Bettina Baltschev lässt den Querido-Verlag hochleben

Bettina Baltschev schlendert durch Amsterdam. Dabei spürt sie einem Verlag, seinem Verleger, den Lektoren und den Autoren nach. Die hießen Joseph Roth, Heinrich und Klaus Mann, Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Alfred Döblin oder Irmgard Keun. Der Querido-Verlag war einer der wichtigsten Exil-Verlage für die Deutschen Schriftsteller, die vor den Nazis fliehen mussten. „Hölle und Paradies“ ist das Buch, in dem Baltschev ihre Liebe zu Amsterdam und zur Exil-Literatur auf eine lesenswerte Art zusammenführt. „Bettina Baltschev lässt den Querido-Verlag hochleben“ weiterlesen

Eveline Hasler erinnert an den großen Fluchthelfer Varian Fry

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff
Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff

Varian Fry war eine außergewöhnliche Persönlichkeit. In Zeit größter Not setzte er sich großer Gefahr aus, um Menschen zu retten. Schriftsteller, Maler, Wissenschaftler, die vor den Nazis nach Frankreich geflohen waren und 1940/41 versuchten über Marseille den Sprung ins sichere Amerika zu schaffen. Varian Fry kam ist nach Marseille gekommen und hat mit legalen Mitteln Visa für die USA beschafft- und mit illegalen Mitteln Pässe und Ausreisegenehmigungen für seine Schützlinge. Zu ihnen gehörten Heinrich Mann, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Hannah Arendt, Walter Mehring oder Max Ernst. Am Ende waren es mehr als 2000 Menschen.

Diesem Varian Fry, amerikanischer Journalist und später auch Lehrer, setzt die Schweizerin Eveline Hasler mit ihren neuen Roman „Mit dem letzten Schiff – Der gefährliche Auftrag von Varian Fry“ ein kleines Denkmal. Das ist richtig und gut, auch wenn sich Hasler nicht ganz entscheiden kann, ob sie einen Roman oder doch eher eine biographische Skizze schreiben will. Der Verlag Nagel & Kimche nennt dies dokumentarischen Roman. Das stimmt insofern, als dass sie sich aus der Fülle des vorhandenen Materials über das Emergency Rescue Committee bedient, um ein sehr glaubwürdiges Buch zu schreiben. Aber der Roman kommt dabei dann doch etwas kurz.

Das ist aber nicht unbedingt schlimm. Vor allem für all jene, die noch nichts über Varian Fry oder gar dessen autobiografischen Bericht „Auslieferung auf Verlangen“ gelesen haben. Für sie ist Haslers Buch ein packender Text über Mut, Verzweiflung, Grausamkeit und die Kraft der Hoffnung und der rettenden Tat in einer eigentlich ausweglosen Situation. Ihnen öffnet sie einen neuen Blick auf den menschenverachtenden Irrsinn des Nationalsozialismus und die Kollaboration französischer Behörden, die in ihren Lagern die Deportation derer vorbereiteten und organisierten, denen es gelungen war, zwischen 1933 und 1940 Deutschland in Richtung Freiheit in Frankreich zu verlassen.

Aber für all jene, denen all dies bekannt ist, denen die Schicksale Varian Frys und seiner Schützlinge bekannt sind, erzählt sie nichts Neues. Und da, wo die Form des Romans die Kraft hätte, auszuschmücken, sich in das Denken und Fühlen der Betroffenen zu versetzen, also mit Phantasie und literarischer Kraft etwas Neues zu Formen, da bleibt Eveline Hasler seltsam bedeckt. Anders als Sabine Friedrich in ihrem großen Roman über den deutschen Widerstand – „Wer wir sind“. Das ist schade. Aber angesichts des wichtigen und an sich schon sehr dramatischen Stoffes, nicht so schlimm, dass es Leser vom Griff nach diesem Roman abhalten sollte.

Eveline Hasler: Mit dem letzten Schiff – Der gefährliche Auftrag von Varian Fry. Nagel & Kimche

Salka Viertel erinnert sich an Europa in Hollywood

Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz
Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz

Für Greta Garbo hat sie Drehbücher geschrieben. Für die deutsche Exilgemeinde in Hollywood war sie Anlaufpunkt und für Künstler und Kreativität war Salka Viertel bereit alles zu geben. Ihr Leben hat sie in dem Band „Das unbelehrbare Herz – Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts“ aufgeschrieben.

Die „Andere Bibliothek“ hat das Buch mit einem wunderbar weichen Samteinband ausgestattet. Das Buch liegt wohlig in den Händen. Der Inhalt ist eine dieser unglaublichen Geschichten, wie sie im 20. Jahrhundert geschrieben wurden. Geboren wurde sie in der Habsburger Monarchie ganz im Osten. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Sambor polnisch, nach dem zweiten Weltkrieg dann ukrainisch – und somit sowjetisch. Aber da lebte sie nach vielen Stationen an Theatern in Wien, Düsseldorf, Dresden und Berlin schon lange in Hollywood. Ihren Mann, den Regisseur und Schriftsteller Berthold Viertel hatte es schon 1928 dorthin gezogen.

Die Viertels kannten von Albert Einstein bis Karl Kraus, von Lion Feuchtwanger bis Bertolt Brecht, von den Manns bis Walter Mehring, von Fritz Murnau bis Max Reinhardt, von Arnold Schönberg bis Schostakowitsch alles, was Rang und Namen hatte. Salka Viertels Buch ist davon ganz stark geprägt. Sie erzählt viele Geschichten von Begegnungen mit den Künstlern. Sie charakterisiert sie dabei und plaudert dabei angenehm unaufgeregt.

Aber genau das macht das Buch oft langatmig. Denn Salka Viertel erzählt ihr Leben sehr chronologisch. Dabei beachtet sie, dass auch wirklich alle wichtigen Namen genannt werden. Die Dramatik der Zeit geht dabei oft etwas unter. Obwohl sie schildert, wie sie es schaffte, ihre Mutter aus der Sowjetunion im Krieg in die USA zu holen, obwohl sie die Arbeit in den großen Filmstudios schildert. Aber all das geschieht in einem sehr gleichförmigen Tonfall.

Jede der vielen Geschichten ist lesenswert. Nur die Fülle erschlägt. Erstaunlich, dass eine Frau, deren Drehbücher nicht nur Greta Garbo schätzte, es nicht schaffte, das eigene Leben so zu komprimieren, dass eine packende Erzählung daraus wird. Immerhin geht es dabei um eine Jüdin vom Rande der Karpaten, der es gelang, Nationalsozialismus und Bolschewismus auszuweichen, um am Ende über den Eiferer Mc Carthy zu stolpern und in die Schweiz emigrieren zu müssen.

Salka Viertel: Das unbelehrbare Herz – Erinnerungen an ein Leben mit Künstlern des 20. Jahrhunderts. Eichborn

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Klaus Modick begleitet Feuchtwangers Abschied von Brecht

Klaus Modick: Sunset
Klaus Modick: Sunset

Es ist nur ein Tag im Leben Lion Feuchtwangers, den Klaus Modick in seinem aktuellsten Roman begleitet. Aber es ist ein Tag, in dem der international so erfolgreiche Feuchtwanger das Telegramm mit der Nachricht vom Tode seines Freundes Bert Brecht erhält. Modick formt aus diesem Plot einen sensiblen Text über Freundschaft, Literatur und Exil. Lion Feuchtwanger war neben Thomas Mann der wohlhabendste deutsche Exilschriftsteller.

Beide lebten in Hollywood/Los Angeles. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Schriftstellern, denen die Flucht vor den Nazis in die USA gelang, konnte Feuchtwanger dank der vielen erfolgreichen Übersetzungen seiner historischen Romane und des Verkaufs von Filmrechten sehr gut leben. Bert Brecht dagegen bekam in Hollywood kein Bein auf den Boden. Auch viele andere, wie Walter Mehring, scheiterten. Feuchtwanger unterstützte viele Emigranten. Teils direkt, teils über Stiftungen und den 1944 in New York mitgegründeten Aurora Verlag, in dem etliche Exil-Autoren veröffentlichen konnten.

1956 lebte Feuchtwanger noch immer in den USA. Brecht war wie viele andere, die trotz der Verbrechen Stalins davon träumten, dass die DDR eine freie Heimstatt für Künstler sein könnte, nach Ost-Berlin gegangen. Drei Jahre nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 stirbt Brecht. Modick, der über Feuchtwanger promoviert hat, begleitet den Schriftsteller vom Aufstehen bis in den Abend. Das Telegramm mit der Todesnachricht löst eine Reihe von Erinnerungen aus. In diesen Rückblenden wird die Freundschaft der beiden von Kennenlernen in München um 1920 bis zur letzten Begegnung kurz vor Brechts Auftritt vor der Mc Carthy-Kommission erinnert.

Modick macht dies mit einer Mischung aus Fiktion und der Nutzung verbriefter Quellen. Dabei entsteht ein sehr kompaktes Panorama des Exils mit all den politischen Irrungen, persönlichen Enttäuschungen und privaten Verstrickungen. Modicks Sprache ist sehr prägnant. Die Gedanken sind klar und ohne Schnörkel formuliert. Er nähert sich der Sprache Feuchtwangers an, ohne in dieser aufzugehen. Und so gelingt es ihm, ein überzeugendes Buch vorzulegen – und zwar in Form und Inhalt. Es ist sowohl für jene ein Genuss, die sich mit der Exillitertaur auskennen, als auch für jene, die schlicht neugierig sind. Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2011 ist es völlig zurecht.

Klaus Modick: Sunset, Eichborn