Bruno Ziauddin seziert Roger Köppel und den Rechtsruck der „Weltwoche“

Bruno Ziauddin: Bad NewsEinen besseren Zeitpunkt zum Erscheinen dieses Buches kann es gar nicht geben. „Bad News“ von Bruno Ziauddin ist ein Schlüsselroman über den Rechtsruck der Zürcher „Weltwoche“. Es ist ein Roman über deren Chefredakteur Roger Köppel, der auch in deutschen Talkshows seinen verbrämten Rechtspopulismus gerne äußern darf. Und vor allem ist es ein hoch aktuelles Buch darüber, wie das sich das rechte Gift des Rassismus als vermeintlicher Tabubruch unter dem Motto „man wird ja noch sagen dürfen“ um sich greift. Ein Buch also, das es in sich hat.

Und damit noch nicht genug. Es ist auch ein Roman darüber, wie sich für junge Männer der Halt im Glauben, die Bestätigung in der Moschee und deren Regeln so eingraben kann, dass sie bereit sind zu töten. Angesichts der Dschihadisten, die sich im In- und Ausland auf den Weg machen, um ihren geglaubten Irrsinn mit tödlicher Gewalt durchzusetzen, ebenfalls dramatisch aktuell. Bruno Ziauddin legt sein Buch im Jahr 2003 an. George W. Bush lässt die US Army in den Irak einmarschieren. Und das Roger Köppel Alter Ego „T.“ übernimmt die Leitung der links alternativen Weltwoche. Fortan werden die Amerikaner für ihren Krieg über den grünen Klee gelobt. Skeptiker dagegen werden entlassen oder aus der Reaktion gedrängt. All das ist so auch tatsächlich passiert. Das ist schon erschreckend genug. Ziauddin beschränkt sich aber nicht darauf, die Übernahme der Weltwoche zu beschreiben. In knappen Worten charakterisiert er die Idee des neuen Chefredakteurs. „Die Welt ist nicht ganz so sozi-mainstream, wie der Sozi-Mainstream es gern hätte. Es gibt sehr wohl eine andere, fast möchte man sagen: eine Gegenkultur,“ lässt er T. sagen. Und diese Gegenkultur wird gefördert, indem latenter Rassismus in die Zeitung einzieht. Anfangs wird für jede extrem rechte Kolumne noch eine demokratische entgegengesetzt. Aber klar ist, T. hat ein Programm.

Und dieses stößt nicht nur dem extrem antriebslosen Ich-Erzähler zunehmend mehr auf. Erst ist er geschmeichelt, weil T. ihn in die Chefredaktion beruft. Erst Monate später wird ihm bewusst, dass er in der Führung eines inzwischen rechtspopulistischen Blattes sitzt, das für immer mehr Schweizer zum Feindbild schlechthin wird. Der ich-Erzähler ist mit seinem Selbstmitleid, seiner Beziehungsunfähigkeit und seinen Ausreden eigentlich nicht zum Aushalten. Doch genau das ist an dem Roman überzeugend. Ziauddin zeigt, wie aus seinem guten Journalisten ein Mitläufer wird, weil das gute Gehalt und andere Erleichterungen so angenehm sind, dass man schon mal die Augen zudrücken kann. Immerhin rafft er sich am Ende auf und will kündigen.

Doch selbst das gelingt ihm nicht richtig. Denn just in diesem Moment wird er von Damir mit einem Messer niedergestochen. Das islamistisch motivierte Attentat gilt eigentlich T., weil dieser inzwischen zur Hassfigur geworden ist. Doch das Attentat stärkt den Islam-Hasser nur. Das Opfer ist der Journalist, der sich doch noch zu seiner Haltung durchgerungen hat.

Der Roman „Bad News“ ist kein Buch, das als Schlüsselroman die Beziehungen und Bettgeschichten der Redaktion der Weltwoche zum Thema macht. Es ist ein Roman, das zeigt, wie sich die Sprüche und das Denken der Schweizer Volkspartei, der AfD und der Pegidisten negativ auf das gesellschaftliche Klima auswirken. Es zeigt, wie wichtig der demokratische und tolerante Kitt ist, um das Aufeinanderprallen der Extremisten nicht zu befördern. Und er zeigt, welche Rolle die Medien dabei spielen. Ein Roman zur rechten Zeit. Im doppelten Wortsinn.

Der Krieg in der Ukraine eskaliert – und wir sehen weg

In der Ukraine eskaliert der Krieg. Die Separatisten bekennen sich zu Raketenangriffen auf Mariupol (nachdem sie von Moskau in den vergangenen Wochen offensichtlich so aufgerüstet und mit Soldaten verstärkt wurden, dass sie eine große Offensive starten konnten). Dutzende Menschen sterben täglich in einem Krieg mitten in Europa. Und beim Surfen über die wichtigsten Nachrichtenseiten im deutschen Internet spielt das (bis auf wenige Ausnahmen) keine oder nur eine versteckte Rolle. Ist das Angst vor Putins Trollen, die die Kommentarfunktionen verstopfen? Oder ist das Ignoranz? Oder mediale Ermüdung?

Inzwischen sind so viele Fakten über das Engagement Russlands zusammengetragen worden, doch Europa schaut weg. Immer dann, wenn Merkel, Steinmeier oder ein anderer wichtiger Politiker einen Schritt auf den Kreml zugeht, wird ein bis zwei Tage später mit einer Offensive der Separatisten geantwortet. Am Montag sagt Außenminister Lawrow zu, dass die schweren Waffen zurückgezogen würden. Heute schlagen Raketen in einem Wohngebiet in Mariupol ein. Vorgestern regte Merkel zusammen mit den wichtigsten Ministern der SPD eine Zollunion von Wladiwostok bis Lissabon an. Und was ist die Antwort? Tod und Mord in der Ukraine. Wie lange wollen wir uns das noch anschauen? Wenn jede Form von Diplomatie nichts bringt, muss dann nicht die Ukraine durch den Westen zumindest massiv aufgerüstet werden, damit sie sich wenigstens selbst verteidigen kann?

Übrigens: Ob Europa den Krieg Putins duldet, wird sich auf den Fortbestand der EU deutlich stärker auswirken als die morgige Wahl in Griechenland.

Karl-Markus Gauß bloggt über den Ruhm am Nachmittag

Karl-Markus Gauss: Ruhm am Nachmittag
Karl-Markus Gauss: Ruhm am Nachmittag

Die Texte lösen sich auf. Karl-Markus Gauß hat schon Bücher mit Reportagen und Sammlungen von Rezensionen veröffentlicht. Mit dem „Wald der Metropolen“ hat er sich dann auf einen Band mit Reisebeobachtungen und -reportagen konzentriert, die seine persönliche Entdeckung Europas durch das Reisen zum Thema hatte. Und nun legt er eine Sammlung kurzer und kürzester Texte vor, die etwas von einem Tagebuch ohne Daten haben. Fast wirkt es, als wollte er einen Blog in Buchdeckeln präsentieren. Einen Blog, der sich auf seine Beobachtungen beim Fernsehen, bei Empfängen, bei Reisen und bei den Veränderungen der Arbeitsprozesse zum Inhalt haben.

Das klingt nicht wirklich spannend. Warum sollte man ein Buch lesen, in dem die Gedanken eines intelektuellen kurz und pointiert stehen, in dem es um das Denken dieses Karl-Markus Gauss geht? Ganz einfach: Dieser Mann hat etwas zu sagen. Und zwar über Politik und Literatur, über Veränderungsprozesse der Moderne und das Leben. Denn seine Sprache ist klar, ohne Fremdworthuberei. Sein Stil ist prägnant. Die Komposition der kurzen Texte ergibt ein Geflecht aus Gedanken-Konstanten. Und das wichtigste: Die Gedanken nachvollziehbar, weil sie in vielen der kurzen Texte von unterschiedlichen Seiten neu beleuchtet und dadurch umso schärfer sind.

„Ruhm am Nachmittag“ ist also ein lesenswertes Buch. Vor allem, wenn man neugierig darauf ist, gute und wenig bekannte Literatur empfohlen zu bekommen, wenn man sich auf Europa in seiner Gänze und nicht nur auf unser gewohntes Westeuropa einlassen mag und wenn man sich über die ungewohnte Form freuen kann. Denn die kurzen Texte, die oft nicht einmal eine Seite lang sind, laden dazu ein, in einen imaginären Dialog mit dem Autor einzutreten. So wird das Buch eine wirkliche Anregung zum Selber-Denken, zum Mit-Reden. Denn dazu fordert Gauß uns alle letztendlich auf. Zum Nachdenken und Selbst-Denken – und zum Einmischen in diese Welt, die wir selbst gestalten können.