„Der Zusammenhang“ von Leonardo Sciascia ist ein Labyrinth

Als Leonardo Sciascia seinen „sizilianischen Kriminalroman“ „Der Zusammenhang“ 1971 veröffentlichte, war die Mafia noch alles andere als ein gängiger Stoff für Literatur und Film. Aber der Sizilianer Sciascia wusste, was die Ehrenwerte Gesellschaft war. Er kannte die Mechanismen, mit denen sich die Ehrenmänner Einfluss und Macht sicherten. Und er wusste, wie das Geschwür Mafia den Staat befiel und aussaugte. Stoff genug also für einen guten Krimi.

Aber wer das Buch heute liest, wird als Krimileser enttäuscht sein. Echte Spannung baut sich nicht auf. Schon sehr früh merkt der Leser, dass sich das Buch nicht im herkömmlichen Krimi-Muster bewegt. Zwar wird hier viel gemordet. Es gibt mit Inspektor Rogas einen eigenwilligen Ermittler. Und die Motive der Morde sind auch lange unklar. Aber dennoch geht es um viel mehr. Es geht um die Verquickung von Verbrechen und Macht. Es geht um die Ablenkung von den eigentlichen Tätern. Und es geht eben um jene, die mit keinem Wort erwähnt werden. Die Mafia. Und spätestens da ist das Buch deutlich mehr als ein herkömmlicher Krimi.

Mehr als 40 Jahre nach dem Erscheinen kommt zudem hinzu, dass das Zeitkolorit heute kaum noch nachzuvollziehen ist. Es sei denn, man kennt sich in der jüngeren italienischen Geschichte sehr gut aus. Das Aufkommen linker revolutionärer Bewegungen wie der lotta continua muss der Leser kennen, um die Analogien zu verstehen. Aber – und das macht „Der Zusammenhang“ auch heue noch so lesenswert – wer das alles nicht weiß, kann dennoch sein Lesevergnügen finden. Denn die Ermittlungen von Rogas sind wie ein Labyrinth angelegt. Wie in einer Parabel verliert sich der Leser in einer Welt, die für sich steht. Auch ohne historische Kenntnisse funktioniert Sciascias Roman, weil er beispielhaft für eine Welt korrumpierter Eliten steht. Und so ist der Roman heute noch immer fesselnd. Aber eben weniger als Krimi, sondern mehr als Parabel auf eine Welt, wie wir sie heute eher in der Türkei, in Russland oder Venezuela verorten würden. Dort ist es dann auch nicht die Mafia, sondern jeweils andere Kräfte, Organisationen, die mit Gewalt und Mord Einfluss gewinnen. Und von den Eliten genutzt werden. „Der Zusammenhang“ ist also ein Buch, das sich nach wie vor lohnt.

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