Zum 65. Geburtstag streunt Karl-Markus Gauß durch sein Zimmer

Karl-Markus Gauß: Abenteuerliche Reise durch mein ZimmerKarl-Markus Gauß wird heute 65 Jahre alt. Kurz zuvor ist sein neues Buch erschienen. In einem Alter, in dem die meisten Menschen zum Rentner werden, blickt auch er zurück. Aber er macht das nicht in einer autobiografischen Erzählung, in der aus Ereignissen die passende vergangene Zukunft konstruiert wird. Gauß schaut sich vielmehr in seiner Wohnung um und destilliert aus Gegenständen eine Vergangenheit, die ihn selbst und seine Familie vor allem in einen europäischen Kontext stellt. Was sich jetzt vielleicht etwas konstruiert und anstrengend liest, ist aber ein fröhlicher Genuss. Denn Gauß entführt den Leser Seite um Seite in (Gedanken-) Welten, die anregend und vor allem den eigenen Blick erweiternd sind.

Da ist zum Beispiel am Anfang des Buches dieser Brieföffner, über den Gauß nicht nur Gedanken über das Briefeschreiben entwickelt. Er nimmt den Alltagsgegenstand genau in den Blick, sieht, dass er ein Werbegeschenk ist und begibt sich auf die Geschichte der schenkenden Firma. Bei der handelt es sich um „Eternit-Schiefer – Patent Hatschek“. Eternit, ein Baustoff, der aus Österreich die Welt eroberte, bis diese erkannte, dass das im Eternit enthaltene Asbest krebserregend ist. Gauß nimmt die Aufschrift auf dem Brieföffner zum Anlass, um zu recherchieren, was es mit dieser Firma auf sich hat. Er entdeckt, dass sich die Firmengründer auch überlegtem, wie sie die Belegschaft an sich binden können. Und wie das wiederum mit einer Form von Kontrolle und Optimierung verbunden ist, die im frühen 20. Jahrhundert unter anderen Vorzeichen auch Kommunisten, Faschisten und Nationalsozialisten versuchten.

Es sind genau diese aus dem kleinen Gegenstand im Heim von Karl-Markus Gauß entwickelten Gedanken über die Geschichte Europas, über die Bedeutung bestimmter Ideen, die die „Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer“ so faszinierend machen. Natürlich hat er auch einige Bücher im 18. Jahrhundert entdeckt, in denen ein ähnlicher Ansatz gewählt wurde. Immerhin ist ihm die Ideen- und Literaturgeschichte vertraut wie nur weinigen.

Seine früheren Bücher handelten von seinen Begegnungen auf Reisen. In den vergangenen Jahren hat er sich von der Schilderung der großen und kleinen Entdeckungen in Europa wegentwickelt. Zuletzt hat er seine Kindheit in Salzburg als Ausgangspunkt seiner Überlegungen genommen. Seine Kreise engen sich räumlich also ein. Inzwischen ist es ja die eigene Wohnung. Und doch bricht sein Denken und Schreiben weiterhin nach Europa auf. Sein Europa hat immer sehr viel mit Welten zu tun, die den meisten Westeuropäern verschlossen sind, weil sie in Zentral- und Osteuropa liegen. Seine Wohnung in Salzburg ist auch dafür ein guter Ausgangspunkt. Ein lohnender mit all seinen Erinnerungsstücken, Alltagsgegenständen und architektonischen Besonderheiten ist er allemal.

Mehr über Karl-Markus Gauß:
Im Wald der Metropolen
Ruhm am Nachmittag
Das Erste, was ich sah
Der Alltag der Welt 
Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer

 

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