Die absonderliche Brautschau von Fürst Pückler in England

Peter James Bowman:  Ein Glücksritter - Die englischen Jahre von Fürst Pückler-MuskauDie Idee klingt absurd. Da lässt sich ein Paar scheiden, weil der Mann sich auf die Suche nach einer neuen Frau machen soll. Die soll dann mit der Ex unter einem Dach leben, weil sich das Scheidungspaar noch immer liebt. Die neue Frau soll das aber erst erfahren, wenn sie wirklich mit der Ex im gleichen Haus lebt. Einzige Voraussetzung: Die Neue muss eine Mitgift bekommen, die zur Tilgung der Schulden genügt.

Auf eine solche Idee kann nur kommen, wer einigermaßen verzweifelt ist. Fürst Hermann von Pückler-Muskau und seine Frau Lucie von Hardenberg stand das Wasser bis zum Hals. Die Güter in Muskau und Branitz erwirtschafteten nicht die Mittel, die zum Ausbau und zum Unterhalt der teuren Anlagen inklusive des Landschaftsparks in Muskau benötigt wurden. Aber beide, Hermann und Lucie wollten Muskau unbedingt erhalten. Um das zu ermöglichen, machte Lucie ihrem Mann den Vorschlag, sich scheiden zu lassen, damit er in England eine reiche Erbin heiraten kann. Ein Engländer ist es jetzt, der diese Episode im Leben Pücklers zu einem Buch zusammenfasste: „Der Glücksritter – Die englischen Jahre von Fürst Pückler-Muskau“ heißt der Band von Peter James Bowman.

Berühmt wurde der Fürst als Gartenbauer und als Schriftsteller. Mit seinem Buch „Briefe eines Verstorbenen“ schrieb er einen Bestseller in Deutschland, Frankreich und England. Bowman erzählt eigentlich die Geschichte, wie es zu diesem Buch kam. Denn die Briefe eines Verstorbenen sind die Überarbeitung von Pücklers Briefen an seine (Ex-) Frau Lucie. Sie reduzieren sich auf die Beschreibung von Menschen, Städten, Parks und Sitten vor allem in England. Was fehlt, sind sämtliche Passagen, in denen es um den eigentlichen Zweck der jahrelangen Reise ging: Die Suche nach einer guten Partie.

Bowman gelingt es, die schillernde Person Pückler-Muskau in all ihren Facetten zu beschreiben. Der Fürst ist sowohl ein Dandy als auch ein schüchterner Reisender, der Englisch erst in der Zeit in England immer besser beherrscht. Er ist kalt beim Sortieren potenzieller reicher Erbinnen, aber zu sensibel, um sich für eine zu entscheiden – und diese dann mit dem Leben mit Lucie zu konfrontieren. Pückler ist ein Lebemann und ein aufmerksamer Begleiter. Und Pückler ist vor allem ein unglaublich offener Mensch, der seiner in Muskau wartenden Lucie alles erzählt, was er erlebt. Auch, wenn das Lucie verletzen kann.

„Der Gücksritter“ ist eine kurzweilige Reise ins England der 1820er-Jahre. Übersetzt von Astrid Köhler regt es dazu an, die Reisebriefe Pücklers zu lesen. Ausgestattet mit Bildern der Zeit ist es mehr als nur ein guter Text. Der Band ist wiedereinmal ein schön gestaltetes Buch im Grün der Parks von Fürst Pückler-Muskau.

Ach ja: Der Fürst kehrte ohne reiche Engländerin zurück. Seine finanziellen Probleme lösten fürs erste die „Briefe eines Verstorbenen“.

Partnerschaft auf Augenhöhe

Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig  - Caroline und Wilhelm von Humboldt
Hazel Rosenstrauch: Wahlverwandt und ebenbürtig - Caroline und Wilhelm von Humboldt

Den Namen Humboldt tragen Schulen und eine Universität. Straßen sind so benannt. Ob damit Alexander oder Wilhelm oder beide geehrt werden, wissen selbst die Lehrer und Professoren nicht. Sicher ist nur, dass Caroline von Humboldt nicht gemeint ist. Hazel Rosenstrauch will das ändern. In ihrem Buch „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“ zeichnet sie das Leben zweier faszinierender Persönlichkeiten nach – und einer außergewöhnlichen Partnerschaft.

Wilhelm von Humboldt ist als der große Bildungsreformer Preußens in die Geschichte eingegangen. Und das, obwohl er nur einige Monate Minister war. Die meiste Zeit in Diensten Preußens war er Gesandter in Rom, Paris oder London.

Doch in Rosenstrauchs Buch geht es weniger um die Leistungen des Mannes, als um das Sittenbild einer Generation, die von der Aufklärung erfüllt und von Sturm und Drang beseelt war. Und dafür ist Caroline von Humboldt sehr bedeutsam. Denn die Thüringer Landadelige steht für einen Typus Frau, den es im späten 18. Jahrhundert in der sich formierenden literarischen Öffentlichkeit nicht nur vereinzelt gab. Caroline war Teil des Freundeskreises, zu dem Schiller genauso gehörte wie Rahel Levin, die spätere Rahel Varnhagen von Ense. In diesen aufgeklärten Kreisen galt die Stimme der Frau sehr viel. Entgegen der Konventionen wurden sogar Scheidungen toleriert.

Das Paar Caroline und Wilhelm von Humboldt lebte eine Ehe auf Augenhöhe. Beide wahrten ihre Autonomie, beide hatten Beziehungen außerhalb der Ehe. Und doch stand für sie nie in Frage, zueinander zu gehören. Wie Hazel Rosenstrauch diese Beziehung anhand der Briefe nachzeichnet, zeugt von viel Einfühlvermögen und einer umfassenden Kenntnis der Zeit. Dabei blendet sie auch nicht die negativen Aspekte aus. Caroline wandelte sich von der aufgeklärt toleranten Frau zur nationalen Antisemitin, während Wilhelm dieser geistigen Seuche gegenüber resistent blieb. Aber auch in diesem Aspekt steht Caroline von Humboldt beispielhaft für die deutsche Geistesgeschichte – und Wilhelm bleibt auch hier die vorbildhafte Ausnahme.

Hazel Rosenstrauch: „Wahlverwandt und ebenbürtig – Caroline und Wilhelm von Humboldt“, Eichborn Verlag, Frankfurt/Main, 333 S., 24,95 Euro