Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen

Sören Bollmann: Angst in der halben St<adtSören Bollmann hat als Krimi-Autor seine Erfüllung gefunden. Schon zum dritten Mal schickt er seinen Frankfurter Kommissar Matuszek zusammen mit dessen Słubicer Kollegen Miłosz auf Mörderjagd. Diesmal steht ein Serienmörder im Mittelpunkt des Buches. Der verbreitet Angst und Schrecken vor allem an der Viadrina, der Frankfurter Universität. den die drei ersten Opfer sind allesamt Studentinnen.

Im ersten Fall musste sich das Personal noch finden. Im zweiten kam die deutsch-polnische Konstellation gut zum Tragen, die Klischees wurden weniger. Und jetzt scheint Bollmann seiner eigenen Idee nicht mehr so recht zu trauen. Wo vor allem der zweite Krimi gut funktionierte, weil der Plot plausibel war, trägt er jetzt im dritten zu dick auf. Der Serienmord ist als schreckliche Möglichkeit nie vollständig auszuschließen, aber doch extrem unwahrscheinlich. Auch das Motiv überzeugt nicht. Ein Mann, der zunächst nur morden will, weil er das perfekte Verbrechen begehen will, ist als Gedankenspiel recht nett, aber es zündet nicht.

Die Figuren sind diesmal allesamt seltsam blutleer. Das Buch wirkt wie eine akademische Stilübung im Seminar kreatives Schreiben für Einsteiger. Deshalb kommt keine rechte Spannung auf. Auch wenn die Schilderungen Frankfurts und Słubices wieder schön sind. Doch selbst seinen ureigenen Orten vertraut Bollmann diesmal nicht. Deshalb führt er die Leser auch nach Heidelberg, Hannover, Stralsund, Frankreich usw. Insofern lässt sich für „Angst in der halben Stadt“ leider keine echte Empfehlung aussprechen. Es sei denn, man lebt in Frankfurt oder hat hier einst studiert. Dann gibt es kleine und größere Textstellen, die einen selbst zum Entdecker bekannter Orte machen. Und wenn die reihe weitergeht, dann müsste nach dem Gesetz der Serie der nächste Krimi deutlich spannender werden.

Howard Griffiths und das BSOF machen Kino im Kopf

bsofWenn es ein akustisches Signal für Film und Kino gibt, dann ist es die Fanfare der 20th Century Fox. Sie ertönt vor allen Filmen des weltberühmten Studios – und zum Auftakt einer neuen CD des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. „Music from th motion pictures“ heißt das gelungene Album.

Dirigent Howard Griffiths bleibt damit seiner Linie treu. Er will Menschen allen Alters für (klassische) Musik begeistern. Die Ehrfurcht oder gar Angst vor einem Konzertsaal mit einem Symphonieorchester will er überwinden. Deshalb hat er die Education-Projekte des Brandenburgischen Staatsorchesters initiiert, in denen jedes Jahr Hunderte Kinder und Jugendliche zusammen mit dem Orchester auftreten, musizieren, zur Musik tanzen, singen und schauspielern. Das Motto und die Auswahl der Stücke der neuen CD folgt diesem Prinzip. Sie macht Lust auf Musik, auf Orchester-Musik.

Eingespielt wurde zum Beispiel Musik von Klaus Badelt, dem wohl bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Filmkomponisten. Seine Musik zum „Fluch der Karibik“ ist mittlerweile Standard im Klavierunterricht. Das Brandenburgische Staatsorchester hat sie für die CD eingespielt. Und bei besonderen Konzerten ertönt sie auch bei Konzerten des Frankfurter Klangkörpers.

„Music from the Motion Pictures“ folgt zwei CD-Einspielungen mit den Symphonien von Johannes Brahms, die auch international von der Kritik sehr beachtet wurden. Das Brandenburgische Symphonie Orchester hat sich eine enorme Bandbreite des Repertoires angeeignet. Howard Giffiths hat diese Tendenz massiv verstärkt, weil er immer wieder nach Neuem, Verschüttetem und Ungehörtem sucht. Deshalb präsentiert er mit seinem Orchester immer wieder die überraschende Varianz klassischer Musik und der Musik, die für Orchester komponiert wurde. Das gilt auch für die Filmmusik, die auf dieser CD zu hören ist.

Neben aktuellen Klassikern wie dem „Fluch der Karibik“ finden sich andere Highlights der musikalischen Filmgeschichte: „James Bond“, „Die glorreichen Sieben“ oder „Star Wars“. Aus den vergangenen 60 Jahren sind die Melodien. Sie eint die suggestive Kraft, mit der sie Emotionen erzeugt – völlig unabhängig vom Geschehen auf der Leinwand. Howard Giffiths arbeitet genau das mit seinem Orchester heraus. Und macht die CD so zu einer spannenden Entdeckungsreise in die musikalischen Weiten der Filmwelten. Vorbei an „Star Wars“ und hin bis zu „Apocalypse Now“

Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit

Thea Dorn: Die UnglückseligenWissenschaft ist kein großes literarisches Thema. Allenfalls in Science Fiction spielt sie eine bedeutende Rolle. Aber sonst? Wissenschaftler als Figuren gibt es häufiger, aber die Auseinandersetzung mit der Forschung der Gegenwart scheuen die Schriftsteller. Umso erstaunlicher – und erfreulicher – ist der aktuelle Roman von Thea Dorn, „Die Unglückseligen“. Das sind Johanna, eine energische Genforscherin, die auf der Suche nach der Unsterblichkeit ist. Und Johann, ein Physiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der aufgrund eines Gendefekts jede Art von Verletzung in kürzester Zeit auskuriert. Außerdem altert er seit Mitte 30 nicht mehr. Johanna lernt den Deutschen bei einem Forschungsaufenthalt in den USA kennen. Von Anfang an fühlt sie sich zu diesem Mann hingezogen. Warum weiß sie nicht. Ab dass er besonders ist, weiß sie.

Als sie begreift, dass Johann Ritter die unglaubliche Eigenschaft hat, dass er selbst schwerste Verletzungen in kürzester Zeit regenerieren kann, ist er vor allem ein Forschungsobjekt. Denn all ihre Versuchsreihen dienen einem Ziel: Der Überwindung der Sterblichkeit. Ritter wiederum ist dankbar, dass er bei Johanna aufgenommen wird. Aber sein Geheimnis will er nicht preisgeben. Denn er erlebt sein mehr als 200-jähriges Leben nicht als Genuss und Freude, sondern vor allem als Leid.

Thea Dorn ist eine großartige Stilistin. Sie schafft es, den Sprachduktus Johann Ritters im aus dem frühen 19. Jahrhundert glaubwürdig zu schreiben. Außerdem gelingt es ihr, die vielen wissenschaftlichen Aspekte spannend und dennoch sehr genau zu schildern. Und dann gibt es da auch noch eine immer wieder von außen kommentierende Stimme, die stark nach Mephisto, Luzifer oder Faust klingt. Selbst eine Fledermaus lässt sie kommentieren. Eine Fülle von stilistischen Besonderheiten, die für unterschiedliche Erzählebenen stehen, muss sie bändigen.

Sie formt daraus eine aktuelle Faust-Erzählung, die mit Motiven aus der Romantik ebenso gekonnt spielt wie mit theologischen und literarischen. All das macht das Buch komplex. Aber auch raffiniert. Leser, die Bücher nicht nur „weg lesen“, können in den „Unglückseligen“ regelrecht versinken. Denn Thea Dorn sorgt beim Jonglieren der Motive, Dialekte, Andeutungen und Zitate nicht für Verdruss. Alles geht auf. Alles fügt sich. Selbst die großen, schweren Themen erdrücken den Text nicht.

Ein Roman, der einen noch immer lebenden Mann aus dem 19. Jahrhundert mit einer modernen Wissenschaftlerin zusammenbringt, läuft immer Gefahr, lächerlich zu werden. Bei Mann und Frau denkt jeder auch an Liebe. Spätestens dabei ist der Absturz in die Lächerlichkeit fast schon programmiert. Aber selbst diese selbst gebaute Klippe bewältigt Thea Dorn. Am Ende kommen sich die beiden sehr nahe. Ja, sie lieben sich. Aber mit der Liebe kommt auch eine Ausweglosigkeit. Das Happy End, das Thea Dorn den Lesern anbietet, ist ein Dilemma. Unsterblich kann die Liebe nur im Tod werden. Bleibt die Frage, ob ein Johann Ritter tatsächlich sterben kann?

Herbst am Krebssee in der Uckermark

Herbst in der Uckermark. Am Krebssee herrscht Stille. Zwischen Raureif uns Sonnenstrahlen liegt der See bei Trampe in der Nähe von Brüssow ruhig im Novemberlicht.

Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner

de-bruynKeiner schreibt über Preußen wie Günter de Bruyn. Seine Bücher bilden immer märksiche Geschichte ab. Das gilt auch für „Sünder und Heiliger“, in dem de Bruyn „das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner“ – so der Untertitel – nachzeichnet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist die literarische Biografie soeben erschienen.

Am 1. November wird Günter de Bruyn 90 Jahre alt. 1926 als Kind der Weimarer Republik in Berlin-Britz geboren, den Nationalsozialismus auch als Luftwaffenhelfer mit Verletzung überlebt, die DDR als Neulehrer und Schriftsteller vollständig erlebt und nach der Vereinigung schreibend die Vergangenheit wiederbelebt. Und der Dichter, der sich in der Nähe Beeskows die Ruhe zum Denken und Schreiben suchte. All das ist Günter de Bruyn. Vor allem aber ist er ein Spurensucher, der in der Geschichte Geschichten entdeckt, die zu kennen auch heute noch unterhaltsam und sinnvoll ist.

Das aktuelle Buch handelt wieder von einem preußischen Leben im frühen 19. Jahrhundert. Dieser Epoche hat Günter de Bruyn einen großen Teil seines literarischen Lebens gewidmet. Mit Zacharias Werner hat er wieder eine Person in den Mittelpunkt gerückt, die allenfalls als Randfigur der Geschichte Spezialisten bekannt ist. Das Quellenstudium für das Buch war de Bruyn bestimmt eine große Lust.

Zacharias Werner war ein Kind angesehener Bürger in Königsberg. Dort ist er aufgewachsen und hat er studiert. Allerdings machte er keinen Abschluss und musste sich deshalb als kleiner preußischer Beamter verdingen, um im damals preußischen Warschau und anderen polnischen Städten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Gestorben ist er schließlich 1823 in Wien, nachdem er zeitweise großen Erfolg als Dramatiker hatte, den Goethe so schätzte, dass er aus ihm gerne einen Nachfolger Schillers geformt hätte.

Die großen Pole, zwischen denen Werners Leben schwankte war sein libidinöses Verhältnis zu Frauen und seine Bekehrung zum Katholizismus. De Bruyn schildert beides ohne Spott und Häme. Aber er hat den Blick fürs Dramatische, etwa wenn er das Buch mit einer Flucht Werners aus Königsberg beginnt, weil der gegen den Widerstand von Familie und Gesellschaft mit einer Hure aus Frankfurt (Oder) zusammenleben wollte.

Als Priester dann füllt Zacharias Werner während des Wiener Kongresses die Kirchen der österreichischen Hauptstadt mit Menschen aller Stände, die seinen Predigten lauschten. Der Stoff enthält wieder einmal alle Dramen menschlichen Lebens. Wieder einmal blickt de Bruyn auf einen Außenseiter. Doch gerade dieser Blick, der Goethe und andere berühmte Zeitgenossen zu Nebenfiguren macht, erweckt die Epoche der deutschen Klassik und frühen Romantik zum Leben. Genau dadurch wird die Vielfalt der Epoche lebendig. Da der Stil de Bruyns auch in dieser literarischen Biografie knapp, klar und präzise ist, hat der Leser ausreichend Freiraum, um sich seine eigenen Gedanken über Vergangenheit und Gegenwart zu machen.

Günter de Bruyn: Sünder und Heiliger – Das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner; S. Fischer Verlag, 22 Euro.

Eindrücke aus dem Stahlwerk

Ein Besuch bei ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt ist die Begegnung mit einer eigenen Welt. Stahl dominiert die Anblicke. Der glühende Stahl der Brammen, die Warmwalzwerk zu langen Stahlbändern, die zu Coils aufgerollt werden. Der Stahl all der Gestelle und Förderrollen und Walzen, die den Stahl transportieren. Der Stahl der Wasserdüsen zum Abkühlen des Stahls nach dem Walzen. Der Stahl der Kräne, Werkzeuge, Lokomotiven und Gabelstapler. Der Stahl der Hallenträger und Außenwände. Selbst die Waschbecken sind aus Stahl auf diesem riesigen Gelände, auf dem Hallen stehen, die bis zu 1000 Meter lang sind. Selbst das Farben- und Lichtspiel ist vom Stahl bestimmt; die Decken leuchten rot, wenn die Brammen in die Halle kommen. Die Coils schimmern silbern und kalt. Eine faszinierende Welt, in der man einen Eindruck davon bekommt, wie aufwändig die Produktion all der Dinge sind, die uns umgeben.

Adam Zamoyski großartiges Porträt des Wiener Kongresses

Adam Zamoyski: 1815Der Wiener Kongress steht für das Ende aller revolutionären Träume in Europa. Er ist das Sinnbild der Reaktion, die nach der Französischen Revolution und den ihr folgenden Umstürzen und Veränderungen in Europa, die alten Monarchien festigte. Und das Jahr 1815 steht für eine Epoche, die Restauration, in der Metternichs Geheimpolizei und die gefestigten Herrscher die Entwicklung Deutschlands zu einem normalen Nationalstaat verhinderte. Das ist alles richtig. Und dennoch wird diese Beschreibung dem Wiener Kongress nicht gerecht. Davon überzeugt Adam Zamoyski die Leser seines umfangreichen Werkes „1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“.

Denn die Leser lernen hier erstaunlich sachliche und kompetente Politiker aus allen beteiligten Mächten kennen. Und in welchen Zwängen diese ihre Verhandlungen führen mussten. Da war die öffentliche Meinung in den weit entfernten Hauptstädten Berlin, Petersburg, London oder Paris. Und da waren die Monarchen, die das Optimum für sich sichern wollten. Dazwischen Diplomaten, die mit ihrem Blick für das Mögliche oftmals mehr erreichten, als es der grobe Blick aus 200 Jahren Entfernung scheinen lässt. Der polnisch-britische Historiker Zamoyski ist sich zwar sicher, dass der Wiener Kongress keinen 100-jährigen Frieden schaffte, wie es einst Henry Kissinger formulierte. Er weist auch auf den gesellschaftlichen Rückschritt hin. Aber eben auch auf die einigen Jahrzehnte Frieden, die dem 1815 in Europa folgten.

Zamoyski hat zudem die Gabe, schreiben zu können. Sein Buch entwirft auch ein kulturelles Panorama Wiens. Bis hin zu den Predigt-Auftritten von Zacharias Werner, dem zum Katholizismus konvertierten Dramatiker, hat er das Geschehen im Blick. Besonders eindringlich sind die Schilderungen rund um die Schlachten nach der Rückkehr Napoleons aus Elba. Er hat ja schon ein umfassendes Buch über Napoleons Russlandfeldzug veröffentlicht. Das Militärische mit all seinem menschlichen Leid, das der brutale Kampf mit Schusswaffen und mit Schwertern, Lanzen und Bajonetten verursachte, weiß er packend, anschaulich und somit auch abstoßend zu schildern. Wer wissen will, wo das Europa der Gegenwart her kommt, der sollte dieses Buch lesen. Anschließend versteht man Diplomatie und vieles Andere besser.

Marco Lodoli zeigt uns ein erstaunliches Rom

Marco Lodoli: Unter dem blauen Himmel RomsMarco Lodoli genießt ein ganz besonderes Privileg. Er darf in einer Tageszeitung literarische Streifzüge durch seine Stadt schreiben. Seine Kolumne widersetzt sich zwar so ziemlich allem, was heute von Zeitungstexten verlangt wird. Dennoch hält La Repubblica daran fest. Die Sätze sind verschlungen. Die Geschichten erzählen keine Sensationen. Konjunktive sind erlaubt. Und dennoch werden die Texte gelesen. In der Zeitung und als Buch. Bei dtv ist jetzt der zweite Teil von Marco Lodolis Streifzügen durch Rom erschienen.

Ein echter Römer kann viel aus seiner Stadt erzählen. Noch dazu, wenn er eine sensible Auffassungsgabe hat. Dann kann er nicht nur in stille Museen führen, an denen die Touristenströme garantiert vorbeiführen, obwohl hier die Baugeschichte Roms wunderbar anschaulich dargestellt wird. Lodoli erkennt auch die Veränderungen in den einzelnen Stadtteilen, in Kiezen und rund um bestimmte Plätze. Da wird aus einer Kolumne schnell eine kleine Sozial-Reportage, eine historische Erzählung oder eine kunstvolle Miniatur.

Alles zusammen ist eine fesselnde Vorbereitung auf eine Reise nach Rom. Lodoli teilt interessante Tipps, ohne diese als solche vorzustellen. Aber wer sich auf die Texte einlässt, findet sie reihenweise. Und er reist in eine lebendige Stadt, nicht in ein Museum, in dem auch noch Menschen wohnen. Genau diese Mischung lohnt den Blick in „Unter dem blauen Himmel Roms“.

Richard Swartz erzählt die Geschichte seiner kroatischen Familie

Richard Swartz: Blut, Boden & GeldDie Bücher von Richard Swartz bewegen sich immer zwischen Journalismus und Literatur. Das Verbindende ist stets die Leidenschaft für die Reportage. Der schwedische Journalist, der seit Jahrzehnten aus Südosteuropa berichtet hat sich für sein neues Buch die Familiengeschichte seiner kroatischen Frau vorgenommen. Und die ist in dieser Region der Multinationalität höchst komplex. Sie reicht vom Partisanen über die Halbitalienerin bis hin zu einer Kroatin, die sich auch in Zeiten der Jugoslawienkriege weigert, Nationalistin zu sein. Ein Buch also, das dem Leser Kroatien sehr nahe bringt.

Zusammen mit seiner Frau lebt Richard Swartz auch in einem Dorf in Istrien. Sie ist Kroatin und Journalistin wie er. Ihr Vater war Partisan und in der Folge im Jugoslawien Titos Oberst und später Geschäftsführer. Seinen sozialen Aufstieg hat er dem Kampf gegen die Besatzung durch die Nationalsozialisten zu verdanken. Sein Leben war Teil des Vielvölkerstaates. Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo waren für ihn nicht nationalistisch besetzt. Und der Kommunismus war sein Glaube, der das ermöglichte.

Seine Frau stammt von einer kroatischen Insel, auf der die Bevölkerung immer Italienisch und Kroatisch sprach. Der Wechsel zwischen den Sprachen und den Nationalitäten war immer möglich. Das Verbindende blieb der katholische Glaube. Und mit dem Alter, nach dem Tod des Mannes und dem Zerfall Jugoslawiens, wird das Bekenntnis und das Verwischen der Identität wieder stärker. Ihre Tochter schließlich, die Frau Richard Swartz‘, hat sich im kroatisch-serbischen Krieges gegen die nationalistische Aufwallung gestemmt. Dafür wurde sie von Freunden und Bekannten geschnitten. Das Nationale war das Bestimmende. 

Richard Swartz schaut auf all diese Entwicklung ohne einen einfachen Blick, der sich einfacher Schubladen bedient. Er spürt vielmehr all den lange währenden Traditionen nach, die unter den nationalen Oberflächen nachhaltig wirken. In Istrien mussten sich zum Beispiel viele Menschen entscheiden, ob sie Kraoten, Slowenen oder Italiener sein wollten. Und das, obwohl sie eigene Dialekte sprachen, im Dorf in Gemeinschaft lebten. Die Idee der Nation zerstörte all das. Und dennoch leben die Traditionen fort, leben nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt Sloweniens und Kroatiens wieder auf. Aber die Wunden, die der Zerfallskrieg geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. All das erzählt der Schwede Swartz anhand der Familie seiner Frau. Und weil es eine Familiengeschichte ist, kommt er ohne jede Art von Diffamierung aus. Das macht den Text so stark. Und zeigt uns, wie großartig die europäische Idee ist.
 

Wlodzimierz Odojewski im Sog der „Verdrehten Zeit“

Wlodzimierz Odojewski: Verdrehte ZeitWlodzimierz Odojewski ist einer der Gegenwartsautoren Polens, die nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten. Zwar sind seine Bücher auch in Deutschland erschienen, aber vor 1989 war das ein Drahtseilakt und anschließend war das Interesse in Deutschland an Polen nicht so groß, wie es eigentlich immer sein müsste. Jetzt ist sein Roman „Verdrehte Zeit“ bei dtv erschienen. Zwei Tage zuvor, am 20. Juli ist er jedoch mit 86 Jahren gestorben. Sein großes Thema war Polen im 2. Weltkrieg.

20 Jahre nach seiner Beteiligung im Widerstand gegen die Deutschen wird Waclaw Konradius in die Vergangenheit zurückgeworfen. Damals war er in einer Gruppe, die einen ranghohen SS-Mann liquidieren sollte. Doch die Gruppe wurde verraten, nur er selbst überlebte. Jetzt – im Roman das Jahr 1964 – wird er wieder an das prägende Ereignis seines Lebens erinnert.

Wlodzimierz Odojewski geht der Frage nach, wie viel Schuld sich der Einzelne aufbürden kann, wenn er der Richtige will. Die Aktion der Widerstandsgruppe ist definitiv richtig. Aber ist es auch in Ordnung, wenn der Widerständler Mitleid angesichts des Blutes seines Opfers bekommt? Darf er lebensrettende Hilfe rufen? Und wenn ja, auch dann, wenn das Leben der anderen Mitglieder seiner Widerstandsgruppe dadurch gefährdet wird?

Waclaw Konradius wird in die Vergangenheit wie ein einen Tunnel gezogen. Eine Spirale zieht ihn in die Vergangenheit hinab. Seine Gegenwart gleicht sich dem Damals an. Dieses durchdringt das ganze Jetzt – das Denken, das Fühlen. Die Erinnerung verschlingt ihn. Odojewski ist als Autor ganz bei und in seiner Figur. Deren Angstzustände übertragen sich auf den Leser. Auch der verliert zeitweise die Orientierung in der Zeit.

In den Tagen, in denen sich der ehemalige Widerstandskämpfer mit den schrecklichen Ereignissen im Jahr 1944 beschäftigt, wird ihm nach und nach klar, dass er mit dem Tod seiner Kameraden und seiner Kameradin etwas zu tun hat. Er wurde gefasst. Er wurde gefoltert. Er hatte Mitleid mit dem Opfer. Aber seine Erinnerungen täuschen ihn. Sowohl die Familie, die vor dem SS-Mann und nach der Flucht der Nazis aus Warschau wieder in der Wohnung lebte, als auch ein Historiker erzählen Varianten seiner Geschichte, von denen er gar nichts weiß.

All das ist konzentriert und knapp geschrieben. Wlodzimierz Odojewski erweist sich als ein Meister des Stils, was seine Übersetzerin Barbara Schaefer wunderbar ins Deutsche überträgt. Er fällt kein Urteil. Das überlässt er dem Leser, der mit Konradius mitleidet. Auf nur 159 Seiten ist ein kompakter, großartiger Roman entstanden, dem sehr viele Leser zu wünschen sind.