Die Gedichte von Walter Mehring sind neu erschienen

Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehreEndlich gibt es wieder die Gedichte Walter Mehrings im Buchhandel. Der Zürcher Elster Verlag hat nach „Die verlorene Bibliothek“ vor wenigen Monaten eine Sammlung der wichtigsten „Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring“ (so der Untertitel) auf 200 Seiten herausgebracht. Das ist verdienstvoll für den Verlag und unglaublich bereichernd für den Leser.

Das älteste Gedicht, „Höllenbahn“, ist 100 Jahre alt. Es ist eine atemlose Reihung von Wörtern, die voller expressiver Kraft das Wesen von Zügen atemlos artikuliert. Herausgeber Martin Dreyfus hat nur ein Gedicht aus der absoluten Frühzeit Mehrings in seine Auswahl aufgenommen, um zu zeigen, wie er begann. Als Expressionist im Kreis von Herwath Walden. Literarisch anregender und sprachlich viel ausgefeilter sind dann all die Gedichte, die aus den 1920er-Jahren die unglaubliche Alltagstauglichkeit in Ton und Form aufzeigen.

Walter Mehring war nicht nur ein bedeutender Kabarett-Autor, sondern vor allem ein großer Dichter, der den Alltag, die Moderne, die Großstadt, das Zusammenleben in Verse und Strophen brachte, die in allen sprachlichen Schattierungen Resonanzen erzeugen. Dreyfus hat genau auf diese dichterische Kraft bei seiner Auswahl wert gelegt. Man könnte jetzt bemängeln, dass viele große und bekannte Chansons, die von Kurt Weill, Marcellus Schiffer oder Werner Richard Heymann vertont wurden, fehlen. Aber das würde Mehring zu sehr auf die frühen 1920er Jahre einengen. Er selbst hat diese Einengung auf das Kabarett Zeit Lebens bekämpft.

Und das zu Recht, wie die Gedichte aus diesem Band „Dass diese Zeit uns wieder singen lehre“ zeigt. Denn Mehring beherrscht zwar die Satire, ja er hat immer einen Blick fürs Politische, doch dabei vergißt er den fühlenden, hörenden, liebenden, leidenden Menschen nicht. Im Gegenteil. gerade bei den Texten aus dem Exil ist das Existenzielle so bedeutsam, dass das individuelle Leid so prägnant erfühlbar wird, dass einem auch heute noch ein Schauer überfällt. Das liegt zum einen an der klaren Sprache, die auch heute noch gar nicht antiquiertes hat, sondern unglaublich gegenwärtig klingt. Und es liegt an den Bildern, die Mehring erzeugt, die z.B. seinen „Emigrantenchoral“ wie ein Gedicht der jetzt im Moment flüchtenden Menschen wirken lässt.

Und genau diese Aktualität durchzieht ganz viele Gedichte. Natürlich gibt es auch Gedichte, die den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und den Rassismus als Kern haben. Bei diesen Texten ist neben der konkreten Aussage die Hellsichtigkeit Mehrings frappierend, wenn man sich klar macht, wann er sie geschrieben hat. Er war wirklich einer der ganz großen deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts. Einer, den viele entdecken sollten. Vielleicht hilft das Buch dabei – und belohnt so den verlegerischen Mut, einen Lyrik-Band eines leider halb-vergessenen Autoren zu veröffentlichen. Die Auswahl ist repräsentativ für das Gesamtwerk – und deshalb unbedingt lesenswert.

Dieter Sander erzählt vom phantastsichen Leben Fitz Picards

Dieter Sander: Fritz Picard - ein Leben zwischen Hesse und Lenin
Dieter Sander: Fritz Picard – ein Leben zwischen Hesse und Lenin

Fritz Picard ist einer der Menschen, die einen völlig verblüffen. 1888 am Bodensee geboren, lernt er schon als Schüler Hermann Hesse kennen.  Später in seinem Leben als Verlagsvertreter lernt er nicht nur die Avantgarde Berlins im Café Größenwahn von Else Lasker-Schüler über Walter Mehring und Kurt Tucholsky kennen. Er verhandelt mit Max Liebermann und etlichen anderen Künstlern.

Das allein wäre es schon wert, erzählt zu werden. Aber Fritz Picard begleitete als Soldat im 1. Weltkrieg die wohl seltsamste Zugfahrt durch das Deutsche Reich überhaupt: Von Zürich aus über die Grenze bei Konstanz bis zum anderen Ende des Reichs sicherte er Lenin auf dem Weg vom Exil nach Petersburg. Und nach der Machtübernahme durch die Nazis war er der Mittelsmann des Komitees, das für den Friedensnobelpreis für Carl von Ossietzky warb, der sich trotz direkter Warnung von Walter Mehring geweigert hatte, das Land zu verlassen. Anders als die meisten Freunde Ossietzkys hatte Picard Berlin noch nicht verlassen. Aber natürlich musste auch er ins Exil.

Nach dem Krieg eröffnete er in Paris ein Antiquariat, das zu einer Anlaufstation für ganz viele Exilanten wurde. In den späten 1960er-Jahren lernte ihn dort Dieter Sander kennen, der damals in Paris arbeitete. Trotz des Altersunterschieds entstand eine Freundschaft. Jetzt hat Sander auf diese Begegnungen zurückgeblickt und eine biografische Erzählung geschrieben: Fritz Picard – Ein Leben zwischen Hesse und Lenin. Kern des Buches ist ein langes Interview, das Sander 1968 mit Picard aufnahm. Teile davon sind hier abgedruckt und von Sander erläuternd eingeordnet. Sander standen zudem Teile des Briefwechsels Picards etwa mit Annette Kolb oder Walter Mehring zur Verfügung. All das allein lohnt sich zu lesen. Aber die unmittelbare Kraft der Worte des bescheidenen Fritz Picard in dem Interview sind der Höhepunkt. Auch, wenn manche Erinnerung nicht mehr ganz genau war. Aber das erläutert dann Dieter Sander. Etwa, wenn es um die Begegnung Picards mit Franz Kafka geht. Der Band ist eines der Bücher, die dafür sorgen, dass unser kollektives Gedächtnis viele Einzelheiten behält. Und das ist sehr verdienstvoll.

Dieter Sander: Fritz Picard – Ein Leben zwischen Hesse und Lenin; Klipphausen: Mirabilis Verlag 2014. 16,80 Euro.

Dagmar Manzel nimmt das Publikum mit Kurt Weill gefangen

Dagmar Manzel ist selbst dann präsent, wenn sie hinter dem Vorhang ist. Ganz am Anfang senkt sich der Verfolger-Scheinwerfer ganz langsam von der Decke über den Kronleuchter zum Vorhang. Und da immer weiter nach unten, bis er etwa drei Meter über der Bühne verharrt. Ganz langsam zeigt sich der Kopf von Dagmar Manzel, die dazu „Berlin im Licht“ von Kurt Weill singt. Und als sie sich vollständig vor dem Vorhang zeigt und das Lied beendet ist, brandet KEIN Applaus auf. Zu sehr sind die Besucher der Komischen Oper im Bann dieser Frau, als dass sie es wagten, den Zauber ihres Erscheinens zu zerstören.

Sieben Lieder von Kurt Weill singt sie. Bei der Wiederaufnahme der Produktion „Sieben Songs / Die sieben Todsünden“ ist die Reihenfolge geändert. Anders als im Programmheft ist das „Wie lange noch?“ nach dem Text von Walter Mehring das letzte der sieben. Kein Wunder: Es ist das stärkste, das ergreifendsten. Von ihm erfolgt der Übergang zu den Sieben Todsünden“ von Kurt Weill und Bert Brecht. Der Vorhang öffnet sich jetzt und das Orchester ist in diffusem Licht zu sehen. Aber es erscheint keine Tanzgruppe. Dagmar Manzel bleibt allein. Sie spielt und tanzt und singt das eigentlich als Ballett konzipierte Stück aus sieben Liedern zu den sieben Todsünden allein – abgesehen von dem vier Mann starken Männerchor, der in den Logen rechts und links der Bühne steht.

Dagmar Manzel singt die Lieder mit ihrem Alt, obwohl die Lieder eigentlich für Sopran sind. Und sie tanzt die Rolle. Eigentlich ist das getrennt: einer Sängerin als Anna steht einer Tänzerin als Anna gegenüber, um die gespaltene Persönlichkeit besser ausdrücken zu können. Aber das hat die Manzel nicht nötig. Sie ist die gespaltene Anna so sehr, dass das Publikum auch jetzt noch nicht zum Szenenapplaus neigt. Zu sehr gehen Musik, Gesang, Tanz und Spiel unter die Haut. „Die sieben Todsünden“ sind als Aufnahme immer mitreißend, aber hier in der Komischen Oper in Berlin sind sie eher schockierend. Natürlich treiben Rhythmus und der kleine Chor das Geschehen nach vorne, aber die Präsenz von Dagmar Manzel und ihr teils gebrochener Gesang halten die Zuschauer im Jetzt gefangen. Unglaublich. Und großartig!

Fundstück (5) im Antiquariat: Die Verlustanzeige von Karl Frucht

Karl Frucht: Verlustanzeige - Ein Überlebensbericht
Karl Frucht: Verlustanzeige – Ein Überlebensbericht

Bei eBay gibt es eine schöne Funktion. Mit ihr kann man sich per Mail darüber informieren lassen, wenn jemand verkaufen will, was man selbst kaufen will. Sie ist ein Verführungsinstrument aller schlimmster Güte. Denn wenn so eine Mail kommt und sich in ihr findet, was man sucht, so ist es schwer zu widerstehen. Vor allem für Sammler sind diese Benachrichtigungen oftmals wahre Folterinstumente. Wenn der Blick in den Geldbeutel offenbart, dass dieses Buch jetzt doch nicht gekauft werden kann, entsteht ein Gefühl von Selbstkasteiung.

Manchmal aber liefert die Benachrichtigungsfunktion über Jahre hinweg keinen Treffer. Auch die regelmäßige Suchanfrage im ZVAB, dem Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher bleibt bei ihnen lange ohne Ergebnis. Was auf der einen Seite sehr traurig ist, auf der anderen aber auch gut, weil sie mich davor bewahrt, eine Kaufentscheidung treffen zu müssen. „Es konnten momentan leider keine Einträge gefunden werden“, steht dann da. Das elektrisierende Gefühl beim Finden bleibt aus. Aber der Kopf entspannt sich, weil er jetzt nichts entscheiden muss.

Umso erregender ist es dann, wenn sich so ein Buch tatsächlich findet. Und zwar im Antiquariat oder auf einem Krabbeltisch. Als ich den unscheinbaren braunen Einband des Buchrückens von Karl Fruchts „Verlustanzeige – Ein Überlebensbericht“ entzifferte, durchzuckte mich dieses wunderbare Gefühl des Findens. Ein Buch, das sich jahrelang im Netz nicht finden ließ, lag mit dem Buchrücken nach oben in einer dieser Pappkisten, die gerne vor Antiquariaten stehen. in echt – und nicht nur als als Bild mit Text in der Trefferliste eines Suchergebnisses. Mit Briefmarken und Absenderaufkleber eines Briefes einer Frau aus Kassel, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren. In einem Zustand, als wäre es neu.

Das Buch beschreibt einen dieser für heutige Leser unfassbaren Lebenswege. 1911 geboren, als Jude in Wien aufgewachsen, zum Juristen ausgebildet, aber zusammen mit der lebenslangen Freundin Hertha Pauli eine Literaturagentur gegründet, die Ödön von Horváth, Walter Mehring, Joseph Roth und viele andere vor allem an Zeitschriften und Zeitungen vermittelte, dann 1938 direkt nach dem „Anschluss“ geflohen, in Frankreich interniert und als Helfer Varian Frys schließlich in die USA entkommen. Zeitweise Soldat in der tschechischen und der französischen Armee und schließlich als amerikanischer Soldat Teilnehmer des 2. Weltkrieges, der Gefangene der Wehrmacht verhört. Dann Leben in den USA und arbeiten in der Rüstungsindustrie als technischer Schreiber, später bei der UNO in der Weltgesundheitsorganisation und für den Tierschutz. All das als Nomade, der die alte Heimat nicht vergessen kann, sie mit den Überlebenden wie dem Freund George Grosz oder Hertha Pauli immer erinnert – und bei den Aufenthalten in Wien versucht zu spüren. Doch da gibt es die Caféhauskultur nicht mehr. Die Schriftsteller, die er als Agent betreute, sind fast alle geflohen, die meisten haben die Befreiung nicht mehr erlebt.

Das Buch ist ein wirkliches Fundstück. Es ist gut geschrieben, ist nicht zu nah am Autor und doch auch nie entfernt. Der Text lässt einen Staunen ob der reichhaltigen Erlebnisse und Verzweifeln, weil der Verlust durch die Nazis so spürbar wird. Ein Glück gibt es Antiquariate, die verhindern, dass solche Bücher ins Altpapier wandern, weil dir Erben der Besitzer nichts mit dem Namen des Autors anfangen können. Und die beim Finder dieses elektrisierende Gefühl auslösen. Und beim Leser das Wechselbad zwischen Trauer und Bewunderung und Freude.

Weitere Fundstücke im Antiquariat:
Walter Mehrings Autograph
Ludwig Börnes Verhaftung
Kostbarkeiten bei Alfred Polgar
Ein Theaterzettel von 1931
Die Verlustanzeige von Karl Frucht
Andreas Oppermann erinnert 1860 an Palermo

„Die verlorene Bibliothek“ von Walter Mehring gibt es endlich wieder

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek - Autobiografie einer Kultur
Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur

Der kleine Elster Verlag aus Zürich nimmt sich Walter Mehring an. Vor wenigen Tagen ist „Die verlorene Bibliothek“ hier in einer neuen Ausgabe erschienen. Inhaltlich handelt es sich um eine Neuauflage der Textfassung aus der von Christoph Buchwald herausgegebenen Werkausgabe im Claassen Verlag. Und damit um die letzte von Walter Mehring bearbeitete Fassung.

Auf 311 Seiten ist der Text in der fast gleichen Form und Typographie gedruckt. Wesentlicher Unterschied ist das Nachwort. Für die Neuausgabe hat Martin Dreyfus dem Text einen Abriss über das Leben und die Haltung Mehrings angefügt, was durchaus sinnvoll ist. Denn 35 Jahre nach der Werkausgabe ist die zeitliche und biografische Einordnung ein Muss, um neuen Lesern den Zugang zu erleichtern. Dreyfus hält sich zurück, den Text zu interpretieren. Er liefert neben der biografischen Verortung einen Abriss der Editionsgeschichte dieses Solitärs der deutschen Exil- und Erinnerungsliteratur. Damit erleichtert er dem Leser den Zugang zum Text. Martin Dreyfus: „‚Die verlorene Bibliothek‘ darf – neben dem lyrischen Werk – wohl mit Fug als sein bedeutendes Buch bezeichnet werden.“

Fortsetzung auf dem Walter-Mehring-Blog…

Walter Mehring in neuer Biografie und seiner Autobiografie

1933. Es ist die Nacht vor dem Reichstagsbrand. Walter Mehring will einen Vortrag halten. Der Veranstaltungsort ist von SA umstellt. Doch Mehring gelingt die Flucht – nach Paris. Fünf Jahre später. März 1938. Die Nacht vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Wieder entwischt Walter Mehring den Nazis im allerletzten Moment. Zuvor wurde schon sein Hotelzimmer mit der Bibliothek des Vaters durchsucht. Frankreich 1940. Walter Mehring wird in Marseille verhaftet und in ein französisches Internierungslager gesteckt. Auch von dort gelingt ihm die Flucht – diesmal bis in die USA.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring
Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Die Nazis hassten den 1896 geborenen Berliner Schriftsteller, Dramatiker und Journalisten, der auch für alle wichtigen Kabarettisten seiner Zeit die Texte verfasste. Seit 1919 schrieb er mit ungewohnter Klarheit, Schärfe und Prägnanz gegen Nationalismus und Antisemitismus an. Sein Freund Kurt Tucholsky war von seinen Versen hingerissen. Erwin Piscator inszenierte seine Stücke. Mehring war in den damals neuen Medien Radio und Film präsent. Für ihn war kompromissloses, engagiertes Schreiben und individuelles Denken existenziell.

Jahre später sagte er: „Denn mein Beruf ist der, soweit ich ihn ausfüllen konnte, eines Schriftstellers. Es kann jemand der Arzt ist, sich nicht weigern in eine Pest hineinzugehen. Es gibt für ihn keine Ausreden in dem Moment, in dem er beschlossen hat, ein Arzt zu sein. Für den Schriftsteller gilt genau dasselbe.“

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek - Autobiografie einer Kultur
Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Walter Mehring 1955: „Es wäre so als ob man seiner Geliebten etwas von seiner Vergangenheit erzählen wollte, aber sich auch lebendig machen wollte. Und das habe ich versucht.“

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Walter Mehring 1955: „Ich habe dazu nur mein Gedächtnis benutzt. Und auf der Public Library, auf der öffentlichen Bibliothek von New York, die ja sehr groß ist, die Zitate noch einmal nachgeschlagen, damit sie auch im Wortlaut stimmen.“

(gesendet im Inforadio)

Die Rezension im Inforadio befindet sich im Audio bei Minute 10.00.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring; Werhan Verlag: 19,80 Euro

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur; Elsterverlag: 34,00 Euro

 

Georg-Michael Schulz schreibt die erste Biografie über Walter Mehring

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring
Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Georg-Michael Schulz hat eine viel zu lang klaffende  Lücke geschlossen: Vor wenigen Tagen ist die erste Biografie Walter Mehrings (1896 – 1981) erschienen; mit dem schlichten Titel „Walter Mehring“. 22 Jahre nach dem Tod des Dichters, Kabarettisten, Journalisten – oder wie er selbst ganz einfach sagte „Schriftstellers“ wird damit ein wichtiger Beitrag zur Erschließung des Werkes und des Lebens des Berliners und Exilanten geschaffen.

Das allein wäre schon verdienstvoll. Dank der präzisen und knappen Form, in der Schulz Leben und Werk zusammenfasst, ermöglicht er aber vor allem all jenen, die Mehring neu für sich entdecken einen perfekten Einstieg. Denn er hat all das weit verstreute Material, das es über Mehring in Nachworten, Rezensionen, Interviews, Briefen, Erinnerungen und vielen anderen Arten gibt, erstmals richtig gebündelt. Dabei schafft er es, sich nicht zu verzetteln, sondern einem stringenten Erzählweg zu folgen.

Der besteht vor allem aus der Analyse aller Werke Mehrings in chronologischer Reihenfolge. Dabei betrachtet er auch die Bücher und Texte, die bislang etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Das gilt vor allem für die Prosa Mehrings, da die Dramen in den vergangenen Jahren – auch von Georg-Michael Schulz – verstärkt interpretiert wurden. Von der Lyrik ganz zu schweigen, die schon immer am stärksten rezensiert und wissenschaftlich analysiert worden war.

Neben der Fülle an Verweisen und Informationen besticht vor allem die offensichtliche Sympathie Schulz‘ für Mehring. Dessen ausgefeilte Sprachakrobatik, dessen nahezu unerschöpfliche Fülle an formaler Varianz und dessen unglaubliche Bildung nötigen Schulz nicht nur Respekt ab – bei begeistern ihn offenbar. Für die Biografie ist das gut, denn der Leser wird so trotz der vielen Fakten immer wieder mitgerissen, um das ganze Buch zu lesen und nicht nur die Passage, für die er sich gerade interessiert. Dabei wird Schulz aber nicht zu einem bedingungslosen Mehring-Jünger. Er wahrt die nötige Distanz, um das Werk und das Leben Mehrings fundiert einordnen zu können. Dazu gehört auch, dass er Mehring in seiner Zeit und und in seiner Zerrissenheit, vor allem im Alter gerecht wird. Ein 70 Jahre alter Mann könne nicht mehr wir ein 30-Jähriger schreiben, meint Schulz einmal – und nimmt Mehring damit ikn jedem Lebensalter sehr ernst.

Das einzige, was dem Buch fehlt, ist eine Einordnung des Ehemanns Walter Mehring. Über die Ehe mit Marie-Paule, geborene Tessier, schreibt Schulz wenig. Dabei wird nicht klar, ob es über diese ziemlich unbekannte Phase wirklich keine Quellen gibt, oder ob es dazu im Nachlass von Marie-Paule Mehring, doch noch einiges zu finden wäre. Aber dies ist wirklich nur ein Nebenaspekt, der den Verdienst der ersten Mehring-Biografie keinesfalls schmälern soll.

P.S. Im Vorwort nimmt Georg-Michael Schulz auch Bezug auf den Blog walter-mehring.info. Da er von mir ist, hat mich das natürlich sehr gefreut.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring; Werhan Verlag: 19,80 Euro.

Eveline Hasler erinnert an den großen Fluchthelfer Varian Fry

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff

Varian Fry war eine außergewöhnliche Persönlichkeit. In Zeit größter Not setzte er sich großer Gefahr aus, um Menschen zu retten. Schriftsteller, Maler, Wissenschaftler, die vor den Nazis nach Frankreich geflohen waren und 1940/41 versuchten über Marseille den Sprung ins sichere Amerika zu schaffen. Varian Fry kam ist nach Marseille gekommen und hat mit legalen Mitteln Visa für die USA beschafft- und mit illegalen Mitteln Pässe und Ausreisegenehmigungen für seine Schützlinge. Zu ihnen gehörten Heinrich Mann, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Hannah Arendt, Walter Mehring oder Max Ernst. Am Ende waren es mehr als 2000 Menschen.

Diesem Varian Fry, amerikanischer Journalist und später auch Lehrer, setzt die Schweizerin Eveline Hasler mit ihren neuen Roman „Mit dem letzten Schiff – Der gefährliche Auftrag von Varian Fry“ ein kleines Denkmal. Das ist richtig und gut, auch wenn sich Hasler nicht ganz entscheiden kann, ob sie einen Roman oder doch eher eine biographische Skizze schreiben will. Der Verlag Nagel & Kimche nennt dies dokumentarischen Roman. Das stimmt insofern, als dass sie sich aus der Fülle des vorhandenen Materials über das Emergency Rescue Committee bedient, um ein sehr glaubwürdiges Buch zu schreiben. Aber der Roman kommt dabei dann doch etwas kurz.

Das ist aber nicht unbedingt schlimm. Vor allem für all jene, die noch nichts über Varian Fry oder gar dessen autobiografischen Bericht „Auslieferung auf Verlangen“ gelesen haben. Für sie ist Haslers Buch ein packender Text über Mut, Verzweiflung, Grausamkeit und die Kraft der Hoffnung und der rettenden Tat in einer eigentlich ausweglosen Situation. Ihnen öffnet sie einen neuen Blick auf den menschenverachtenden Irrsinn des Nationalsozialismus und die Kollaboration französischer Behörden, die in ihren Lagern die Deportation derer vorbereiteten und organisierten, denen es gelungen war, zwischen 1933 und 1940 Deutschland in Richtung Freiheit in Frankreich zu verlassen.

Aber für all jene, denen all dies bekannt ist, denen die Schicksale Varian Frys und seiner Schützlinge bekannt sind, erzählt sie nichts Neues. Und da, wo die Form des Romans die Kraft hätte, auszuschmücken, sich in das Denken und Fühlen der Betroffenen zu versetzen, also mit Phantasie und literarischer Kraft etwas Neues zu Formen, da bleibt Eveline Hasler seltsam bedeckt. Anders als Sabine Friedrich in ihrem großen Roman über den deutschen Widerstand – „Wer wir sind“. Das ist schade. Aber angesichts des wichtigen und an sich schon sehr dramatischen Stoffes, nicht so schlimm, dass es Leser vom Griff nach diesem Roman abhalten sollte.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff – Der gefährliche Auftrag von Varian Fry. Nagel & Kimche

Walter Mehrings Bibliothek im Wiener Hotel Fürstenhof

Vom Westbahnhof sind es nur einige Meter bis zum Hotel Fürstenhof. Es liegt am Neubaugürtel 4. Als Walter Mehring Im September 1934 aus Paris kommend mit dem Zug in die österreichische Hauptstadt einfuhr, hat er als erste Unterkunft eine naheliegende Adresse gewählt. Aber offenbar hat es ihm in dem von Inhaber Julo Formanek in einem schönen Jugendstilhaus geführtem Hotel so gut gefallen, dass er dort blieb. Und das für immerhin dreieinhalb Jahre.

Vielleicht waren es anfangs auch ganz praktische Überlegungen, die ihn in den Fürstenhof führten. Dank der Nähe zum Bahnhof war der Weg für den Transport seiner Bibliothek nicht weit. Denn nach Wien wurde ihm die Bibliothek seines Vaters, die „Verlorene Bibliothek“, aus Berlin nachgeschickt – „ins Exil gerettet dank der Komplizität der Berliner Tschechoslowakischen Gesandtschaft, dank der Kollegialität ihres Attachés, des Lvrikers Camill Hoffmann (aus der Prager Dichterrunde der Werfel, Mevrink, Kafka, Capek, die alle etwas kabbalistisch angehaucht waren), – ihn aber hat man später in einem Brandofen vernichtet.“ (Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek, Düsseldorf: Claassen Verlag, S. 17)

Und hier steht der ganze Text….

Fundstück im Antiquariat (4): Ein Theaterzettel von 1931

Theaterzettel der Aufführung der "Großherzogin von Gerolstein" vom 21. Dezember 1931
Theaterzettel der Aufführung der „Großherzogin von Gerolstein“ vom 21. Dezember 1931

Das DinA 5-Blatt ist eher unscheinbar. Allenfalls das vergilbte Papier weckt automatisch Interesse. Der Theaterzettel vom 21. Dezember 1931 wurde bei einer Aufführung der Jacques-Offenbach-Operette „Die Großherzogin von Gerolstein“ in der Berliner Volksbühne verteilt. Also Unterhaltung, die ganz nett sein kann. Aber dennoch bleiben die Augen genau an ihm haften. All die anderen werden zügig durchgesehen und weggelegt. Aber an genau diesem einen stoppt das routinierte Blättern.

Der zweite Blick offenbart es dann: Da steht Walter Mehring als Übersetzer. In der Gesamtausgabe wird das nicht erwähnt. Und auch sonst ist der Ausflug in die Operette nicht so geläufig. Die nächste Überraschung schlummert im Inneren. Denn das Blatt wirkt gar nicht so, als sei es gefaltet. Ist es aber! Und auf Seite drei steht dann sogar ein kleiner Text Mehrings, den ich auch nicht kenne!

Ein echter Fund also. Ein große Freude – und wieder einmal auch verwirrend. Denn just an einem 21. Dezember gilt es jedes Jahr einen wichtigen Geburtstag in der Familie zu feiern. Von einem Familienmitglied, das auch noch in Berlin auf die Welt kam.

Weitere Fundstücke im Antiquariat:
Walter Mehrings Autograph
Ludwig Börnes Verhaftung
Kostbarkeiten bei Alfred Polgar
Ein Theaterzettel von 1931
Die Verlustanzeige von Karl Frucht
Andreas Oppermann erinnert 1860 an Palermo