Der Tannhäuser von Sasha Waltz überwältigt

(Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)
Venus verführt Tannhäuser in ihrer Liebeshöhle. (Foto: Staatsoper/(c) Bernd Uhlig)

Am Anfang ist dieser Trichter. Ein weißer Trichter und sonst nichts. Nur die wunderbar zarten Töne der Tannhäuser-Ouvertüre sind noch im Raum. Aber der Blick ist auf diesen Trichter gerichtet, der an das Innere eines Auges erinnert. Was aber ist hinter der Öffnung? Doch diese Frage stellt sich nicht lange. Dann beginnt sich der Trichter zu füllen. Und zu beleben mit (fast) nackten Leibern, die sich anzüglich und lüstern bewegen. Das hier ist die Liebeshöhle, in der Venus die Lust lebt. In der Tannhäuser sieben Jahre die Wonnen der leiblichen Liebe (er)lebt. Die Ouvertüre wird bei Sasha Waltz schon ein ganz besonderer Tanz voller Bezüge und Andeutungen, die in den folgenden fast vier Stunden immer wieder in Erinnerung gerufen werden. „Der Tannhäuser von Sasha Waltz überwältigt“ weiterlesen

Der Rienzi der Deutschen Oper besticht durch Optik

Rienzi im Führerbunker vor der Kamera und live für seineUntertanen auf der Leinwand
Rienzi im Führerbunker vor der Kamera und live für seine Untertanen auf der Leinwand (S. 33 des Programmhefts).

In der Deutschen Oper ist Rienzi durch und durch ein Faschist. Die gesamte Inszenierung ist in schwarz-weiß gehalten, ganz so, wie wir die Bilder vom italienischen und spanischen Faschismus kennen – und natürlich von den deutschen Nationalsozialisten. Regisseur Philipp Stölzl hat Hitlers Lieblingsoper zur Parabel über dessen Aufstieg und Fall gemacht. Ein gewagtes Unterfangen, das Richard Wagner nicht unbedingt gerecht wird. Und dennoch überzeugt das gesamte Stück in Stölzls Interpretation, wenn man es nur für sich anschaut und sich vollkommen darauf einlässt. „Der Rienzi der Deutschen Oper besticht durch Optik“ weiterlesen

„Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Staatsoper

Staatsoper BerlinMEISTERSINGERMusikalische Leitung: Daniel BarenboimInszenierung: Andrea MosesBühne: Jens PappelbaumKostüme: Adriana Braga PeretzkiLicht: Olaf Freese, FOTO: BERND UHLIG, Staatsoper Unter den Linden Berlin
FOTO: BERND UHLIG, Staatsoper Unter den Linden Berlin

Daniel Barenboim ist großartig. Das Orchester der Staatsoper auch. Und Wolfgang Koch singt einen wirklich überzeugenden Hans Sachs, der in Kwangchul Youn als Pogner, Klaus Florian Vogt als von Stolzing und Julia Kleiter als Eva wunderbare Partner in der Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ hat. Ganz zu schweigen von den anderen Darstellern der Meistersinger und dem Chor. Sie spielen ihre Rollen mit Witz so gut, dass der Gesang die Wirkung nicht vollständig dominiert. Aber dennoch ist die Inszenierung von Andrea Moses nicht ganz stimmig. „„Die Meistersinger von Nürnberg“ in der Staatsoper“ weiterlesen

Staatsorchester verzaubert 350 Kinder in Orchestermäuse

"Orchestermäuse" in Frankfurter Kleist-Forum

Howard Griffiths hat eine neue Leidenschaft: Wenn ihm im Hotel langweilig wird, dann setzt er sich hin und schreibt ein Libretto für Kinder. Nach „Die Hexe und der Maestro“ sind es jetzt die „Orchestermäuse“. Wieder hat der Schweizer Fabian Künzli die Musik dazu geschrieben. Und wieder haben die beiden ein Bühnenvergnügen für uns mit Kindern geschrieben, das Lust auf Oper, Musical, Orchester und Gesang macht. In Frankfurt (Oder) hatten die Orchestermäuse jetzt ihre Welturaufführung – mit 350 Kindern aus Ostbrandenburg, einem lustvollen Brandenburgischen Staatsorchester und einem Maestro, der mit seiner Freude an Musik und Spiel alle ansteckt, die sich ihm nähern.

"Orchestermäuse" in Frankfurter Kleist-Forum

Die Geschichte ist schnell erzählt. Ein ganzes Mausvolk flieht durch den Zauberwald vor den Katzen, mit denen sie einst in Frieden lebten. Wenn da nicht eine vorlaute Maus für Ärger gesorgt hätte. Als neue Heimat suchen sie sich die Konzerthalle aus, geraten dort aber mit dem Orchester aneinander. Denn die musizieren, wenn die Mäuse schlafen wollen. Die nach allerlei Turbulenzen söhnen sich alle im Zauberwald miteinander aus und singen gemeinsam. Ein schönes Märchen, das vor allem durch den Witz der Texte und die schwungvolle Musik überzeugt.

"Orchestermäuse" in Frankfurter Kleist-Forum

Vor allem aber durch die Inszenierung von Be van Vark, die sich mit Howard Griffiths wunderbar versteht. Sie hat die unendlich mühevolle Arbeit mit etlichen Workshops mit den Kindern künstlerisch geleitet und zu einem amüsanten und energiegeladenen Bühnenevent formte. Howard Griffiths wiederum gelingt es erneut, sein Brandenburgisches Staatsorchester so für die Arbeit mit den Kindern zu begeistern, dass sie Instrumenten-Workshops durchführten und letztendlich eine Spielweise wählen, die es den Kindern ermöglicht, zu den Stars des Nachmittags zu werden.

"Orchestermäuse" in Frankfurter Kleist-Forum

Das Publikum in Frankfurt (Oder) ist begeistert. Denn die Kinder tanzen, singen, musizieren. Sie realisierten eine überzeugende Videoinstallation, mit der die Frankfurter Konzerthalle ins Kleist-Forum holt. Und alles zusammen ist irgendetwas zwischen Oper und Musical oder szenischem Musiktheater. Vor allem aber ist es einfach großartig! Eine Welturaufführung in Frankfurt (Oder), an die sich alle Zuschauer und vor allem alle Beteiligten noch sehr lang erinnern werden.

Parsifal in der Deutschen Oper besticht durch opulente Optik

Die opulente Optik bleibt in Erinnerung. Und natürlich die Musik. Die schweren, langen Harmonien und Melodiebögen, die die ernste und feierliche Thematik tragen. Aber die Bilder von Philipp Stölzl, der die Regie dieses Parsifals an der Deutschen Oper in Berlin inszenierte, sind noch stärker, nehmen den Zuschauer geradezu massiv ins Gebet. Wenn Christus auf der Bühne gekreuzigt wird, dann entsteht ein Unwohlsein, das in Kombination mit Wagners Musik geradezu Schmerz verursacht. „Parsifal in der Deutschen Oper besticht durch opulente Optik“ weiterlesen

Eine wundervolle Zauberflöte in Zeuthen


Ich dachte an Größenwahn, als ich von der Idee hörte, dass die Musikschule Primus aus Zeuthen die Zauberflöte mit Kindern auf die Bühne bringen will. Oper ist Gesang. Oper ist Orchestermusik. Oper ist Theaterspiel. Und vor allem ist Oper das alles zusammen und auf einander abgestimmt. Alles für sich mag ja gehen, aber zusammen so gut abgestimmt, dass es für die Kinder auf der Bühne nicht peinlich wird? Mit Laien? Mit Kindern von der Grundschule bis zum Gymnasium? Das fand ich doch etwas arg ambitioniert.

Bis gestern Abend. Da war die erste Aufführung der Zauberflöte in der Turnhalle der Grundschule am Wald. Links von der Bühne war das kleine Orchester platziert. Von hier dirigierte der musikalische Leiter Markus Wolff das gesamte Geschehen. Konzentriert und etwas angespannt, aber vor allem fast immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Kein Wunder. Denn er erlebte, dass sein gewagter Plan aufging. Er hörte Kinder, die Opernpartien sangen, eine zehnjährige Königin der Nacht, die den gesamten Saal in ihren Bann sang, er erlebte, wie das Instrumentenspiel und der Gesang auf der Bühne eins wurden. Wunderbar. Zauberhaft.

Natürlich war nicht jeder Ton perfekt. Aber das Niveau war insgesamt erstaunlich hoch. Und wenn der Mann an den Reglern der Headset-Mikrophone genauer und schneller gewesen wäre, wäre der Klang noch besser gewesen. Werner Eggrath, der die Regie führte und das Libretto so geschickt gekürzt und an die Möglichkeiten der Musikschüler und der Chöre der Schmöckwitzer und der Zeuthener Grundschule angepasst, dass auch Kenner der Zauberflöte alles wichtige wiederfanden. Und sich am Gesang und Spiel der Schülerinnen und Schüler erfreuen konnten. Zum Glück hatten die Macher den Mut, das Projekt zu wagen. Der Applaus und die Begeisterung des Publikums haben sie belohnt.

 

 

 

Mnozil Brass bläst Wagner aufs Zwerchfell

Mnozil Brass (Foto: Mnozil Brass)
Mnozil Brass (Foto: Mnozil Brass)

Auf diesem Foto sehen die Musiker von Mnozil Brass ja noch einigermaßen normal aus. Im Berliner Ensemble war der erste Eindruck ein anderer – sowohl optisch als auch akustisch. Drei skurrile Männer mit Trompeten, drei weitere mit Posaunen und einer mit Tuba standen da auf der Bühne und bliesen von Anfang an kräftig in ihre Instrumente. Dabei vollführten sie seltsame Tänzchen, Märsche und Slapstick-Comedy. Aber immer mit dem Mund am Instrument. Immer Sound erzeugend. Immer den Theatersaal mit dröhnenden Blechklängen ausfüllend. „Mnozil Brass bläst Wagner aufs Zwerchfell“ weiterlesen

Wasser von oben, Wasser auf der Bühne – Die Waldbühne feiert Dido und Aeneas von Sasha Waltz

Dido und Aeneas auf der Waldbühne !
Dido und Aeneas auf der Waldbühne !

Es regnet und alle warten auf Sashas Waltz‘ Dido und Aeneas. Doch was passiert? Nicht die Oper beginnt, sondern ein Geburtstag soll begangen werden. Aber im Regen will niemand fünf Jahre Radialsystem feiern. Dafür ist das Publikum nicht gekommen. Auch nicht um mitzusingen oder gemeinsam in einem Vorprogramm, von dem keiner wusste, dass es dieses gibt, zu klatschen. Heute ist ein besonderer Opernabend geplant – und keine Animation wie im Club Med.

Um 19.00 Uhr ist die Waldbühne voll. Auf den Tickets steht, dass es jetzt los gehen soll. Was niemand weiß: Der Vorhang für Sasha Waltz‘ Inszenierung der Purcell-Oper Dido und Aeneas soll erst um 20.30 Uhr fallen. Weil es dann dunkel ist. Aber Tausende nahmen es auf sich, im strömenden Regen anzureisen und zu verharren. Wäre bekannt gewesen, dass erst eineinhalb Stunden später Tänzer, Sänger und Musiker die Bühne in eine ganz eigene Welt aus Liebe und Leid, Bewegung und lebende Bilder verwandeln, wären die meisten später gekommen. Denn der Regen hörte auf.

Als der Vorhang fällt und auf der Bühne ein riesiges Aquarium für Unterwassertanz erscheint, ist nur noch auf den Sitzen der Zuschauer und im Bassin der Tänzer Wasser. Schon diese ersten, für Schwimmer so vertrauten Bewegungen, sind zur Musik ein ganz besonderes Erlebnis. Sasha Waltz setzt vom Wasser bis zum Feuer alle Elemente in Szene. Jedes Bild, das die Tänzer und Sänger formen, ist von den großen Bildern der Barockmalerei inspiriert. Jede Geste, jeder Gang ist vom Wesen des Barocktheaters beeinflusst und jeder Ton der Musiker von einem festen Glauben an die Kraft der Musik.

Die Dichte der Bilder und die Musik sind überwältigend. Man kann sich so gefangen nehmen lassen, dass man in dem Geschehen vollständig aufgeht. Dabei kann die Handlung verschwimmen, so wie die Bewegungen im Bassin. Aber wer die Handlung schon kennt, der wird in eine Welt entführt, die man gar nicht mehr verlassen will. Egal wie feucht die Hosen vom Regen noch sind, man will nur, dass dieses Schau- und Hörspiel einfach weitergeht, weil es so umfassend schön ist.