Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit

Thea Dorn: Die UnglückseligenWissenschaft ist kein großes literarisches Thema. Allenfalls in Science Fiction spielt sie eine bedeutende Rolle. Aber sonst? Wissenschaftler als Figuren gibt es häufiger, aber die Auseinandersetzung mit der Forschung der Gegenwart scheuen die Schriftsteller. Umso erstaunlicher – und erfreulicher – ist der aktuelle Roman von Thea Dorn, „Die Unglückseligen“. Das sind Johanna, eine energische Genforscherin, die auf der Suche nach der Unsterblichkeit ist. Und Johann, ein Physiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der aufgrund eines Gen-Defekts jede Art von Verletzung in kürzester Zeit auskuriert. Außerdem altert er seit Mitte 30 nicht mehr. Johanna lernt den Deutschen bei einem Forschungsaufenthalt in den USA kennen. Von Anfang an fühlt sie sich zu diesem Mann hingezogen. Warum weiß sie nicht. Ab dass er besonders ist, weiß sie. „Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit“ weiterlesen

Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner

de-bruynKeiner schreibt über Preußen wie Günter de Bruyn. Seine Bücher bilden immer märkische Geschichte ab. Das gilt auch für „Sünder und Heiliger“, in dem de Bruyn „das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner“ – so der Untertitel – nachzeichnet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist die literarische Biografie soeben erschienen.

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Penderecki über seine Bäume, seine Musik und Deutschland

Krzystof Penderecki
Krzystof Penderecki

Krzysztof Penderecki, Sie erhalten den Viadrina-Preis für deutsch-polnische Verständigung. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für einen Mann, der schon so viele Ehrungen erhalten hat? Der Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Mitglied der Akademie der schönen Künste Bayerns ist, der in den USA, in China ausgezeichnet worden ist. Was bedeutet so ein Preis aus Frankfurt (Oder)?

Sehr viel. Ich habe mich das ganze Leben um Verständigung zwischen Polen und Deutschland bemüht. Ich habe vier Jahre in Deutschland gelebt. Ich habe, vielleicht, viele hundert Konzerte dort gehabt. Aber was wichtiger ist: Fast die Hälfte meiner Konzerte ist für deutsche Auftraggeber geschrieben worden.

Es ist sehr interessant, dass ein Mann, der 1933 in Ostpolen geboren wurde, der den zweiten Weltkrieg, der die Schrecken des Krieges auch in der eigenen Familie erlebt hat, ausgerechnet Deutsch lernte.

Mein Großvater war ein Deutscher. Er hat mit mir, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern, vor dem Kriege Deutsch gesprochen. Aber als die Deutschen kamen, wollte er plötzlich kein Wort Deutsch mehr sprechen. Ich habe dann alles verlernt. Aber ich dachte dann, dass man das überwinden muss. Man kann nicht das ganze Leben nur vom Hass leben. Als ich nach Deutschland kam, habe ich dann ganz viele positive Deutsche kennengelernt.

Sie waren Anfang 30, als Sie 1966 nach Essen kamen. Dort hatten Sie einen Lehrauftrag für Komposition an der Folkwang-Hochschule für Musik. Wie war es für Sie als jungem Polen ins Land der Täter zu kommen?

In Polen war es in den 50er- und 60er-Jahren sehr schwer zu leben. Man durfte nicht reisen und war vom westlichen Teil Europas total abgeschlossen. Ich wollte unbedingt für einige Zeit weg. Als ich diesen Lehrauftrag aus Essen bekam, akzeptierte ich sofort. Für meine Frau und mich war das eine freie, neue Welt. Im Grunde genommen habe ich sehr schnell vergessen, was zwischen Deutschen und Polen geschehen ist. Vor allem, weil ich viele, sehr positive Menschen kennenlernte. Ich war sehr dankbar für die Hilfe. Meine Frau und ich haben versucht etwas für die deutsch-polnischen Beziehungen zu machen.

Ende der 60er-Jahren waren Sie dann dank des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in West-Berlin. Sie waren wieder in der Bundesrepublik und nicht in der DDR. Es hätte doch näher gelegen, dass ein polnischer Komponist in den sozialistischen Bruderstaat DDR geht.

Wissen Sie, in der DDR war Avantgarde noch massiver verboten als in Polen.  Avantgarde war in Polen bis Mitte der 60er-Jahre verboten. Aber in der DDR war sie total verboten und sie wurde nicht gespielt. Meine Werke waren in der DDR anfangs verboten. Deshalb bin ich dort nicht hingegangen.

Als Avantgardist haben Sie mit allen Traditionen gebrochen. Sie haben ganz neue Töne versucht zu finden und gefunden. Dann ist die Avantgarde in den Hintergrund getreten und Sie haben sich wieder verstärkt einer zugänglicheren Musik zugewandt. Was war dafür der Grund?

Ich glaube, alles was ich zu sagen hatte, hatte ich schon gesagt. In den 60er-Jahren habe ich mehrere Werke geschrieben. Ich glaube, was ich damals geschrieben habe, war schon Musik, die man damals nicht weiterentwickeln konnte. Ich habe in kurzer Zeit 20 Werke geschrieben und wollte mich nicht wiederholen.

Diese Werke setzten sich mit großen Stoffen auseinander. Sie haben sich mit den Opfern von Hiroshima auseinandergesetzt. Sie haben über die Opfer von Auschwitz geschrieben, später dann über den 11. September. Das sind alles historische Tragödien. Aber es gibt kein Stück über den Fall der Mauer, den Niedergang des Ostblocks, obwohl sie selbst von dort kommen.

Nein, ich wollte keine Musik schreiben, die für jede Tragödie, jede Veränderung wie dem Fall der Mauer zu verwenden ist. Ich habe aus großer Überzeugung Werke wie die über die Opfer von Hiroshima und Auschwitz geschrieben. Aber ich schreibe keine Chronik. Es sind Themen, die mich packen. Ich habe ein Stück geschrieben, das polnische Requiem. Das reicht.

Sie leben in Krakau vor den Toren der Stadt und gehen einem interessanten Hobby nach: Sie sammeln Bäume. Wie kommt man darauf Bäume zu sammeln? Und wir reden hier nicht von zwei oder drei Bäumen, sondern von  1700 unterschiedlichen Baumarten, die schon auf ihrem Land gepflanzt wurden!

Das wurde eigentlich mein zweiter Beruf. Angefangen hat es mit meinem Großvater. Bei ihm musste ich alle Bäume auf Latein benennen, was ich damals nicht wollte. Er hatte eine Liebe zu den Bäumen, die ich erbte. Vielleicht ist es genetisch bedingt. Sein Vater, mein Urgroßvater war Förster. Vor mehr als 40 Jahren habe ich ein Stück Land gekauft und sofort Bäume gepflanzt, bis kein Platz mehr war. Dann habe ich weiteres Land gekauft und noch mehr Bäume gepflanzt.

War das Zufall oder folgen Sie einem Plan?

Ich habe viele Bücher studiert und daraus habe ich einen Plan für meinen Park entwickelt. Jetzt sind 1700 Arten, oder auch mehr, auf 30 Hektarn gepflanzt. Ich pflanze jedes Jahr 50 bis 100 Arten. Ich suche diese Arten in aller Welt. Früher habe ich sie geschmuggelt. Heute sind diese Bäume 20 Meter hoch. Das ist eine Passion, die man nicht erklären kann.  Der eine sammelt Briefmarken und der andere Bäume. Das ist schon eine Verrücktheit.

Den Bäumen wird diese Liebe zum Wald nachgesagt. Ihre achte Sinfonie beschäftigt sich mit der Romantik. Ist da eine Ader in Ihnen, die mit Bäumen ausgelebt wurde und jetzt verstärkt in der Politik?

Ja, die achte Sinfonie wurde eigentlich für meine Bäume geschrieben. Da ich vor allem in der deutschen Literatur viele wunderbare Dichter fand, die über Natur und Naturphilosophie schreiben, Rilke und Goethe und viele andere. Das hat mich fasziniert. Das Stück ist jetzt etwas länger als eine Stunde. Aber vielleicht werde ich es noch verlängern.

Gibt es etwas, worauf Sie ich freuen, wenn Sie nach Frankfurt (Oder) kommen?

Das ist die Geschichte dieser Universität, die im frühen 16. Jahrhundert gegründet wurde. Schon damals studierten viele Ausländer, vor allem Polen, aber auch Dänen und Schweden. Das ist ein besonderer Ort.  Es freut mich, dass ich dort einen Preis bekomme.

Mehr dazu:
Das Interview zum Hören steht in der rbb-Mediathek…
Mein erster Eindruck vom Besuch bei Krzysztof Penderecki…

Von der wärmenden Kraft des Kitsches

Bahnromatik in Erkner
Bahnromatik in Erkner

Wenn die Sonne rot untergeht, wärmt sie das Herz. Der Kitsch taucht selbst tägliche Pendelstrecken in eine wärmende und versöhnliche Stimmung.

Verkehrsinsel in rotem Licht.
Verkehrsinsel in rotem Licht.

Selbst Werbetafeln, Verlehrsinseln und Telekom-Logos verschwimmen in Gefühlsseligkeit. Erkner wird zu einem Ort der Sehnscht, weil der Sonnenuntergang eine spezielle Schönheit erzeugt.

 Blick auf den Dämmeritzsee
Blick auf den Dämmeritzsee

Blickt das Auge auf Wasser, das die Wohlfühlsonne noch kräftiger spiegelt, macht das Herz einen Sprung. Ein Sich-Entziehen ist nicht mehr möglich. Egal wie der Gefühlshaushalt bestückt ist, der Blick sorgt für eine Besserung zu gut oder gar euphorisch.

Blick in den Oder-Spree-Kanal von der Schleuse Wernsdorf.
Blick in den Oder-Spree-Kanal von der Schleuse Wernsdorf.

Aber warum? Warum kann so ein Blick die Rationalität der Gedanken überlagern? Warum ist es nicht möglich, sich diesem Kitsch zu entziehen? Antworten auf diese Fragen gern als Kommentar auf dieser Seite…

Tocotronic lebt auf Kriegsfuß mit der Romantik

„Schall und Wahn“ heißt das neue Album von Tocotronic. Die CD der Band der Hamburger Schule und des deutschen Diskursrock erscheint am Freitag. Andreas Oppermann hat mit Texter, Gitarrist und Sänger Dirk von Lowtzow über Rock, Romantik und die Entstehung des Albums gesprochen.

Dirk, William Faulkner stand beim neuen Album mit seinem Roman „Schall und Wahn“ offenbar Pate.

Dirk von Lowtzow: Das ist ein Titel, der uns gut gefallen hat. Er spielt aber keine große Rolle.

Warum erzeugt Ihr Bezüge, wenn sie nicht wichtig sind?

Es geht eher um die Geste der Aneignung, als um das Buch. Der Titel ist einfach gut.

Dennoch gibt es Bezüge. In „Schall und Wahn“ ist eine erzählende Figur depressiv und geisteskrank. Viele Eurer Texte wirken ebenfalls depressiv.

Nein, das Album ist ja keine Romanvertonung. Es geht uns einfach um den Titel und den Prozess der Aneignung. Dabei finde ich Wahllosigkeit interessanter als offensichtliche Bezüge. Schon Faulkner hat den Titel von Shakespeare geklaut.

Im Gegensatz zu den Vorgängern ist Eure Aneignung ironiefrei.

Wenn man „Schall und Wahn“ zum Albumtitel macht, dann wird er in erster Linie Musik.

Die musikalische Bandbreite reicht von Streicherteppichen bis zu hartem Rock.

Die Klammer ist eigentlich der Sound, also der Schall. Das Album ist in gut zehn Tagen live eingespielt worden. Den Aufnahmen liegt der Versuch zugrunde, den Raum des Studios auf die interessanteste Art abzubilden. Und so den Schall zu Ehren kommen zu lassen.

Die Songs sind aber alles andere als homogen.

Für uns war es interessant, innerhalb dieser Klammer in die Extreme zu gehen. Vom folkigen Stück mit Streichern „Im Zweifel“ zum Hardcore-Song „Das Schloss“ oder dem Klassik-Rock-Song „Die Folter endet nie“. Die Klammer des gemeinsamen Klangs erzeugt eine Auffassung von Räumlichkeit.

Habt Ihr mit echten Streichern aufgenommen?

Ja, aber sie haben nicht live mit uns gespielt. Das wäre nicht gegangen. Die Band ist zu laut und die Streicher zu leise.

Wie entstehen die Ideen für die Instrumentierung innerhalb eines solchen Sound-Spektrums? Vor oder nach den Texten?

Man hat Wunschvorstellungen bestimmte Stücke mit anderen Instrumenten über das klassische Rockquartett hinaus zu erweitern. Dafür haben wir zum Beispiel von einer befreundeten Band einen Bläsersatz schreiben lassen. Bei drei weiteren Stücken war der Wunsch da, Streicherarrangements zu haben. Das ist ja auch nicht total ausgefallen. Der Einsatz solcher Elemente hat sich eher nach der Komposition gerichtet und nicht unbedingt nach dem Inhalt. Auch dabei geht es um die Vorstellung, wie sich so ein Stück musikalisch entwickeln kann.

Das Lied „Eure Liebe tötet mich“ klingt nach depressiver Selbstzerstörung.

Ausgehend von Oscar Wildes Satz „Jeder tötet, was er liebt“ versuchen wir eine Konzeption von Liebe zu entwerfen, die etwas Zerstörerisches an sich hat. Wenn es die Gesellschaft vermag, durch Liebe Menschen zu formen und zu domestizieren, dann geht es um die zerstörerische und gefährliche Seite, das Suchtpotenzial der Liebe.

Hat die Sehnsucht nach dem Tod für Euch etwas Romantisches?

So ist das nicht gedacht. Die Konzepte der Ich-Auflösung, Vielheit, des Wahns, der Verrücktheit oder Schizophrenie sind nicht romantisch. Wir betrachten Liebe analytisch. Sie wird hier nicht als erlösende Kraft vorgestellt. Mit dem Zustand von romantisch wäre ich vorsichtig, weil ich dabei an eine gewisse Sentimentalität denke. Das ist eigentlich etwas, womit wir auf Kriegsfuß stehen.

Das Album kommt quasi zum Start einer Schwarz-Gelben Regierung heraus.

Die Songs sind 2008 entstanden. 2009 haben wir die Stücke arrangiert. Wenn es einen Zeitbezug zur Gegenwart gibt, ist er prophetisch.

Das wäre Euch nicht unrecht?

Als Texter würde ich nie auf eine Regierungsbildung reagieren. Aber wenn Texte diagnostisch, prophetisch oder reflexiv in den Zusammenhang passen, dann ist das oft das Beste.

Einer dieser Kommentare ist der Song „Stürmt das Schloss“. Der Aufruf zur Revolte hat aber etwas Romantisches.

Das ist nicht romantisch im Sinne von schwärmerisch. Das Album ist sehr analytisch oder diagnostisch. Es geht um eine eigene Beschädigung.

Tocotronic: „Schall und Wahn“, erscheint am Freitag bei Universal

MOZ-Interview…