Herbert Lackner ruft die Flucht vor den Nazis ins Gedächtnis

Herbert Lackner: Die Flucht der Dichter und DenkerWer es wissen will, weiß es. Die Vertreibung der deutschen, der österreichischen, der tschechischen, französischen, belgischen, polnischen usw. Intelligenz aus Europa ist bekannt. Aber dennoch ist es gut, das der langjährige Chefredakteur des österreichischen Politik-Magazins „Profil“ ein neues Buch über „Die Flucht der Dichter und Denker“ geschrieben hat. Denn diese Geschichte enthält alles, was auch heute wieder im Zusammenhang mit Asyl und Flucht diskutiert wird.

Lackner ist Journalist durch und durch. Er ist kein Wissenschaftler, dem es auf Vollständigkeit ankommt. Vielmehr destilliert er aus den vielen, den tausendfachen Fluchtgeschichten von Schriftstellern, Wissenschaftlern, Gewerkschaftern, Künstlern, Politikern und ganz normalen Menschen, die wegen ihrer Überzeugungen oder auch nur wegen ihrer Herkunft vor der sicheren Haft und Vernichtung flüchteten. Deshalb konzentriert er sich vor allem auf die Geschichte der Rettung durch Varian Fry und das American Rescue Committee. Dieses wurde von Thomas Mann initiiert, nachdem er ein verzweifeltes Telegramm von Hertha Pauli, Ernst Weiß und Walter Mehring erhalten hatte. Thomas Mann aktivierte Eleonore Rossevelt, die Frau des US-Präsidenten und viele andere, die Geld spendeten und halfen Visa zu beschaffen.

Varian Fry ist dann nach Marseille gegangen, um eine den verfolgten bei der Flucht zu helfen. Er besorgte gefälschte Papier, half beim illegalen Grenzübertritt von Frankreich nach Spanien und schmierte Polizisten. Dieses Handeln ist für Lackner zentral. Mit der Schilderung der Geschichte will er dem Leser verdeutlichen, dass die aktuelle Diskussion über Flucht, Asyl oder Schlepper bei weitem nicht so leicht ist, wie sie oft dargestellt wird. Die Namen und vor allem die verzweifelten Geschichten der von Hitlers Schergen verfolgten Menschen rücken genau das ins Licht.

Vielleicht mag das dem einen oder anderen Leser zu direkt sein. Aber das schmälert weder das Buch noch das Anliegen. Denn die Geschichten von der Flucht Walter Mehrings, Lion Feuchtwangers, Walter Benjamins, Heinrich Manns oder auch weniger berühmter Gewerkschafter sind alle für sich erzählenswert. Dass Lackner sie einem neuen Leserkreis zugänglich macht ist aller Ehren wert. Da er sie auch noch gut erzählt, macht das Buch besonders empfehlenswert.

Herbert Lackner: Die Flucht der Dichter und Denker – Wie Europas Künstler und Wissenschaftler den Nazis entkamen. Ueberreuter: 22, 95 Euro.

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