Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe

Hans Keilson: Sonette für HannaLiebe in Zeiten des Untergrunds und des Exils ist immer auch ein Hoffen auf eine andere Zukunft. 1944, als Hans Keilson seine Sonette für Hanna schrieb, waren die Niederlande noch immer von den Deutschen besetzt. Hans Keilson lebte im Untergrund und lernte eine junge Frau, die sich als Jüdin vor den deutschen Mördern und ihren Helfern verstecken musste, kennen. Und er begann Hanna zu lieben. Davon zeugen die 46 Sonette, die vom S. Fischer Verlag jetzt erstmals als eigenes Buch veröffentlicht wurden. „Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe“ weiterlesen

Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen

Sören Bollmann: Angst in der halben St<adtSören Bollmann hat als Krimi-Autor seine Erfüllung gefunden. Schon zum dritten Mal schickt er seinen Frankfurter Kommissar Matuszek zusammen mit dessen Słubicer Kollegen Miłosz auf Mörderjagd. Diesmal steht ein Serienmörder im Mittelpunkt des Buches. Der verbreitet Angst und Schrecken vor allem an der Viadrina, der Frankfurter Universität. Denn die drei ersten Opfer sind allesamt Studentinnen. „Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen“ weiterlesen

Die DADA-Texte von Walter Mehring neu aufgelegt

Walter Mehring: Sturm und DadaDer Elster Verlag macht weiter! Mit „Stum und Dada – Gedichte, Erinnerungen und Essays das Walter Mehring“ bringt der Zürcher Verleger Bernd Zocher den dritten Band von Walter Mehring in nur vier Jahren heraus. Das ist nicht nur löblich. Es ist vor allem für den Leser ein Fest. Immerhin handelt es sich bei Walter Mehring (1896 – 1981) um einen lesenswertesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In diesem Band sind seine frühsten und etliche späte Texte versammelt. „Die DADA-Texte von Walter Mehring neu aufgelegt“ weiterlesen

Das ägyptische Konzil von Leonardo Sciascia spielt mit Macht, Gier und Lüge

Leonardo Sciascia: Das ägyptische KonzilOb Umberto Eco oder Luigi Malerba, in Italien ist der historische Roman auch in der Nachkriegszeit immer ein Genre der Gegenwartsliteratur gewesen. Anders als in Deutschland galt er nie als angestaubt. Und so haben ihn die besten Schriftsteller immer wieder mit alten Stoffen, neuen Ideen neu belebt. So wie der Sizilianer Leonardo Sciascia (1921 – 1989) mit seinem 1963 erschienen Roman „Das ägyptische Konzil“, der in den 1790er-Jahren in Palermo spielt.

„Die Andere Bibliothek“ hat das Buch in der Übersetzung von Monika Lustig jetzt neu herausgebracht. Und das zu Recht. Der Roman enthält alles, was in Serien wie „House of Cards“ oder „Borgen“ die Zuschauer an die Fernsehsessel fesselt. Nur dass es in diesem Roman um einen jungen Vikar geht, der sich dank einer genialen Fälschung unentbehrlich macht und den Mächtigen die Argumente liefert, die sie benötigen um ihre Privilegien als historisch berechtigt zu begründen. Don Giuseppe Vella nutzt die Gunst der Stunde als der marokkanische Botschafter in Palermo strandet. Er wird vom Vizekönig gebeten, sich um ihn zu kümmern, weil der annimmt, dass der Malteser Arabisch könne. Da der Botschafter einen zufriedenen Eindruck macht, glauben schließlich alle, dass der Vikar wirklich Arabisch spricht.

Und so macht er sich daran, ein arabisches Manuskript zu „übersetzen“. Dieses „ägyptische Konzil“ fasst zusammen, welche Rechtstitel und Privilegien in der Zeit Friedrich II. galten und auf die sizilianischen Adelsfamilien übergingen. Sciascia beschreibt ganz ruhig, wie sich der Adel dem Ordensmann nähert, ihn mit Geschenken bedenkt, um ja nicht irgendetwas zu verlieren. Selbst wissenschaftliche Zweifel von echten Arabisten übersteht Don Giuseppe Vella, weil er das Publikum mit Witz und guter Rhetorik auf seine Seite zu ziehen weiß. Was immer auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit. Sie passt nichts ins Gefüge der Macht, der Gier und der Herrschaft im feudalen Vizekönigreich Neapel.

Auch wenn das Buch schon mehr als 50 Jahre alt ist, wirkt es noch immer frisch und modern. Sciascias feine Ironie, sein lakonischer Stil und seine Beschränkung auf die wesentlichen Figuren und Handlungsstränge wirkt noch immer. Da ist nichts angestaubt oder nur aus der Zeit verständlich. Das alles zusammen macht einen großen Roman aus. Und damit auch „Das ägyptische Konzil“.

Mehr von Leonardo Sciascia:
– „Der Zusammenhang
– „Das ägyptische Konzil
– „Mein Sizilien

Mehr von der Anderen Bibliothek auf diesem Blog…

Ilja Ehrenburg bringt uns mit dem traurigen Lasik Roitschwantz zum Lachen

Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik RoitschwantzLasik Roitschwantz ist ein Jude aus Homel. Sein ganzes Leben lang will der gelernte Schneider ankommen und ein ganz normales Leben führen. Und wenn das nicht klappt, dann wäre er schon mit regelmäßigen Mahlzeiten zufrieden. Aber Lasik Roitschwantz ist einer von denen, die in jedes Fettnäpfchen tappen, einer von denen, die stärkeren und mächtigeren Menschen den Spiegel vorhalten und deshalb aus deren Blick geräumt werden müssen.

Ilja Ehrenburg, einer der bedeutendsten Literaten, Journalisten und Intellektuellen der frühen Sowjetunion hat seinen Roman „Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz“ 1928 in Berlin veröffentlicht – auf Russisch. Im selben Jahr ist der Roman auch noch von Waldemar Jollos ins Deutsche übersetzt worden. Diese Übersetzung ist nun fast 90 Jahre später in der Anderen Bibliothek mit leichten Korrekturen erneut veröffentlicht worden. Das ist ein Glück für alle, die sich für jüdische Literatur, für russische Literatur und generell für großartige Literatur interessieren. Sie können mit Lasik Roitschwantz in die Welt des Stetls, in die Wirrnisse der Sowjetunion in ihrem ersten Jahrzehnt, ins Europa der Zwischenkriegszeit und ins Palästina des frühen Zionismus eintauchen. Und wer das mit Lasik Roitschwantz tut, der kann dies nicht, ohne sehr viel zu lachen.

Denn der Roman über den wandernden Juden ist auch ein Schelmenroman. Lasik Roitschwantz ist dabei weder dumm noch einfältig oder moralisch gefestigt. Er ist ein Schelm, weil er mit seinen unendlich vielen Geschichten aus der Welt der Juden im Osten Europas und seiner jüdisch-jidisch-chassidischen Logik die Welt entlarvt. Trotz aller Versuche sich die Welt anzueignen, bleibt er zeitlebens dem Denken und der Tradition seiner Heimat verwurzelt.

Homel ist heute eine Großstadt mit 500.000 Einwohnern. Es ist die zweitgrößte Stadt Weißrusslands. 1926, also ungefähr zu der Zeit, in der uns Lasik Roitschwantz begegnet, lebten knapp 34.500 Juden in der Stadt und damit 44 Prozent. Und der Rest waren Weißrussen, Russen, Polen, Ukrainer und einige Deutsche. Zwar gab es Anfang des 20. Jahrhunderts hier schon ein Pogrom. Aber die Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten war noch nicht absehbar. Auch die antisemitischen Auswüchse Stalins und seines Terrorsystems waren Ende der 1920er-Jahre noch nicht manifest. Schon einige Jahre später hätte der Roman nicht mehr publiziert werden dürfen. Deshalb ist Ehrenburgs Roman auch ein seltener Schatz, der das jüdische Leben und Denken zwar satirisch, aber immer auch liebevoll darstellt.

Lasik Roitschwantz hat es mit sowjetischer Denunziation und Misswirtschaft zu tun. Er stört kommunistische Literaten und polnische Rittmeister. Er eckt mit deutschen Apothekern, Metzgern und reformierten Juden an. Er versucht sich als Künstler am Montmartre, allerdings ohne Kunst zu produzieren und versucht sich in England als Missionar. Nur eins macht er nie: sich als Spitzel zu verdingen. Und das, obwohl er fast 20 mal Gefängnisse von innen kennenlernt.

All das kommentiert Lasik Roitschwantz mit seiner unglaublichen Fülle an jüdischen Erzählungen, Gleichnissen und Legenden. Selbst als er in der Nähe Jerusalems stirbt, kann er den Mund noch nicht ganz halten. Und das ist ein Genuss für den Leser, der angesichts der Fülle ganz sprachlos wird – aber nie humorlos. Denn ohne Humor lässt sich dieses Buch voller Witz wahrscheinlich gar nicht lesen.

Ilja Ehrenburg: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz; Die Andere Bibliothek Bd. 375

Bruno Ziauddin seziert Roger Köppel und den Rechtsruck der „Weltwoche“

Bruno Ziauddin: Bad NewsEinen besseren Zeitpunkt zum Erscheinen dieses Buches kann es gar nicht geben. „Bad News“ von Bruno Ziauddin ist ein Schlüsselroman über den Rechtsruck der Zürcher „Weltwoche“. Es ist ein Roman über deren Chefredakteur Roger Köppel, der auch in deutschen Talkshows seinen verbrämten Rechtspopulismus gerne äußern darf. Und vor allem ist es ein hoch aktuelles Buch darüber, wie das sich das rechte Gift des Rassismus als vermeintlicher Tabubruch unter dem Motto „man wird ja noch sagen dürfen“ um sich greift. Ein Buch also, das es in sich hat.

Und damit noch nicht genug. Es ist auch ein Roman darüber, wie sich für junge Männer der Halt im Glauben, die Bestätigung in der Moschee und deren Regeln so eingraben kann, dass sie bereit sind zu töten. Angesichts der Dschihadisten, die sich im In- und Ausland auf den Weg machen, um ihren geglaubten Irrsinn mit tödlicher Gewalt durchzusetzen, ebenfalls dramatisch aktuell. Bruno Ziauddin legt sein Buch im Jahr 2003 an. George W. Bush lässt die US Army in den Irak einmarschieren. Und das Roger Köppel Alter Ego „T.“ übernimmt die Leitung der links alternativen Weltwoche. Fortan werden die Amerikaner für ihren Krieg über den grünen Klee gelobt. Skeptiker dagegen werden entlassen oder aus der Reaktion gedrängt. All das ist so auch tatsächlich passiert. Das ist schon erschreckend genug. Ziauddin beschränkt sich aber nicht darauf, die Übernahme der Weltwoche zu beschreiben. In knappen Worten charakterisiert er die Idee des neuen Chefredakteurs. „Die Welt ist nicht ganz so sozi-mainstream, wie der Sozi-Mainstream es gern hätte. Es gibt sehr wohl eine andere, fast möchte man sagen: eine Gegenkultur,“ lässt er T. sagen. Und diese Gegenkultur wird gefördert, indem latenter Rassismus in die Zeitung einzieht. Anfangs wird für jede extrem rechte Kolumne noch eine demokratische entgegengesetzt. Aber klar ist, T. hat ein Programm.

Und dieses stößt nicht nur dem extrem antriebslosen Ich-Erzähler zunehmend mehr auf. Erst ist er geschmeichelt, weil T. ihn in die Chefredaktion beruft. Erst Monate später wird ihm bewusst, dass er in der Führung eines inzwischen rechtspopulistischen Blattes sitzt, das für immer mehr Schweizer zum Feindbild schlechthin wird. Der ich-Erzähler ist mit seinem Selbstmitleid, seiner Beziehungsunfähigkeit und seinen Ausreden eigentlich nicht zum Aushalten. Doch genau das ist an dem Roman überzeugend. Ziauddin zeigt, wie aus seinem guten Journalisten ein Mitläufer wird, weil das gute Gehalt und andere Erleichterungen so angenehm sind, dass man schon mal die Augen zudrücken kann. Immerhin rafft er sich am Ende auf und will kündigen.

Doch selbst das gelingt ihm nicht richtig. Denn just in diesem Moment wird er von Damir mit einem Messer niedergestochen. Das islamistisch motivierte Attentat gilt eigentlich T., weil dieser inzwischen zur Hassfigur geworden ist. Doch das Attentat stärkt den Islam-Hasser nur. Das Opfer ist der Journalist, der sich doch noch zu seiner Haltung durchgerungen hat.

Der Roman „Bad News“ ist kein Buch, das als Schlüsselroman die Beziehungen und Bettgeschichten der Redaktion der Weltwoche zum Thema macht. Es ist ein Roman, das zeigt, wie sich die Sprüche und das Denken der Schweizer Volkspartei, der AfD und der Pegidisten negativ auf das gesellschaftliche Klima auswirken. Es zeigt, wie wichtig der demokratische und tolerante Kitt ist, um das Aufeinanderprallen der Extremisten nicht zu befördern. Und er zeigt, welche Rolle die Medien dabei spielen. Ein Roman zur rechten Zeit. Im doppelten Wortsinn.

Roland Schimmelpfennig und der „lonesome wolf“ in Berlin und Brandenburg

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren...Roland Schimmelpfennig hat sich als Dramatiker einen enormen Ruf erworben. Das ist seinem ersten Roman anzumerken. Dramatischer und knapper lässt sich ein Tableau von Personen kaum denken, das noch dazu so konsequent der Idee des Buches folgt. Alles, was Romane ausmacht, findet man in „An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ nicht. Weder lange innere Monologe, intensive Landschaftbeschreibungen oder sich weit verästelnde Erzählstränge bietet Schimmelpfennig seinen Lesern an. Stattdessen: Kürze, Prägnanz, durchsichtige Konstruktion eines Beziehungsgeflechts.

Und dennoch lässt einen der Roman nicht kalt. Er berührt gerade wegen seiner Knappheit. Sie lässt dem Leser Raum, in seiner Phantasie all die Leerstellen der Beschreibung des Personals zu füllen. Da ist das junge polnische Paar, das in Berlin vor lauter Arbeit das gemeinsame Leben vergisst. Da ist ein jugendliches Pärchen aus Ostbrandenburg, das vor der schlagenden Mutter und den immer betrunkenen Eltern flüchtet. Da ist genau die Mutter, die einst als Künstlerin aus Berlin nach Brandenburg kam und nach der Trennung die Kunst abhanden kam. Da ist deren Ex, der sich in Berlin als Künstler etablierte, aber das Wesentliche im Leben vergessen hat.

Sie alle – und noch einige mehr – haben sich selbst verloren, sind seelisch abgemagert, so wie der Wolf, der über die Oder nach Brandenburg kam, körperlich. Alle sind einsame Wölfe, die sich auf den Weg machen, um etwas von sich selbst zu finden. Und alle sind irgendwie miteinander verbunden. So wie der Wolf alle miteinander verbindet. Die Jugendlichen stoßen bei ihrer Flucht Richtung Berlin auf seine Spuren. Der Pole steht ihm im Stau auf der A 12 zwischen Frankfurt (Oder) und Fürstenwalde gegenüber und fotografiert ihn. So wie es den Wolf über die Felder und Wälder bei Seelow, Beeskow und Blumberg nach Berlin an den S-Bahn-Ring in Prenzlauer Berg zieht, so nähern sich auch die Personen diesem einstigen Szeneviertel an.

Sie 250 Seiten sind mit großen Buchstaben und viel Weißraum gefüllt. Optisch sind sie fast so etwas wie die Entsprechung zur kalten Winterlandschaft, in der sich die Personen des Romans ihrer eigenen Verlorenheit bewusst werden. Schimmelpfennig hat einen Roman über die soziale Verkrüppelung Deutschlands geschrieben. Und das mit sehr eingängigen Sätzen. Ein faszinierendes Buch.

Der Rienzi der Deutschen Oper besticht durch Optik

Rienzi im Führerbunker vor der Kamera und live für seineUntertanen auf der Leinwand
Rienzi im Führerbunker vor der Kamera und live für seine Untertanen auf der Leinwand (S. 33 des Programmhefts).

In der Deutschen Oper ist Rienzi durch und durch ein Faschist. Die gesamte Inszenierung ist in schwarz-weiß gehalten, ganz so, wie wir die Bilder vom italienischen und spanischen Faschismus kennen – und natürlich von den deutschen Nationalsozialisten. Regisseur Philipp Stölzl hat Hitlers Lieblingsoper zur Parabel über dessen Aufstieg und Fall gemacht. Ein gewagtes Unterfangen, das Richard Wagner nicht unbedingt gerecht wird. Und dennoch überzeugt das gesamte Stück in Stölzls Interpretation, wenn man es nur für sich anschaut und sich vollkommen darauf einlässt. „Der Rienzi der Deutschen Oper besticht durch Optik“ weiterlesen