Ilija Trojanow erzählt von der Gegend, in der Orpheus begraben liegt

Ilija Trojanow: Wo Orpheus begraben liegt
Ilija Trojanow: Wo Orpheus begraben liegt

Wenn bei „Quizduell“ oder Günther Jauch nach dem Rhodopengebirge gefragt würde, dann müssten wir fast alle passen. Wer kennt diese Landschaft Europas schon? Und wer hat sie schon besucht? Obwohl das Gebirge nicht weit weg vom nördlichen Rand der Ägäis liegt, kommt dort kaum einer hin. Es liegt in Bulgarien – und damit trotz EU-Mitgliedschaft vollständig außerhalb der Welt Europas.

Ilija Trojanow kommt aus der Gegend zwischen Donau und Rhodopengebirge. Hier ist seine Heimat. Hierhin ist er zusammen mit mit dem Fotografen Christian Muhrbeck aufgebrochen, dessen schwarz-weiß Fotos die Erzählungen Trojanows in „Wo Orpheus begraben liegt“ nicht nur bebildern, sondern dem Leser einen ganz eigenen Zugang erlauben. Iljanow erzählt von alten Familienbanden, von Armut und Stolz, von Opfern von Zwangsprositution und von einem Paar, das sich in eine Hütte im Wald zurückgezogen hat, weil es aus dem Laben davor vertrieben wurde.

Ein Priester beichtet von seinem Geheimdienstmitarbeit und der Bespitzelung der Gemeindemitglieder. Ein Stadtführer, der sich dafür einsetzt, dass die Denkmäler aus sozialistischen Zeiten umgewidmet und neu definiert werden, erzählt uns seine Sicht von der Kraft der Bilder und Erinnerungen. All das erzeugt zusammen mit den klaren Fotos einen starken Eindruck von dieser für uns fremden Welt, die in vielem doch so ähnlich ist. Vor allem zur ehemaligen DDR, aber auch zu ehemaligen Industriestädten des Ruhrgebietes. Trojanows Wandelbarkeit erzählt die Geschichten in stets anderem Tonfall, anderem formalen Aufbau. Angesichts der Vielfalt ist das angebracht. Ein Buch, das die Vergänglichkeit mit viel Liebe zu den Menschen besingt. Denn auch darum geht es: um Orpheus, den Sänger. Der lebte und starb in dieser Region, die einst der Rand der griechischen Welt war.

Der Einbildungsroman von Erwin Blumenfeld verblüfft auf jeder Seite

Erwin Blumenfeld: Einbildungsroman
Erwin Blumenfeld: Einbildungsroman

Viele Autobiografien verklären das eigene Leben. Erwin Blumenfelds „Einbildungsroman“ tut das nicht. Dieses Buch, das Anfang der 60er-Jahre geschrieben wurde, nennt sich bewusst „Roman“. Und es zeugt von der Einbildungskraft des Berliners, der über Holland und Paris in New York zu einem der ganz Großen der Modefotografie wurde. Doch davor war Dadaist, Modewarenhändler und Pleitier.

Erwin Blumenfelds Buch, das bereits 1998 in der Anderen Bibliothek erschienen ist, lebt von der unglaublich kraftvollen und lebendigen Sprache. Sprachbilder wie das des Titels vom „Einbildungsroman“ durchziehen alle Seiten. Das bremst zwar den Lesefluß, erheitert und erhellt aber umso mehr. Da erinnert sich einer, der nicht nur etwas zu erzählen hat, sondern der das auch noch außergewöhnlich schonungslos und phantasievoll macht.

1897 ist Blumenfeld als Sohn eines jüdischen Händlers geboren worden, der mehr sein wollte. Vor allem auch, weil seine Frau – also Erwins Mutter – tatsächlich aus gutbürgerlichem, jüdischen Hause stammte. Blumenfeld nimmt die Verlogenheit in de Familie schonungslos als Motiv des Lebens vor und während des 1. Weltkrieges in der gesamten Gesellschaft ins Blickfeld. Das ist sehr dicht erzählt und raubt manchmal den Atem, wenn die Details zu intim, zu krass sind. Etwa, wenn die Mutter den eigenen Sohn am Ende des Weltkrieges als Deserteur bei der Polizei anzeigt, weil dieser sich mit seine Verlobten in deren holländische Heimat absetzen will. Dass der Drang, als gute Deutsche dastehen zu wollen, stärker ist, als den Sohn lebend in Sicherheit vor dem schon verlorenen Krieg wissen zu wollen, charakterisiert dies gut.

Blumenfeld schildert das eindringlich, immer mitten aus dem Geschehen. Er versucht keine Distanz zu sich aufzubauen. Auch nicht, wenn er über seinen Dienst in einem Armeebordell an der Westfront schreibt. Oder wenn er schildert, wie er zusammen mit George Grosz und Walter Mehring direkt nach dem Krieg eine Orgie feierte. Blumenfeld macht aus sich keinen Heiligen und keinen Schuft. Er spricht nicht von Genie – obwohl er ein phantastischer Fotograf war. Er schreibt von Glück und Zufällen, von verpassten und genutzten Chancen. Von Enttäuschungen, als er nach der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen 1940 Hilfe am nötigsten gebaucht hätte. Und bei all dem feiert er die Lust am Eigensinn. Oder mit einem anderen Wort: die Freiheit.

Mehr über Bücher der Anderen Bibliothek

Hammelburg Einst und Jetzt (6) – Baderturm

Baderturm in Hammelburg um 1915
Baderturm in Hammelburg um 1915
Baderturm in Hammelburg im Mai 2012
Baderturm in Hammelburg im Mai 2012

Mehr Einst und Jetzt aus Hammelburg:
(1)  – Stadtpfarrkirche
(2)  – Rotes Schloss vom Weiher aus
(3)  – Am Kellereischloss
(4)  – Hüterturm
(5)  – Ruine Aura
(6)  – Baderturm
(7)  – Kloster Altstadt und Schloss Saaleck
(8)  – Kreuzigungsgruppe des Altstädter Kreuzwegs
(9)  – Blick von Schloss Saaleck auf die Stadt
(10) – Freibad (heute Saaletalbad)
(11) – St. Nepomuk
(12) – Kissinger Straße

Hammelburg Einst und Jetzt (3) – Am Kellereischloss

Am Kellereischloss in Hammelburg (1915)
Am Kellereischloss in Hammelburg (1915)
Am Kellereischloss in Hammelburg (2012)
Am Kellereischloss in Hammelburg (2012)

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(11) – St. Nepomuk
(12) – Kissinger Straße

Junkers-Bildarchiv zeigt den Aufbruch in die Moderne

Lehrlinge vor dem Junkers-Werk in Dessau. Foto: Steidl-Verlag
Lehrlinge vor dem Junkers-Werk in Dessau. Foto: Steidl-Verlag

Wer denkt bei der Moderne schon an Gasheizung und Warmwasserboiler? Meist wird die Moderne eher mit Beschleunigung im Verkehr – auf Schienen, Straßen und in der Luft – gleichgesetzt. Die Revolution der Annehmlichkeiten in den eigenen vier Wänden wird gern vergessen.

Junkers steht für beide Phänomene. Heute noch gibt es Heizsysteme gleichen Namens. DieWarmwassertherme, die mit Gas betrieben wird, war eine Erfindung von Hugo Junkers (1859–1935). Vor allem aber verbindet man seinen Namen mit Flugzeugen. Das bekannteste ist sicherlich die JU 52, der robuste Omnibus der Lüfte, ohne den sowohl die Lufthansa als auch Hitlers Luftwaffe nicht so effektiv gewesen wären.

Entwurf für ein Werbe-Plakat. Foto: Steidl-Verlag
Entwurf für ein Werbe-Plakat. Foto: Steidl-Verlag

„Junkers Dessau“ heißt ein Fotoband, der die Menschen und die Produkte aus Junkers Firmenimperium in Erinnerung ruft. Und damit ein Stück deutscher Industriegeschichte buchstäblich ins Bild rückt. Hans Georg Hiller von Gaer¬tringen konnte dafür den Teil des einst riesigen Firmenbildarchivs auswerten, der in der Familie Junkers überdauerte und inzwischen dem deutschen Museum in München überlassen wurde.

Dass nur diese vergleichsweise wenigen Aufnahmen erhalten geblieben sind, dafür waren die Nationalsozialisten maßgeblich verantwortlich. Diese hatten Hugo Junkers, einen frei denkenden Weltbürger und für sie politisch unzuverlässig, 1933 enteignet, um sich die Innovationen, Patente und Anlagen seiner Flugzeugproduktion zu sichern. Zwar trugen Flugzeuge wie der Sturzkampfbomber JU 87 dann noch immer den Namen Junkers, doch verantwortlich für den Bau waren andere. Diese Enteignung und später die Demontage der Junkerswerke nach dem Zweiten Weltkrieg sorgten dafür, dass das Bildarchiv verschwand oder zerstört wurde.

Flugzeuge prägten die Firmengeschichte. Foto: Steidl-Verlag
Flugzeuge prägten die Firmengeschichte. Foto: Steidl-Verlag

Wie groß dieser Verlust für die deutsche Industriegeschichte ist, lässt der Bildband erahnen. In ihm sind die unterschiedlichen Teile des Konzerns in Kapitel gefasst. Eines zeigt Luftbilder, die Junkers mit einer eignen Firma vermarktete. Diese Aufnahmen veränderten in den 20er-Jahren den Blick der Architekten, Städteplaner und Politiker auf die Welt und die Städte. Erstmals konnten sich Menschen einen gesamten Eindruck von einer ganzen Stadt oder von Verkehrswegen in der Landschaft machen. Die Kartografie verbesserte sich.

Auch die gesellschaftlichen Entwicklungen der 20er-Jahre finden in dem Band Beachtung. Ein Beispiel liefert die Werbefotografie für die Warmwassertechnik. Entblößte Frauenrücken werden beim Einstieg in die Badewanne ins rechte Licht gerückt. Man wirbt mit täglichem Badespaß – und mit wohliger Wärme. Einer Wärme, die nicht durch das stinkende Verbrennen von Kohle erzeugt wird, sondern durch fast geruchloses Gas, das direkt von der Leitung in den Brenner fließt.

Luftbilder waren Teil des Geschäfts bei Junkers. Foto: Steidl-Verlag
Luftbilder waren Teil des Geschäfts bei Junkers. Foto: Steidl-Verlag

Gerade die Werbefotografie zeigt zudem Einflüsse des Bauhauses. Junkers scheute sich nicht, mit den Künstlern der auch in Dessau ansässigen Hochschule zusammenzuarbeiten.

Nicht zuletzt dokumentiert der klug kommentierte Bildband ein bedeutendes Kapitel deutscher Luftfahrtgeschichte. Sowohl die Rückschläge durch Abstürze als auch die optimistische Aneignung der ganzen Welt durch die schnellen Flugverbindungen.

„Junkers Dessau“ hebt einen Schatz Bilder, die es wert sind, betrachtet zu werden. Deren Auswahl und die Begleittexte sind fundiert, präzise und eine Bereicherung.

Hans G. von Gaertringen (Hrsg.): „Junkers Dessau – Fotografie und Werbegrafik 1892–1933“, Steidl 2009, 143 S., 45 Euro

MOZ-Rezension…

Judith Joy Ross fotografiert die Gesichter der US-Kriege

Judith Joy Ross: Living with war
Judith Joy Ross: Living with war

Der Krieg und die Menschen in den USA ist das Motto der Arbeit von Judith Joy Ross. Living with war enthält ausschließlich ganzseitige Porträts in Schwarz-Weiß, in denen sich das ganze Drama des Krieges zeigt.

Begonnen hat Judith Joy Ross mss mit Fotos am Denkmal für die Vietnam-Gefallenen. Kurz nach der Einweihung hat sie Besucher gefragt, ob sie sich von ihr mit ihrer altertümlichen Großbildkamera ablichten lassen. Was sie dann auf den Film gebannt hatte, waren keine einfachen Porträts. Angesichts des Denkmals, in dem sämtliche Namen der fast 60.000 gefallenen US-Soldaten eingraviert sind, hat sie Trauer und Entsetzen über die Unfassbarkeit des kriegerischen Todes eingefangen.

1990 konzentrierte sich Ross auf Reservisten der US-Army, die sich gerade freiwillig gemeldet hatten. Aus dem Buch blicken uns Menschen an, die ihre Uniformen bekommen haben. Menschen, die verkleidet wirken. Die Mischung aus Erschrecken und Stolz, aus
Unsicherheit und Entschlossenheit offenbart die seltsame Macht, die von Uniformen ausgeht. Und das genau in dem Moment, in dem die USA im ersten Golfkrieg standen
und Saddam Hussein aus Kuwait verjagten. Während die Reservisten zu Hause in die ungewohnte Militärkleidung schlüpften, wurden die gleichen Kleidungsstücke von
aktiven Soldaten mitten in einem Krieg getragen.

In den Jahren 2006 und 2007 schließlich fängt Ross Gesichter von Menschen ein, die in den USA gegen George W. Bushs Irak-Krieg demonstrieren. Junge Männer und Frauen, gesetzte Priester und ehemalige Soldaten zeigen die Zweifel und die Enttäuschung, sich gegen die eigene Regierung, gegen die kämpfenden Soldaten im Irak stellen zu müssen. Einigen Demonstranten ist der innere Kampf anzusehen. Sie selbst haben wohl George W. Bush gewählt. Jetzt fühlen sie sich belogen. Und deshalb gehen sie auf die Straße, obwohl das wirken könnte, als fallen sie der eigenen Armee in den Rücken.

Ohne auch nur einen Toten zu zeigen, gelingt es Ross nur durch ihre eindringlichen  Porträts, die menschliche Tragweite des Krieges zu zeigen. In den Gesichtern spiegelt sich das alles. Diese Fotos lösen nur durch Betrachten beim Betrachter intensive Gefühle aus.
Und Faszination darüber, welche Kraft in vermeintlich einfachen Fotos stecken kann.

Steidl würdigt Castros Leibfotograf Alberto Korda

Alberto Korda: A Revolutionary Lens
Alberto Korda: A Revolutionary Lens

Dieser Bildband ist monumental! Schon sein Format ist außergewöhnlich – genauso groß
wie eine 20cent-Ausgabe! Knapp 430 Seiten,
auf denen hunderte Fotos in Hochglanz
abgedruckt sind, verstärken den monumentalen
Eindruck noch; auch wegen des Gewichts!
Alberto Korda war der Leib- und Hausfotograf   der kubanischen Revolution. Sein Porträt von Che Guevera ist eines der bekanntesten Fotos überhaupt. Seine Bilder von Fidel als Maximo Lider, als Denker, als Redner, als Angler und als Mensch bestimmen die Sicht auf den
kubanischen Diktator auch heute noch.

Der Bildband mit dem Werk Kordas zeigt aber auch, wie der Meister der Schwarz-Weiß-Fotografie Mode inszeniert, wie er Paraden in Szene setzt und wie er vor allem Soldatinnen als Botschafterinnen des gesellschaftlichen Fortschritts lachend ins Bild einfängt, ist großartig – und beängstigend. Ein gutes, ein wichtiges Buch, das viel über Kuba und viel
über die Möglichkeiten der Fotografie aufzeigt.

Alberto Korda: A Revolutionary Lens. Steidl Verlag Göttingen. Gebunden. 440 Seiten. 60 Euro

Günter Rössler blickt auf seinen Leben mit Fotos zurück

Günter Rössler ist vergangene Woche 80 geworden. Pünktlich zu diesem Jahrestag hat er seine Autobiografie vorgelgt. Wie es sich für einen Fotografen gehört, besteht sie vor allem aus Fotos, aber auch aus einigen Kapiteln Text.

Die Texte sind ganz nett, aber nicht wirklich überzeugend. Sie erzählen von einem Mann, der sich in der DDR mit all ihren Widrigkeiten etablierte. Richtig gut sind dagegen die Fotos. Vor allem jene, die er als Reporter im Ostblock gemacht hat. Seine Akte machten ihn berühmt. Sogar der „Playboy“ druckte seine Bilder junger DDR-Bürgerinnen.

Sein Blick ist nie voyeuristisch. Weil er nackte Frauen ausschließlich als natürliche
Schönheit inszeniert, sind seine Frauenbilder fast schon naiv – und klinisch rein.

Günter Rössler: MEIN LEBEN IN VIELEN AKTEN. DAS NEUE BERLIN. 24,90 EURO