Die Gedichte von Walter Mehring sind neu erschienen

Walter Mehring: Dass diese Zeit uns wieder singen lehreEndlich gibt es wieder die Gedichte Walter Mehrings im Buchhandel. Der Zürcher Elster Verlag hat nach „Die verlorene Bibliothek“ vor wenigen Monaten eine Sammlung der wichtigsten „Gedichte, Lieder und Chansons des Walter Mehring“ (so der Untertitel) auf 200 Seiten herausgebracht. Das ist verdienstvoll für den Verlag und unglaublich bereichernd für den Leser. „Die Gedichte von Walter Mehring sind neu erschienen“ weiterlesen

Richard Wagner lockt nach Habsburg – in Bibliothek einer verlorenen Bibliothek

Richard Wagner: HabsburgAlles, was sich mit Habsburg verbindet, ist Erinnerung. Die vor knapp 100 Jahren untergegangene Doppelmonarchie hat statt eines riesigen Vielvölkerstaates nur einen Rumpf namens Österreich und eine Reihe anderer Staaten hinterlassen. Und Erinnerungen in Büchern, in Steinen und Gebäuden, in Gerichten und Kaffeehauskultur. Habsburg lebt also weiter. Richard Wagner, der Banat-Deutsche Schriftsteller, der in Berlin lebt, hat eine „Bibliothek einer verlorenen Welt“ erfunden – und Habsburg damit ein literarisches Denkmal aus Essais, Gedankensplittern und realen Büchern aus der untergegangen Welt erdacht.

Ein bisschen erinnert das Buch an Walter Mehrings Autobiografie „Die verlorene Bibliothek„, in der anhand der beschlagnahmten Bibliothek des Vaters eine Kulturgeschichte seiner Zeit erinnerte. Ganz ähnlich geht Wagner vor. Anhand von realen Büchern und einem enormen historischen Wissen begeht er die literarischen Räume der Vergangenheit. Dabei stellt er uns natürlich Franz Kafka und Joseph Roth vor. Aber auch Leo Perutz, Karl Emil Franzos und vor allem auch Bücher und Autoren, die in den anderen Sprachen des Vielvölkerstaates schrieben. So entsteht – in Kombination mit Rezepten typischer Gerichte, die es in abgewandelter Form in allen Kaffeehäusern des ehemaligen Reiches noch heute gibt – ein sinnliches und literarisches Gesamtbild dieses Habsburgs.

Richard Wagner gelingt es, viele Traditionsstränge bis in die Gegenwart zu ziehen. Seine oft kurzen Texte sind Gedankenblitze, die das Gesamtbild erhellen und beleuchten. Von besonderem Interesse sind die Verweise, die auf die Nationen verweisen, die neben den Deutschen in der Doppelmonarchie lebten. Nur bei den Ukrainern verlässt Wagner der kritische Geist. Ihnen spricht er eine nationale Eigenständigkeit ab. Er betont den Beginn der russischen Geschichte mit dem Kiewer Rus – und damit das Recht Moskaus noch heute über die Ukraine herrschen zu wollen. Das aber ist erstaunlich unhistorisch in diesem so historischen Buch. Mit einer ähnlichen Begründung müsste Kaliningrad schleunigst wieder deutsche werden. Immerhin ist Königsberg der Ausgangspunkt des preußischen Königtums. Oder große Teile Russlands müssten Litauen zugeschlagen werden, denn die Herrschaft der Litauer reichte einst bis weit über Weißrussland und die Ukraine hinaus. Richard Wagner konterkariert mit dem Teil über die Ukraine den Ansatz seines ganzen Buches. Da ist doppelt ärgerlich. Zum einen, weil es schlicht falsch ist. Zum anderen, weil der Rest des Buches wunderbar ist.

Jurij Wynnytschuk entführt uns nach Lemberg

Jurij Wynnytschuk: Im Schatten der MohnblüteDer Krieg in der Ukraine hat das Land zwischen Polen und Russland buchstäblich ins europäische Bewusstsein geschossen. Je länger die russische Aggression währt, umso mehr beschäftigen sich Öffentlichkeit und Medien, aber auch die Wissenschaft mit der Geschichte des Landes. Und umso klarer schält sich heraus, dass die Ukraine eine eigenständige Kultur, eine eigene Sprache, ein eigenes Nationalbewusstsein hat, das sich klar gegen Russland abgrenzt. Ein wunderbares Beispiel für die ukrainische Literatur ist der kürzlich erschienene Roman „Im Schatten der Mohnblüte“ von Jurij Wynnytschuk.

Im Mittelpunkt des Buches die Freundschaft von vier jungen Lembergern. Ein Pole, ein Ukrainer, ein Jude und ein Deutscher bilden das Quartett, das in den 1930er-Jahren in der damals polnischen Stadt unzertrennlich sind. Jurij Wynnytschuk schildert die multikulturelle Stadt aus der Sicht der dort lebenden Nationalitäten bis in die 1940er-Jahre hinein. Der Roman handelt also von Krieg und Frieden. Er schildert die Besetzung der Stadt durch die Rote Armee in Folge des Hitler-Stalin-Paktes und fast zwei Jahre später durch die Wehrmacht. Wynnytschuk erzählt vom Wüten des NKWD und davon, wie die gleichen Foltergefängnisse dann von der Gestapo genutzt wurden, um nach dem Fall Lembergs 1944 wieder vom NKWD in Besitz genommen zu werden.

Im Grauen, das die Stadt erlebte, fehlt natürlich auch nicht der Untergang und die Vernichtung der Juden durch die Deutschen. Eine furchtbare Rolle dabei muss der jüdische Freund übernehmen. Er muss bei den Exekutionen zusammen mit anderen Juden in einem Orchester musizieren. Dabei spielt er einen ganz speziellen Tango so, dass er kaum gehört werden kann. Aber dessen Melodie hat eine ganz wichtige Funktion: Wer sie beim Sterben hört, erhält die Chance zur Seelenwanderung in einen anderen Menschen, der dann zwei Seelen in sich trägt. Eine gewagte Geschichte, die Jurij Wynnytschuk aber wunderbar erzählt. Diese Seelenwanderung ermöglicht es den Menschen, vertraute Seelen wiederzufinden. Und so finden auch die Freunde wieder – und zwar in der von der Sowjetunion befreiten Ukraine.

„Im Schatten der Mohnblüte“ vereinigt alles, was gute Literatur ausmacht. Es strotzt vor Fabulierfreude, es öffnet den Kopf für phantastische Gedanken, die sich trotz allem irgendwie wahr anfühlen. Denn wer kennt sie nicht, die Situationen, in denen man sich fremden Menschen verbunden fühlt oder sich in einer fremden Stadt auskennt, als sei man schon dort gewesen. Jurij Wynnytschuk verzaubert den Leser, der sich auf das Gedankenexperiment einlässt. Und er zeigt in seinem Lemberg-Roman ganz deutlich, weshalb die Ukraine kein Wurmfortsatz Russlands ist, sondern eigenständig.

Wassererzählungen: John von Düffel schwimmt wieder

John von Düffel: WassererzählungenNiemand schreibt so gut über das Schwimmen wie John von Düffel. In seinen Romanen hat er die Bewegung im Wasser, das Gleiten in der Schwerelosigkeit, die Anstrengung der Armzüge, das Ausatmen unter Wasser, die meditative Kraft der sich auflösenden Gedanken beim Bahnenziehen beschrieben, dass die Lust auf einen Sprung ins Becken von Seite zu Seite wuchs. In seinen „Wassererzählungen“ gelingt ihm das auch wieder. Doch würde es den elf Texten nicht gerecht, reduzierte man sie darauf.

Denn die Erzählungen handeln vor allem von Verlusten bei Paaren, in Familien oder alten Freundschaften. In „Die Vorschwimmerin“ etwa bietet eine Schwimmerin ihrer Freundin einen seltsamen Job an. In einer Villa mit Schwimmbecken soll sie täglich schwimmen. Sie würde den Lohn immer vorfinden und würde den Auftraggeber nie sehen. Aber er könne sie sehen. Und das nackt. Aus diesem Angebot entsteht eine Diskussion über Moral und Unmoral, das sich angesichts der Fülle von Missverständnissen zur Frage führt, ob die Freundschaft überhaupt Bestand haben kann. Wie John von Düffel das schildert, zeugt von großer dramaturgischer Raffinesse.

In anderen Texten spielt das Schwimmen in der Ostsee, in Teichen und Becken eine größere Rolle. Aber nie ist es Selbstzweck. Und dennoch sind die Passagen, in denen sich die Männer und Frauen in von Düffels Geschichten im Wasser bewegen, die schönsten.

Mehr vom Schwimmen:
Mein Sprungturm
Schwimmen im Salzwasser der Adria
Gefahr beim Schwimmen im See
Hauptsache rüberschwimmen
Schwimmen ohne Wand und Wende
Wassererzählungen: John von Düffel schwimmt wieder
Leanne Shampton meditiert über das Bahnen-Ziehen
Anbaden 2012
Lynn Sherr feiert das Schwimmen in einer persönlichen Kulturgeschichte

 

Alissa Ganijewa beschreibt den Untergang Dagestand durch Ismalismus und Antiterrorkampf

alissa-ganijewaIslamisten spielen in unseren Nachrichten eine wichtige Rolle. In Syrien, Irak, Libyen oder Mali machen sie sich in zerfallenden Staaten breit und terrorisieren die Bevölkerung. Alissa Ganijewa schildert in ihrem ersten Roman die Machtübernahme radikaler Islamisten in Dagestan. Eine russische Teilrepublik, die hier im Westen kaum bekannt ist. „Die russischen Mauer“ ist ein erschütternder Text, der vor allem von Niedergang und Zivilisationsverlust handelt, aber auch die große kulturelle Vielfalt des Kaukasus beschwört.

Alissa Ganijewa ist selbst in Machatschkala, der Hauptstadt Dagestans, aufgewachsen. Studiert hat sie in Moskau, wo sie auch lebt. In ihrem Roman schildert sie einen islamistischen Umsturz in Dagestan vor allem aus der Perspektive Schamils, eines jungen Lokaljournalisten. Dagestan ist tatsächlich ein Landstrich, der seit nun eineinhalb Jahrzehnten von islamistischen Terror und russischen Militäroperationen geschunden wird. Ganijewa lässt sich auf die Traditionsstränge ein, die den Islamisten in die Hände spielen. Sie zeigt die Motivationen der islamistischen Kämpfer und ihrer weiblichen Unterstützerinnen. Das zutiefst korrupte Regime der Kommunisten ist ein wichtiger Aspekt. Aber auch die Missachtung alter Traditionen.

Auch für Schamil sind diese Traditionen noch Teil seines Lebens, obwohl er ein moderner Mensch ist. Mit Terror und Islamismus hat er nichts am Hut. Er will leben, Frauen verführen, Wodka trinken und in der Muckibude trainieren. Und er sucht einen dauerhaften Job, für den er allerdings zukünftige Vorgesetzte bestechen müsste. In Ganijewas Roman stolpert Schamil eher durchs Leben. Und dabei beobachtet er protzige Hochzeiten von Oligarchen, Versammlungen von Radikalen auf dem Hauptplatz oder Konzerte von Sängerinnen, die nicht mehr so selbstsicher wirken, weil der Umsturz zu erahnen ist. Und Schamil träumt: vom Leben auf dem Dorf, von alter Handwerkskunst oder Ausflügen in die wunderbare Bergwelt des Kaukasus.

Schamil kommt dabei leider zu naiv daher. Ganijewa haucht ihm zu wenig Leben ein, das den Leser mitfühlen lässt. Das liegt teilweise auch an der Sprache, die immer wieder von Phrasen in awarisch und anderen Sprachen durchzogen ist. Das hemmt den Lesefluss. Auf der anderen Seite entsteht dadurch eine orientalische Stimmung. Und das ist tatsächlich gut. So wie die Bewältigung des brutalen Stoffes auch eine große Könnerschaft zeigt. „Die russische Mauer“ ist ein seltenes Buch, das sich innerrussischen Konflikten annimmt. Mit Kritik spart die junge Autorin auch nicht. Schamil stirbt am Ende. Durch den Beschuss russischer Truppen. Der nächsten Stufe der Zerstörung des alten Dagestan, nachdem es die Islamisten schon innerlich vernichtet haben.

Christiane Körner hat das Buch aus dem Russischen übersetzt.

Salzburger Land – ein inzwischen kulinarisch ödes Land

Denk ich an Österreichs Küche, fließt mir das im Mund zusammen. All die verschiedenen Knödel, die wunderbaren Braten, die köstlichen Süßspeisen. Wenn ich aber im Salzburger Land nach Wirtschaften suche, dann finde ich nur noch wenige. Und die bieten nicht viel an. Und das, was sie anbieten, ist vor allem kurz Gebratenes mit Pommes. Zu einem guten Schnitzel mag das ja noch gehen – wobei feine Petersilienkartoffeln die besser Alternative wären. Aber warum muss die immer gleiche Beilage auch bei den anderen Gerichten serviert werden?

Die Speisekarten richten sich offensichtlich am Publikum aus. Und das will Pommes. Und keine Selchknödel mit Kraut und Soße. Oder Schweinsbraten mit Semmelknödel. Auch den Tafelspitz scheint es nicht zu mögen. Das ist traurig. Und für mich eine echte Enttäuschung. Zum Urlaub gehört auch die kulinarische Entdeckungsreise dazu. Wenn es aber nur Pommes gibt, dann reduziert sich der Genuss dramatisch. Oder er konzentriert sich auf die Süßspeisen, wenn es einen guten Kaiserschmarrn oder einen Strudel gibt.

Vielleicht hängt der verhängnisvolle Trend zu eintönigen Speisekarten aber nicht nur an den vielen Touristen aus Holland und Dänemark, sondern auch an den Wirten selbst. Die werden nämlich immer weniger. Die Kinder wollen die Betriebe oftmals nicht mehr übernehmen. Dann werden die Wirtshäuser verkauft, aus dem Saal werden Fremdenzimmer und der neue Eigentümer kommt am Ende auch von weit her. Dann fehlt ihm natürlich der Bezug zur regionalen Küche und ihren Köstlichkeiten. Mit viel Glück sorgen die Köche noch für Pinzgauer Kasnocken oder ein Tiroler Geröstl, aber alles, was mehr Aufwand kostet, können oder wollen sie nicht durchsetzen.

Es ist nicht im ganzen Pinzgau, wie oben beschrieben. Aber die Tendenz geht ganz klar in diese Richtung. Inzwischen gibt es Orte wie Piesendorf, in denen die einheimische Bevölkerung nicht einmal mehr eine Hochzeit feiern kann. Die Säle sind in Fremdenzimmer umgewandelt, andere Wirtschaften stehen leer und der Rest ist so auf Tourismus eingestellt, dass für eine Hochzeitsgesellschaft kein Platz mehr ist. Und so stirbt in einer Region, die vom Tourismus lebt, der Kern der alten Gastlichkeit so langsam aus. Was bleibt ist das Wiener Schnitzel, das es überall gibt. Aber nur mit Pommes. Und ganz oft auch fritiert. Wie furchtbar.