Richard Swartz erzählt die Geschichte seiner kroatischen Familie

Richard Swartz: Blut, Boden & GeldDie Bücher von Richard Swartz bewegen sich immer zwischen Journalismus und Literatur. Das Verbindende ist stets die Leidenschaft für die Reportage. Der schwedische Journalist, der seit Jahrzehnten aus Südosteuropa berichtet hat sich für sein neues Buch die Familiengeschichte seiner kroatischen Frau vorgenommen. Und die ist in dieser Region der Multinationalität höchst komplex. Sie reicht vom Partisanen über die Halbitalienerin bis hin zu einer Kroatin, die sich auch in Zeiten der Jugoslawienkriege weigert, Nationalistin zu sein. Ein Buch also, das dem Leser Kroatien sehr nahe bringt.

Zusammen mit seiner Frau lebt Richard Swartz auch in einem Dorf in Istrien. Sie ist Kroatin und Journalistin wie er. Ihr Vater war Partisan und in der Folge im Jugoslawien Titos Oberst und später Geschäftsführer. Seinen sozialen Aufstieg hat er dem Kampf gegen die Besatzung durch die Nationalsozialisten zu verdanken. Sein Leben war Teil des Vielvölkerstaates. Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo waren für ihn nicht nationalistisch besetzt. Und der Kommunismus war sein Glaube, der das ermöglichte.

Seine Frau stammt von einer kroatischen Insel, auf der die Bevölkerung immer Italienisch und Kroatisch sprach. Der Wechsel zwischen den Sprachen und den Nationalitäten war immer möglich. Das Verbindende blieb der katholische Glaube. Und mit dem Alter, nach dem Tod des Mannes und dem Zerfall Jugoslawiens, wird das Bekenntnis und das Verwischen der Identität wieder stärker. Ihre Tochter schließlich, die Frau Richard Swartz‘, hat sich im kroatisch-serbischen Krieges gegen die nationalistische Aufwallung gestemmt. Dafür wurde sie von Freunden und Bekannten geschnitten. Das Nationale war das Bestimmende.

Richard Swartz schaut auf all diese Entwicklung ohne einen einfachen Blick, der sich einfacher Schubladen bedient. Er spürt vielmehr all den lange währenden Traditionen nach, die unter den nationalen Oberflächen nachhaltig wirken. In Istrien mussten sich zum Beispiel viele Menschen entscheiden, ob sie Kraoten, Slowenen oder Italiener sein wollten. Und das, obwohl sie eigene Dialekte sprachen, im Dorf in Gemeinschaft lebten. Die Idee der Nation zerstörte all das. Und dennoch leben die Traditionen fort, leben nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt Sloweniens und Kroatiens wieder auf. Aber die Wunden, die der Zerfallskrieg geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. All das erzählt der Schwede Swartz anhand der Familie seiner Frau. Und weil es eine Familiengeschichte ist, kommt er ohne jede Art von Diffamierung aus. Das macht den Text so stark. Und zeigt uns, wie großartig die europäische Idee ist.

Richard Swartz: Blut, Boden & Geld – Eine kroatische Familiengeschichte. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder; S. Fischer, 19,99 Euro.

Blindlings führt Claudio Magris in die Abgründe des 20. Jahrhunderts

Claudio Magris: Blindlings
Claudio Magris: Blindlings

Dieser Monolog über mehr als 400 Seiten ist Buchstabe für Buchstabe Atem raubend. Die Erinnerung von Salvatore Cippico, dem Sohn eigenes italienischen Australienauswanderers und einer tansanischen Mutter, der die großen Kämpfe zwischen Faschismus und Kommunismus als treuer und moskauhöriger Genosse des 20. Jahrhunderts kämpfte, ist ein Selbstfindungs- und Erkenntnisprozess, der die großen politischen Ideen mit dem Leid des einzelnen Menschen konfrontiert und dieses auf jene zurückführt. „Blindlings“ von Claudio Magris macht sprach- und atemlos.

Zentraler Ort des Leids und des Verrats, den Cippico erlebt ist das jugoslawische KZ Titos auf der Todesinsel Goli Otok. Hier wird der Italiener gefoltert und misshandelt, weil sich Titos Kommunisten von Stalins Kommunisten lossagen. Cippico war mit tausenden italienischen Arbeitern aus Monfalcone bei Triest nach dem zweiten Weltkrieg nach Fiume/Rijeka gegangen, um in den Werften den Aufbau eines kommunistischen Staates zu unterstützen. Und das, obwohl Tito Zehntausende Italiener aus Istrien und Dalmatien vertrieben hatte. All diese historischen Umstände stimmen genauso wie der spanische Bürgerkrieg, die Deportation von Partisanen in deutsche KZ während der Besatzung. Was Magris daraus anhand seiner Figur formt ist eine historische Wahrheit, die bestürzt. Auch und vor allem, weil sie mit Aspekten und Leid konfrontiert, die in Deutschland, aber auch im Heimatland des Autors, in Italien, ausgeblendet werden, vergessen sind.

Der Monolog von Salvatore Cippico bewegt sich an der Grenzlinie von Wahnsinn und klarer Erinnerung. Angelesene Geschichten aus der Zeit der Besiedlung Tasmaniens verschwimmen mit eigenen Erinnerungen. Konstanten sind die Kerker und Gefängnisse und Arbeitslager und KZ. Aber auch der Glaube, egal ob im 19. Jahrhundert an Gott oder im 20. an die Partei. Und natürlich ist dieser Glaube blindlings, nicht nachdenkend, sondern antreibend – und immer gehorsam. So wird aus dem Gedankenstrom von Erinnerung, Erlebtem und Erdachtem ein literarisches Mahnmal gegen genau dieses Glauben an alles erklärende Ideologien.

Claudio Magris kommt aus, lehrt und schreibt in Triest. das Schicksal der Vertriebenen aus Istrien uns Dalmatien ist ihm sehr vertraut. Seine Frau Marissa Madieri ist als Kind Opfer dieser Umsiedlung Titos geworden. Dass Kommunisten, die sich als Vertreter einer Internationalen verstanden, diesen unmenschlichen Wahnsinn nicht nur mitmachten, sondern initiierten, arbeitet er mit den Mitteln der Literatur eindringlich heraus, ohne die Motive des einzelnen, einfachen Genossen zu diskreditieren. Ein unfassbarer Roman, der sich der Form des Schelmenromans bedient, sie aber in ihr Gegenteil verkehrt. Denn der Schelm lädt den Leser hier nie zum Lachen ein, sondern immer nur zum Verzweifeln und zum Frieren ob der Brutalität zu der Menschenfähig sind.