Der Tannhäuser von Sasha Waltz überwältigt

(Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)
Venus verführt Tannhäuser in ihrer Liebeshöhle. (Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)

Am Anfang ist dieser Trichter. Ein weißer Trichter und sonst nichts. Nur die wunderbar zarten Töne der Tannhäuser-Ouvertüre sind noch im Raum. Aber der Blick ist auf diesen Trichter gerichtet, der an das Innere eines Auges erinnert. Was aber ist hinter der Öffnung? Doch diese Frage stellt sich nicht lange. Dann beginnt sich der Trichter zu füllen. Und zu beleben mit (fast) nackten Leibern, die sich anzüglich und lüstern bewegen. Das hier ist die Liebeshöhle, in der Venus die Lust lebt. In der Tannhäuser sieben Jahre die Wonnen der leiblichen Liebe (er)lebt. Die Ouvertüre wird bei Sasha Waltz schon ein ganz besonderer Tanz voller Bezüge und Andeutungen, die in den folgenden fast vier Stunden immer wieder in Erinnerung gerufen werden.

(Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)
Elisabeth von Thüringen sehnt sich nach Tannhäuser. (Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)

Nach diesem Vorspiel ist es absolut verständlich, dass Tannhäuser – großartig interpretiert von Burkhard Fritz – seine Probleme hat, in der Normalität des Thüringer Hofes wieder anzukommen. An ihm ist alles streng geordnet, so wie seine räumliche Beschränkung durch herabhängende Bambusstämme. Wo in der Liebeshöhle alles rund und nicht endend ist, wirkt bei Hofe alles begrenzt und beschränkt.  Hier sehnt sich Elisabeth nach Tannhäuser. Hier findet der Sängerkrieg statt. Hier wird derjenige, der sich dem Starren verweigert, verbannt.

(Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)
Das Sängerkrieg auf der Wartburg steht kurz bevor. (Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)

Die vom Tanztheater geprägte Optik Sasha Waltz‘ und Pia Maier Schrivers überzeugt durch ihre Beschränkung. Da sich Sasha Waltz nicht nur auf den hervorragenden Staatsopernchor unter Martin Wright verlassen muss, wenn sie Bewegung in die Massen auf der Bühne bringen will, sondern auch auf Tänzerinnen und Tänzer, sind die Bewegungen auf der Bühne immer passend zur Musik Richard Wagners. Zwar würde auch die Choreografie des Chores schon genügen, aber die professionellen Tänzer bringen eine ganz besondere Spannung in die Aufführung – und das nicht nur in der Venushöhle, sondern auch beim Sängerstreit und als Pilger bei der Rückkehr aus Rom.

Die Venushöhle im Tannhäuser der Staatsoper Berlin (Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)
Der Tannhäuser an der Staatsoper Berlin lebt von der Bildsprache der Regisseurin Sasha Waltz – hier die Venushöhle. (Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)

Aber ohne die kraftvolle Interpretation der Musik Wagners durch Simone Young, die im Schillertheater mit der Staatskapelle Berlin eine erstaunliche Dynamik erzeugt, wären auch die schönen Bilder und Bewegungen nichts. Und ohne die überzeugenden Solisten René Pape (Landgraf Hermann), Wolfgang Koch (Wolfram von Eschenbach), Anne Schwanewilms (Elisabeth) und Marina Prudenskaya (Venus). Sie alle werden auch vom Publikum mit begeisterten Applaus bedacht. Am meisten aber bekommen die Chorsänger und Simone Young. Und das zurecht.

Im Vergleich zum Tannhäuser in der Deutschen Oper, bietet die Staatsoper die eindeutig schlüssigere uns ansprechendere an. Statt starrer Rüstungen sehen die Zuschauer eine Oper voller fließender Bewegung und sich logisch erschließenden Gedankenwelt.

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Anpaddeln auf dem Zeuthener See

Am ersten Samstag im März ist der Zeuthener See ganz leer. Kein Segelboot, kein Motorboot, keine Paddler bevölkern das Gewässer. Von der Eichwalder und der Schmöckwitzer Badewiese tönt noch nicht der frohe Sound der badenden Kinder über das Wasser. Bei den ersten warmen Sonnenstrahlen des nahenden Frühlings herrscht Stille.

Nur die Vögel sind da. Sie fühlen sich vom einsamen Paddler gestört. Noch haben sie sich nicht an den Trubel gewöhnt, der an schönen Sommertagen vom See Besitz ergreift. Schon bei gehörigem Abstand fliegen sie davon. In einigen Monaten kann man sich Komoranen und anderen Vögeln mit dem Kajak manchmal bis auf zehn Metern nähern. Jetzt sind sie noch viel sensibler. Sie stieben davon. Fast so, als fürchteten sie den fernen Blick des einsamen Paddlers.

 

Bei Matthus sehnen sich „Luthers Träume“ nach Brüsten, Bier und Essen

Foto: Andreas Oppermann
Howard Griffiths, Siegfried Matthus und die Solisten beim Applaus.

Die Konstellation hat es in sich: Ein ehemaliger DDR-Staatskünstler schreibt eine musikalische Vision über den Protestanten Luther, das bei der Welturaufführung auch vor polnischen Katholiken intoniert wird. Da ist theologisch und weltanschaulich „Musike drin“. Auf jeden Fall stellt sich sofort die Frage, ob es künstlerisch gelingt, den Text so in Musik zu setzen, dass sich der Sinn der Worte vermittelt, selbst wenn man sie nicht verstehen kann.

„Luthers Träume“ heißt das Werk von Siegfried Matthus, das beim Eröffnungskonzert der Musikfesttage an der Oder vom Brandenburgischen Staatsorchester, der Singakademie Frankfurt und einer Reihe von Solisten aufgeführt wurde. Zum Auftakt des Luther-Jahres war das sicherlich eine gute Idee. Das Werk spielt mit musikalischen Zitaten, Luther-Zitaten und ausgefeilten traumhaften Dialogen mit Katharina von Bora, Thomas Müntzer, Philipp Melanchton, Ablassprediger Johann Tetzel, einem Reichsherold, Teufeln und Teufelinnen. Matthus versucht also, den gesamten Luther in 70 Minuten zu fassen. Da er die Dialoge in Träume packt, will er Luther in seinem Wesenskern packen. Denn in den eigenen Träumen gibt es bekanntlich keine Lügen.

Überzeugend sind die Passagen, in denen Luther mit dem Hebräischen und dem Griechischen um die richtige Übersetzung des Wortes Gottes ringt. Hier nimmt Matthus die Musikalität der fremden Sprachen auf und erzeugt eine erstaunliche Spannung. Aber das sind nur einige Minuten. Den weitaus größten Anteil nimmt der Kampf mit der Leiblichkeit in Beschlag. Ständig wird um Bier, Essen und Brüste gerungen. Da wird die theologische Leistung Luthers gnadenlos profanisiert und materialistisch interpretiert. Sicherlich hat Luther vor allem in seinen Tischgesprächen viel dazu gesagt. Aber in der Gewichtung und der Vehemenz bekommt das Werk einen Drall, der es entwertet.

Verstärkt wird das durch die unendliche Aneinanderreihung musikalischer Zitate. Beim Hören stellt sich manchmal die Frage, ob der Komponist auch eigene Ideen hat. Oder ob es ganz postmodern nur darum geht, mit Zitaten und Bezugsanordnungen Effekte zu erzielen. Immerhin bietet das den polnischen Zuhörern die Chance, wenigstens etwas zu verstehen.

Aber trotz all dieser Zweifel beim Hören, kann das Werk den Zuhörer auch immer wieder für sich einnehmen. Wobei das vor allem an der großartigen Leistung der Musiker liegt. Howard Griffiths setzt die musikalischen Akzente mit seinem Brandenburgischen Staatsorchester gekonnt und richtig. Robert Koller interpretiert den Luther diabolisch, zweifelnd, suchend und schließlich Gott findend sehr überzeugend. Michaela Kaune ist als Katharina von Bora genauso gut wie die Bastian Levacher, Philipp Mayer, Lawrence Halksworth und Gerald Beatty in ihren Rollen. Und die Teufelinnen Soo Yeon Lim, Ines Vinkelau, Marianne Schechtel und Noa Beinart mit ihren gleichfarbig grell-roten Mündern setzen nicht nur optisch einen markanten Akzent. Sie erzeugen immer musikalische Spannung. Genauso wie die Singakademie, die viele rezitative Passagen hat. Aber am Ende, wenn alle zusammen „Ein feste Burg ist unser Gott“ singen, ja sich steigernd schmettern, wenn das Orchester immer intensiver den Choral musikalisch verdichtet, sind auch die zweifelnden Zuhörer gefangen. Dann ist Luthers Glaube erlebbar. Der Ort der Aufführung verstärkt das noch. Schließlich ist die Konzerthalle in Frankfurt (Oder) eine aufgelassene Kirche.

Rainald Grebe seziert in Schwedt die Provinz

Schwedt ist Provinz. Niemand, der das behauptet, wird damit den Schwedtern auf die Füße treten. Wenn Rainald Grebe das sagen würde, wären sie ihm zumindest nicht böse. Seit er in seinem Brandenburg-Lied das Autohaus in Schwedt besungen hat, sind Grebe und Schwedt fast schon ein Begriffspaar. und darauf kann dann auch der Schwedter stolz sein. Denn das ist ja auch ein Merkmal von Provinz: Auch wenn man veräppelt wird, freut man sich über die überregionale Wahrnehmung. Und wenn der Scherz zu Lasten des Provinzlers mit der eigenen Erfahrung übereinstimmt, dann passt das schon.

Bei seinem Auftritt im Autohaus in Schwedt zelebrierte Rainald Grebe seinen Blick auf das Provinzielle. Seine Foto-Show mit Bildern aus der Provinz und sein Song über das Stadtmarketing sind eine Reise nach Absurdistan. Und sie ist genau deshalb so gut, weil jeder hier in Schwedt solche Bilder der Trostlosigkeit kennt. Und es spricht für sie, dass sie darüber lachen können. Denn sie wissen auch, dass ihre Kleinstadt im Naturpark Unteres Odertal auch Reize hat, von denen Berliner nur träumen können. Nicht ohne Grund ist schließlich auch Rainald Grebe in die Uckermark gezogen, wo er aus seinen eigenen Äpfel seinen eigenen Apfelsaft pressen lässt.

 

Antenne Stammtisch: Gibt es Gerechtigkeit für Altanschließer?

Rechtsanwalt Frank Mittag hat das Urteil vor dem Bundesverfassungsgericht erkämpft.

„Ich will mein Recht,“ sagt einer der Betroffenen Altanschließer beim Antenne Stammtisch in Strausberg. Sein Recht ist in seinen Augen – und denen der meisten der gut 120 Zuschauer im Saal – die Rückerstattung der gezahlten Anschlussbeiträge. Seit das Bundesverfassungsgericht im Dezember 2015 zwei Cottbusern Recht gab, sind Zehntausende in Brandenburg in Aufregung. Sie wollen ihr Recht. Das ist ihnen noch wichtiger als ihr Geld.

Bei der Diskussion in Strausberg waren die meisten der Meinung, dass die Altanschließer ihre Beiträge erstattet bekommen sollen. Und sie sehen das Land in der Pflicht, den Abwasserzweckverbänden dabei zu helfen. Auch, wenn die Lage in jedem Verband anders ist. Es gibt Verbände, die noch nie Beiträge erhoben haben, es gibt Verbände die sehr liquide sind und es gibt Verbände, denen die derzeitigen Gerichtskosten schon jetzt sämtliche Handlungsspielräume rauben. Für den einzelnen Betroffenen ist das jedoch nicht wichtig.

Wie die Diskussion in Strausberg lief, steht hier auf rbb|24.de/frankfurt…

Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe

Hans Keilson: Sonette für HannaLiebe in Zeiten des Untergrunds und des Exils ist immer auch ein Hoffen auf eine andere Zukunft. 1944, als Hans Keilson seine Sonette für Hanna schrieb, waren die Niederlande noch immer von den Deutschen besetzt. Hans Keilson lebte im Untergrund und lernte eine junge Frau, die sich als Jüdin vor den deutschen Mördern und ihren Helfern verstecken musste, kennen. Und er begann Hanna zu lieben. Davon zeugen die 46 Sonette, die vom S. Fischer Verlag jetzt erstmals als eigenes Buch veröffentlicht wurden.

Hans Keilson wurde 1909 in Bad Freienwalde als Sohn eines jüdischen Händlers geboren. Er machte Abitur und begann 1928 in Berlin zu studieren. 1933 veröffentlichte er seinen ersten Roman, „Das Leben geht weiter“. Es war zugleich der letzte Roman eines Juden, der bei S. Fischer veröffentlicht werden konnte. 1934 beendete er sein Studium, durfte aber nicht als Arzt arbeiten. Die Nationalsozialisten erlaubten es Juden nicht mehr. Deshalb arbeitete er als Sportlehrer an jüdischen Schulen, die es damals noch gab. Doch 1936 wurde der Druck zu groß. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin floh er in die Niederlande. Eine Heirat in Deutschland war wegen der Nürnberger Rassegesetze verboten. Und in den Niederlanden war sie wiederum nicht möglich, weil beide aus Deutschland kamen.

In der Zeit der Besatzung tauchte Keilson unter. Er legte den Judenstern ab, nahm eine neue Identität an und besuchte untergetauchte und versteckte Juden, um ihnen zu helfen. Dabei lernte er Hanna kennen. Sie ist zu diesem Zeitpunkt deutlich jünger. Sie nähern sich an, lieben sich. Doch nach einigen Monaten entscheidet sich Hans Keilson für seine Frau und das gemeinsame Kind. Hans und Hanna arbeiten noch einige Zeit zusammen, aber eine Beziehung bekommt von ihm keine Chance mehr.

Die 46 Sonette, die jetzt erstmals als eigenständiges Buch veröffentlicht wurden, zeugen von der aufkeimenden Liebe, der Sehnsucht nach dem unerklärlich Neuem, dem intensiven Gefühl und dem gemeinsamen Schutzraum der verschwiegenen Liebe in der so feindlichen, bedrohlichen Welt. Keilson schreibt die Sonette an Hanna, dabei schreibt er teilweise auch aus ihrer Perspektive. Formal bilden die Sonette ein starres Gerüst für die zum Ausdruck gebrachten Gefühle, sprachlich schwanken sie zwischen seinem heimischen Deutsch aus einer untergegangenen Welt und einem Neues suchenden Deutsch, das auch von Einsprengseln ihres Niederländisch belebt wird. Manchmal klingt das etwas unbeholfen. Und doch ist es ehrlich und angesichts der Situation, in der die Gedichte geschrieben worden, nur allzu verständlich.

Die Sonette wurden von Hans Keilsons zweiter Frau, Marita Keilson-Lauritz erst nach dessen Tod entdeckt. Erstmals erschienen sie in „Tagebuch 1944“. Bis dahin waren sie so verborgen wie einst die Liebenden. Jos Versteegen hat sie für dieses Buch ins Niederländische übersetzt. So stehen sich jetzt die deutschen und die niederländischen Verse gegenüber, wie einst die beiden Liebenden. Seine Anmerkungen zur Entstehung und zu Hannas Biografie runden den schönen Band ab. Dass S. Fischer solche Bücher veröffentlicht, zeugt von der Verpflichtung, die der Verlag den Exil-Autoren gegenüber empfindet. Und es ist ein Segen für jene Leser, die Autoren wie Hans Keilson für sich entdecken können.

Hans Keilson: Sonette für Hanna. Deutsch – Niederländisch; S. Fischer, 24,00 Euro.

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Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe – Sonette für Hanna

Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen

Sören Bollmann: Angst in der halben St<adtSören Bollmann hat als Krimi-Autor seine Erfüllung gefunden. Schon zum dritten Mal schickt er seinen Frankfurter Kommissar Matuszek zusammen mit dessen Słubicer Kollegen Miłosz auf Mörderjagd. Diesmal steht ein Serienmörder im Mittelpunkt des Buches. Der verbreitet Angst und Schrecken vor allem an der Viadrina, der Frankfurter Universität. Denn die drei ersten Opfer sind allesamt Studentinnen.

Im ersten Fall musste sich das Personal noch finden. Im zweiten kam die deutsch-polnische Konstellation gut zum Tragen, die Klischees wurden weniger. Und jetzt scheint Bollmann seiner eigenen Idee nicht mehr so recht zu trauen. Wo vor allem der zweite Krimi gut funktionierte, weil der Plot plausibel war, trägt er jetzt im dritten zu dick auf. Der Serienmord ist als schreckliche Möglichkeit nie vollständig auszuschließen, aber doch extrem unwahrscheinlich. Auch das Motiv überzeugt nicht. Ein Mann, der zunächst nur morden will, weil er das perfekte Verbrechen begehen will, ist als Gedankenspiel recht nett, aber es zündet nicht.

Die Figuren sind diesmal allesamt seltsam blutleer. Das Buch wirkt wie eine akademische Stilübung im Seminar kreatives Schreiben für Einsteiger. Deshalb kommt keine rechte Spannung auf. Auch wenn die Schilderungen Frankfurts und Słubices wieder schön sind. Doch selbst seinen ureigenen Orten vertraut Bollmann diesmal nicht. Deshalb führt er die Leser auch nach Heidelberg, Hannover, Stralsund, Frankreich usw. Insofern lässt sich für „Angst in der halben Stadt“ leider keine echte Empfehlung aussprechen. Es sei denn, man lebt in Frankfurt oder hat hier einst studiert. Dann gibt es kleine und größere Textstellen, die einen selbst zum Entdecker bekannter Orte machen. Und wenn die reihe weitergeht, dann müsste nach dem Gesetz der Serie der nächste Krimi deutlich spannender werden.

Sören Bollmann: Angst in der halben Stadt; Klak Verlag, 14,90 Euro.

Mehr Krimis von Bollmann aus der Halben Stadt
Fall 1 – Mord in der Halben Stadt
Fall 2 – Einbruch in die Halbe Stadt
Fall 3 – Angst in der Halben Stadt

Howard Griffiths und das BSOF machen Kino im Kopf

bsofWenn es ein akustisches Signal für Film und Kino gibt, dann ist es die Fanfare der 20th Century Fox. Sie ertönt vor allen Filmen des weltberühmten Studios – und zum Auftakt einer neuen CD des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. „Music from th motion pictures“ heißt das gelungene Album.

Dirigent Howard Griffiths bleibt damit seiner Linie treu. Er will Menschen allen Alters für (klassische) Musik begeistern. Die Ehrfurcht oder gar Angst vor einem Konzertsaal mit einem Symphonieorchester will er überwinden. Deshalb hat er die Education-Projekte des Brandenburgischen Staatsorchesters initiiert, in denen jedes Jahr Hunderte Kinder und Jugendliche zusammen mit dem Orchester auftreten, musizieren, zur Musik tanzen, singen und schauspielern. Das Motto und die Auswahl der Stücke der neuen CD folgt diesem Prinzip. Sie macht Lust auf Musik, auf Orchester-Musik.

Eingespielt wurde zum Beispiel Musik von Klaus Badelt, dem wohl bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Filmkomponisten. Seine Musik zum „Fluch der Karibik“ ist mittlerweile Standard im Klavierunterricht. Das Brandenburgische Staatsorchester hat sie für die CD eingespielt. Und bei besonderen Konzerten ertönt sie auch bei Konzerten des Frankfurter Klangkörpers.

„Music from the Motion Pictures“ folgt zwei CD-Einspielungen mit den Symphonien von Johannes Brahms, die auch international von der Kritik sehr beachtet wurden. Das Brandenburgische Symphonie Orchester hat sich eine enorme Bandbreite des Repertoires angeeignet. Howard Giffiths hat diese Tendenz massiv verstärkt, weil er immer wieder nach Neuem, Verschüttetem und Ungehörtem sucht. Deshalb präsentiert er mit seinem Orchester immer wieder die überraschende Varianz klassischer Musik und der Musik, die für Orchester komponiert wurde. Das gilt auch für die Filmmusik, die auf dieser CD zu hören ist.

Neben aktuellen Klassikern wie dem „Fluch der Karibik“ finden sich andere Highlights der musikalischen Filmgeschichte: „James Bond“, „Die glorreichen Sieben“ oder „Star Wars“. Aus den vergangenen 60 Jahren sind die Melodien. Sie eint die suggestive Kraft, mit der sie Emotionen erzeugt – völlig unabhängig vom Geschehen auf der Leinwand. Howard Giffiths arbeitet genau das mit seinem Orchester heraus. Und macht die CD so zu einer spannenden Entdeckungsreise in die musikalischen Weiten der Filmwelten. Vorbei an „Star Wars“ und hin bis zu „Apocalypse Now“

Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit

Thea Dorn: Die UnglückseligenWissenschaft ist kein großes literarisches Thema. Allenfalls in Science Fiction spielt sie eine bedeutende Rolle. Aber sonst? Wissenschaftler als Figuren gibt es häufiger, aber die Auseinandersetzung mit der Forschung der Gegenwart scheuen die Schriftsteller. Umso erstaunlicher – und erfreulicher – ist der aktuelle Roman von Thea Dorn, „Die Unglückseligen“. Das sind Johanna, eine energische Genforscherin, die auf der Suche nach der Unsterblichkeit ist. Und Johann, ein Physiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der aufgrund eines Gendefekts jede Art von Verletzung in kürzester Zeit auskuriert. Außerdem altert er seit Mitte 30 nicht mehr. Johanna lernt den Deutschen bei einem Forschungsaufenthalt in den USA kennen. Von Anfang an fühlt sie sich zu diesem Mann hingezogen. Warum weiß sie nicht. Ab dass er besonders ist, weiß sie.

Als sie begreift, dass Johann Ritter die unglaubliche Eigenschaft hat, dass er selbst schwerste Verletzungen in kürzester Zeit regenerieren kann, ist er vor allem ein Forschungsobjekt. Denn all ihre Versuchsreihen dienen einem Ziel: Der Überwindung der Sterblichkeit. Ritter wiederum ist dankbar, dass er bei Johanna aufgenommen wird. Aber sein Geheimnis will er nicht preisgeben. Denn er erlebt sein mehr als 200-jähriges Leben nicht als Genuss und Freude, sondern vor allem als Leid.

Thea Dorn ist eine großartige Stilistin. Sie schafft es, den Sprachduktus Johann Ritters im aus dem frühen 19. Jahrhundert glaubwürdig zu schreiben. Außerdem gelingt es ihr, die vielen wissenschaftlichen Aspekte spannend und dennoch sehr genau zu schildern. Und dann gibt es da auch noch eine immer wieder von außen kommentierende Stimme, die stark nach Mephisto, Luzifer oder Faust klingt. Selbst eine Fledermaus lässt sie kommentieren. Eine Fülle von stilistischen Besonderheiten, die für unterschiedliche Erzählebenen stehen, muss sie bändigen.

Sie formt daraus eine aktuelle Faust-Erzählung, die mit Motiven aus der Romantik ebenso gekonnt spielt wie mit theologischen und literarischen. All das macht das Buch komplex. Aber auch raffiniert. Leser, die Bücher nicht nur „weg lesen“, können in den „Unglückseligen“ regelrecht versinken. Denn Thea Dorn sorgt beim Jonglieren der Motive, Dialekte, Andeutungen und Zitate nicht für Verdruss. Alles geht auf. Alles fügt sich. Selbst die großen, schweren Themen erdrücken den Text nicht.

Ein Roman, der einen noch immer lebenden Mann aus dem 19. Jahrhundert mit einer modernen Wissenschaftlerin zusammenbringt, läuft immer Gefahr, lächerlich zu werden. Bei Mann und Frau denkt jeder auch an Liebe. Spätestens dabei ist der Absturz in die Lächerlichkeit fast schon programmiert. Aber selbst diese selbst gebaute Klippe bewältigt Thea Dorn. Am Ende kommen sich die beiden sehr nahe. Ja, sie lieben sich. Aber mit der Liebe kommt auch eine Ausweglosigkeit. Das Happy End, das Thea Dorn den Lesern anbietet, ist ein Dilemma. Unsterblich kann die Liebe nur im Tod werden. Bleibt die Frage, ob ein Johann Ritter tatsächlich sterben kann?

Herbst am Krebssee in der Uckermark

Herbst in der Uckermark. Am Krebssee herrscht Stille. Zwischen Raureif uns Sonnenstrahlen liegt der See bei Trampe in der Nähe von Brüssow ruhig im Novemberlicht.