Fund nach 80 Jahren: Der Roman Ullstein von Stefan Großmann

Stefan Großmann: Wir können warten oder Der Roman Ullstein„Wir können warten“. So lautet der Titel eines außergewöhnlichen Romans. Aber der Autor konnte gar nicht warten. Die Zeit ist über das Manuskript hinweg gegangen. 1935 war das Manuskript in einem Zustand, der noch eine weitere Überarbeitung erfordert hätte. Aber Stefan Großmann starb in Wien. Im Exil in seiner ursprünglichen Heimatstadt, nachdem er Berlin verlassen hatte. Jetzt, fast 80 Jahre später ist sein Roman erschienen. Und wenn man ihn gelesen hat, dann stellt man fest: Eigentlich konnten wir auf diesen Schlüsselroman nicht warten. Zu gut, zu packend ist die Geschichte vom Niedergang des Pressehauses Ullstein in den 1930er-Jahren.

Ullstein, das war: die Berliner Morgenpost, die B.Z. am Mittag oder Vossische Zeitung – aber auch Zeitungsexperimente wie Tempo, eine Zeitung für junge urbane Leser. Die Blätter des Ullstein Verlags zählten in den 1920er Jahren zu den wichtigsten Berlins. Das Familienunternehmen führten fünf Brüder in der zweiten Generation. Zum Konzern gehörten aber noch weitere Blätter, bedeutende Zeitschriften und ein Buchverlag. Schon Anfang der 1930er Jahre griffen die Nationalsozialisten den Verlag heftig an, weil die Ullsteins liberale Juden mit Einfluss waren.

Das ist der historische Rahmen des erstaunlichen Romans, der im Verlag Berlin Brandenburg erschienen ist. „Wir können warten oder Der Roman Ullstein“ heißt das Buch von Stefan Großmann vollständig. Stefan Großmann war ein bedeutender Intellektueller im Berlin der Weimarer Republik. Er war Herausgeber des Tage-Buch, der wöchentlichen Zeitschrift, in der im Dialog mit der berühmten Weltbühne die Debatten der Zeit geführt wurden. Zeitgleich war er Kulturchef der Vossischen Zeitung, der wichtigsten bürgerlichen Tageszeitung. Die wiederum erschien im Ullstein-Verlag. Deshalb kannte Großmann die Ullstein-Brüder und die Strukturen des Hauses in- und auswendig.

Sein Roman verdichtet die Phase des Untergangs auf wenige Wochen. Getrieben von einem Bruderkrieg, der teilweise an die TV-Serie „Dallas“ erinnert, zerlegt sich das Familienunternehmen selbst. Und wird so anfällig für Angriffe von Konservativen und Nazis. Der Wunsch der Ullstein-Brüder mit den Zeitungen vor allem Geld verdienen zu wollen verstärkte das nach. Und waren zu vielen Kompromissen mit der Politik bereit. Eine Schwäche, die Großmann so auf den Punkt bringt:

„Aber du mußt doch wissen, daß die Brüder alle Geschäftsleute sind! Das erste ist das Geschäft und das letzte. Nutzt deine Idee dem Verlagsgeschäft, so bist du ein Genie. Schadet sie ihm, so bist du ein Idiot, der schnellstens weggejagt werden muß. Presse ist genauso ein Geschäft wie bedruckter Kattun oder Branntwein. Wer den größten Absatz erzielt, verdient die größte Stellung. Das mußt du dir vor Augen halten. Der Abonnent und der Inserent, das ist der Käufer, um dessen Seele wir ringen. Es ist das Angenehme an den Kronsteins, daß sie in stillen Stunden zugeben, Zeitungsgeschäftsleute zu sein“

Stefan Großmann beobachtet scharf und ist mit einem dramaturgischen Sensorium gesegnet. Es gelingt ihm, die vielfältigen Charaktere scharf zu zeichnen und auf die zentralen Konflikte zu konzentrieren. So entsteht ein Schlüsseltext über den Niedergang der freien Presse und einer ganzen Republik.

Großmann hat den Brüdern in seinem Roman den Namen Kronstein gegeben. Natürlich gibt es noch eine Reihe weiterer Verfremdungen. Aber im Kern verarbeitet er den Untergang des Ullstein-Zeitungsimperiums zwischen 1930 und 1936. Und das in einem packenden Text, der die Hoffnung des Titels nicht erfüllt: Denn die Ullsteins konnten nicht warten. Genausowenig wie die anderen Juden Deutschlands und Europas. Aber das hat Stefan Großmann nicht mehr erlebt.

Michael Ebmeyer sortiert Schwarz-Rot-Gold bei der WM

Michael Ebmeyer: Das Spiel mit Schwarz-Rot-GoldHeute wehen sie wieder überall: die Fahnen in schwarz-rot-gold. Selbst 1990, als Deutschland das letzte mal Weltmeister wurde, gab es das in dieser Form nicht. Trotz „Wir sind ein Volk“ und deutscher Einheit war die deutsche Fahne damals noch nicht selbstverständlich. Der Autor Michael Ebmeyer hat dieses Phänomen in einem Essay beleuchtet. Und wirklich Erhellendes dazu geschrieben.

Für Ebmeyer waren deutsche Fahnen in den 80er-Jahren genauso fremd wie mir. Wer sich damit zeigte, stellte ein seltsam zurückgewandtes Weltbild zur Schau. Noch heute wirkt auf ihn die schwarz-rot-gold-selige Beflaggung nicht unbedingt sympathisch. Aber Ebmeyer verharrt nicht in solchem Denken. In seinem schlauen Büchlein sucht er, was der gerade heute wieder zu erlebende Umgang mit dem Staats-Symbol wohl bedeutet. Natürlich findet er rechte Dumpfbacken. Aber er erinnert auch daran, wann und wo sich die schwarz-rot-goldene Ausgelassenheit beim Fußball eingestellt hat. Das war erstmals bei der WM 2002 in Berlin. Und dann 2006 natürlich in Berlin und dem ganzen Land. Es waren vor allem Migranten, die sich mit der deutschen Fahne als Teil eines Landes präsentierten, das schon viel weiter war, als es viel politisch Verantwortlichen noch wahrhaben wollten.

Es waren diejenigen in der bunten Republik, die in der multikulturellen Nationalelf eine Möglichkeit zur Identifikation mit ihrer eigenen Heimat, mit Deutschland entdeckten. Und die dies genauso auslebten, wie mit ihren türkischen oder anderen Bezügen. Nämlich durch das Zeigen der Flagge. Ebmeyer schafft es, dies alles in einen Kontext zu stellen, der tatsächlich den Fußball und seine Identifikationskraft in den Mittelpunkt stellt. Dabei scheut er auch nicht davor zurück, Adorno in Frage zu stellen und Luhmann als theoretisches Rüstzeug zur Argumentation heranzuziehen. Und ist in diesem schmalen Bändchen ein intelligenter Essay zu lesen, der Spaß macht. Und nachdenklich. Und Hoffnung darauf, dass dieses schwarz-rot-gold vor allem eins nicht mehr ist: rückwärts gewandt und spießig. Sondern links, weltoffen und multikulti.

Michael Ebmeyer: Das Spiel mit schwarz-rot-gold. Kein & Aber, 7,90 Euro.

Montaigne entdeckt das Innere beim Reisen

Michel de Montaigne: Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581
Michel de Montaigne: Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581

Italien, Deutschland und die Schweiz aus der Sicht eines Franzosen aus dem 16. Jahrhundert, das ist eine interessante Konstellation. Zum einen weil die Nationalstaaten damals noch nicht einmal als Idee in den Köpfe war, zum anderen weil der Autor Michel de Montaigne präzise und amüsant zu formulieren wusste. Vor allem aber, weil in diesem Text, in diesem Tagebuch zu beobachten ist, wie sich das Ich, wie sich die Beschreibung von eigenen Gemütszuständen und die Beobachtung des eigenen Körpers bei Krankheiten in den Tagebüchern Raum nehmen. Das ist in dieser Zeit tatsächlich neu. Und so ermöglicht Montaignes Tagebuch einen Einblick in die frühsten Momente der Moderne.

Die Andere Bibliothek hat den Band jetzt herausgegeben. Das ist einerseits gut, weil er deshalb wieder verfügbar ist. Es ist aber auch ärgerlich, weil das Besondere dieser Reihe dadurch aufgeweicht wird. Denn der exakt gleiche Band ist schon vor einigen Jahren bei Eichborn erschienen. Derselbe Text, dieselbe Übersetzung, nur die Gestaltung ist anders. Da das Ziel der Anderen Bibliothek eigentlich das Entdecken von Büchern und Texten ist, die schon lange nicht mehr verfügbar sind oder gar noch nie in Deutschland oder gar überhaupt noch nie erschienen sind, ist das wirklich ärgerlich.

Mehr von der Anderen Bibliothek auf diesem Blog…

Birk Meinhardt lässt die „Brüder und Schwestern“ in der DDR aufleben

20130818-203501.jpg Wenn ein Autor 700 Seiten für einen Roman benötigt, grenzt das oft an Zumutung. Schließlich erwartet der Autor, dass die Leser viel Zeit mit ihnen und ihrem Werk verbringen. Ich zögere bei dicken Büchern häufig, bis ich beginne zu lesen. Bei Birk Meinhardts „Brüder und Schwestern“ habe ich keine Minute des Lesens bedauert, nur mein Zögern, das sich über einige Wochen hinzog.

Meinhardt schreibt eine Familiengeschichte aus der DDR. Willy ist der Sohn eines aufrechten Sozialdemokraten, der sich trotz innerer Widerstände zum Zusammenschluss mit den Kommunisten zur SED bereiterklärte. Willy steigt zum Druckereileiter auf, ist in der Partei, aber doch immer ein wenig auf Distanz zu ihr. Sein Sohn Erik studiert Außenhandel und arrangiert sich mit den Umständen. Anders als Tochter Britta und Sohn Matti. Sie geht zum Zirkus, um sich den Zwängen des Staates zu entziehen, er wird Binnenschiffer, nachdem er von der Schule relegiert wurde.

Die familiäre Loyalität wird auf die Probe gestellt, als infolge der Biermann-Ausbürgerung dienZahlen in der Schule angezogen werden. Erik verleugnet seinen Bruder Matti, um sein Studium nicht zu gefährden. Vater Willy ist hin- und hergerissen, fürchtet die Folgen von Mattis Konsequenz, bewundert sie aber auch. Und Britta entflieht allem, ohne die familiäre Loyalität zu verleugnen.

Birk Meinhardt formt aus all diesen Zutaten – und noch vielen anderen – eine aufrechte und spannende Geschichte. Dabei liegt die Sympathie des Autors aus Eichwalde eindeutig bei Matti und Britta. Aber das hat nicht zur Folge, dass er die anderen, die sich den Zwängen des Systems nicht entziehen oder auch nur wollen, denunzieren würde. Auch deren Beweggründe sind transparent und klar. So wie wie die teils schrecklichen Geheimnisse in der Familie, die eruptiv an die Oberfläche des Lebens gespült werden.

Das Leben in der DDR beschreibt der Ostdeutsche plastisch, humorvoll und nie bitter. Da, wo die Diktatur erbarmungslos zuschlägt, rückt Meinhardt eher das Groteske in den Blick. Und vermeidet so Verbitterung. Dadurch kann der Stoff, die Geschichte seine Kraft entfalten und den Leser fesseln. So sehr, dass jede der 700 Seiten unbedingt gelesen werden muss. Der Sog der Verästelungen ist faszinierend. Etwa wenn die Willy über Kontakte zu einem Verlag im Westen dafür sorgt, dass Mattis Roman, den er in der Ruhe und Einsamkeit des Schipperns über die ostdeutschen Wasserstraßen schreiben könnte, in der Bundesrepublik gedruckt wird. Mit allen Verwicklungen, die daraus emotional und politisch entstehen. 1989 dann, ist das Buch fertig. Da stehen als letztes die Worte: „wird fortgesetzt“. Als Verheißung. Und nicht als Drohung.

Wer wir sind (8) – Wut und Trauer über das Scheitern

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Die letzten 250 Seiten von „Wer wir sind“ gehen an die Nieren. Sabine Friedrich gelingt es, den Leser emotional so zu packen, dass Wut, Trauer, Verzweiflung aufsteigen. Diese Wut beim Lesen der Passagen über die Verhandlungen des Volksgerichtshofs. Diese Wut über Roland Freissler, dessen Vorsitzenden, der es nicht einmal zugelassen hat, dass sich die Angeklagten verteidigen können. Oder die Wut über Hanns Martin Schleyer, den Sabine Friedrich exemplarisch für all diejenigen auftreten lässt, die sich am Unrecht der Nazis bereicherten. Auf den Seiten 1828 und 1829 schildert sie ganz kurz, wie sich der spätere Arbeitgeberchef eine Villa in Prag unter den Nagel riss, weil die vorherigen Bewohner, die sich selbst schon bereichert hatten, wegen ihres aufrechten Sohnes in Ungnade gefallen waren.

Oder die Verzweiflung, weil Dietrich Bonhoeffer es nicht wagt aus dem Gefängnis zu fliehen, weil inzwischen auch sein Bruder verhaftet wurde – und er nicht will, dass sich an ihm gerächt wird. Die Verzweiflung über die Ignoranz, mit der den Überlebenden des Attentats in der Bundesrepublik begegnet wurde. Und die Trauer über all die Toten, die sich durchgerungen hatten, endlich etwas gegen die braunen Mörder zu unternehmen – und die dafür mit dem Leben bezahlten. Das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen, die im untergehenden Dritten Reich, im Bombenhagel und im besetzten Schlesien einen Weg fürs eigenen Überleben suchten.

All das schildert Sabine Friedrich ruhig. Diese Ruhe fesselt den Leser emotional. Den Schicksalen kann man sich nicht entziehen. Friedrich dramatisiert nicht. Dieser Versuchung angesichts des dramatischen Stoffes, den sie sich ausgesucht hat, erliegt sie nicht. Genau darin liegt die Qualität des Romans. Und darin, dass sie all diese Menschen nicht nur ins Gedächtnis zurückholt, sondern sie auch Mensch sein lässt. Mit Stärken und Schwächen. Nicht unanfechtbare Helden, sondern Männer und Frauen mit Sorgen um die Kinder, Freude über ein gutes Essen oder einen besonderen Wein und Befriedigung angesichts gelungener Arbeit.

„Wer wir sind“ ist ein großer, doppeldeutiger Titel. Sabine Friedrich wird ihm gerecht. Der Leser weiß nach 2000 Seiten, wer die Menschen waren, die sich gegen Hitler und den Nationalsozialismus stellten. Er weiß, warum viele so lange dafür brauchten und andere von Anfang an dagegen waren. Aber auch die zweite Ebene, auf wen wir uns im Erinnern beziehen sollten, wird klar. Die Zeit, die das Lesen dieser 2000 Seiten kostet, ist keine vertane Zeit. Sie ist ein Gewinn. Und spätestens, wenn dieses Buch verfilmt wird, wird man den Menschen und ihrem Mut wieder begegnen. Erinnern wird man sich aber immer wieder. Beim Gang durch Berlin, wenn man die Orte passiert, in denen sie lebten und litten und starben.

Mehr zu “Wer wir sind”:
1 Ein verblüffend leichter Einstieg
2 Das Gewebe der Roten Kapelle
3 Das Ende der Roten Kapelle
4 Wie die Rote Kapelle und der Kreisauer Kreis verbunden sind
5 Der Weg nach Kreisau
6 Zwischen Kreisauer Idylle und Morden in Russland
7 Das Attentat
Sabine Friedrich überzeugt im Berliner Literaturhaus

Wer wir sind (7) – Das Attentat

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Es ist schon seltsam, wie ein Stoff, den man kennt, so in den Bann ziehen kann. Selbst um das Ende weiß eigentlich jeder. Und doch entwickelt Sabine Friedrich gerade auf den Seiten 1500 bis 1750 von „Wer wir sind“ Spannung. Der Roman nimmt Tempo auf – und das liegt eben nicht an einer anderen Art zu schreiben, sondern an der Art und Weise, wie Friedrich die Ereignisse collagiert.

Auf der einen Seite sind da die Debatten und Manifeste etwa von Carlo von Mierendorff und seiner Sozialistischen Aktion, die als Texte auch Diskussionsgrundlage beim Kreisauer Treffen an Pfingsten 1943 eine große Rolle spielen. Und damit auch die Geschichte der Moltkes, die durch die Verhaftung Helmuths am 19. Januar 1944 eine neue Dramatik bekommt. Und einen fast schon tragikomischen Aspekt: Nicht die Verschwörungspläne lassen die Gestapo anrücken, sondern eine einfache Warnung vor Verhaftung an einen Freund.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Büste von Frank Mehnert; Foto: Wikipedia.de)
Claus Schenk Graf von Stauffenberg (Büste von Frank Mehnert; Foto: Wikipedia.de)

Zentrales Thema der Seiten 1500 bis 1750 ist das Attentat vom 20. Juli. Ab Seite 1525 bekommt Claus Schenk von Stauffenberg viel Platz. Eingeführt wurde er schon relativ bald, als es um den George-Kreis des Dichters Stefan George ging. Doch jetzt steht der Offizier Stauffenberg im Mittelpunkt. Mit ihm als Figur des Romans gewinnt die Debatte und dann die Planung der Beseitigung Hitlers Gewicht. Julius Leber, die Stauffenberg-Brüder und auch Peter Yorck von Wartenberg sind ab einem bestimmten Zeitpunkt dafür. Helmuth von Moltke lehnt es ab. Doch nach seiner Verhaftung kann er sich an der Diskussion darüber nicht mehr beteiligen.

Gegen Ende dieser 250 Seiten scheitert das Attentat, die Verhaftungen beginnen. Sabine Friedrich hat mit dem Juli 1944 einen Höhepunkt, den die Geschichte vorgibt. Es gelingt ihr, diesen auch literarisch zu bilden. Mit aller Dramatik, die angesichts der zuvor gescheiterten Pläne stets zunimmt. Und mit großen Einfühlungsvermögen in jene, die bereit waren, ihr Leben für die Befreiung vom Diktator zu geben.

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1 Ein verblüffend leichter Einstieg
2 Das Gewebe der Roten Kapelle
3 Das Ende der Roten Kapelle
4 Wie die Rote Kapelle und der Kreisauer Kreis verbunden sind
5 Der Weg nach Kreisau
6 Zwischen Kreisauer Idylle und Morden in Russland
8 Wut und Trauer über das Scheitern
Sabine Friedrich überzeugt im Berliner Literaturhaus

Wer wir sind (6) – Zwischen Kreisauer Idylle und Morden in Russland

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Auf den Seiten 1250 bis 1500 schreibt Sabine Friedrich ihre Geschichte von Helmuth und Freya von Moltke zunächst fort. Der Eindruck verfestigt sich, als wollte sie im zweiten Teil von „Wer wir sind“ eigentlich einen Roman über diese Ehe und die Freunde der beiden verfassen. Dabei verschweigt sie weder die Depressionsattacken Helmuth von Moltkes, noch das Alleingelassenwerdens Freyas in Kreisau, wo sie ohne ihren Mann den Sohn Konrad zur Welt bringt. Aber trotz des vielfach getrennten Lebens der beiden, sind sie eine Einheit. Sabine Friedrich ist sichtlich faszniert von den täglichen Briefen, die beide zwischen Berlin und Kreisau austauschten. Auch daraus formt sie ihren Roman, in diesem Fall einen von der unglaublichen Kraft der Liebe und des Vertrauens.

Richtig stark ist Sabine Friedrich, wenn sie das Grauen im Russlandfeldzug schildert. Etwa wenn Generalleutnant Johann Pflugbeil es nicht wagt, am 27. Juni 1041 in Bialystok ein Massaker durch das Polizeibataillon 309 zu unterbinden. Ein einfacher Polizist kauft dem Divisionskommandeur den Schneid ab, als er direkt vor ihm auf Sterbende uriniert. Ein schreckliches Bild, ja ein widerliches. Aber auch ein starkes, das das Versagen der Wehrmacht gegenüber der SS verdichtet.

Während Helmuth von Moltke schon nach dem Frankreichfeldzug seine Denkschrift „Über die Grundlagen der Staatslehre“ schreibt und sich eine schnelle Ablösung der Nazis wünscht, gefällt anderen Verschwörern der Russlandfeldzug – solange sie das Geschehen hinter der Front ausblenden, etwa Fritz Dietloff von der Schulenburg.

Moltke versucht gegen diese Kriegsverbrechen vorzugehen. Mit den Mitteln des Juristen formuliert er Eingaben gegen die Ermordung von Kriegsgefangenen, von Juden und gezielten Erschießungen der Bevölkerung als vermeintliche Vergeltung für die Unterstützung von Saboteuren. Dabei argumentiert er nicht moralisch. Ihm ist bewusst, dass er in der Logik der Kriegsmaschinerie bleiben muss, um etwas zu erreichen. Und so ist sein Argument, dass die Unterstützung der Bevölkerung notwendig ist, um den Krieg gewinnen zu können.

Henning von-Tresckow; Quelle: WikipediaHenning von Tresckow ist ein anderer Adliger, den diese Gedanken und Verrenkungen umtreiben. Ihn führt Sabine Friedrich auf 60 bis 70 Seiten ein. Der Soldat, der schon als 17jähriger am 1. Weltkrieg teilnahm, der als Freikorps-Soldat gegen Linke kämpfte und nach einer kurzen Karriere als Börsenmakler in die Reichswehr eintrat, drängt als Generalstabsoffizier auf ein Attentat aus Hitler. Während er schon soweit war, ist Helmuth von Moltke mit seinen Freunden Pfingsten und im Oktober 1942 auf Kreisau, um darüber zu debattieren, wie ein Deutsches Reich nach dem Ende der Nationalsozialisten aussehen sollte. Diese Gegensätze im Großen schildert Sabine Friedrich genauso anschaulich, wie die im Alltag: Etwa wenn sich ein Massaker an der Ostfront mit den Sorgen Freya von Moltkes um die Wasserleitungen in Kreisau ablösen. Das genau ist die Stärke des Buches auch nach 1500 Seiten: Die Verknüpfung des Alltags und damit die Fassbarkeit der Handelnden als normale Menschen mit den historischen Ereignissen.

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8 Wut und Trauer über das Scheitern
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„Wer wir sind“ (5) – Der Weg nach Kreisau

Sabine Friedrich: Wer wird sind
Sabine Friedrich: Wer wird sind

Julius Leber, der Gewerkschafter, und seine Frau Annedore werden ab Seite 1000 in den Roman „Wer wir sind“ genauso eingeführt wie Carlo Mierendorff, der Sozialdemokrat aus Darmstadt oder Edolf Reichwein und seine Frau Romai. Sabine Friedrich erweitert das Personal jetzt ziemlich schnell. Nach den langen Passagen über die Herkunft und den Werdegang von Helmuth und Freya von Moltke sowie von Henning und Erika von Tresckow widmet sich Friedrich jetzt jenen, die in Kreisau vor allem über die Zeit nach dem Fall der Nationalsozialisten nachdachten.

Die Beschleunigung tut dem Lesefluss gut. Zwar waren die Seiten über die Moltkes und Tresckows aufschlussreich. Sie waren wie der Beginn eines Romans über die Freundschaft zweier Familien. Das stimmt ja auch. Aber die Erweiterung um die anderen Mitstreiter öffnet nicht nur den Horizont. Sie bringt auch eine nur Dramatik in das Buch. Denn das Schicksal von Julius Leber, der schon 1933 inhaftiert uns ins KZ kam, dann aber Jahre später wieder auf freien Fuß kam, ist erschütternd – und genauso wie die Geschichte Carlo Mierendorffs voller Hoffnung. Und so kommt ein Aspekt in den Roman, der in der Folge immer wichtiger sein wird – obwohl der Leser ja das (historische) Ende schon kennt.

Julius Leber vor dem Volksgerichtshof; Quelle: Wikipedia
Julius Leber vor dem Volksgerichtshof; Quelle: Wikipedia

Und dann werden auch noch die Familie Stauffenberg, die Schulenburgs und die Yorck von Wartenbergs immer stärker beleuchtet. Dieser Adel, der die Nazis anfangs gar nicht schlecht fand, aber im Laufe der Zeit immer weiter von ihnen abrückt. Sabine Friedrich legt auf diesen Seiten das Fundament, um die Beweggründe von ihnen so verstehen zu können, dass ihr Zögern und dann ihr spätes Handeln verständlich werden wird.

Die Seiten 1000 bis 1250 sind keine, die voller Spannung wären. Aber sie sind welche, die die Menschen, die sich auf dem schlesischen Gut der Moltkes in Kreisau treffen, verstehbar zu machen. Und das wieder vor allem, indem Friedrich ganz behutsam schildert, wie das Gefüge der einzelnen ins Rutschen gerät. Etwa, wenn Helmuth von Moltke von den Erschießungen von Juden im Polenfeldzug erfährt.

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Michael Kurzwelly lebt und denkt Nachbarschaft ohne Grenze

Michael Kurzwelly mit der Fahne von Nowa Amerika
Michael Kurzwelly mit der Fahne von Nowa Amerika

Michael Kurzwelly hat eine Vision: Der Aktionskünstler aus Frankfurt (Oder) denkt das deutsch-polnische Grenzgebiet ohne Grenze. Für ihn gibt es die Nachbarstädte Frankfurt (Oder) und Slubice nicht mehr. Für ihn gibt es nur Slubfurt -eine Stadt, die rechts u n d links der Oder liegt.

Was auf den ersten Blick etwas verrückt wirkt, ist zu einem dauerhaften Kunstprojekt geworden. Die Idee dahinter: eine Grenze ist absurder als die Stadt Slubfurt – Realität ist das, was man lebt.

In Frankfurt (Oder) ist Michael Kurzwelly nicht nur bekannt. Der Künstler ist auch immer wieder Teil des Stadtbildes. Dann steht er mit seinen dunklen Locken auf einer Mauer oder inmitten einer Gruppe lachender und staunender Menschen. Er hält eine Fahne hoch und spricht bei seiner Stadtführung über Slubfurt oder Nowa Amerika.

Slubfurt ist seine Idee: Eine Stadt, die Slubice und Frankfurt (Oder) ersetzt hat. Und Nowa Amerika ist die logische Weiterentwicklung dieser Vision von der Überwindung der deutsch-polnischen Grenze. Jetzt aber für den gesamten Raum östlich und westlich von Oder und Neiße.

Michael Kurzwelly: „Als ich mit meinen persönlichen Erfahrungen hierherkam – ursprünglich aus Bonn kommende, dann 1999 nach Poznan, wo ich acht Jahre lebte, bevor ich hierher kam – habe ich mich von Anfang an dazwischen gefühlt. Weder in den einem Raum ganz beheimatet, noch in dem anderen. Ich habe mir dann gedacht: wenn ich mich hier zuhause fühlen soll, dann kann mein Raum nicht Frankfurt sein, der kann nicht Slubice sein, der muss Slubfurt sein.“

Slubfurt also ist die zentrale Idee, der Ausgangspunkt für die Vision von Michael Kurzwelly. Der Aktionskünstler lebt diese Idee nicht nur zweisprachig. Er lebt auch von ihr. Etliche Projekte rund um Slubfurt und Nowa Amerika schafften es, gefördert zu werden. Reiseangebote und Stadtführung ernähren ihn genauso wie sein Lehrauftrag bei den Kulturwissenschaftlern der Viadrina. Inzwischen ist aus der verrückten Idee der grenzfreien Raumeroberung eine Vision geworden, die von der Politik auch geehrt wird.

Kurzwelly: „Ich freue mich darüber. Das ist auch ein Stück weit Bestätigung. Ich glaube, jeder Mensch braucht etwas Bestätigung. Von der Stadt Slubice bin ich ja sogar zum Ambassador, zum Botschafter, ernannt worden.“

1963 wurde Kurzwelly in Darmstadt geboren. Aufgewachsen ist er in Bonn, wo er auch Kunst studierte. Nach Jahren in Posen lebt er nun schon mehr als ein Jahrzehnt in Slubfurt – oder Frankfurt (Oder). Hier will er auch bleiben:

Kurzwelly: „Erstens Mal ist Slubfurt und Nowa Amerika so eine Art Lebensaufgabe geworden. Ich könnte mir nicht vorstellen, hier wegzuziehen.“

Das Interview mit Michael Kurzwelly in der rbb-Mediathek…

Der Nachlass von W.G. Sebald entführt auf den Campo Santo in Korsika

W.G. Sebald: Campo Santo
W.G. Sebald: Campo Santo

W.G. Sebalds (1944 – 2001) letztes Buch handelt von einem Besuch auf Korsika. Er beobachtet die Totenverehrung der Korsen, den Napoleon-Kult in Ajacco und die ökologischen Veränderungen durch die Rodungen des Hochwalds. Vier Kapitel dieses Buches sind in „Campo Santo“ abgedruckt. Mehr konnten es leider nicht werden. Denn mitten in der Arbeit an diesem Buch ist W.G. Sebald 2001 bei einem Autounfall gestorben.

Zwei Jahre später hat der Fischer-Verlag diese vier Kapitel veröffentlicht. Sie sind nach wie vor wunderbar. Sie sind für alle, die noch nichts von ihm gelesen haben, ein guter Einstieg. Denn die Vermischung persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse in der Vergangenheit mit Beobachtungen in der Gegenwart ist schon außerordentlich. Aber wenn Sebald daraus auch noch ein enges Geflecht von Bezügen baut, in der nicht mehr klar ist, was Literatur, was Wahrheit ist, aber der Leser immer berührt wird, immer stärker in den Bann einer Wirklichkeit gezogen wird, die ihre eigene Realität erzeugt, aus der man sich nicht zurückziehen kann, dann ist das in dieser Art nach wie vor einmalig.

Leider sind die vier Kapitel nur ein Fragment. Sebalds Tod hat verhindert, dass all dies in einem Roman zur Vollendung gebracht werden konnte. Und der Verlag hat dann nicht den Mut gehabt, dieses Fragment für sich stehen zu lassen. Deshalb wurde das Buch mit Essay und Rezensionen ergänzt, die sich mit Literaturwissenschaft von Kafka bis Weiss befassen.  Das iat auch alles lesenswert. Aber nicht im Kontext mit den Kapiteln über Korsika. Die aber sollte jeder mal in die Hand nehmen – und danach die Romane!