Antenne Stammtisch: Gibt es Gerechtigkeit für Altanschließer?

Rechtsanwalt Frank Mittag hat das Urteil vor dem Bundesverfassungsgericht erkämpft.

„Ich will mein Recht,“ sagt einer der Betroffenen Altanschließer beim Antenne Stammtisch in Strausberg. Sein Recht ist in seinen Augen – und denen der meisten der gut 120 Zuschauer im Saal – die Rückerstattung der gezahlten Anschlussbeiträge. Seit das Bundesverfassungsgericht im Dezember 2015 zwei Cottbusern Recht gab, sind Zehntausende in Brandenburg in Aufregung. Sie wollen ihr Recht. Das ist ihnen noch wichtiger als ihr Geld.

Bei der Diskussion in Strausberg waren die meisten der Meinung, dass die Altanschließer ihre Beiträge erstattet bekommen sollen. Und sie sehen das Land in der Pflicht, den Abwasserzweckverbänden dabei zu helfen. Auch, wenn die Lage in jedem Verband anders ist. Es gibt Verbände, die noch nie Beiträge erhoben haben, es gibt Verbände die sehr liquide sind und es gibt Verbände, denen die derzeitigen Gerichtskosten schon jetzt sämtliche Handlungsspielräume rauben. Für den einzelnen Betroffenen ist das jedoch nicht wichtig.

Wie die Diskussion in Strausberg lief, steht hier auf rbb|24.de/frankfurt…

Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe

Hans Keilson: Sonette für HannaLiebe in Zeiten des Untergrunds und des Exils ist immer auch ein Hoffen auf eine andere Zukunft. 1944, als Hans Keilson seine Sonette für Hanna schrieb, waren die Niederlande noch immer von den Deutschen besetzt. Hans Keilson lebte im Untergrund und lernte eine junge Frau, die sich als Jüdin vor den deutschen Mördern und ihren Helfern verstecken musste, kennen. Und er begann Hanna zu lieben. Davon zeugen die 46 Sonette, die vom S. Fischer Verlag jetzt erstmals als eigenes Buch veröffentlicht wurden.

Hans Keilson wurde 1909 in Bad Freienwalde als Sohn eines jüdischen Händlers geboren. Er machte Abitur und begann 1928 in Berlin zu studieren. 1933 veröffentlichte er seinen ersten Roman, „Das Leben geht weiter“. Es war zugleich der letzte Roman eines Juden, der bei S. Fischer veröffentlicht werden konnte. 1934 beendete er sein Studium, durfte aber nicht als Arzt arbeiten. Die Nationalsozialisten erlaubten es Juden nicht mehr. Deshalb arbeitete er als Sportlehrer an jüdischen Schulen, die es damals noch gab. Doch 1936 wurde der Druck zu groß. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin floh er in die Niederlande. Eine Heirat in Deutschland war wegen der Nürnberger Rassegesetze verboten. Und in den Niederlanden war sie wiederum nicht möglich, weil beide aus Deutschland kamen.

In der Zeit der Besatzung tauchte Keilson unter. Er legte den Judenstern ab, nahm eine neue Identität an und besuchte untergetauchte und versteckte Juden, um ihnen zu helfen. Dabei lernte er Hanna kennen. Sie ist zu diesem Zeitpunkt deutlich jünger. Sie nähern sich an, lieben sich. Doch nach einigen Monaten entscheidet sich Hans Keilson für seine Frau und das gemeinsame Kind. Hans und Hanna arbeiten noch einige Zeit zusammen, aber eine Beziehung bekommt von ihm keine Chance mehr.

Die 46 Sonette, die jetzt erstmals als eigenständiges Buch veröffentlicht wurden, zeugen von der aufkeimenden Liebe, der Sehnsucht nach dem unerklärlich Neuem, dem intensiven Gefühl und dem gemeinsamen Schutzraum der verschwiegenen Liebe in der so feindlichen, bedrohlichen Welt. Keilson schreibt die Sonette an Hanna, dabei schreibt er teilweise auch aus ihrer Perspektive. Formal bilden die Sonette ein starres Gerüst für die zum Ausdruck gebrachten Gefühle, sprachlich schwanken sie zwischen seinem heimischen Deutsch aus einer untergegangenen Welt und einem Neues suchenden Deutsch, das auch von Einsprengseln ihres Niederländisch belebt wird. Manchmal klingt das etwas unbeholfen. Und doch ist es ehrlich und angesichts der Situation, in der die Gedichte geschrieben worden, nur allzu verständlich.

Die Sonette wurden von Hans Keilsons zweiter Frau, Marita Keilson-Lauritz erst nach dessen Tod entdeckt. Erstmals erschienen sie in „Tagebuch 1944“. Bis dahin waren sie so verborgen wie einst die Liebenden. Jos Versteegen hat sie für dieses Buch ins Niederländische übersetzt. So stehen sich jetzt die deutschen und die niederländischen Verse gegenüber, wie einst die beiden Liebenden. Seine Anmerkungen zur Entstehung und zu Hannas Biografie runden den schönen Band ab. Dass S. Fischer solche Bücher veröffentlicht, zeugt von der Verpflichtung, die der Verlag den Exil-Autoren gegenüber empfindet. Und es ist ein Segen für jene Leser, die Autoren wie Hans Keilson für sich entdecken können.

Hans Keilson: Sonette für Hanna. Deutsch – Niederländisch; S. Fischer, 24,00 Euro.

Mehr von Hans Keilson:
„Ich lebe als Sieger und Besiegter“ – Interview zum 100. Geburtstag
Schönes Ende eines Interviews – Erinnerungen an das Interview
Hans Keilson ist tot – Kurzer Nachruf
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„Da steht mein Haus“ – Die Erinnerungen Hans Keilsons – Eine kurze Autobiografie
Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe – Sonette für Hanna

Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen

Sören Bollmann: Angst in der halben St<adtSören Bollmann hat als Krimi-Autor seine Erfüllung gefunden. Schon zum dritten Mal schickt er seinen Frankfurter Kommissar Matuszek zusammen mit dessen Słubicer Kollegen Miłosz auf Mörderjagd. Diesmal steht ein Serienmörder im Mittelpunkt des Buches. Der verbreitet Angst und Schrecken vor allem an der Viadrina, der Frankfurter Universität. Denn die drei ersten Opfer sind allesamt Studentinnen.

Im ersten Fall musste sich das Personal noch finden. Im zweiten kam die deutsch-polnische Konstellation gut zum Tragen, die Klischees wurden weniger. Und jetzt scheint Bollmann seiner eigenen Idee nicht mehr so recht zu trauen. Wo vor allem der zweite Krimi gut funktionierte, weil der Plot plausibel war, trägt er jetzt im dritten zu dick auf. Der Serienmord ist als schreckliche Möglichkeit nie vollständig auszuschließen, aber doch extrem unwahrscheinlich. Auch das Motiv überzeugt nicht. Ein Mann, der zunächst nur morden will, weil er das perfekte Verbrechen begehen will, ist als Gedankenspiel recht nett, aber es zündet nicht.

Die Figuren sind diesmal allesamt seltsam blutleer. Das Buch wirkt wie eine akademische Stilübung im Seminar kreatives Schreiben für Einsteiger. Deshalb kommt keine rechte Spannung auf. Auch wenn die Schilderungen Frankfurts und Słubices wieder schön sind. Doch selbst seinen ureigenen Orten vertraut Bollmann diesmal nicht. Deshalb führt er die Leser auch nach Heidelberg, Hannover, Stralsund, Frankreich usw. Insofern lässt sich für „Angst in der halben Stadt“ leider keine echte Empfehlung aussprechen. Es sei denn, man lebt in Frankfurt oder hat hier einst studiert. Dann gibt es kleine und größere Textstellen, die einen selbst zum Entdecker bekannter Orte machen. Und wenn die reihe weitergeht, dann müsste nach dem Gesetz der Serie der nächste Krimi deutlich spannender werden.

Sören Bollmann: Angst in der halben Stadt; Klak Verlag, 14,90 Euro.

Mehr Krimis von Bollmann aus der Halben Stadt
Fall 1 – Mord in der Halben Stadt
Fall 2 – Einbruch in die Halbe Stadt
Fall 3 – Angst in der Halben Stadt

Howard Griffiths und das BSOF machen Kino im Kopf

bsofWenn es ein akustisches Signal für Film und Kino gibt, dann ist es die Fanfare der 20th Century Fox. Sie ertönt vor allen Filmen des weltberühmten Studios – und zum Auftakt einer neuen CD des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. „Music from th motion pictures“ heißt das gelungene Album.

Dirigent Howard Griffiths bleibt damit seiner Linie treu. Er will Menschen allen Alters für (klassische) Musik begeistern. Die Ehrfurcht oder gar Angst vor einem Konzertsaal mit einem Symphonieorchester will er überwinden. Deshalb hat er die Education-Projekte des Brandenburgischen Staatsorchesters initiiert, in denen jedes Jahr Hunderte Kinder und Jugendliche zusammen mit dem Orchester auftreten, musizieren, zur Musik tanzen, singen und schauspielern. Das Motto und die Auswahl der Stücke der neuen CD folgt diesem Prinzip. Sie macht Lust auf Musik, auf Orchester-Musik.

Eingespielt wurde zum Beispiel Musik von Klaus Badelt, dem wohl bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Filmkomponisten. Seine Musik zum „Fluch der Karibik“ ist mittlerweile Standard im Klavierunterricht. Das Brandenburgische Staatsorchester hat sie für die CD eingespielt. Und bei besonderen Konzerten ertönt sie auch bei Konzerten des Frankfurter Klangkörpers.

„Music from the Motion Pictures“ folgt zwei CD-Einspielungen mit den Symphonien von Johannes Brahms, die auch international von der Kritik sehr beachtet wurden. Das Brandenburgische Symphonie Orchester hat sich eine enorme Bandbreite des Repertoires angeeignet. Howard Giffiths hat diese Tendenz massiv verstärkt, weil er immer wieder nach Neuem, Verschüttetem und Ungehörtem sucht. Deshalb präsentiert er mit seinem Orchester immer wieder die überraschende Varianz klassischer Musik und der Musik, die für Orchester komponiert wurde. Das gilt auch für die Filmmusik, die auf dieser CD zu hören ist.

Neben aktuellen Klassikern wie dem „Fluch der Karibik“ finden sich andere Highlights der musikalischen Filmgeschichte: „James Bond“, „Die glorreichen Sieben“ oder „Star Wars“. Aus den vergangenen 60 Jahren sind die Melodien. Sie eint die suggestive Kraft, mit der sie Emotionen erzeugt – völlig unabhängig vom Geschehen auf der Leinwand. Howard Giffiths arbeitet genau das mit seinem Orchester heraus. Und macht die CD so zu einer spannenden Entdeckungsreise in die musikalischen Weiten der Filmwelten. Vorbei an „Star Wars“ und hin bis zu „Apocalypse Now“

Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit

Thea Dorn: Die UnglückseligenWissenschaft ist kein großes literarisches Thema. Allenfalls in Science Fiction spielt sie eine bedeutende Rolle. Aber sonst? Wissenschaftler als Figuren gibt es häufiger, aber die Auseinandersetzung mit der Forschung der Gegenwart scheuen die Schriftsteller. Umso erstaunlicher – und erfreulicher – ist der aktuelle Roman von Thea Dorn, „Die Unglückseligen“. Das sind Johanna, eine energische Genforscherin, die auf der Suche nach der Unsterblichkeit ist. Und Johann, ein Physiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der aufgrund eines Gendefekts jede Art von Verletzung in kürzester Zeit auskuriert. Außerdem altert er seit Mitte 30 nicht mehr. Johanna lernt den Deutschen bei einem Forschungsaufenthalt in den USA kennen. Von Anfang an fühlt sie sich zu diesem Mann hingezogen. Warum weiß sie nicht. Ab dass er besonders ist, weiß sie.

Als sie begreift, dass Johann Ritter die unglaubliche Eigenschaft hat, dass er selbst schwerste Verletzungen in kürzester Zeit regenerieren kann, ist er vor allem ein Forschungsobjekt. Denn all ihre Versuchsreihen dienen einem Ziel: Der Überwindung der Sterblichkeit. Ritter wiederum ist dankbar, dass er bei Johanna aufgenommen wird. Aber sein Geheimnis will er nicht preisgeben. Denn er erlebt sein mehr als 200-jähriges Leben nicht als Genuss und Freude, sondern vor allem als Leid.

Thea Dorn ist eine großartige Stilistin. Sie schafft es, den Sprachduktus Johann Ritters im aus dem frühen 19. Jahrhundert glaubwürdig zu schreiben. Außerdem gelingt es ihr, die vielen wissenschaftlichen Aspekte spannend und dennoch sehr genau zu schildern. Und dann gibt es da auch noch eine immer wieder von außen kommentierende Stimme, die stark nach Mephisto, Luzifer oder Faust klingt. Selbst eine Fledermaus lässt sie kommentieren. Eine Fülle von stilistischen Besonderheiten, die für unterschiedliche Erzählebenen stehen, muss sie bändigen.

Sie formt daraus eine aktuelle Faust-Erzählung, die mit Motiven aus der Romantik ebenso gekonnt spielt wie mit theologischen und literarischen. All das macht das Buch komplex. Aber auch raffiniert. Leser, die Bücher nicht nur „weg lesen“, können in den „Unglückseligen“ regelrecht versinken. Denn Thea Dorn sorgt beim Jonglieren der Motive, Dialekte, Andeutungen und Zitate nicht für Verdruss. Alles geht auf. Alles fügt sich. Selbst die großen, schweren Themen erdrücken den Text nicht.

Ein Roman, der einen noch immer lebenden Mann aus dem 19. Jahrhundert mit einer modernen Wissenschaftlerin zusammenbringt, läuft immer Gefahr, lächerlich zu werden. Bei Mann und Frau denkt jeder auch an Liebe. Spätestens dabei ist der Absturz in die Lächerlichkeit fast schon programmiert. Aber selbst diese selbst gebaute Klippe bewältigt Thea Dorn. Am Ende kommen sich die beiden sehr nahe. Ja, sie lieben sich. Aber mit der Liebe kommt auch eine Ausweglosigkeit. Das Happy End, das Thea Dorn den Lesern anbietet, ist ein Dilemma. Unsterblich kann die Liebe nur im Tod werden. Bleibt die Frage, ob ein Johann Ritter tatsächlich sterben kann?

Herbst am Krebssee in der Uckermark

Herbst in der Uckermark. Am Krebssee herrscht Stille. Zwischen Raureif uns Sonnenstrahlen liegt der See bei Trampe in der Nähe von Brüssow ruhig im Novemberlicht.

Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner

de-bruynKeiner schreibt über Preußen wie Günter de Bruyn. Seine Bücher bilden immer märkische Geschichte ab. Das gilt auch für „Sünder und Heiliger“, in dem de Bruyn „das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner“ – so der Untertitel – nachzeichnet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist die literarische Biografie soeben erschienen.

Am 1. November wird Günter de Bruyn 90 Jahre alt. 1926 als Kind der Weimarer Republik in Berlin-Britz geboren, den Nationalsozialismus auch als Luftwaffenhelfer mit Verletzung überlebt, die DDR als Neulehrer und Schriftsteller vollständig erlebt und nach der Vereinigung schreibend die Vergangenheit wiederbelebt. Und der Dichter, der sich in der Nähe Beeskows die Ruhe zum Denken und Schreiben suchte. All das ist Günter de Bruyn. Vor allem aber ist er ein Spurensucher, der in der Geschichte Geschichten entdeckt, die zu kennen auch heute noch unterhaltsam und sinnvoll ist.

Das aktuelle Buch handelt wieder von einem preußischen Leben im frühen 19. Jahrhundert. Dieser Epoche hat Günter de Bruyn einen großen Teil seines literarischen Lebens gewidmet. Mit Zacharias Werner hat er wieder eine Person in den Mittelpunkt gerückt, die allenfalls als Randfigur der Geschichte Spezialisten bekannt ist. Das Quellenstudium für das Buch war de Bruyn bestimmt eine große Lust.

Zacharias Werner war ein Kind angesehener Bürger in Königsberg. Dort ist er aufgewachsen und hat er studiert. Allerdings machte er keinen Abschluss und musste sich deshalb als kleiner preußischer Beamter verdingen, um im damals preußischen Warschau und anderen polnischen Städten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Gestorben ist er schließlich 1823 in Wien, nachdem er zeitweise großen Erfolg als Dramatiker hatte, den Goethe so schätzte, dass er aus ihm gerne einen Nachfolger Schillers geformt hätte.

Die großen Pole, zwischen denen Werners Leben schwankte war sein libidinöses Verhältnis zu Frauen und seine Bekehrung zum Katholizismus. De Bruyn schildert beides ohne Spott und Häme. Aber er hat den Blick fürs Dramatische, etwa wenn er das Buch mit einer Flucht Werners aus Königsberg beginnt, weil der gegen den Widerstand von Familie und Gesellschaft mit einer Hure aus Frankfurt (Oder) zusammenleben wollte.

Als Priester dann füllt Zacharias Werner während des Wiener Kongresses die Kirchen der österreichischen Hauptstadt mit Menschen aller Stände, die seinen Predigten lauschten. Der Stoff enthält wieder einmal alle Dramen menschlichen Lebens. Wieder einmal blickt de Bruyn auf einen Außenseiter. Doch gerade dieser Blick, der Goethe und andere berühmte Zeitgenossen zu Nebenfiguren macht, erweckt die Epoche der deutschen Klassik und frühen Romantik zum Leben. Genau dadurch wird die Vielfalt der Epoche lebendig. Da der Stil de Bruyns auch in dieser literarischen Biografie knapp, klar und präzise ist, hat der Leser ausreichend Freiraum, um sich seine eigenen Gedanken über Vergangenheit und Gegenwart zu machen.

Günter de Bruyn: Sünder und Heiliger – Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner; S. Fischer Verlag, 22 Euro.

Eindrücke aus dem Stahlwerk

Ein Besuch bei ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt ist die Begegnung mit einer eigenen Welt. Stahl dominiert die Anblicke. Der glühende Stahl der Brammen, die Warmwalzwerk zu langen Stahlbändern, die zu Coils aufgerollt werden. Der Stahl all der Gestelle und Förderrollen und Walzen, die den Stahl transportieren. Der Stahl der Wasserdüsen zum Abkühlen des Stahls nach dem Walzen. Der Stahl der Kräne, Werkzeuge, Lokomotiven und Gabelstapler. Der Stahl der Hallenträger und Außenwände. Selbst die Waschbecken sind aus Stahl auf diesem riesigen Gelände, auf dem Hallen stehen, die bis zu 1000 Meter lang sind. Selbst das Farben- und Lichtspiel ist vom Stahl bestimmt; die Decken leuchten rot, wenn die Brammen in die Halle kommen. Die Coils schimmern silbern und kalt. Eine faszinierende Welt, in der man einen Eindruck davon bekommt, wie aufwändig die Produktion all der Dinge sind, die uns umgeben.

Adam Zamoyski großartiges Porträt des Wiener Kongresses

Adam Zamoyski: 1815Der Wiener Kongress steht für das Ende aller revolutionären Träume in Europa. Er ist das Sinnbild der Reaktion, die nach der Französischen Revolution und den ihr folgenden Umstürzen und Veränderungen in Europa, die alten Monarchien festigte. Und das Jahr 1815 steht für eine Epoche, die Restauration, in der Metternichs Geheimpolizei und die gefestigten Herrscher die Entwicklung Deutschlands zu einem normalen Nationalstaat verhinderte. Das ist alles richtig. Und dennoch wird diese Beschreibung dem Wiener Kongress nicht gerecht. Davon überzeugt Adam Zamoyski die Leser seines umfangreichen Werkes „1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“.

Denn die Leser lernen hier erstaunlich sachliche und kompetente Politiker aus allen beteiligten Mächten kennen. Und in welchen Zwängen diese ihre Verhandlungen führen mussten. Da war die öffentliche Meinung in den weit entfernten Hauptstädten Berlin, Petersburg, London oder Paris. Und da waren die Monarchen, die das Optimum für sich sichern wollten. Dazwischen Diplomaten, die mit ihrem Blick für das Mögliche oftmals mehr erreichten, als es der grobe Blick aus 200 Jahren Entfernung scheinen lässt. Der polnisch-britische Historiker Zamoyski ist sich zwar sicher, dass der Wiener Kongress keinen 100-jährigen Frieden schaffte, wie es einst Henry Kissinger formulierte. Er weist auch auf den gesellschaftlichen Rückschritt hin. Aber eben auch auf die einigen Jahrzehnte Frieden, die dem 1815 in Europa folgten.

Zamoyski hat zudem die Gabe, schreiben zu können. Sein Buch entwirft auch ein kulturelles Panorama Wiens. Bis hin zu den Predigt-Auftritten von Zacharias Werner, dem zum Katholizismus konvertierten Dramatiker, hat er das Geschehen im Blick. Besonders eindringlich sind die Schilderungen rund um die Schlachten nach der Rückkehr Napoleons aus Elba. Er hat ja schon ein umfassendes Buch über Napoleons Russlandfeldzug veröffentlicht. Das Militärische mit all seinem menschlichen Leid, das der brutale Kampf mit Schusswaffen und mit Schwertern, Lanzen und Bajonetten verursachte, weiß er packend, anschaulich und somit auch abstoßend zu schildern. Wer wissen will, wo das Europa der Gegenwart her kommt, der sollte dieses Buch lesen. Anschließend versteht man Diplomatie und vieles Andere besser.

Marco Lodoli zeigt uns ein erstaunliches Rom

Marco Lodoli: Unter dem blauen Himmel RomsMarco Lodoli genießt ein ganz besonderes Privileg. Er darf in einer Tageszeitung literarische Streifzüge durch seine Stadt schreiben. Seine Kolumne widersetzt sich zwar so ziemlich allem, was heute von Zeitungstexten verlangt wird. Dennoch hält La Repubblica daran fest. Die Sätze sind verschlungen. Die Geschichten erzählen keine Sensationen. Konjunktive sind erlaubt. Und dennoch werden die Texte gelesen. In der Zeitung und als Buch. Bei dtv ist jetzt der zweite Teil von Marco Lodolis Streifzügen durch Rom erschienen.

Ein echter Römer kann viel aus seiner Stadt erzählen. Noch dazu, wenn er eine sensible Auffassungsgabe hat. Dann kann er nicht nur in stille Museen führen, an denen die Touristenströme garantiert vorbeiführen, obwohl hier die Baugeschichte Roms wunderbar anschaulich dargestellt wird. Lodoli erkennt auch die Veränderungen in den einzelnen Stadtteilen, in Kiezen und rund um bestimmte Plätze. Da wird aus einer Kolumne schnell eine kleine Sozial-Reportage, eine historische Erzählung oder eine kunstvolle Miniatur.

Alles zusammen ist eine fesselnde Vorbereitung auf eine Reise nach Rom. Lodoli teilt interessante Tipps, ohne diese als solche vorzustellen. Aber wer sich auf die Texte einlässt, findet sie reihenweise. Und er reist in eine lebendige Stadt, nicht in ein Museum, in dem auch noch Menschen wohnen. Genau diese Mischung lohnt den Blick in „Unter dem blauen Himmel Roms“.