„Der Zusammenhang“ von Leonardo Sciascia ist ein Labyrinth

Als Leonardo Sciascia seinen „sizilianischen Kriminalroman“ „Der Zusammenhang“ 1971 veröffentlichte, war die Mafia noch alles andere als ein gängiger Stoff für Literatur und Film. Aber der Sizilianer Sciascia wusste, was die Ehrenwerte Gesellschaft war. Er kannte die Mechanismen, mit denen sich die Ehrenmänner Einfluss und Macht sicherten. Und er wusste, wie das Geschwür Mafia den Staat befiel und aussaugte. Stoff genug also für einen guten Krimi.

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Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen

Sören Bollmann: Angst in der halben St<adtSören Bollmann hat als Krimi-Autor seine Erfüllung gefunden. Schon zum dritten Mal schickt er seinen Frankfurter Kommissar Matuszek zusammen mit dessen Słubicer Kollegen Miłosz auf Mörderjagd. Diesmal steht ein Serienmörder im Mittelpunkt des Buches. Der verbreitet Angst und Schrecken vor allem an der Viadrina, der Frankfurter Universität. Denn die drei ersten Opfer sind allesamt Studentinnen. „Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen“ weiterlesen

Ein wahnwitziger Thriller über den Brexit von Andrew Marr

marrNur noch vier Tage, dann wissen wir, ob die Briten weiterhin Europäer sein wollen oder nur noch Insulaner. Die Debatte um den Brexit hat alles, was ein Thriller benötigt; inzwischen mit der Labour-Abgeordneten Jo Fox leider auch ein Mordopfer. Als der Journalist Andrew Marr seinen Thriller „Der Premierminister“ schrieb, war ein tatsächlicher politischer Mord noch unvorstellbar. Umso lustvoller hat er darüber geschrieben.

Das Buch selbst ist ein wahnwitziges Gedankenexperiment, indem Downing Street 10, das Parlament, die Finanzindustrie und natürlich die Medien wichtige Zutaten. Natürlich darf das Königshaus nicht fehlen und der berühmte britische Humor. Ohne diesen wäre das Buch nicht auszuhalten. Aber der Witz und die Schärfe, mit der Andrew Marr, immerhin einer der wichtigsten britischen Politik-Journalisten, seine jahrzehntelange intime Kenntnis der politischen Akteure und Verhältnisse auf die Schippe nimmt, macht dem Leser sehr viel Spaß.

Leider ist es nicht möglich, das wichtigste des Buches zu erzählen, ohne die Wucht der Überraschungen beim Lesen des Buches zu zerstören. Denn jedes Mal, wenn man sich denkt, jetzt wird doch nicht dieses oder jenes passieren, geschieht noch etwas viel erstaunlicheres. Der Thriller macht einen atemlos. Und fassungslos, weil der Irrsinn angesichts der gerade stattfindenden Debatten um den Ausstieg aus Europa nicht mehr nur als ein Hirngespinst erscheinen, sondern mit Blick auf die Verbissenheit beider Seiten als Steigerung realen Geschehens erscheint. Natürlich hat das Buch auch Schwächen. Aber wer es jetzt anfängt zu lesen, wird vor dem 23. Juni noch fertig. Und hat dann wenigstens noch richtig Spaß am Brexit – auch wenn man ihn sich definitiv nicht wünscht.

Jan Beißen macht das Frankenderby zum Regionalkrimi

Jan Beißen: LokalderbyWenn der Club gegen Fürth spielt, dann ist das sehr viel mehr, als ein normales Fußballspiel. Es ist das traditionsreichste Derby schlechthin, auch wenn die Spiele nur noch in der 2. Liga stattfinden. Früher aber wurde bei diesen Spielen die Deutsche  Meisterschaft entschieden. Und zeitweise bestand die Deutsche Nationalmannschaft nur aus Spielern dieser beiden Vereine. Insofern bietet ein solches Spiel tatsächlich einen sehr guten Rahmen für einen Krimi.

Jan Beinßen, der mit seiner Reihe um den Nürnberger Hobbyermittler Paul Flemming eine feste Größe im Regionalkrimi-Geschäft ist, geht mit der großen Tradition allerdings nicht sonderlich respektvoll um. Nicht umsonst nennt er den achten Fall Paul Flemmings „Lokalderby“. Für echte Fans ist das wahrscheinlich eine Zumutung, weil das Derby damit zu einem Provinzkick abgestuft wird. Und als Mordopfer sucht sich Beinßen einen Busfahrer aus. Ganz so, als würden sich nicht Präsidenten, Trainer oder Wirtschaftsgrößen aus der Sponsorenszene anbieten. Zwar läßt er auch überzeugte Fans zu Wort kommen, die von der einstigen Größe dieser Begegnung erzählen. Aber all das ist eher von distanziertem Kopfschütteln getragen.

Vor allem bei den Schilderungen der harten Fanszene zeugen von einem gesunden Kopfschütteln des Autors über deren Motivation. Dennoch entwickelt sich der Fall des toten Busfahrers zu einem passablen Krimi, bei dem dubiose Machenschaften um und auf dem Platz das nötige Gewicht bekommen. Für Flemming wird der Fall sogar gefährlich. Insgesamt ist der Fall dann aber etwas zu konstruiert. Dubiose Spielerfrauen, seltsame Vereinsverantwortliche und ein bis zwei Fährten zu viel, hemmen die Spannung eher, als sie zu steigern. Dennoch lässt sich der Krimi gut lesen, auch für Fans.

Heimat (22) – Der DDR-Polizeiruf „Draußen am See“

Am Zeuthener See
Am Zeuthener See

Wenn einen ein alter, nur mäßig überzeugender Polizeiruf 110 daran hindert ins Bett zu gehen, dann muss er im Zuschauer etwas Besonderes auslösen. „Draußen am See“ zeichnet sich weder durch Thrill, Action oder gar Humor au. Im Gegenteil: Gestelzte Dialoge, langsame Schnitte und eine in Teilen ans Absurde grenzende Handlung sind eigentlich Garanten fürs sofortige Ausschalten.

Dennoch hab eich den DDR-Krimi geschaut. Denn er zeigt den Zeuthener See so, wie er 1983 aussah. Die Insel zwischen Zeuthen und Schmöckwitz Werder hat noch keinen Ring aus Holzpfählen, um zu verhindern, dass das Naturschutzgebiet von Bootsfahrern gestört wird. Die Uferlinie ist noch nicht ganz so verbaut wie heute – vor allem in Schmöckwitz. Aber dennoch ist es die Uferlinie, der ich beim Paddeln folge. Der Kohlekahn, mit dem man in der Fahrrinne immer rechnen muss oder das Bootshaus Roll mit seinen vielen Stegen.

Dass der DDR-Polizeiruf einmal für mich Heimat-Fernsehen sein könnte, hätte ich mir nie vorstellen können. Und doch sind die Bilder vom Zeuthener See genau das. Sie lösen ein frohes Erkennen zutiefst vertrauter Anblicke aus. Und das so sehr, dass sich bestimmt die Recherche lohnt, ob noch mehr Filme hier am See gedreht worden sind.

Mehr Heimat:
(1) Mein Sprungturm
(2) Stänglich vom Schwab
(3) Leberkäsweck
(4) Bilder aus Hammelburg
(5) Schlesisch Blau in Kreuzberg
(6) Danke Biermösl Blosn!
(7) Weinlaub und Weintrauben
(8) Laufwege in Buchenwäldern
(9) Fränkische Wirtschaft
(10) Bamberger Bratwörscht am Maibachufer
(11) Weißer Glühwein
(12) Berlin
(13) Geburtstage bei Freunden aus dem Heimatort
(14) Gemüse aus dem eigenen Garten
(15) Glockenläuten in der Kleinstadt
(16) Italienische Klänge
(17) Erstaunliches Wiedersehen nach 20 Jahren
(18) Federweißen aus Hammelburg
(19) Wo die Polizei einem vertraut
(20) Erinnerungen in Aschaffenburg
(21) Nürnberg gegen Union Berlin
(22) Der DDR-Polizeiruf 110 „Draußen am See“

Maxim Leo schickt Kommissar Voss zum Auentod

Maxim Leo: AuentodAlles beginnt mit einer polnischen Hochzeit. Kommissar Voss feiert zusammen mit seiner Freundin, der Pflegerin seiner Mutter, mit viel Wodka einige Kilometer hinter der polnischen Grenze. Am nächsten Morgen wird Maja entführt. Aus einem fröhlichen Kurzurlaub wird ein Kriminalfall mit viel persönlichen Gefühlen.

Maxim Leo schickt seinen Ermittler aus der Nähe von Bad Freienwalde in sein zweites Abenteuer. Diesmal spielt die Grenze eine wesentliche Rolle, die mit dem Verschwinden Majas, einem vermeintlichen Selbstmord eines IT-Spezialisten und vielen gestohlenen Autos zu tun hat. Aber das wird erst langsam klar. Maxim Leo hat seinen neuen Krimi aus dem Oderland mit vielen klugen Beobachtungen gefüllt. Aber die Dichte der Fälle, in die Voss verwickelt wird, hätten vielleicht auch für zwei Bücher gereicht.

Das Beste am neuen Krimi ist die Entdeckung Polens. Und dabei der unverstellte Blick von Maxim Leo auf das Nachbarland. Leo hat in Polen die Augen geöffnet und die deutschen Vorurteile versucht zu vergessen. Wenn überhaupt, dann bricht er sie auf amüsante Art. Dennoch vergisst er nicht, die Spannung aufzubauen. Die Polizeiarbeit ist in sich logisch, auch wenn sich Voss nicht wirklich an die Regeln hält. Die persönliche Verstrickung in den Fall vernebelt ihm den freien Blick auf das Geschehen. Der meint stets, zu wissen, um was es geht. Aber Maxim Leo hat immer noch eine Drehung mehr zu bieten. Und genau das macht das Buch fast zu voll von Ideen und Tätern und Handlungssträngen. Dennoch lohnt sich der zweite Fall von Kommissar Voss.

Sören Bollmann schreibt einen Krimi über Grenzkriminalität

Sören Bollmann: Einbruch in der halben Stadt Jetzt also Einbruch! Sören Bollmann kommt mit seinem zweiten Krimi in der Realität an. Hieß der erste noch „Mord in der halben Stadt“, kommt nun „Einbruch in der halben Stadt“. In Frankfurt (Oder) wird durchaus mehr eingebrochen als gemordet. Für die Phantasie des Autors und der Leser gibt es bei diesem Buch also vielmehr Anknüpfungspunkte als beim ersten. Aber ganz will sich Bollmann darauf wohl nicht verlassen. Zu einem Krimi gehört ein Toter. Und so gibt es auch in diesem einen. Obwohl er eigentlich überflüssig ist. Sowohl für die Spannung, als auch für die Leser und erst recht für die Geschichte, die der Frankfurter hier erzählt.

„Einbruch in der halben Stadt“ ist ein echter Zuwachs an Lesegenuss. Nicht nur, weil zwischen den beiden Buchdeckeln jetzt 434 Seiten statt der 288 im ersten Fall der Kommissare Matuszek und Milosz stecken. Viel wichtiger ist, dass der Fall so nachvollziehbar ist. Da wird eingebrochen. Da treffen sich rechts und links der Oder Jugendbanden, denen der Alltag im doch eher langweiligen Frankfurt bzw. Slubice nichts bietet. Da gibt es Akteure der lokalen Wirtschaft, die sich viel zu wichtig nehmen. Und da gibt es ein ganz normales Leben in der Doppelstadt, das das jeweils andere Ufer annimmt, erkundet und teilweise sogar lieb gewonnen hat. In diesen Passagen ist Bollmann richtig gut. Da es die meisten Passagen des Krimis sind, ist das Buch diesmal auch wirklich empfehlenswert.

Trotz Einbruchsserie und Mord wird die Stadt diesmal zum wichtigsten Bestandteil des Buches. Sie ist nicht nur Ort, sondern auch Akteur. Bollmann macht sich seine Kenntnis von Frankfurt und Slubice zu Nutzen, um hier das Stadion und die belebten Lokale und dort das Lichtspielhaus der Jugend, das Restaurant im obersten Stock des Oderturms oder die verfallene Kaserne, in der einst das Oberkommando des Heeres der Roten Armee in der DDR seinen Sitz hatte, als Schauplätze zu entdecken. Noch viel wichtiger ist aber, dass Bollmann dabei auf Klischees verzichtet. Das gilt vor allem für die Kommissare, die in diesem Fall zunächst inoffiziell zusammen ermitteln, weil sie sich kennen. Sie verzichten auf offizielle Anfragen und helfen sich einfach. Und die Jugendbanden sind sich auch ganz ähnlich. Egal ob in Slubice oder Frankfurt, sie bewegt das gleiche. Nur die Vorurteile, mit denen die Deutschen und vor allem die Polen zu kämpfen haben, sind andere. Auch die beobachtet Bollmann aber ganz genau.

Und so entsteht ein Roman, der mehr liefert, als nur nette Unterhaltung. Bollmann gelingt ein kleines Sittenbild der Doppelstadt. Das ist viel mehr, als man von einem Regionalkrimi erwarten darf. Und das ist vor allem ein gutes Omen für den dritten Fall von Matuszek (das ist übrigens der Deutsche) und Milosz.

Mehr Krimis von Bollmann aus der Halben Stadt
Fall 1 – Mord in der Halben Stadt
Fall 2 – Einbruch in die Halbe Stadt
Fall 3 – Angst in der Halben Stadt

 

Martin Suter verabreicht einen Trip auf Pilzen

Martin Suter: Die dunkle Seite des MondesEin Trip auf Pilzen serviert Martin Suter in diesem Buch aus dem Jahr 2000.  Erfolgreicher Wirtschaftsanwalt kommt in die Midllife Crisis, trennt sich von der Lebensabschnittsgefährtin und verliebt sich eine sehr viel jüngere Frau, die noch dazu so ganz anders ist als die bisherige.  So weit, so gewöhnlich. Martin Suter aber entwickelt aus diesem Stoff, in dem viele Leserinnen und Leser Geschichten aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis oder sogar des eigenen Erlebens erkennen können, einen ganz außergewöhnlichen Krimi.

Denn der Pilztrip, den der Anwalt mit seiner jungen Flamme einwirft, löst bei ihm ganz katastrophale Veränderungen in der Psyche aus. Der Anwalt begreift dabei ganz rational, was mit ihm geschieht, aber er kann sich dem nicht immer entziehen. Sein bisher gezügelter Jähzorn bekommt er nicht mehr in den Griff. Martin Suter legt alle seine Bücher gleich an. Etwa 100 Seiten zieht er seine Leser in ein Szenario. Dann kommen gut 100 Seiten, in denen sich die Lage immer weiter zuspitzt. Und schließlich kommen 100 Seiten, in denen alles auf den unvermeidlichen Höhepunkt zu läuft.

Wie dieser Höhepunkt aussehen muss, weiß der Leser im Rückblick ganz genau. Denn im Text sind immer wieder Hinweise darauf eingewoben. Aber wenn man den Krimi liest, nimmt man diese nicht unbedingt wahr. Erst wenn man mit dem Buch durch ist, liegt alles klar vor einem. Dann ergeben all die pilzkundlichen Hinweise einen Sinn. Und all die Personen, die im Laufe der ersten 250 Seiten eingeführt wurden, erscheinen in dem Licht, das Martin Suter wollte. Dabei sind für den Leser durchaus Überraschungen eingebaut.

„Die dunkle Seite des Mondes“ ist ein spannender Roman, der erst auf dem zweiten Blick zum Krimi wird. Er überzeugt auch 15 Jahre nach dem Erscheinen noch, weil der Autor alles sehr penibel durchkomponiert hat. Auch wenn die gesellschaftlichen Aspekte des Buches heute eher noch dringlicher sind als damals. Ich habe das Buch verschlungen – und kann mich bei der Schenkerin nur herzlich bedanken!

Martin Suter baut einen Krimi um eine Sage

Martin Suter: Der Teufel von MailandEigentlich wollte ich ein Buch über Mailand. „Der Teufel von Mailand“ lockte mich. Doch dann habe ich einen Krimi ohne Kommissar oder Detektiv aus einem Wellness-Hotel in einem Dorf in der Schweiz gelesen. Martin Suter hat mich zumindest so gefesselt, dass ich das Buch trotz meiner Enttäuschung nicht weglegte.

Nach der Scheidung will Sonia Abstand zu ihrem alten Leben finden. Sie kehrt in ihren alten Beruf als Physiotherapeutin zurück und nimmt eine Stelle in einem neu eröffneten Wellness-Hotel im Unterengadin an. Gäste gibt es wenige, Kolleginnen und Kollegen auch. Aber zunächst tut Sonia die räumliche und mentale Distanz zu ihrem Leben mit dem prügelnden Mann gut. Doch als um sie herum immer mehr Menschen sterben, wird ihr Leben zur Hölle.

Martin Suter baut seinen Krimi um eine alte Sage, die vom Teufel aus Mailand handelt, der aus der Stadt in die Berge kommt und sein Unwesen treibt. Sämtliche Todesfälle passen ins Schema der Sage. Aber weshalb ein solcher Teufel im Dorf wütet, das ist der eigentliche Kriminalfall. Der Plot hat alles, was man für einen spannenden Roman benötigt. Was stört, ist der Gegensatz von Stadt und Dorf, der mit zu vielen Klischees bearbeitet wird. Aber die psychologische Bearbeitung ist wirklich faszinierend. Auch das seltene Krankheitsbild, das Sonia plagt, wirkt nicht aufgesetzt, sondern für den Roman selbst schlüssig und notwendig.

Insofern ist das Buch trotz aller Klischees gute Unterhaltung. Und wenn man so wie ich, das Buch nur bestellte, weil einen das Wort „Mailand“ auf den Onlineseiten der heimischen Buchhandlung verlockte, dann darf man nicht meckern. Sondern sich freuen, dass auch ein Irrtum als Gute-Nacht-Lektüre durchaus funktionieren kann.

Ferdinand von Schirach seziert das Offensichtliche

Ferdinand von Schirach: Tabu
Ferdinand von Schirach: Tabu

Ein Mordfall ohne Leiche. Ja selbst ohne Vermisste, das ist der Stoff, um den Ferdinand von Schirach in „Tabu“ einen verwirrenden Roman baut. Der Anwalt, der mit seinen Erzählungen von Kriminalfällen inzwischen Weltruhm erlangt hat, baut seine Geschichte rund um Wahrnehmung und Sehen am Beispiel eines Fotografen auf. Was ist Oberfläche? Was ist Tiefe? Oder anders gefragt: Was ist nur oberflächlicher Schein und was ist Wahrheit?

Sebastian von Eschburg stammt aus verarmten Adel, geht in einem Nobelinternat zur Schule und vertieft sich in Bücher, weil er, der beziehungslos und als Halbwaise abgeschoben aufwuchs, die Beziehung zu Menschen nicht bereit ist einzugehen. Hochintelligent eignet er sich das, was er will enorm schnell an und wird so zu einem international gefeierten Fotografen. Das bringt ihm nicht nur Geld und Ruhm ein, sondern auch den ersten Kontakt zu seiner ganz großen Liebe. Das alles erzählt von Schirach präzise und knapp. Er schmückt nicht unnötig aus, aber alles was er schreibt hat tatsächlich eine Bedeutung.

Die wird erst im Laufe des Romans sichtbar, als Sebastian von Eschburg wegen Mordes angeklagt ist. Alles sieht so aus, als habe es in seiner Wohnung tatsächlich einen Mord gegeben. Aber es fehlen Opfer und Leiche. Nicht einmal der Name einer Vermissten lässt sich für die Ermittler feststellen. Nur einen Hinweis gibt es: das Blut, das in der Wohnung gefunden wurde, stammt von einer Halbschwester von Eschburgs. Ferdinand von Schirach, der erfahrene Anwalt, komponiert den Prozess wie ein Theaterstück als Inszenierung. Und das zurecht. Denn der ganze Fall erweist sich als eine großartige Inszenierung, in der der Schrecken wohl kalkuliert eingeplant ist. Und so entsteht ein Roman über Kunst und die unterschiedlichen Ebenen der Wahrnehmung. Ein großer Roman über die Wahrheit. Und das voller Spannung.