Emilia Smechowski entdeckt den Strebermigranten in sich

Gnadenlos offen ist Emilia Smechowski in ihrem Buch „Wir Strebermigranten“. Sie erzählt ihre eigene Geschichte ohne sich und vor allem ihre Eltern zu schonen. Denn bei der Beantwortung der Frage, warum ausgerechnet die Polen in Deutschland Streber in der Anpassung sind, spürt sie der Motivlage ihrer Eltern nach.

Die Polen haben sich so angepasst, dass sie kaum oder gar nicht auffallen. Deshalb wissen viele Deutsche nicht, dass die zweitgrößte Gruppe der Einwanderer nach Deutschland Polen sind. Millionen von ihnen leben in Deutschland. Ohne sie würden viele Krankenhäuser nicht mehr funktionieren. Aber dennoch sind sie meist nicht sichtbar. Polen sind die zweitgrößte Migrantengruppe in Deutschland. Aber sie haben sich so angepasst, dass sie nicht auffallen. „Emilia Smechowski entdeckt den Strebermigranten in sich“ weiterlesen

Bora Cosic entdeckt für uns seine Kindheit in Agram

Bora Cosic: Eine kurze Kindheit in Agram Melancholie durchzieht jede Seite dieses dünnen Bandes. Bora Cosic teilt dieses Gefühl mit seinen Lesern. In „Eine kurze Kindheit in Agram“ erinnert er an die Stadt, die bei seiner Geburt 1932 noch nicht Zagreb war. Er lässt sich noch einmal ein auf diese Stadt, in der das untergegangene Reich der Habsburger noch immer lebt, obwohl die Stadt seit 14 Jahren Teil Jugoslawiens war.

Cosic tappt nicht in die Falle, aus der Perspektive des Kindes hochtrabende rückwärtige Interpretationen seines Lebens und das seiner Eltern anzustellen. Vielmehr nimmt er konsequent die Perspektive des Kindes ein. Naiv und neugierig blickt er auf die Welt, die ihn umgibt. Zunächst ist das nur eine Wohnung, später einige Straßenzüge und am Ende fast die gesamte Stadt. Natürlich weiß Cosic, der zu den wichtigsten serbischen Autoren der Gegenwart zählt, dass auch diese Perspektive nur ein literarischer Kniff ist. Aber er nutzt ihn, um den Lesern der Gegenwart mit den Augen des Kindes die Brüche erlebbar zu machen, die noch vor dem Ende seiner eigenen Kindheit zur Katastrophe führten.

1941 marschiert die Wehrmacht in Agram ein. Die Kindheit in der gewohnten Entwicklung ist für Cosic damit vorbei. Schon vorher spiegelt sich das historische Drama im Erleben der Familie. Während der Vater lacht, wenn er mit anderen Frauen tanzt, weint die Mutter. So wird die Familie immer ein Spiegel der Außenwelt, die der Bub für sich entdeckt. Natürlich kann er mit Daten nichts anfangen. Aber für die Leser sind viele geläufig. Cosic tritt so mit den Lesern in Dialog und erweitert die Perspektive des Kindes auf die der politischen Realität. Dass ihm das gelingt, ohne jemals Politik zu thematisieren, zeigt die hohe Kunst des Serben, der seit Milosevics Kriegen in Berlin lebt.

Sabine Rennefanz sucht das Dunkle in der Familiengeschichte

Sabine Rennefanz: Die Mutter meiner MutterSabine Rennefanz wurde 1974 in Beeskow geboren. Aufgewachsen ist sie in Eisenhüttenstadt. In ihrem Buch „Eisenkinder“ hat sie davon schon viel erzählt. In ihrem neuen Buch „Die Mutter meiner Mutter“ spielt die Heimat der jetzigen Berlinerin in Ostbrandenburg erneut eine ganz wichtige Rolle. Links der Oder kommt ihre Großmutter Anna mit Stiefmutter und zwei Brüdern in einem Dorf nach der Vertreibung aus dem jetzigen Westpolen an, um nach dem Krieg ein neues Leben zu beginnen.

Wie schwierig dieses Leben für Anna tatsächlich war, ahnt Sabine Rennefanz ganz lange nicht. In ihrem autobiografischen Text nähert sie sich ihrer Familie an, ergründet, weshalb Anna immer so abweisend war. Weshalb sie Berührungen und Herzlichkeit vermied und immer so anders war, als die Großmütter ihrer Freunde. Sie sucht nach den Gründen, weshalb auch ihre Mutter und deren Schwestern seelische Narben haben, die auch ihnen das Leben erschweren. Der Text, der dabei entsteht, liest sich wie ein Roman, ist aber ein Blick in die historische Wahrheit und die Gedanken- und Seelenwelt von Sabine Rennefanz.

Großmutter Anna arbeitet in dem ostbrandenburgischen Dorf als Magd auf dem Hof eines kinderlosen Ehepaars als Magd. Bald schon ist sie mehr als nur eine Bedienstete. Die Wendlers schließen sie ins Herz, werden eine Art Ersatzeltern. 1949 kommt Friedrich aus russischer Gefangenschaft zurück. Er gehört auch ins Umfeld der Wendlers, hat am Ende des Krieges seine Frau verloren. An einem Schlachttag vergewaltigt er Anna, die sich daraufhin umbringen will. Die Wendlers bringen Friedrich dazu, Anna zu heiraten. Mit ihm bekommt sie noch zwei weitere Kinder. Aber sie schläft immer in einem anderen Zimmer und zieht sich immer weiter zurück. Selbst auf die Straße in dem kleinen Dorf geht sie kaum.

So einfach, so brutal ist die eigentliche Geschichte. Aber die kennen die Kinder und Enkel gar nicht. Denn sie wird verschwiegen. Sie kennen Friedrich nur als liebevollen Vater und Großvater. Erst nach seinem Tod im November 1989 kommt die Geschichte heraus, weil sich die einzige damalige Freundin, der sich Anna damals anvertraut hatte, gegenüber Sabine Rennefanz Mutter verplappert. In der Folge beginnt sich die Autorin immer wieder mit dem schwarzen Fleck in der Familiengeschichte zu beschäftigen. Ihre Gedanken kreisen um das Thema, bis sie sich zum vorliegenden Text formen. Dabei wird aus der eigenen Familiengeschichte dann doch eine Art Roman, der immer wieder an Oskar Maria Grafs „Aus dem Leben meiner Mutter“ erinnert. Denn Rennefanz bindet das Geschehen auch in die Geschichte ein. Die Vergewaltigung geschieht zeitgleich mit der Gründung der DDR. Der Vergewaltiger stirbt, als die DDR im November 1989 untergeht. Als die Bürger der DDR die Lügen der Autoritäten nicht mehr ertragen, endet die Autorität des Vaters.

Es macht die besondere Qualität des Buches von Sabine Rennefanz aus, dass solche Parallelitäten nicht aufgesetzt wirken, sondern schlüssig sind. Denn wesentlicher Teil der Dorf- und Familiengeschichte ist es ja auch, dass Wahrheiten generell nicht ausgesprochen wurden. Und wenn doch, dann haben sie negative Konsequenzen. Wie für Mutter Monika, die sich in der Schule positiv zum Prager Frühling äußert und dafür beim Fahnenappell vorgeführt und gedemütigt wird. Und so erzählt Sabine Rennefanz de facto eine furchtbare Heimatgeschichte, sich über Generationen auswirkt und die Seelen mehrerer Generationen belastet und krank macht.

Thomas Brussig tut so, als wäre die DDR noch immer da

Thomas Brussig: Das gibts in keinem RussenfilmAch immer diese Ostalgie! Warum hört das nicht auf? Sie war doch eine Diktatur! Und ausgerechnet zum Jubiläum ihres Untergangs wird sie von Thomas Brussig wieder zum Leben erweckt! Muss das sein?

JA!!! DAS MUSS SEIN!!! Wenn sie auf diese Art noch einmal auf der literarischen Bühne erscheinen darf, dann ist das nicht nur amüsant, komisch, witzig, sondern auch noch wunderbar lehrreich. Denn der Vergleich, der Systeme, den Thomas Brussig in seinem neuen Roman bis in die Gegenwart führt, öffnet für vieles in der DDR die Augen. Und für die Summe der Missverständnisse, die Ost- und Westdeutsche nicht nur vor 25 Jahren gegenseitig hatten.

Thomas Brussig tut in „Das gibts in keinem Russenfilm“ einfach so, als hätte er sein ganzes Leben in einer intakten DDR geführt. Und das als Schriftsteller, der mit Büchern wie „Wasserfarben“, „Helden wie wir“ oder dem Udo-Lindenberg-Musical „Hintern Horizont“ Erfolg hat. Teils in der DDR, teils in der Bundesrepublik, in der einige Bücher erscheinen mussten, weil die DDR-Zensur sie nicht billigte. Er entwickelt also ein Szenario, das sein reales Leben in eine noch immer weiter existierende DDR spiegelt. Das ist ein literarischer Kniff, der nicht nur wahnwitzig ist, sondern auch noch glaubwürdig funktioniert.

Thomas Brussig bleibt in seiner DDR, weil er in einem Moment unerwarteten Erfolgs vor Publikum versprochen hat, aus der DDR erst dann auszureisen, wenn alle DDR-Bürger reisen dürfen. Ein Telefon will er auch erst dann, wenn jeder problemlos eines haben kann. Und solange Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ verboten ist, will er es nicht lesen. Das Publikum ist begeistert, Brussig ein Held in Ost und West. Und weil er sich an das Versprechen hält auch ein Narr, der selbst seiner schwangeren Freundin nicht in den Westen folgt.

All das ist irrwitzig. Brussig entwickelt eine Geschichte, die ziemlich schlüssig ist. Und spiegelt nicht nur seine eigenen Bücher in diesem funkelnden Licht. De facto ist „Das gibts in keinem Russenfilm“ ein Schelmenroman über das Leben des Autors, in dem er sich selbst so naiv präsentiert, dass nicht nur die falsche, fiktive Wirklichkeit entlarvt wird, sondern auch die reale vergangene und die reale Gegenwart. Ziemlich viel für nur einen Roman. Und sehr amüsant!

Fundstück (5) im Antiquariat: Die Verlustanzeige von Karl Frucht

Karl Frucht: Verlustanzeige - Ein Überlebensbericht
Karl Frucht: Verlustanzeige – Ein Überlebensbericht

Bei eBay gibt es eine schöne Funktion. Mit ihr kann man sich per Mail darüber informieren lassen, wenn jemand verkaufen will, was man selbst kaufen will. Sie ist ein Verführungsinstrument aller schlimmster Güte. Denn wenn so eine Mail kommt und sich in ihr findet, was man sucht, so ist es schwer zu widerstehen. Vor allem für Sammler sind diese Benachrichtigungen oftmals wahre Folterinstumente. Wenn der Blick in den Geldbeutel offenbart, dass dieses Buch jetzt doch nicht gekauft werden kann, entsteht ein Gefühl von Selbstkasteiung.

Manchmal aber liefert die Benachrichtigungsfunktion über Jahre hinweg keinen Treffer. Auch die regelmäßige Suchanfrage im ZVAB, dem Zentralverzeichnis antiquarischer Bücher bleibt bei ihnen lange ohne Ergebnis. Was auf der einen Seite sehr traurig ist, auf der anderen aber auch gut, weil sie mich davor bewahrt, eine Kaufentscheidung treffen zu müssen. „Es konnten momentan leider keine Einträge gefunden werden“, steht dann da. Das elektrisierende Gefühl beim Finden bleibt aus. Aber der Kopf entspannt sich, weil er jetzt nichts entscheiden muss.

Umso erregender ist es dann, wenn sich so ein Buch tatsächlich findet. Und zwar im Antiquariat oder auf einem Krabbeltisch. Als ich den unscheinbaren braunen Einband des Buchrückens von Karl Fruchts „Verlustanzeige – Ein Überlebensbericht“ entzifferte, durchzuckte mich dieses wunderbare Gefühl des Findens. Ein Buch, das sich jahrelang im Netz nicht finden ließ, lag mit dem Buchrücken nach oben in einer dieser Pappkisten, die gerne vor Antiquariaten stehen. in echt – und nicht nur als als Bild mit Text in der Trefferliste eines Suchergebnisses. Mit Briefmarken und Absenderaufkleber eines Briefes einer Frau aus Kassel, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren. In einem Zustand, als wäre es neu.

Das Buch beschreibt einen dieser für heutige Leser unfassbaren Lebenswege. 1911 geboren, als Jude in Wien aufgewachsen, zum Juristen ausgebildet, aber zusammen mit der lebenslangen Freundin Hertha Pauli eine Literaturagentur gegründet, die Ödön von Horváth, Walter Mehring, Joseph Roth und viele andere vor allem an Zeitschriften und Zeitungen vermittelte, dann 1938 direkt nach dem „Anschluss“ geflohen, in Frankreich interniert und als Helfer Varian Frys schließlich in die USA entkommen. Zeitweise Soldat in der tschechischen und der französischen Armee und schließlich als amerikanischer Soldat Teilnehmer des 2. Weltkrieges, der Gefangene der Wehrmacht verhört. Dann Leben in den USA und arbeiten in der Rüstungsindustrie als technischer Schreiber, später bei der UNO in der Weltgesundheitsorganisation und für den Tierschutz. All das als Nomade, der die alte Heimat nicht vergessen kann, sie mit den Überlebenden wie dem Freund George Grosz oder Hertha Pauli immer erinnert – und bei den Aufenthalten in Wien versucht zu spüren. Doch da gibt es die Caféhauskultur nicht mehr. Die Schriftsteller, die er als Agent betreute, sind fast alle geflohen, die meisten haben die Befreiung nicht mehr erlebt.

Das Buch ist ein wirkliches Fundstück. Es ist gut geschrieben, ist nicht zu nah am Autor und doch auch nie entfernt. Der Text lässt einen Staunen ob der reichhaltigen Erlebnisse und Verzweifeln, weil der Verlust durch die Nazis so spürbar wird. Ein Glück gibt es Antiquariate, die verhindern, dass solche Bücher ins Altpapier wandern, weil dir Erben der Besitzer nichts mit dem Namen des Autors anfangen können. Und die beim Finder dieses elektrisierende Gefühl auslösen. Und beim Leser das Wechselbad zwischen Trauer und Bewunderung und Freude.

Weitere Fundstücke im Antiquariat:
Walter Mehrings Autograph
Ludwig Börnes Verhaftung
Kostbarkeiten bei Alfred Polgar
Ein Theaterzettel von 1931
Die Verlustanzeige von Karl Frucht
Andreas Oppermann erinnert 1860 an Palermo

„Die verlorene Bibliothek“ von Walter Mehring gibt es endlich wieder

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek - Autobiografie einer Kultur
Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur

Der kleine Elster Verlag aus Zürich nimmt sich Walter Mehring an. Vor wenigen Tagen ist „Die verlorene Bibliothek“ hier in einer neuen Ausgabe erschienen. Inhaltlich handelt es sich um eine Neuauflage der Textfassung aus der von Christoph Buchwald herausgegebenen Werkausgabe im Claassen Verlag. Und damit um die letzte von Walter Mehring bearbeitete Fassung. „„Die verlorene Bibliothek“ von Walter Mehring gibt es endlich wieder“ weiterlesen

Walter Mehring in neuer Biografie und seiner Autobiografie

1933. Es ist die Nacht vor dem Reichstagsbrand. Walter Mehring will einen Vortrag halten. Der Veranstaltungsort ist von SA umstellt. Doch Mehring gelingt die Flucht – nach Paris. Fünf Jahre später. März 1938. Die Nacht vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Wieder entwischt Walter Mehring den Nazis im allerletzten Moment. Zuvor wurde schon sein Hotelzimmer mit der Bibliothek des Vaters durchsucht. Frankreich 1940. Walter Mehring wird in Marseille verhaftet und in ein französisches Internierungslager gesteckt. Auch von dort gelingt ihm die Flucht – diesmal bis in die USA.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring
Georg-Michael Schulz: Walter Mehring

Die Nazis hassten den 1896 geborenen Berliner Schriftsteller, Dramatiker und Journalisten, der auch für alle wichtigen Kabarettisten seiner Zeit die Texte verfasste. Seit 1919 schrieb er mit ungewohnter Klarheit, Schärfe und Prägnanz gegen Nationalismus und Antisemitismus an. Sein Freund Kurt Tucholsky war von seinen Versen hingerissen. Erwin Piscator inszenierte seine Stücke. Mehring war in den damals neuen Medien Radio und Film präsent. Für ihn war kompromissloses, engagiertes Schreiben und individuelles Denken existenziell.

Jahre später sagte er: „Denn mein Beruf ist der, soweit ich ihn ausfüllen konnte, eines Schriftstellers. Es kann jemand der Arzt ist, sich nicht weigern in eine Pest hineinzugehen. Es gibt für ihn keine Ausreden in dem Moment, in dem er beschlossen hat, ein Arzt zu sein. Für den Schriftsteller gilt genau dasselbe.“

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek - Autobiografie einer Kultur
Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Walter Mehring 1955: „Es wäre so als ob man seiner Geliebten etwas von seiner Vergangenheit erzählen wollte, aber sich auch lebendig machen wollte. Und das habe ich versucht.“

Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt:   Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.

Walter Mehring 1955: „Ich habe dazu nur mein Gedächtnis benutzt. Und auf der Public Library, auf der öffentlichen Bibliothek von New York, die ja sehr groß ist, die Zitate noch einmal nachgeschlagen, damit sie auch im Wortlaut stimmen.“

(gesendet im Inforadio)

Die Rezension im Inforadio befindet sich im Audio bei Minute 10.00.

Georg-Michael Schulz: Walter Mehring; Werhan Verlag: 19,80 Euro

Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur; Elsterverlag: 34,00 Euro

 

Der Einbildungsroman von Erwin Blumenfeld verblüfft auf jeder Seite

Erwin Blumenfeld: Einbildungsroman
Erwin Blumenfeld: Einbildungsroman

Viele Autobiografien verklären das eigene Leben. Erwin Blumenfelds „Einbildungsroman“ tut das nicht. Dieses Buch, das Anfang der 60er-Jahre geschrieben wurde, nennt sich bewusst „Roman“. Und es zeugt von der Einbildungskraft des Berliners, der über Holland und Paris in New York zu einem der ganz Großen der Modefotografie wurde. Doch davor war Dadaist, Modewarenhändler und Pleitier.

Erwin Blumenfelds Buch, das bereits 1998 in der Anderen Bibliothek erschienen ist, lebt von der unglaublich kraftvollen und lebendigen Sprache. Sprachbilder wie das des Titels vom „Einbildungsroman“ durchziehen alle Seiten. Das bremst zwar den Lesefluß, erheitert und erhellt aber umso mehr. Da erinnert sich einer, der nicht nur etwas zu erzählen hat, sondern der das auch noch außergewöhnlich schonungslos und phantasievoll macht.

1897 ist Blumenfeld als Sohn eines jüdischen Händlers geboren worden, der mehr sein wollte. Vor allem auch, weil seine Frau – also Erwins Mutter – tatsächlich aus gutbürgerlichem, jüdischen Hause stammte. Blumenfeld nimmt die Verlogenheit in de Familie schonungslos als Motiv des Lebens vor und während des 1. Weltkrieges in der gesamten Gesellschaft ins Blickfeld. Das ist sehr dicht erzählt und raubt manchmal den Atem, wenn die Details zu intim, zu krass sind. Etwa, wenn die Mutter den eigenen Sohn am Ende des Weltkrieges als Deserteur bei der Polizei anzeigt, weil dieser sich mit seine Verlobten in deren holländische Heimat absetzen will. Dass der Drang, als gute Deutsche dastehen zu wollen, stärker ist, als den Sohn lebend in Sicherheit vor dem schon verlorenen Krieg wissen zu wollen, charakterisiert dies gut.

Blumenfeld schildert das eindringlich, immer mitten aus dem Geschehen. Er versucht keine Distanz zu sich aufzubauen. Auch nicht, wenn er über seinen Dienst in einem Armeebordell an der Westfront schreibt. Oder wenn er schildert, wie er zusammen mit George Grosz und Walter Mehring direkt nach dem Krieg eine Orgie feierte. Blumenfeld macht aus sich keinen Heiligen und keinen Schuft. Er spricht nicht von Genie – obwohl er ein phantastischer Fotograf war. Er schreibt von Glück und Zufällen, von verpassten und genutzten Chancen. Von Enttäuschungen, als er nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen 1940 Hilfe am nötigsten gebaucht hätte. Und bei all dem feiert er die Lust am Eigensinn. Oder mit einem anderen Wort: die Freiheit.

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Salka Viertel erinnert sich an Europa in Hollywood

Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz
Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz

Für Greta Garbo hat sie Drehbücher geschrieben. Für die deutsche Exilgemeinde in Hollywood war sie Anlaufpunkt und für Künstler und Kreativität war Salka Viertel bereit alles zu geben. Ihr Leben hat sie in dem Band „Das unbelehrbare Herz – Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts“ aufgeschrieben.

Die „Andere Bibliothek“ hat das Buch mit einem wunderbar weichen Samteinband ausgestattet. Das Buch liegt wohlig in den Händen. Der Inhalt ist eine dieser unglaublichen Geschichten, wie sie im 20. Jahrhundert geschrieben wurden. Geboren wurde sie in der Habsburger Monarchie ganz im Osten. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Sambor polnisch, nach dem zweiten Weltkrieg dann ukrainisch – und somit sowjetisch. Aber da lebte sie nach vielen Stationen an Theatern in Wien, Düsseldorf, Dresden und Berlin schon lange in Hollywood. Ihren Mann, den Regisseur und Schriftsteller Berthold Viertel hatte es schon 1928 dorthin gezogen.

Die Viertels kannten von Albert Einstein bis Karl Kraus, von Lion Feuchtwanger bis Bertolt Brecht, von den Manns bis Walter Mehring, von Fritz Murnau bis Max Reinhardt, von Arnold Schönberg bis Schostakowitsch alles, was Rang und Namen hatte. Salka Viertels Buch ist davon ganz stark geprägt. Sie erzählt viele Geschichten von Begegnungen mit den Künstlern. Sie charakterisiert sie dabei und plaudert dabei angenehm unaufgeregt.

Aber genau das macht das Buch oft langatmig. Denn Salka Viertel erzählt ihr Leben sehr chronologisch. Dabei beachtet sie, dass auch wirklich alle wichtigen Namen genannt werden. Die Dramatik der Zeit geht dabei oft etwas unter. Obwohl sie schildert, wie sie es schaffte, ihre Mutter aus der Sowjetunion im Krieg in die USA zu holen, obwohl sie die Arbeit in den großen Filmstudios schildert. Aber all das geschieht in einem sehr gleichförmigen Tonfall.

Jede der vielen Geschichten ist lesenswert. Nur die Fülle erschlägt. Erstaunlich, dass eine Frau, deren Drehbücher nicht nur Greta Garbo schätzte, es nicht schaffte, das eigene Leben so zu komprimieren, dass eine packende Erzählung daraus wird. Immerhin geht es dabei um eine Jüdin vom Rande der Karpaten, der es gelang, Nationalsozialismus und Bolschewismus auszuweichen, um am Ende über den Eiferer Mc Carthy zu stolpern und in die Schweiz emigrieren zu müssen.

Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz – Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts. Eichborn

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„Da steht mein Haus“ – Die Erinnerungen Hans Keilsons

Hans Keilsons Erinnerungen
Hans Keilsons Erinnerungen

Er hat gerade noch erlebt, dass seine Erinnerungen erschienen sind. Dann ist Hans Keilson im Alter von 101 Jahren gestorben. „Da steht mein Haus“ hat der letzte deutsche Exilschriftsteller sein Buch genannt. In ihm gelingt Keilson das Kunststück 101 bewegte und bewegende Lebensjahre auf nur 140 Seiten zu komprimieren. Autobiografien sind gern sehr dick.

Der Zurückblickende schafft es oft nicht, die Fülle an Leben so zu sortieren, dass dem Leser nur das Wesentliche erzählt wird. Der Stolz, diese und jene Berühmtheit gekannt oder getroffen zu haben, erzeigt statt eines guten Lesetextes dann eher ein Nachschlagewerk, in dem das Personenregister das wichtigste ist.

Bei Hans Keilson ist das ganz anders. Er verdichtet wichtige Lebensabschnitte atmosphärisch und sprachlich so gekonnt, dass ganz konkrete Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Wenig erstaunlich ist es, dass der Arzt und Psychoanalytiker das so gut kann. Die Schulung seiner jahrzehntelangen Praxis liefert ihm das Werkzeug, sein eigenes Leben so zu analysieren, dass eine schlüssige Erzählung daraus wird. Die Mittel des großen Schriftstellers ermöglichen es ihm, das packend und vielschichtig zu machen.

Keilsons gelingt es seinen Werdegang vom jüdischen Schüler in den 20er-Jahren in Bad Freienwalde und das anschließende Studium in Berlin genauso knapp zu schildern wie den Weg ins Exil, das Leben im Untergrund und psychoanalytische Arbeit mit traumatisierten Kindern, die das KZ überlebten. Trotz des Leids, die Familie im KZ verloren zu haben, durchzieht sein Buch und sein Leben eine tiefe Güte. Und der Wunsch die Trauer und das Leid zu verstehen. Das Buch hat ihm dabei sicher geholfen. Den Lesern hilft es ebenfalls. Denn sie haben das letzte Erinnerungsbuch eines Überlebenden des Exils gelesen.

Mehr von Hans Keilson:
„Ich lebe als Sieger und Besiegter“ – Interview zum 100. Geburtstag
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Hans Keilson ist tot – Kurzer Nachruf
Hans Keilsons Jahrhundert ist vorbei – MOZ-Nachruf
„Da steht mein Haus“ – Die Erinnerungen Hans Keilsons – Eine kurze Autobiografie
Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe – Sonette für Hanna