Günter de Bruyn erzählt von der verhängnisvollen Altersliebe des Staatskanzlers Hardenberg

Günter de Bruyn: Die Somnambule oder Des Staatskanzlers TodGünter de Bruyn ist inzwischen 89 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Beeskow und schreibt noch immer. Gerade ist sein neues Buch erschienen:  „Die Somnambule oder Des Staatskanzlers Tod“. In ihm geht es um einen alten Mann, der sich noch einmal in eine junge Frau verliebt. Auch, weil er es nicht erträgt, alt zu werden. Ein Stoff, der in einer älter werdenden Gesellschaft sicherlich nicht außergewöhnlich ist. Aber weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, hat sie einen ganz besonderen Reiz.

Günter de Bruyn erzählt von der letzten Liebe des preußischen Staatskanzlers und Reformers Karl August von Hardenberg. Mit 66 Jahren lernt er Friederike Hähnel kennen. Er verliebt sich in die nur 24 Jahre junge Frau und bringt nicht nur sein ganzes privates Umfeld gegen sich auf, sondern auch den König von Preußen, dessen Hof und den Großteil der Gesellschaft.

Das allein hätte schon genug Kraft, um eine Erzählung zu rechtfertigen. Aber die Geschichte hat noch mehr Zutaten, die uns neugierig machen. Der für seine Zeit sehr moderne Hardenberg stand auch damals modernen Heilmethoden aufgeschlossen gegenüber, wie dem Mesmerismus. Diese medizinische Methode glaubte, durch Magnetismus, sanftes Streichen und hypnotisch-psychologische Behandlungsmethoden die verschiedensten Krankheitsbilder heilen zu können. Bei einem Berliner Arzt dieser Schule sah Hardenberg die Hähnel das erste Mal. Sie war eher leicht angezogen und in einen hypnotischen Zustand versetzt (zumindest glaubten das die Anwesenden).

Günter de Bruyn erzählt dies mit vielen Zitaten von Zeitgenossen und einer leicht ironischen Distanz. Der Bericht über den Mesmerismus läßt de Bruyns Skepsis an aktuellen alternativen Heilmethoden erkennen. Und die Liebe des alten Mannes, der einer jungen Frau verfällt, ist für ihn auch ein Stoff, der nicht nur vor genau 200 Jahren Unheil anrichten konnte.

Das funktioniert deshalb so gut, weil de Bruyn immer bei den Fakten bleibt. Er, der wie kein anderer die Landschaft und Geschichte Brandenburg-Preußens ins literarische Bewußtsein der Gegenwart holte, vermeidet es konsequent, Altherren-Erotik wie etwa Martin Walser zu verfassen. Die Gefahr bei diesem Stoff, der ja auch noch die Scheidung Hardenbergs beinhaltet und dann den Tod des Staatskanzlers, weil er seiner Liebe nicht mehr gewachsen war, ist ja gewaltig groß. Er würde auch für ein schmalziges Historienspektakel taugen. Aber –  wie gesagt – da ist Günter de Bruyn vor. Und das ist ein Segen für diese feine, kleine Erzählung aus Preußen.

„Die Somnambule oder des Staatskanzlers Tod“ ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

Die absonderliche Brautschau von Fürst Pückler in England

Peter James Bowman:  Ein Glücksritter - Die englischen Jahre von Fürst Pückler-MuskauDie Idee klingt absurd. Da lässt sich ein Paar scheiden, weil der Mann sich auf die Suche nach einer neuen Frau machen soll. Die soll dann mit der Ex unter einem Dach leben, weil sich das Scheidungspaar noch immer liebt. Die neue Frau soll das aber erst erfahren, wenn sie wirklich mit der Ex im gleichen Haus lebt. Einzige Voraussetzung: Die Neue muss eine Mitgift bekommen, die zur Tilgung der Schulden genügt.

Auf eine solche Idee kann nur kommen, wer einigermaßen verzweifelt ist. Fürst Hermann von Pückler-Muskau und seine Frau Lucie von Hardenberg stand das Wasser bis zum Hals. Die Güter in Muskau und Branitz erwirtschafteten nicht die Mittel, die zum Ausbau und zum Unterhalt der teuren Anlagen inklusive des Landschaftsparks in Muskau benötigt wurden. Aber beide, Hermann und Lucie wollten Muskau unbedingt erhalten. Um das zu ermöglichen, machte Lucie ihrem Mann den Vorschlag, sich scheiden zu lassen, damit er in England eine reiche Erbin heiraten kann. Ein Engländer ist es jetzt, der diese Episode im Leben Pücklers zu einem Buch zusammenfasste: „Der Glücksritter – Die englischen Jahre von Fürst Pückler-Muskau“ heißt der Band von Peter James Bowman.

Berühmt wurde der Fürst als Gartenbauer und als Schriftsteller. Mit seinem Buch „Briefe eines Verstorbenen“ schrieb er einen Bestseller in Deutschland, Frankreich und England. Bowman erzählt eigentlich die Geschichte, wie es zu diesem Buch kam. Denn die Briefe eines Verstorbenen sind die Überarbeitung von Pücklers Briefen an seine (Ex-) Frau Lucie. Sie reduzieren sich auf die Beschreibung von Menschen, Städten, Parks und Sitten vor allem in England. Was fehlt, sind sämtliche Passagen, in denen es um den eigentlichen Zweck der jahrelangen Reise ging: Die Suche nach einer guten Partie.

Bowman gelingt es, die schillernde Person Pückler-Muskau in all ihren Facetten zu beschreiben. Der Fürst ist sowohl ein Dandy als auch ein schüchterner Reisender, der Englisch erst in der Zeit in England immer besser beherrscht. Er ist kalt beim Sortieren potenzieller reicher Erbinnen, aber zu sensibel, um sich für eine zu entscheiden – und diese dann mit dem Leben mit Lucie zu konfrontieren. Pückler ist ein Lebemann und ein aufmerksamer Begleiter. Und Pückler ist vor allem ein unglaublich offener Mensch, der seiner in Muskau wartenden Lucie alles erzählt, was er erlebt. Auch, wenn das Lucie verletzen kann.

„Der Gücksritter“ ist eine kurzweilige Reise ins England der 1820er-Jahre. Übersetzt von Astrid Köhler regt es dazu an, die Reisebriefe Pücklers zu lesen. Ausgestattet mit Bildern der Zeit ist es mehr als nur ein guter Text. Der Band ist wiedereinmal ein schön gestaltetes Buch im Grün der Parks von Fürst Pückler-Muskau.

Ach ja: Der Fürst kehrte ohne reiche Engländerin zurück. Seine finanziellen Probleme lösten fürs erste die „Briefe eines Verstorbenen“.