Stasi-Akten verunsichern ganz Osteuropa

Sieben ost- und mitteleuropäische Staaten haben sich zum „Europäischen Netzwerk der für die Geheimpolizei zuständigen Behörden“ zusammengeschlossen. In den ehemaligen Ostblock-Staaten wird sehr unterschiedlich mit den Akten der kommunistischen Diktaturen umgegangen.

Es hat fast 20 Jahre gedauert, bis sich die staatlichen Stellen zur Aufarbeitung der Stasiakten in einem Netzwerk organisierten. Erst im Dezember 2008 schlossen sie sich zusammen. Die ehemaligen Staatsparteien, in deren Auftrag die Geheimpolizeien die Bevölkerung bespitzelten, waren schneller. In vielen Ländern bestimmten ihre Nachfolger die Debatte um den Umgang mit den Akten. Am nachhaltigsten verhinderten sie in Bulgarien und der Ukraine die Archiv-Öffnung. Kein Wunder, wie der bulgarische Journalist Hristo Hristov findet: „Selbst unser aktueller Präsident war Mitarbeiter des Geheimdienstes.“ Sein ukrainischer Kollege Juri Durkot kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: „Erst nach der Orangenen Revolution 2004 hat man angefangen, Akten zugänglich zu machen.“ Wobei sich das „Institut für das nationale Gedenken“ vor allem mit Themen befasst, die lange zurückliegen, etwa der großen Hungersnot 1932/33. Einem Thema, das der Abgrenzung zu Moskau dient. Der Unterdrückung von Dissidenten nähert sich das Institut dagegen erst langsam – mit fraglichem Ausgang. Juri Durkot: „Bis zur Trennung 1991 sind viele Akten nach Russland gegangen.“

Solche Probleme kennen alle Behörden. Vor allem der Versuch, die Akten politisch zu instrumentalisieren ärgert sie und auch die Bürger. Die polnische Journalistin Patrycja Bukalska zeigt die Auswirkungen: „In Polen hat sich der Anteil der Gegner der Aktenöffnung von 2007 bis 2009 auf 40 Prozent verdoppelt.“ Die Akten gälten nur noch als Mittel im politischen Kampf, nicht als Teil der Aufarbeitung.

Doch genau dazu wurden sie Wissenschaftlern, Journalisten und Opfern zugänglich gemacht. Ungarn war 1991 der erste Staat des ehemaligen Warschauer Paktes, der ein Lustrationsgesetz erlassen hatte. Lustration war im alten Rom die feierliche Befreiung von Sünden. Die postkommunistischen Staaten nannten jene Gesetze so, die es ermöglichten, sich von Geheimpolizei-Mitarbeitern dank der Akten zu befreien – also von den Sündern der Vergangenheit. Ludek Navara von der tscheschichen Zeitung „Mladá Fronta DNES“ findet das nach wie vor richtig. 20 Jahre nach dem Ende der Diktatur interessiert ihn: „Wer wurde gezwungen und wer arbeitete aus Überzeugung mit der Staatssicherheit zusammen?“

Die Frage nach der Motivation und der Wirkungsweise der Unterdrückung bewegt alle nationalen Institute. Axel Janowitz, Referent für Bildungsarbeit der Birthler-Behörde mahnt: „Wir verlieren 2,3 Millionen SED-Mitglieder aus dem Blick. Und damit die Verantwortung der SED.“ Die Konzentration auf die Stasi, den „Schäferhund der SED“, gefährde die Aufarbeitung. Das sieht auch Dragos Petrescu vom „Nationalrat für das Studium der Securitate-Archive“ in Rumänien so. Dabei hat er die Jugend im Blick, für die die Diktatur Geschichte ist. Petrescu: „Wir müssen der Jugend sagen, dass auch der verantwortlich ist, der mitgemacht hat, ohne für die Securitate gearbeitet zu haben.“

Dieser Ansatz bei der Aufarbeitung wird oft als politische Instrumentalisierung verstanden, da sie zwangsläufig heute aktive Politiker und andere öffentliche Personen mit der Vergangenheit konfrontiert.

Eigentlich wollen die Behörden die europäische Dimension der Diktaturen beleuchten. Und wie kulturelle Fragen der einzelnen Nationen das Funktionieren der Diktatur bestimmt haben. Etwa, weshalb die Stasi in ihren Berichten von „häufig wechselndem Geschlechtsverkehr“ schreibt, der ungarische Geheimdienst aber von einem „aktiven Liebhaber“. Doch noch sind die Behörden nicht so weit. Das gilt auch für die Frage, nach dem Zusammenspiel von KGB und den einzelnen Geheimpolizeien.

Marianne Birthler, Chefin der deutschen Stasi-Behörde, will zudem, dass ein weiterer Aspekt nicht vergessen wird: „Wir finden in den Akten auch viele Menschen, die sich dem System widersetzt haben. Menschen, die einfach anständig geblieben sind.“

Der Pole Marek Krajewski entdeckt das deutsche Breslau

Breslau kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Eine unheimliche Mordserie erschüttert die Stadt. Und Eberhard Mock von der Mordkommission. Denn offensichtlich werden nur Menschen ermordet, mit denen er in Kontakt kommt.

Ein Pole aus Breslau (Wroclaw) ist der Autor dieses packenden Krimis. Marek Krajewski (41) lässt die deutsche Stadt, die Hauptstadt Niederschlesiens, wieder aufleben. Er hat sich über alte Stadtpläne gemacht, die Strukturen der deutschen Stadtverwaltung und der preußischen Polizei genau studiert und sich einen Kommissar einfallen lassen, wie er nur direkt nach dem Ersten Weltkrieg denkbar ist.

Eberhard Mock hat sich seinen eigenen Kosmos in Breslau aufgebaut. Er kann mit der Unterwelt und ist dennoch ein leidenschaftlicher Polizist. Vier Matrosen werden tot aufgefunden. Ihre Knochen sind gebrochen, damit sie zu einer perversen Skulptur geformt werden konnten. Denn das einzige, was sie anhaben, sind lederne Lendenschurze.

Der Fall nimmt Mock sehr mit. Sein Freund, ein Arzt, ist der einzige Mensch, mit dem er reden kann. Vor allem, als deutlich wird, dass sämtliche Mordopfer, die dananch gefunden werden, mit Mock in Zusammenhang stehen. Das Sittenbild, das Krajewski zeichnet, ist nicht gerade schmeichelhaft. Aber für das Jahr 1919, als der verlorene
Erste Weltkrieg noch nicht verkraftet ist, als die Monarchie gestürzt, die Demokratie aber noch lange nicht etabliert ist, ist dieses Bild stimmig.

Auch die Handlung ist nachvollziehbar. Die Motive leuchten ein. Doch der Erzählstil macht  es dem Leser zunächst nicht leicht, ins Breslau von 1919 einzutauchen. Aber wer die ersten 50 Seiten gelesen hat, will dann doch wissen, wie der Fall ausgeht. Vor allem, weil es schon ziemlich lange dauert, bis sich die ersten Ahnungen, wer denn der Täter sein könnte,
verfestigen.

Ein spannender Krimi also, der vor allem von seinem Lokalkolorit lebt. Dass der von einem Polen geschrieben ist, macht das Buch noch interessanter. Denn immerhin war Breslau bis 1945 eine fast vollständig deutsche Stadt. Im Rahmen der Grenzverschiebung Polens nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es von Polen besiedelt. Und jetzt eignet sich ein Pole
die deutsche Geschichte Breslaus als die eigene an. Das ist mehr als reizvoll.

MAREK KRAJEWSKI: GESPENSTER IN BRESLAU. DTV, 14,50 €.

Daniel Odija zersägt im Sägewerk die Globalisierung

Das Buch hat nur 173 Seiten. Doch auf ihnen beschreibt der junge polnische Schriftsteller Daniel Odija (Jahrgang 1974) die Verhältnisse auf dem Land im heutigen Polen so drastisch und direkt, dass es einem fast zu viel werden könnte.

Doch „Das Sägewerk“ legt man nicht aus der Hand. Dazu schildert Odija den Aufstieg und Abstieg des Sägewerkbesitzers zu eindringlich. Mysliwski nutzt den Zusammenbruch
des Kommunismus eiskalt aus. Doch dem Druck der neuen Mächtigen kann er letztendlich
nicht standhalten. Trotz seiner Brutalität. „Das Sägewerk“ ist ein eindringlicher Roman über die Auswirkungen der Globalisierung bei unserem östlichen Nachbarn. Vor allem aber ist es ein richtig gutes Buch.

Daniel Odija: Das Sägewerk; Zsolnay, 17,90 EURO.