliche Spiel beginnt. Denn was es an diesem Abend nicht gibt, macht das Stück eigentlich aus: lange Monologe und Dialoge. Aber hier wird selbst der berühmte Eingangsmonolog zerschmettert, weil nicht ein Faust über die Wissenschaft räsoniert, sondern gleich vier. Die haben es mit drei Gretchen zu tun. Aber mit keinem einzigen Studenten. Robert Wilson hat bei seiner Inszenierung konsequent auf alles verzichtet, was den (einstigen) Schüler an seinen Deutsch-Unterricht erinnern könnte. Stattdessen hat er eine Art Nummernrevue aus den Stücken geformt, in der der großartige Christopher Nell als Mephisto wie eine Art Conférencier durch die musikalischen Bilder führt.

Doppelseite aus Programmheft zu Faust I und II im BE (Fotos im Heft von Lucie Jansch)
Doppelseite aus Programmheft zu Faust I und II im BE (Fotos im Heft von Lucie Jansch)

Jede Szene wird zu einem belebten Bild, das mehr sein will, als Aktion auf der Bühne. Es will Film sein und Gemälde, es will Foto und vor allem Abstraktion sein. Wilson destilliert das Wesentliche aus Goethes Faust in bewegte Bilder, die immer mehr sind als von Goethe intendierte Bühnengeschehen. Sie wollen sich den Zuschauern einbrennen. Sie sollen die Erinnerung bestimmen. und möglichst auch die Gedanken bei nächsten Gespräch über Faust oder den e oder die Hexen in der Walpurgisnacht.

Herbert Grönemeyer hat die Nummern in Musik verwandelt. Was Robert Wilson als optisch verdichtete Dichtung auf die Bühne bringt, ist ohne die abwechslungsreiche, kraftvolle und vor allem dominante Musik nicht denkbar. Grönemeyer hat aus der Textfassung von Jutta Ferbers Musiktheater kreiert. Irgendwo zwischen Oper und Musical bewegt sich das Ganze. Jeder Ton des acht Personen starken Orchesters sitzt, die Schauspieler können alle singen. Und so wird am BE aus Goethes Faust ein Goethe-Wilson-Grönemeyer Faust. Das ist ganz schön gewagt, aber vor allem ist es eindringlich und zeitgemäß.

Der erste Teil ist dabei der bessere. Wie auch im echten Leben, wo am zweiten Teil des Fausts fast alle Leser scheitern. Aber Wilson und Grönemeyer schaffen es, auch den zweiten Teil für die Zuschauer so zu öffnen, dass mehr als nur Effekte im Gedächtnis bleiben.

Max Raabe verzaubert bei einer Nacht in Berlin

Das Publikum im Admiralspalast ist schon sehr silbrig. „Eine Nacht in Berlin“ mit Max Raabe und dem Palast Orchester ist unter der Woche vor allem ein Ereignis für Senioren. Man selbst senkt den Altersdurchschnitt radikal. Und das, obwohl die Musik von Raabe und Co, deutlich mehr als Senioren-Unterhaltung ist. Sie ist witzig. Sie ist abwechslungsreich. Sie ist erstaunlich jung, obwohl die meisten Stücke in den kommenden 15 Jahren ihren 100. Geburtstag feiern könnten.

Das liegt vor allem am Palast Orchester. Max Raabe singt zwar gut. Aber seine Reduktion auf die den steifen, fast unbeweglichen Entertainer, raubt ihm Gestaltungsraum. Das Steife ermöglicht zwar mit jeder Bewegung einen besonderen Effekt, aber sie ist über die Dauer des Konzerts dann doch ermüdend. Ganz anders sind da die großartigen Musiker (und die einzige Frau des Orchesters). Sie sorgen für Bewegung, für den Wechsel von Kraft und Gefühl. Sie singen, sie spielen Soli und sie harmonieren aufs Vortrefflichste als Orchester. Und so bringen sie das auf die Bühne, was ein Konzert ausmacht.

Max Raabe bleibt in seiner Rolle. Er singt die wunderbaren alten Lieder und seine neuen. Das macht er souverän. Seine wenigen Zwischenmoderationen sind lakonisch und amüsant. Aber sie verstärken nur die Wirkung des Steifen. Angesichts der humorvollen und geistvollen Lieder ist das schade. Und dennoch ist der Abend kein ärgerlicher. Im Gegenteil. Max Raabe und seine Musiker sorgen für humorvolle Unterhaltung, für einen angenehmen Abend voller Amüsement und trefflich komischer Momente.

Vielleicht war das Publikum ja so silbrig, weil an einem Dienstagabend viele jüngere Menschen keine Zeit haben. Schön wäre es, wenn das der Grund wäre.