Christhard Läpple schreibt ein Dorf-Porträt des Nachwende-Ostens

Christhard Läpple: So viel Anfang war nieChristhard Läpple hat sich in ein Dorf in Brandenburg verliebt. In seinem Buch nennt er es Herzdorf, doch tatsächlich handelt es sich um Netzeband im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Hier hat sich der ZDF-Journalist vor 20 Jahren ein Haus gekauft. Und hier hat Läpple in einem Mikrokosmos erlebt, wie radikal der Bruch zwischen DDR und vereinigter Bundesrepublik war. Sein Buch handelt genau davon. Vom Aufbruch, von Widerständen, vom Scheitern und dem Wandel. „Christhard Läpple schreibt ein Dorf-Porträt des Nachwende-Ostens“ weiterlesen

Marco Lodoli zeigt uns ein erstaunliches Rom

Marco Lodoli: Unter dem blauen Himmel RomsMarco Lodoli genießt ein ganz besonderes Privileg. Er darf in einer Tageszeitung literarische Streifzüge durch seine Stadt schreiben. Seine Kolumne widersetzt sich zwar so ziemlich allem, was heute von Zeitungstexten verlangt wird. Dennoch hält La Repubblica daran fest. Die Sätze sind verschlungen. Die Geschichten erzählen keine Sensationen. Konjunktive sind erlaubt. Und dennoch werden die Texte gelesen. In der Zeitung und als Buch. Bei dtv ist jetzt der zweite Teil von Marco Lodolis Streifzügen durch Rom erschienen.

Ein echter Römer kann viel aus seiner Stadt erzählen. Noch dazu, wenn er eine sensible Auffassungsgabe hat. Dann kann er nicht nur in stille Museen führen, an denen die Touristenströme garantiert vorbeiführen, obwohl hier die Baugeschichte Roms wunderbar anschaulich dargestellt wird. Lodoli erkennt auch die Veränderungen in den einzelnen Stadtteilen, in Kiezen und rund um bestimmte Plätze. Da wird aus einer Kolumne schnell eine kleine Sozial-Reportage, eine historische Erzählung oder eine kunstvolle Miniatur.

Alles zusammen ist eine fesselnde Vorbereitung auf eine Reise nach Rom. Lodoli teilt interessante Tipps, ohne diese als solche vorzustellen. Aber wer sich auf die Texte einlässt, findet sie reihenweise. Und er reist in eine lebendige Stadt, nicht in ein Museum, in dem auch noch Menschen wohnen. Genau diese Mischung lohnt den Blick in „Unter dem blauen Himmel Roms“.

Richard Swartz erzählt die Geschichte seiner kroatischen Familie

Richard Swartz: Blut, Boden & GeldDie Bücher von Richard Swartz bewegen sich immer zwischen Journalismus und Literatur. Das Verbindende ist stets die Leidenschaft für die Reportage. Der schwedische Journalist, der seit Jahrzehnten aus Südosteuropa berichtet hat sich für sein neues Buch die Familiengeschichte seiner kroatischen Frau vorgenommen. Und die ist in dieser Region der Multinationalität höchst komplex. Sie reicht vom Partisanen über die Halbitalienerin bis hin zu einer Kroatin, die sich auch in Zeiten der Jugoslawienkriege weigert, Nationalistin zu sein. Ein Buch also, das dem Leser Kroatien sehr nahe bringt.

Zusammen mit seiner Frau lebt Richard Swartz auch in einem Dorf in Istrien. Sie ist Kroatin und Journalistin wie er. Ihr Vater war Partisan und in der Folge im Jugoslawien Titos Oberst und später Geschäftsführer. Seinen sozialen Aufstieg hat er dem Kampf gegen die Besatzung durch die Nationalsozialisten zu verdanken. Sein Leben war Teil des Vielvölkerstaates. Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo waren für ihn nicht nationalistisch besetzt. Und der Kommunismus war sein Glaube, der das ermöglichte.

Seine Frau stammt von einer kroatischen Insel, auf der die Bevölkerung immer Italienisch und Kroatisch sprach. Der Wechsel zwischen den Sprachen und den Nationalitäten war immer möglich. Das Verbindende blieb der katholische Glaube. Und mit dem Alter, nach dem Tod des Mannes und dem Zerfall Jugoslawiens, wird das Bekenntnis und das Verwischen der Identität wieder stärker. Ihre Tochter schließlich, die Frau Richard Swartz‘, hat sich im kroatisch-serbischen Krieges gegen die nationalistische Aufwallung gestemmt. Dafür wurde sie von Freunden und Bekannten geschnitten. Das Nationale war das Bestimmende.

Richard Swartz schaut auf all diese Entwicklung ohne einen einfachen Blick, der sich einfacher Schubladen bedient. Er spürt vielmehr all den lange währenden Traditionen nach, die unter den nationalen Oberflächen nachhaltig wirken. In Istrien mussten sich zum Beispiel viele Menschen entscheiden, ob sie Kraoten, Slowenen oder Italiener sein wollten. Und das, obwohl sie eigene Dialekte sprachen, im Dorf in Gemeinschaft lebten. Die Idee der Nation zerstörte all das. Und dennoch leben die Traditionen fort, leben nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt Sloweniens und Kroatiens wieder auf. Aber die Wunden, die der Zerfallskrieg geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. All das erzählt der Schwede Swartz anhand der Familie seiner Frau. Und weil es eine Familiengeschichte ist, kommt er ohne jede Art von Diffamierung aus. Das macht den Text so stark. Und zeigt uns, wie großartig die europäische Idee ist.

Richard Swartz: Blut, Boden & Geld – Eine kroatische Familiengeschichte. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder; S. Fischer, 19,99 Euro.

Stephan Wackwitz erkundet den Kaukasus

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der WeltStephan Wackwitz ist ja nicht nur mit einem Roman über die Goethe-Institute – „Walkers Gleichung“ – bekannt geworden. Er arbeitete auch für den Vermittler deutscher Kultur im Ausland. Unter anderem in Krakau, New York und Tiflis. All diese Stationen hat er literarisch verarbeitet. „Die vergessene Mitte der Welt“ ist eine hervorragende Sammlung von Essais über den Kaukasus, die in seiner Zeit in Tiflis entstanden ist. Unter anderem hat er 2012 dort einen friedlichen Machtwechsel erlebt, der nur durch den Druck der demokratischen, westlichen Kräfte auf der Straße stattfinden konnte. Sämtliche Texte sind zwischen 2011 und 2013 entstanden.

Wackwitz gehört zu den großen deutschsprachigen Essayisten, die uns die Welt näher bringen, die früher durch den eisernen Vorhang getrennt war. Und die für den Großteil der Menschen in Westeuropa noch immer nicht wirklich interessant ist. Nach einer aktuellen Umfrage waren zum Beispiel nur 30 Prozent der Deutschen schon einmal in Polen, dem immerhin zweitgrößten Nachbarland. Und von diesen 30 Prozent kommt der größte Teil aus dem Osten Deutschlands. Umso wichtiger sind die Texte von Wackwitz oder zum Beispiel Karl Markus Gauß. Denn sie nehmen den Leser bei ihren Reisen in der Gegenwart auf eine unaufdringliche Entdeckung in die europäische Vergangenheit mit. Und machen so anschaulich, welche Entwicklungen das Jetzt bewegen und teilweise sogar bestimmen.

In „Die vergessene Mitte der Welt“ wird das besonders anschaulich. Georgien, Aserbaidschan und Armenien wirken die vielen Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft nach. Da die drei Länder unterschiedliche Traditionen haben – Aserbaidschan ist muslimisch geprägt, Georgien und Armenien unterschiedlich christlich – hat sich dort die Dominanz Moskaus aber auch verschieden ausgewirkt. Georgien beispielsweise distanziert sich sehr stark von der imperialen Macht, die 2008 sogar Krieg gegen das kleine Land führte. Aber es gibt nach wie vor auch Stolz darauf, dass Stalin einer der ihren war. Wackwitz nähert sich solchen Aspekten als wissender Flaneur an. Er bereist das Land, spricht mit den Menschen und reflektiert die historische Substanz von Bauwerken, Städteplanung und Bushaltestellen, um den Geist zu destillieren, in dem all dies entstand. Und um zu zeigen, mit welchem Geist heute damit umgegangen wird und wie verschieden die postsowjetischen Transformationsprozesse vonstatten gehen.

Das lässt sich nicht nur gut lesen. Es ist tatsächlich auch spannend. Etwa wenn er von den Menschen in Tiflis erzählt, die sich gegen Korruption und Vetternwirtschaft wehren. Oder wenn er verdeutlicht, welche Traditionsstränge helfen den Nachhall sowjetischen Denkens zu überwinden. All das ist klug erzählt ohne auch nur den Anschein von Überheblichkeit zu erzeugen. Wackwitz ist ein Mensch, der mit Empathie durch die Gassen und über die Treppen von Tiflis geht. Genau deshalb sieht er viele Dinge, die anderen verborgen blieben.

Wer das erst vor zwei Jahren erschienene Buch jetzt kaufen will, hat ein Problem. Es ist vergriffen. Und offenbar denkt der S. Fischer Verlag, dass sich Bücher über den Osten Europas nicht so gut verkaufen lassen. Eine neue Auflage ist nicht angekündigt. Es bleibt nur der Download des Ebooks oder die Hoffnung, dass sich das Buch im Antiquariat auftreiben lässt.

Die Reportagen von Albert Londres verblüffen durch Aktualität

Albert Londres: Ein Reporter und nichts als das
Albert Londres: Ein Reporter und nichts als das

Albert Londres kannte ich bislang nicht. Dass er ein großer französischer Journalist in den Zwischenkriegsjahren war, wusste ich nicht. Aber jetzt habe ich „Ein Reporter und nichts als das“ gelesen. „Die Andere Bibliothek“ hat wieder einmal Texte zugänglich gemacht, die in Deutschland bislang nicht verfügbar waren. Drei Bücher haben Christian Döring als Herausgeber und Linda Vogt als Lektorin in einem Band zusammengefasst. Und alle drei sind Reportagen von großer Klarheit.

„China aus den Fugen“ ist im Mai 1922 erschienen und schildert die Situation zehn Jahre nach der Abdankung des letzten Kaisers. „Ahashver ist angekommen“ ist eine Reise durch das jüdische Leben in Westeuropa, den Ghettos Osteuropas und im Palästina der Zionisten in den Jahren 1929 und 1930. Und „Perlenfischer“ ist das Ergebnis einer Recherche zwischen dem Golf von Oman und dem Golf von Aden im Jahr 1931. Jedes dieser Bücher ist ein erstaunlicher Reportageband. In ihrer Fülle sind sie ein fulminantes Zeugnis davon, was dieses Genre kann.

Das wird vor allem bei „Ahashver ist angekommen“ deutlich. Londres beginnt in London, sich auf die Suche nach dem Leben und dem Denken der Juden zu machen. Er lernt die reichen und die armen Juden kennen. Er besucht Talmud-Schulen und spricht mit Zionisten, die eine jüdische Zukunft nur in Palästina sehen. Von dort macht sich Londres auf den Weg über Westeuropa ins östliche Mitteleuropa, in die Tschechoslowakei, nach Polen und Russland. Er erlebt die kaum vorstellbare Armut der Juden in den Karpaten oder dem Lemberger Ghetto. Er reist zusammen mit Menschen, die sieben Sprachen fließend sprechen, aber es nicht schaffen sich aus den furchtbaren Zuständen ihrer Heimatorte zu befreien. Er lernt Wunderrabbis kennen und überall sieht er Fotografien von Theodor Herzl, dem Begründer des Zionismus. Londres erfährt, was die Juden Europas bewegt, wie unterschiedlich sie denken – und wie antisemitisch die Gesetzgebung Polens war, wie diskriminierend Tschechen, Slowaken, Rumänen, Ukrainer oder Russen mit der Minderheit in ihrer Mitte umgingen. Londres hört überlebenden der Pogrome in Russland zu. Und so versteht er immer besser, warum sich ein Teil der Juden in den tiefen Glauben flüchtete und ein anderer sein Heil in der Auswanderung ins Land der Vorväter in Palästina suchte.

Wer diese Reportage heute, nach der Shoa, liest, erschrickt zwangsläufig. Nicht nur, weil hier eine Welt auflebt, die durch die Mordmaschinerie der Nazis vernichtet wurde. Nein, man erschrickt auch, weil der Hass auf die Juden als ein europäisches Phänomen geschildert wird. Denn das diskriminiert werden, ja das ermordet werden, gehörte für die Juden auch in den 21 Jahren zwischen 1. und 2. Weltkrieg zum Alltag.

Sein Besuch im englischen Mandatsgebiet, in dem sich die Zionisten niederlassen durften, ist ebenfalls von einer ungeheuren Hellsichtigkeit. Londres beschreibt die Konflikte mit den Arabern, er schildert auch dort einen Pogrom gegen die Juden – und er beobachtet verblüfft, wie sie die jüdischen Einwanderer in den Dienst des Aufbaus eines jüdischen Staats stellten, ohne auf die einstige Stellung in Europa zurückzublicken. Wer etwas über das Entstehen des Nahost-Konflikts erfahren will, ist hier richtig. Denn Londres zeichnet bei seiner Reportage aus den Jahren 1929 und 1930 genau die Konfliktlinien nach, die noch heute entscheidend sind. Und er erfasst die Mentalität eines Volkes, das sich aus der Diskriminierung und Verfolgung befreit, um den eigenen Staat zu schaffen. Londres schafft es dabei, immer Distanz zu wahren. Ihn begeistern der Wille und die Zielstrebigkeit. Aber er versteht auch die Araber. Er nimmt keine Partei, sondern schafft es nur Kraft seiner Beobachtung und seiner klaren und prägnanten Stils, aufzuklären. Ein Meisterwerk eben.

Martin Prinz erwandert sich die bäuerliche Kultur der Alpen

2500 Kilometer quer durch die Alpen. Auf den Weg von Triest in Italien nach Monaco hat sich der österreichische Journalist Martin Prinz gemacht. Zu Fuß wollte er nicht nur seine körperlichen Grenzen kennenlernen, sondern vor allem auch die unserer Lebensweise. Der Alpenraum ist eine von Menschen belebte und geformte Kulturlandschaft. Das betrifft natürlich nicht die Gipfel und Gletscher.

Aber die Bergwiesen und Almen, die jeder Tourist mit den Alpen in Verbindung bringt, gibt es nur, weil Menschen seit Jahrhunderten Landwirtschaft betreiben. Der Rückgang der bäuerlichen Kultur birgt die Gefahr, dass sich die Alpen insgesamt verändern. Insofern war die Wanderung in 161 Tagen mehr als eine Suche nach dem eigenen ich. Für Prinz war der lange Weg vor allem eine Recherchereise, bei der die Langsamkeit der Fortbewegung erste die Erkenntnis beförderte.

Denn egal ob in Italien, Slowenien, Österreich, Deutschland, der Schweiz oder Frankreich, überall entdeckte Prinz eine ähnliche Struktur der einstigen bäuerlichen Landwirtschaft – und dieselben Folgen deren Rückgangs. Denn da, wo heute Städter die ehemaligen Bauernhöfe als Wochenendhaus nutzen, werden aus ehemaligen Weiden wieder Wälder. Damit verändert sich nicht nur das Landschaftsbild, es verschiebt sich die gesamte ökologische Struktur. Und mit dem Rückgang der bäuerlichen Eingriffe wachsen auch die Gefahren von Lawinen und Muren. Denn die Bauern sichern das Land nicht mehr. Eine Aufgabe, die von den Wochenendpendlern auch nicht übernommen wird. Martin Prinz gelingt es in seinem Buch diese Zusammenhänge sehr anschaulich darzustellen. Wesentliches Stilmittel dabei sind seine Schilderungen des Laufens, Kletterns und Ausruhens.

Er nimmt den Leser auf die Wanderung mit, lässt ihn die Strapazen und Gefahren erleben. Dadurch werden die Eindrücke unmittelbarer und die Schlussfolgerungen zum Thema Natur und Mensch plausibler. Lediglich der dritte Erzählstrang ist mitunter nervig. Die Trennung von der Mutter seines Kindes und das Finden einer neuen Liebe mag für Prinz ein bedeutender Teil der langen reise sein. Für den Leser ist das aber unerheblich. Dieser lange Weg zu ihm selbst nimmt dutzende Seiten ein, die gern hätten gestrichen werden können. Sie blähen das ansonsten gut und informativ geschriebene Buch auf und schmälern gleichzeitig die Leselust.

MOZ-Rezension…

Martin Pollack findet den Kaiser von Amerika

Martin Pollack hat sich einen Namen mit ausführlichen historischen Reportagen gemacht, die den Wahnsinn des Nationalismus im multikulturellen Österreich und den Nachfolgestaaten der Doppel-Monarchie hatten. Auch sein neues Buch beschreibt ein historisches Phänomen. Im „Kaiser von Amerika“ nimmt er sich der Auswandererbewegung galizischer Juden im späten 19. Jahrhundert an.

Pollack zeigt den Lesern eine vergangene Welt. Und dennoch denkt man bei jeder Seite an die Gegenwart. Nur dass die USA von damals die EU von heute ist. Und dass die Schleuser nicht mehr mit Schiffspassagen nach New York locken, sondern mit der Einreise in die Festung Europa. Anhand eines Prozesses, bei dem Beamte, Schiffsagenten, Frauenhändler und viele weitere verurteilt wurden, drängen sich die Parallelen ständig auf. Pollacks Kunst ist es, nie auch nur einen Hauch von Aktualität in seinen Text einfließen zu lassen. Das hat er gar nicht nötig.

Richtig erschütternd sind die Passagen, in denen er über die Grenzstadt Auschwitz und den dazugehörigen Bahnhof Birkenau schreibt. Die von ihm aus Akten und Zeitungsberichten ausgewählten Zitate klingen stets wie die Ankündigung der Vernichtungstransporte der Nationalsozialisten.