Das ägyptische Konzil von Leonardo Sciascia spielt mit Macht, Gier und Lüge

Leonardo Sciascia: Das ägyptische KonzilOb Umberto Eco oder Luigi Malerba, in Italien ist der historische Roman auch in der Nachkriegszeit immer ein Genre der Gegenwartsliteratur gewesen. Anders als in Deutschland galt er nie als angestaubt. Und so haben ihn die besten Schriftsteller immer wieder mit alten Stoffen, neuen Ideen neu belebt. So wie der Sizilianer Leonardo Sciascia (1921 – 1989) mit seinem 1963 erschienen Roman „Das ägyptische Konzil“, der in den 1790er-Jahren in Palermo spielt.

„Die Andere Bibliothek“ hat das Buch in der Übersetzung von Monika Lustig jetzt neu herausgebracht. Und das zu Recht. Der Roman enthält alles, was in Serien wie „House of Cards“ oder „Borgen“ die Zuschauer an die Fernsehsessel fesselt. Nur dass es in diesem Roman um einen jungen Vikar geht, der sich dank einer genialen Fälschung unentbehrlich macht und den Mächtigen die Argumente liefert, die sie benötigen um ihre Privilegien als historisch berechtigt zu begründen. Don Giuseppe Vella nutzt die Gunst der Stunde als der marokkanische Botschafter in Palermo strandet. Er wird vom Vizekönig gebeten, sich um ihn zu kümmern, weil der annimmt, dass der Malteser Arabisch könne. Da der Botschafter einen zufriedenen Eindruck macht, glauben schließlich alle, dass der Vikar wirklich Arabisch spricht.

Und so macht er sich daran, ein arabisches Manuskript zu „übersetzen“. Dieses „ägyptische Konzil“ fasst zusammen, welche Rechtstitel und Privilegien in der Zeit Friedrich II. galten und auf die sizilianischen Adelsfamilien übergingen. Sciascia beschreibt ganz ruhig, wie sich der Adel dem Ordensmann nähert, ihn mit Geschenken bedenkt, um ja nicht irgendetwas zu verlieren. Selbst wissenschaftliche Zweifel von echten Arabisten übersteht Don Giuseppe Vella, weil er das Publikum mit Witz und guter Rhetorik auf seine Seite zu ziehen weiß. Was immer auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit. Sie passt nichts ins Gefüge der Macht, der Gier und der Herrschaft im feudalen Vizekönigreich Neapel.

Auch wenn das Buch schon mehr als 50 Jahre alt ist, wirkt es noch immer frisch und modern. Sciascias feine Ironie, sein lakonischer Stil und seine Beschränkung auf die wesentlichen Figuren und Handlungsstränge wirkt noch immer. Da ist nichts angestaubt oder nur aus der Zeit verständlich. Das alles zusammen macht einen großen Roman aus. Und damit auch „Das ägyptische Konzil“.

Mehr von der Anderen Bibliothek auf diesem Blog…

Türen in Vasto

Vasto hat alles, was Italien-Urlaubern das Herz öffnet. Eine wunderbar erhaltende Altstadt, die hoch über dem Meer liegt. Endlos lange Strände an der Adria. Alte Kirchen, ein Schloss mit Museum, nächtliches Leben in den Fußgängerzonen. Pizzerien und Restaurants mit herrlichem Blick über das Meer. Usw. usw.

Man weiß gar nicht, wohin der Blick schweifen und wo er verweilen soll. Und so sind es die Details, die sich in die Erinnerung brennen. Wie zum Beispiel die Türen. Allein deren Anblick zeigt, wie viele Häuser leer stehen, wer in ihnen wohnt oder wie die Räume dahinter genutzt werden. So vielfältig wie die Gestaltung der Türen.

Italo Calvino liebt den „Rasenden Roland“ von Ariost

ariostEigentlich ist es schade, dass so großartige Bücher wie der „Rasende Roland“ auch bei mir zwölf Jahre im Regal stehen, bevor sie gelesen werden. Was für ein Fest an Gedanken, Farben, Leben, Wahnsinn und Freude! Was für ein irrer Ritt durch ganz Europa! Was für eine Lust am Fabulieren und Sprache zu formen. Kaum ist das Buch zu Ende gelesen, kommt schon Wehmut auf, weil das nächste mit Sicherheit nicht so viel Kraft haben kann. Und die Erkenntnis, dass es sich eben doch lohnt, alte Texte zu lesen. Dass es ein Vergnügen ist, sich in die Gedanken- und Fabelwelten anderer Zeiten hineinzuversetzen und den Wahnsinn der Gegenwart in einem 500 Jahre alten Text zu spiegeln.

Das Besondere an der Ausgabe des „Rasenden Roland“, die ich zur Hand hatte, war die Mischung aus Original-Passagen und Nacherzählung von Italo Calvino. Die bringt den teils auch sperrigen Text elegant, belesen und immer gut verständlich jedem Leser nahe. Aber sie gibt dem Versepos auch genug Raum, um die ihm innewohnende Faszination entfalten zu können. Der Stoff des strahlenden Ritters, der dem Wahnsinn verfällt, weil sich seine Liebe zu einer chinesischen Prinzessin nicht erfüllen kann, stammt schon aus dem Mittelalter. Er geht auf Karl den Großen zurück, der im „Rasenden Roland“ Krieg gegen die Sarazenen und deren König Agramante führt. Roland ist einer der wichtigsten Ritter Karls und für das Kriegsglück extrem wichtig. Aber die Liebe kostet ihn erst den Verstand, dann fast das Leben und zu guter Letzt dann beides doch nicht.

ariost-orlandoBis dahin erlebt der Leser eine Reise auf den Mond, er durchreist ganz Europa zu Fuß, auf dem Pferd und per Schiff. Und immer wieder nimmt ihn Ariost mit auf die Schlachtfelder Karls und Agramantes. Da wird Paris gestürmt und gebrandschatzt, da werden Klöster und Burgen gestürmt, gebaut, geschliffen. Und da treffen Männer und Frauen aufeinander, die sich lieben, die sich hassen, die sich nicht finden dürfen oder die sich wie der rasende Roland im Wahnsinn hinterherlaufen. Da ist das ganze Panorama menschlichen Lebens zu bestaunen. Und umwerfend viel Phantasie, die den Geist des Lesers neue Welten öffnet. Das ist viel besser als all diese Phantasy-Romane, die sich ja doch nur an den alten Stoffen bedienen.

Ein Glück gibt es immer mal wieder Urlaub – und damit Zeit und Muße, sich auf solche Texte einlassen zu können!

Das Ende der Postkarten

Postkarten

Vorbei. Die Zeit der Postkarten ist vorbei. Gut 150 Jahre nachdem die ersten verschickt wurden und gut 120 Jahre nachdem mit der Ansichtskarte Bilder aus allen Städten und Orten Europas verschickt werden konnten, sterben sie aus. Selbst da, wo viele Menschen Urlaub machen, drängen sie sich nicht mehr auf. Konnte man vor einigen Jahren gar nicht an ihnen vorbeigehen, so sind sie heute kaum noch zu finden. In Ortona und entlang der Küste der Abruzzen etwa führen sie Supermärkte gar nicht mehr. In Souvenier-Läden gibt es sie noch. Und in einigen anderen kleinen Läden. Aber die Auswahl ist sehr eingeschränkt. Die Vielfalt früherer Zeiten ist passé. Je enger das WLAN geknüpft ist, umso weniger dieser bedruckten Rechtecke aus der Vergangenheit gibt es. Die Handykamera und WhatsApp haben sie verdrängt. Und somit werden sie in einigen Jahrzehnten auch kaum noch als historische Dokumente des Alltagslebens existieren. Schade für Sammler. Und traurig für all jene, die mit nostalgischen Gefühlen den geschriebenen Gruß der Verreisten gern aus dem Briefkasten geholt haben. In Instantfotos mit dem Handy können das nicht kompensieren.

Heinz Georg Held zeigt uns die Kunstdebatten der Renaissance

Heinz Georg Held: Die Leichtigkeit der Pinsel und Federn„Italienische Kunstgespräche der Renaissance“ lautet der Untertitel eines erstaunlich lebendigen Buches über die Malerei. Heinz Georg Held hat sich nicht einzelne Künstler und deren Rezeption vorgenommen, sondern die als Renaissance bezeichnete Zeit als Ganzes. Dabei zeichnet er in seinen 21 Kapiteln die Entwicklung der Kunst und der Künstlerpersönlichkeit nach – von der erwachenden und autonomen Künstlerpersönlichkeit zu Beginn dieses prägenden Zeitalters bis zur von der Kirche und deren Gegenreformation geprägte Austreibung der Autonomie.

Das klingt sehr theoretisch und wenig fesselnd. Aber der Aufbau seines Buches überzeugt, weil uns Held in die sich verändernde Gedankenwelt mitnimmt. Das macht er anhand von Texten der Zeit, aber vor allem immer wieder mit Bildinterpretationen, in denen sich Theorie und Kunst treffen. „Die Leichtigkeit der Pinsel und Federn“ ist insofern ein Buch, das uns das Verstehen von Kunst erleichtert. Es ist aber auch ein faszinierendes Werk über versunkene Denkwelten. Und es zeigt ganz nebenbei, wie schwer es für einen selbständigen und freien Künstler ist, sich treu zu bleiben, wenn der Common sense einen Erwartungsdruck ausübt, dem man sich kaum entziehen kann.

Denn die Phase der wirklich freien Künstlerpersönlichkeit war auch in der Renaissance nur sehr kurz. Zwar konnten sich einige Maler und Bildhauer auf einer Ebene mit den Mächtigen der Stadtstaaten Norditaliens und der Kirche austauschen. Aber den Mächtigen war das auf Dauer ein Graus. Sie wollten Kunst, die sie ins rechte Licht rückt. Und dafür musste sich der Künstler anpassen. Tat er das, konnte er reich werden. Entzog er sich, war zumindest ein Verlust der Heimat notwendig. Und die Kirche fand es furchtbar, dass sich autonome Persönlichkeiten anmaßten, Bildinhalte und deren Interpretationen selbständig zu bestimmen. Deshalb versuchte sie alles nur Erdenkliche, um im Zuge der Gegenreformation wieder zur bestimmenden Kraft zu werden. Da sie nach wie vor die meisten Aufträge vergab, hatte sie einen guten Hebel. Und mit der Inquisition auch ein weiteres, kraftvolles Mittel, ihr Denken durchzusetzen.

Heinz Georg Held erzählt dies anhand einer enormen Fülle von Originalquellen. Dabei nimmt er sich selbst stets zurück und ermöglicht es dem Leser, sich die Vorstellungen der einzelnen Künstler anzueignen. Es entsteht ein stilistisch bestechendes, inhaltlich gehaltvolles und formal überzeugendes Buch über Kunst und Macht in der Renaissance.

Crecchio feiert sich und Byzanz

Historisches Fest in Crecchio

In Crecchio verlangen sie keinen Eintritt. Jeder darf über das historische Stadtfest schlendern. Aber mit dem Essen und dem Trinken wird es dann doch schwer. Denn wer in dem Ort in den Abruzzen richtig mitfeiern will, der muss sich eine Garnitur Geschirr für vier Euro kaufen. Dann bekommt er die Gerichte, die schon die Byzantiner in dem Städtchen zu sich nahmen.

Gegessen werden die Eintopfgerichte mit dem Holzlöffel. Dazu gibt es Brot. Für acht Euro wird der Teller gefüllt. Und das so, dass man satt werden kann. Der Becher Wein – weiß oder rot – kostet einen Euro. Und Wasser kommt aus den Brunnen, die auch zum Abwaschen des Geschirrs gedacht sind. Denn das sollte man unbedingt tun. Nur dann kann man ja einige Meter weiter das nächste Gericht zu sich nehmen. Das ganze Fest ist über die kleinen Plätze entlang der beiden Straßen im historischen Kern Crecchios angelegt. Und zwar nach dem Motto: Vorspeisen, erstes Gericht, zweites Gericht und Nachtisch. Wein gibt es natürlich überall.

Eine erstaunlich simple und doch schöne Idee, um die Besucher zum Essen und Trinken zu animieren. Und damit zur Geselligkeit. Denn natürlich wird überall an Bierbänken gesessen. Selten allein, denn die Straßen und Plätze füllen sich abends immer mehr. Noch um 22.oo Uhr stehen Besuche an, um sich ihre Papiertüte mit Geschirr zu kaufen. Und so sitzt man, trinkt man und freut sich über die Szenen der Darsteller, die das Leben der Spätantike oder des frühen Mittelalters in die die Gassen bringen. Das sind Gaukler, Patrouillen, Schwertkämpfe, Artisten, Stelzenläufer und Gefangenentransporte in Käfigkugeln.

Das alles ist einladend, freundlich und unterm warmen Sternenhimmel Ende Juli auch überhaupt nicht kitschig. Das Reactment wirkt authentisch. Es findet überall statt, ist aber dennoch nicht aufdringlich. Wer nur feiern will, der kann sitzen und den guten Wein der Region trinken. Ein wirklich schönes Fest, das jeder mitfeiern sollte, der Ende Juli in den Abruzzen zwischen Ortona und der Majella ist.

 

Stefano Benni erzählt packend vom Billard

Stefano Benni: Die PantherinDer schmale Band hat gerade 90 Seiten. „Die Pantherin“ von Stefano Benni enthält zwei Erzählungen. Wobei die zweite, die nicht die Namensgeberin des Buches ist, die ergreifendere ist. „Aixi“ spielt an der Küste Siziliens. „Die Pantherin“ im Keller eines riesigen Billardsalons.

Beide Erzählungen verbindet der 31sehr genaue Blick des Bennis auf die Umgebung und die Personen, die er beschreibt. Bei der Pantherin handelt es sich um eine legendäre Billardspielerin, die sich in der Männerdomäne durchsetzt. Ein Jugendlicher erzählt davon, wie sie im Billardsalon unter der Erde die besten und größten Spieler demontiert. Er erliegt der Faszination dieser Frau – und so ist es kein Wunder, dass eine enorme Portion Sexualität den Raum mit den vielen Billardtischen mit einer enormen Spannung auflädt. Und das vor allem, weil sie mit ihren Lederklamotten, ihrem Schweigen und ihrem phantastischen Spiel die Projektionsfläche für den jungen Kerl ist. Stefano Benni erzählt das alles ganz ruhig. Und dennoch ist der Schweiß beim Lesen fast schon zu riechen. Der Angstschweiß der Helden der Billardszene, die von der Pantherin in die Enge getrieben werden.

Ganz andere Assoziationen löst „Aixi“ aus. Auch sie ist eine weibliche Heldin. Aber keine Frau, sondern ein Mädchen, das ihren Vater retten will. Der ist Fischer, kann aber wegen eines Krebsleidens nicht mehr aufs Meer fahren. Und so verarmen Aixi und ihr Vater. Das Mädchen entscheidet sich, ein Boot auszuleihen und zu fischen. Das geht zunächst auch gut, aber ein Motorschaden bringt sie in Lebensgefahr. Stefano Benni schafft es, dass der Leser von Anfang an mit dem Kind fühlt. Die Ablehnung des städtischen Lebens seiner Tante prägt sie. Aixi will am Meer leben. Sie will die Natur spüren, ins Meer eintauchen, auf Booten fahren und spüren, dass dsa Leben auch anstrengend sein kann. Denn der Preis für ein Leben in einer städtischen Wohnung ist der Verlust der Freiheit. Und des Vaters.

Es zeichnet Stefano Benni aus, dass er beide Erzählungen so kompakt gehalten hat. Kein Satz ist überflüssig. Jedes Wort zahlt auf die Geschichte ein. Nichts lenkt ab. Andere hätten aus den Stoffen vielleicht versucht einen kurzen Roman zu schreiben. Aber er konzentriert sich auf den Kern der Geschichten. Zum Glück.

Faszinierende Abruzzen-Saga von Dacia Maraini

Dacia Maraini: Gefrorene TräumeAm Anfang steht eine verschwundene junge Frau in den Abruzzen. Und eine Ich-Erzählerin, die als Autorin von diesem Thema so gepackt wird, dass sie sich ihm nicht mehr entziehen kann. Dacia Maraini hatte also keinen Krimi geschrieben, als sie „Gefrorene Träume“ vorlegte. Das Buch ist eine große Familiensaga aus den Abruzzen – und ein Roman übers Schreiben.

Dem Buch tut genau dieser Teil nicht gut. Er lenkt von der großen Geschichte ab. Von den Wurzeln der Colomba Minna, der verschwundenen jungen Frau, die bis ins 19. Jahrhundert nach Sizilien und immer wieder in das Bergdorf in der Nähe von Avezzano reicht. Diese ist an sich wunderbar erzählt. Wobei sie auch immer wieder mythisch aufgeladen wird. So entsteht ein Dickicht aus Bezügen, die auch die historische Dimension der Landschaft aufgreift. Die verbinden in den Wäldern der abruzzischen Berge den Kampf der Marser gegen die Römer mit der Gegenwart genauso wie die zwei Jahrzehnte Faschismus und die deutsche Besatzung.

Das ist schon arg viel, was der Leser da an Ebenen, Zeitbezügen und Erzählperspektiven im Blick haben muss. Insofern ist der Roman überfrachtet. Aber die eigentliche Familiensaga ist spannend, erzählt von der archaischen Gesellschaft in Italien und den Umbrüchen in den vergangenen 120 Jahren. Maraini weiß um die Armut,den Glauben, die Zwänge, denen die Frauen ausgesetzt waren. Sie hat im Blick, wie sich existenzielle Erfahrungen über Generationen vererben. Und sie kann packend davon erzählen, wie in einem Dorf die informellen Kommunikationsformen das Leben dominieren. Die Abruzzen, diese immer wieder von Erdbeben geschüttelte Hochgebirgslandschaft, bringt sie dem Leser so sehr nahe.

Aber dafür muss man sich eben auch durch die unsägliche Geschichte des Schreibens durchkämpfen. Und leider auch immer wieder verwirren lassen. Etwa wenn die Lust an literarischen Bezügen mit Maraini durchgeht. Das hat dann schon etwas von Bildungshuberei. Und dennoch kann einen das Buch auch packen, dann will man wissen, wie sich die Geschichte von Großmutter Zaira und ihrer verschwundenen Enkelin weiter entwickelt. Vor allem aber ist man neugierig auf ihren Vater, der vor den Faschisten nach Australien flüchtete, oder auf die starken Frauen. Ein Buch also, dass man in den Abruzzen sehr gut lesen kann. Ich Eichwalde aber, würde ich es zügig weglegen.

Ignazio Silone erzählt in Fontamara vom Widerstand gegen den Faschismus

Ignazio Silone: FontamaraIn Fontamara, einem fiktiven Bergdorf der Abruzzen, herrscht Armut. Die Cafoni, die Bergbauern, kämpfen in de späten 1920er-Jahren um ihre Existenz, weil die kleinen Grundstücke nicht genug Ertrag abwerfen. Außerdem hält der Kapitalismus in Person eines römischen Geschäftsmannes Einzug in die noch immer feudal geprägte Region.

Das ist der Hintergrund vor dem Ignazio Silones Debüt-Roman aus dem Jahr 1930 spielt. Silone war zu diesem Zeitpunkt im Exil in der Schweiz. Zuvor hatte er im Untergrund gegen Mussolinis Faschisten gearbeitet. „Fontamara“ spielt in der Heimat Silones, der selbst Sohn von armen Bergbauern war. Aus der Sicht eines Cafone schildert er, wie sich der Faschismus in der Region und im Dorf immer weiter ausbreitet. Erst kommt ein Kaufmann aus Rom, der sich Schritt für Schritt nicht nur die Ernten der Bauern sichert, sondern auch die gesamte Wertschöpfungskette der Agrarprodukte. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg wächst auch der politische Einfluss, vor allem, weil er auch Faschist ist. Schließlich wird er dann sogar Bürgermeister.

Für die Bauern aus Fontamara ist das eine Katastrophe. Denn jetzt bemächtigt er sich des Wassers, das schon immer die Felder von Fontamara bewässert hat. Alle Versuche dagegen zu protestieren laufen ins Leere und führen am Ende dazu, dass junge faschistische Schläger das Dorf überfallen, brandschatzen, Frauen vergewaltigen und auch vor Mord nicht zurückschrecken. All das erzählt Silone aus der Sicht des Bauern, dessen Frau und dessen Sohns. Dadurch wird eine erstaunliche Nähe erzeugt. Das inzwischen so ferne Geschehen ist auch heute noch fesselnd. Vor allem auch, weil neben des Konflikts der Bauern mit dem kleinstädtischen, faschistischen Bürgermeister auch die Geschichte des aufkeimenden und tatsächlichen Widerstands vor allem anhand eines jungen Mannes erzählt wird. Das ist alles stimmig und noch immer lesenswert. Nicht nur, wenn man selbst in den Abruzzen ist und stets vor Augen hat, wie hart die Arbeit für die Bergbauern früher gewesen sein muss.

Welche Bücher kommen mit in den Urlaub?

UrlaubslektüreJedes Jahr das gleiche Problem. Ungelesene Bücher stapeln sich. Da liegen aktuelle Romane, historische Texte und politische Literatur. Aber sind das die richtigen Bücher für den Urlaub? Sind sie zu schwer? Und haben sie irgendetwas mit dem Reiseziel zu tun?

Auf dem zweiten Stapel liegen Bücher, die in den Abruzzen spielen oder von Autorinnen und Autoren sind, die im Gebirge in der Mitte Italiens geboren wurden. Und Bücher, die Italien als Thema in der Gegenwart und der Geschichte haben. Aber liest sich das besser, wenn man auf die Adria blickt? Oder auf die Fast-3000er der Abruzzen?

Jedes Jahr sind es die gleichen Fragen, die bis zum letzten Moment nicht entschieden werden. Aber in meinem Kopf ist das die entscheidende Frage vor dem Urlaub. Aber entschieden wird sie erst auf den letzten Drücker. Ich bin selbst gespannt, welcher Stapel es wird.