Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe

Hans Keilson: Sonette für HannaLiebe in Zeiten des Untergrunds und des Exils ist immer auch ein Hoffen auf eine andere Zukunft. 1944, als Hans Keilson seine Sonette für Hanna schrieb, waren die Niederlande noch immer von den Deutschen besetzt. Hans Keilson lebte im Untergrund und lernte eine junge Frau, die sich als Jüdin vor den deutschen Mördern und ihren Helfern verstecken musste, kennen. Und er begann Hanna zu lieben. Davon zeugen die 46 Sonette, die vom S. Fischer Verlag jetzt erstmals als eigenes Buch veröffentlicht wurden.

Hans Keilson wurde 1909 in Bad Freienwalde als Sohn eines jüdischen Händlers geboren. Er machte Abitur und begann 1928 in Berlin zu studieren. 1933 veröffentlichte er seinen ersten Roman, „Das Leben geht weiter“. Es war zugleich der letzte Roman eines Juden, der bei S. Fischer veröffentlicht werden konnte. 1934 beendete er sein Studium, durfte aber nicht als Arzt arbeiten. Die Nationalsozialisten erlaubten es Juden nicht mehr. Deshalb arbeitete er als Sportlehrer an jüdischen Schulen, die es damals noch gab. Doch 1936 wurde der Druck zu groß. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin floh er in die Niederlande. Eine Heirat in Deutschland war wegen der Nürnberger Rassegesetze verboten. Und in den Niederlanden war sie wiederum nicht möglich, weil beide aus Deutschland kamen.

In der Zeit der Besatzung tauchte Keilson unter. Er legte den Judenstern ab, nahm eine neue Identität an und besuchte untergetauchte und versteckte Juden, um ihnen zu helfen. Dabei lernte er Hanna kennen. Sie ist zu diesem Zeitpunkt deutlich jünger. Sie nähern sich an, lieben sich. Doch nach einigen Monaten entscheidet sich Hans Keilson für seine Frau und das gemeinsame Kind. Hans und Hanna arbeiten noch einige Zeit zusammen, aber eine Beziehung bekommt von ihm keine Chance mehr.

Die 46 Sonette, die jetzt erstmals als eigenständiges Buch veröffentlicht wurden, zeugen von der aufkeimenden Liebe, der Sehnsucht nach dem unerklärlich Neuem, dem intensiven Gefühl und dem gemeinsamen Schutzraum der verschwiegenen Liebe in der so feindlichen, bedrohlichen Welt. Keilson schreibt die Sonette an Hanna, dabei schreibt er teilweise auch aus ihrer Perspektive. Formal bilden die Sonette ein starres Gerüst für die zum Ausdruck gebrachten Gefühle, sprachlich schwanken sie zwischen seinem heimischen Deutsch aus einer untergegangenen Welt und einem Neues suchenden Deutsch, das auch von Einsprengseln ihres Niederländisch belebt wird. Manchmal klingt das etwas unbeholfen. Und doch ist es ehrlich und angesichts der Situation, in der die Gedichte geschrieben worden, nur allzu verständlich.

Die Sonette wurden von Hans Keilsons zweiter Frau, Marita Keilson-Lauritz erst nach dessen Tod entdeckt. Erstmals erschienen sie in „Tagebuch 1944“. Bis dahin waren sie so verborgen wie einst die Liebenden. Jos Versteegen hat sie für dieses Buch ins Niederländische übersetzt. So stehen sich jetzt die deutschen und die niederländischen Verse gegenüber, wie einst die beiden Liebenden. Seine Anmerkungen zur Entstehung und zu Hannas Biografie runden den schönen Band ab. Dass S. Fischer solche Bücher veröffentlicht, zeugt von der Verpflichtung, die der Verlag den Exil-Autoren gegenüber empfindet. Und es ist ein Segen für jene Leser, die Autoren wie Hans Keilson für sich entdecken können.

Hans Keilson: Sonette für Hanna. Deutsch – Niederländisch; S. Fischer, 24,00 Euro.

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