Nach Ende des 2. Weltkriegs hat Walter Mehring seine „Verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur“ geschrieben. In ihr findet sich eine schöne Passage zum Sinn des Lebens und der Kunst:
„Wenn überhaupt in unser aller Dasein etwas einen Sinn hat, so ist es der: verliebt zu sein, – und wenn überhaupt noch ein Ziel erlebenswert ist, so das eine: sich in die Schönheit zu verlieben (die jeweilig jedes Liebhabers Geschmackssache bleibt), – und wenn überhaupt ein Liebesgebot allgültig ist, so dieses: Seid fruchtbar, das heißt: schöpferisch, – und mehret Euch, das heißt: Euch selbst; aber nicht die Mehrheit politischer Viehherden oder den Reinertrag industrieller Unternehmen.
Und wenn sich all des Tagewerkes Schweiß und Plackerei noch lohnt, so nur, am Feierabend ins Bett zu gehen – mit der innig Geliebten – oder wenigstens mit dem Traum an sie, um die ungewisse Begierde mit dem genauen Ausdruck zu gatten; um sich zu ergießen und zu genießen; um einander zu berühren und gerührt zu sein; um den Orgasmus, den Moment göttlicher Wonne zu verewigen. Warum eine Klanghochzeit – eine Reimpaarung, eine Farbverbindung – künstlerisch geglückt ist, läßt sich allgemein nicht erklären, weil man seine Liebe echt bloß der einzig Geliebten erklären kann: Liebeserklärungen an Staatsväter, Vaterländer, an die Plebs sind pervers, exhibitionistisch, unzüchtig.
Doch die Schönheit selber – einer Dichtung, wie einer Frau – ist polygam. und das jeweilige Schönheitsideal – als Mode und modus vivendi – antwortet dem Verlangen des einzelnen wie den Ansprüchen der Zeit.“
(Walter Mehring, Die verlorene Bibliothek. Claassen Verlag, Düsseldorf: 1978, S. 119 f.)
Politische Kommunikation – oder Wie sage ich es den Bürgern?
Zusammenfassung meines Vortrags bei einem Workshop vom „Bündnis für Demokratie und Toleranz“ und „Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.“ am 24. September 2011 in Kassel.
In vielen politischen Diskussionen über das Internet wird die Anonymität beklagt. Dies mag für bestimmte Bereiche stimmen. Etwa bei den Kommentarfunktionen von Medienangeboten oder auch bei Blogs, die unter Pseudonym geschrieben werden. Aber die Verschleierung der Identität ist fester Bestandteil der politischen Kommunikation – und das nicht nur in Diktaturen. Ob das Streiflicht der Süddeutschen Zeitung oder viele Kolumnen in den Lokalteilen der Tageszeitungen, das Verfahren, den Verfasser zu verheimlichen, hat eine lange Tradition und sollte eigentlich auch Innenminister Friedrich bekannt sein.
Was völlig übersehen wird, ist das häufige öffentliche Bekenntnis im Internet. Wer auf Facebook seine Unterstützung für die Kandidatur von Joachim Gauck als Bundespräsident zum Ausdruck brachte, tat dies in der Regel mit echtem Namen und seinem Gesicht. Nur so funktioniert der Schneeballeffekt, der zu immer mehr Unterstützern führt. Die persönliche Empfehlung von mir bekannten Menschen veranlasst mich, ebenfalls zu unterstützen. Im Gegensatz zur Unterschrift auf einer analogen Unterschriftenliste zeige ich auf Facebook mein Gesicht für oder gegen ein Projekt, einen Kandidaten oder eine politische Kampagne.
Die politische Beteiligung ist hier viel persönlicher und offener, als immer dargestellt. Ja, das Bekenntnis ist sogar viel authentischer als früher. Diesen Wert gilt es zu beachten und fördern. Das Engagement darf nicht als minderwertig abgetan werden, nur weil es in einer anderen Form gezeigt wird. Natürlich ist es leicht, den Like-Button bei Facebook zu klicken, weil mir ein Freund – wobei ich das Wort Bekannter für die bessere Übersetzung des englischen friend bei Facebook halte – etwas empfohlen hat. Dennoch ist mein Like ein Bekenntnis. Wie gut diese Mobilisierung für Themen funktioniert, war nicht nur bei der Gauck-Kampagne zu beobachten. Auch bei den Mobilisierungsaktionen von Kompakt oder den Online-Petitionen des Bundestages funktioniert dies. Spätestens beim letzten Beispiel müsste jeder einsehen, dass online nicht schlecht und anonym ist, sondern sehr oft das Gegenteil. Aber für eine obrigkeitsstaatliche politische Kommunikation ist der Weg über die sozialen Netzwerke nicht erfolgreich.
Denn es geht um das Vernetzen von Menschen und nicht um das Erklären ex cathedra. Wer sich das klar macht, kann allerdings neue Formen der Bürgerbeteiligung entwerfen. Er kann als Politiker auch sinnvoll kommunizieren. Aber nur, wenn er bereit ist, auch die Antworten der Menschen im Netz ernst zu nehmen – und gegebenenfalls auch selbst zu antworten. Mit diesen Schlaglichtern auf veränderte Kommunikationsbedingungen in den Medien und im Internet möchte ich enden. Ich hoffe, sie regen zur Diskussion an.
Eine fränkische Wirtschaft ist etwas besonderes. Zum einen sind die Tische größer als in vielen anderen Regionen Deutschlands. Hier muss man sich zusammensetzen. Und dann gibt es hier Bier wie sonst nirgends in Deutschland. Da gibt es Kellerbiere, Weizenbiere, Helles und manchmal auch ein Rauchbier. Pils gibt es zwar auch, aber dieses bittere Getränk steht nie oben auf der Karte. Hier ist es ein minderrangiges Bier. Wie schön.
Außerdem stimmt in fränksichen Wirtschaften das Preis-Leistungsverhältnis. Dieses Biobier zum Beispiel wird in Betzenbach in der Fränkischen Schweiz für 2,80 Euro angeboten. Es ist wunderbar süffig, hat eine feine Wurzigkeit und kann sich bei der Kohlensäure beherrschen.
Wo das Bier günstig ist, können die Preise fürs Essen nicht explodieren. Die Karte ist reichhaltig, bietet von den Klassikern der fränkischen Küche, dem Schäuferla, den Bratwürsten und dem Karpfen, alles was den Gaumen erheitert. Etwa die Kalbsroulade, die mit Meerrettich gefüllt ist und mit einem Brezenknödel serviert wird. Alles für sich wäre schon ein Ereignis, aber in dieser Kombination schmeckt das Essen nach der Leberknödelsuppe besonders gut.
An den Autobahnen stehen in Oberfranken besondere Schilder: „Genussregion Oberfranken“. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Nur ein Satz voller Wehmut: Die Zahl der Wirtschaften nimmt auch hier ab. Wo vor 20 Jahren noch jedes Dorf eine hatte, gibt es jetzt schon Ecken in der Fränkischen Schweiz, in der die Suche nach der guten Wirtschaft den Hunger massiv anschwellen lässt. Aber wenn man dann an einem dieser Holztische sitzt, das Bier vor sich hat und auf das Essen wartet, dann ist eines gewiss: So eine Wirtschaft ist auch ein Stück Heimat.
Die Ruhe wird nur von Traktoren gestört. Ab und an ist das Pumpen der Kolben in der Ferne zu vernehmen. Aber hier in der Fränkischen Schweiz ist dieser Klang schon fast natürlich. Er gehört hier her wie der Fels aus Kalk. Beim Laufen durch noch immer hellgrün schimmernden Buchenwald, die leichte Steigung deutlich spürend, stellt sich ein vages Heimatgefühl ein.
Die Farbe der Erde, der Geruch des Waldes, der Klang der fernen Bulldogs, all das macht die Schritte leichter. Auch ohne Laufschuhe (stattdessen leichte Straßenschuhe) dafür aber mit Kreuzschmerzen. Die lassen dann auch nach. Mit jedem Einatmen dieser wohl vertrauten Luft.
Manchmal wünscht man sich beim Hören einer CD, dass der Produzent seine Arbeit besser gemacht hätte. Dann hört man ständig Unzulänglichkeiten, die nicht sein müssten. „Sissita’s Soul Tangos“ der Österreicherin MisSis ist leider so ein Beispiel. MisSis hat eine wunderbare Soul-Stimme. Auf MySpace hat diese ein argentinischer Produzent entdeckt. Aus seiner schönen Idee, diesen Soul mit dem Tango seiner Heimat zu kombinieren, ist aber leider kein vorzügliches Album entstanden. Das liegt nicht an MisSis. und auch die wunderbaren Tango-Musiker können nichts dafür. Einzig der Produzent ist dafür verantwortlich. Denn jedes der Stücke ist für sich gut. Aber in der Summe ist das Album zu wenig abwechslunsgreich. Denn MisSis ist immer laut. Sie darf ihre Stimme nicht zurücknehmen. Offensichtlich war Arial Gato aus Argentinien, so heißt der Produzent, so von deren Volumen angetan, dass es es immer Dröhnen lässt. Und dabei würde der Tango doch auch die leisen Töne vertragen. Zwar tragen Soul in Tango die Melancholie in sich, doch auch die ist oft leise. Wie gesagt: Das ist sehr schade, weil auf der CD viele gute Stücke sind. Insofern kann man allenfalls dazu raten, nie alle Stücke auf einmal zu hören. Sondern immer schön in Häppchen. Dann kommt das Vergnügen. Dann überzeugt die Kraft von MisSis. Ansonsten aber erschlägt sie den Hörgenuss.
Wenn die Sonne rot untergeht, wärmt sie das Herz. Der Kitsch taucht selbst tägliche Pendelstrecken in eine wärmende und versöhnliche Stimmung.
Verkehrsinsel in rotem Licht.
Selbst Werbetafeln, Verlehrsinseln und Telekom-Logos verschwimmen in Gefühlsseligkeit. Erkner wird zu einem Ort der Sehnscht, weil der Sonnenuntergang eine spezielle Schönheit erzeugt.
Blick auf den Dämmeritzsee
Blickt das Auge auf Wasser, das die Wohlfühlsonne noch kräftiger spiegelt, macht das Herz einen Sprung. Ein Sich-Entziehen ist nicht mehr möglich. Egal wie der Gefühlshaushalt bestückt ist, der Blick sorgt für eine Besserung zu gut oder gar euphorisch.
Blick in den Oder-Spree-Kanal von der Schleuse Wernsdorf.
Aber warum? Warum kann so ein Blick die Rationalität der Gedanken überlagern? Warum ist es nicht möglich, sich diesem Kitsch zu entziehen? Antworten auf diese Fragen gern als Kommentar auf dieser Seite…
Ünal Yüksel kennt beide Seiten. Er ist in Berlin geboren, in Istanbul aufgewachsen und in Berlin erfolgreich geworden. Für den Musikproduzenten ist das Leben als Türke in Deutschland ganz selbstverständlich. Die türkische Tageszeitung Hürriyet hat ihn jetzt zu einem der 50 wichtigsten Türken in Deutschland gewählt. 1969 ist Ünal Yüksel in Berlin geboren. Seine Eltern sind türkische Gastarbeiter, wie das damals noch hieß. Der Vater ist Tischler und Zimmermann. Den Beruf hat er nach der 5. Klasse bei seinem älteren Bruder gelernt. Die Mutter arbeitet in Berlin bei den Deutschen Telefonwerken und lötet Platinen. Beide haben die Chance ergriffen, in einem fremden Land zu größerem Wohlstand zu kommen. Doch ganz trennen wollten sie sich damals von ihrer Heimat noch nicht. Das hat Sohn Ünal, der älteste von drei Söhnen, leidvoll erfahren. Seine Eltern haben ihn in Istanbul eingeschult. Sie wollten in die Türkei zurück. Und da dachten sie, dass es für den Sohn das Beste sei, wenn er von Anfang an in eine türkische Schule geht. „Ich bin da ins Internat gekommen und konnte kein Wort Türkisch,“ erinnert sich Ünal Yüksel. In Berlin hatte er Deutsch gesprochen. Für seine Mitschüler war er deshalb eher Deutscher als Türke. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Aus dem ursprünglich einem Jahr Internat wurden schnell zwei, vier und schließlich gar acht.
Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara
Jedes Jahr hieß es: Bleib noch eines, dann kommen wir nach. Doch irgendwann wollte Ünal das nicht mehr hören. Er wollte sein Leben nicht in einem Internat verbringen, sondern bei der Familie. Deshalb hat er seine Rückkehr nach Berlin durchgesetzt. „Endlich wieder Familie,“ freut sich Ünal Yüksel im Rückblick noch immer. Aber die Sicherheit der Familie war nicht alles. Denn jetzt wurde er mit dem gleichen Problem wie beim Umzug nach Istanbul konfrontiert: Er hatte die Sprache in den Jahren verloren. Zwar konnte er nun Türkisch, aber sein Deutsch war weg. Diese Grunderfahrung treibt Yüksel noch immer um. Deshalb engagiert er sich in Schulen mit hohem Migrantenanteil in Neukölln, Moabit oder Kreuzberg. Dort erzählt er von seinem Leben in der dritten Person und fragt die Schüler, was aus so einem Jugendlichen wohl geworden ist. „Opfer oder Drogenhändler,“ heißt es dann oft. Umso größer ist dann das Erstaunen, wenn er sagt: „Dieser ehemalige Jugendliche steht vor euch.“ Auf diesen Aha-Moment setzt er. Er will ein positives Beispiel sein. Denn die negative Grundhaltung vieler Migranten ärgert ihn. Positiv ist sein Beispiel in der Tat. Yüksel hat sich trotz der anfangs katastrophalen Deutschkenntnisse mit Disziplin und Hartnäckigkeit erst zum Abitur und dann zum Diplom-Audio-Ingenieur durchgebissen. „Die Eigenschaften habe ich von der Mama,“ lächelt er. Vom Vater hat er die Bereitschaft, die Selbständigkeit zu riskieren. Der hatte sich Ende der 80er Jahre als Zimmermann ein eigenes Geschäft aufgebaut.
Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara
Den Schülern sagt er: „Ihr müsst nur lernen. Eure Hemden bügeln eure Mütter. Der Staat bezahlt die gute Bildung. Ihr müsst dieses Angebot nur annehmen.“ Da seine Geschichte echt ist und er auch mit 42 Jahren authentisch geblieben ist, erreicht Ünal Yüksel die Jugendlichen. Damit sprengt er immer wieder Löcher in die Mauern der geistigen Ghettobildung, der etliche Jugendliche aus Bequemlichkeit, oder weil sie nicht anderes kennen, erliegen. „Aber den Hintern müssen sie dann schon noch selbst hoch bekommen.“ Ünal Yüksel hat es als Musiker und Musikproduzent geschafft. In der Schöneberger Hauptstraße hat er in den vergangenen 18 Monaten ein eigenes Studio gebaut. Er wollte mit seinen Bands nicht mehr in gemietete Studios. „Kreativität kannst du nicht planen. Wenn ich eine Idee habe, will ich einen Schlagzeuger oder einen anderen Musiker anrufen und ihm sagen: Komm vorbei. Ich will etwas ausprobieren.“ Das Studio ist frei schwingend in das alte Gemäuer eingehängt. Noch ist nicht jede Wand verputzt, aber aufgenommen wird schon. Unter dem Studio ist ein Club. Hier sollen bald Konzerte stattfinden, die er dann über das Studio kostenpflichtig ins Internet streamen will. Yüksel produziert für den türkischen und den deutschen Markt. Hier erreichte er als Labelinhaber mit seinem Künstler Muhabbet Charterfolge, remixte für Seeed „Ding“ als türkischen Song „Oy Güzelim Remix“ oder tritt als Veranstalter auf. In der kommenden Woche etwa mit dem „Delighted-Festival“ im Kreuzberger Atze-Musiktheater. Er bringt auf die Bühne, was er an Musik so liebt: „Grenzenlose Musik jenseits von Orient und Okzident“ wie das Festival im Untertitel heißt. Am 30. Oktober im Tempodrom tritt der türkische Superstar Sezen Aksu auf. Dieses Konzert ist für Yüksel etwas besonderes: „Wir feiern 50 Jahre Türken in Deutschland. Ich habe mir überlegt, welchen Beitrag wir dafür ohne staatliche Unterstützung aus Deutschland, der Türkei oder der Stadt Berlin leisten können.“ Für Ünal Yüksel ist das ein Statement in mehrerlei Hinsicht. Zum einen ist es ein Grund, diese 50 Jahre türkische Migration nach Deutschland zu feiern. Schließlich ist er mit seinen 42 Jahren Teil dieser Geschichte. Und dann ist es für ihn ein Beleg, dass man den Freiraum, den Deutschland bietet, für sich und andere nutzen kann: „Alle sind dazu eingeladen.“
Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara
Das heißt nicht, dass Yüksel mit Deutschland vollständig im Reinen ist: „Mich ärgert, dass ich hier kein Wahlrecht habe, obwohl ich als gebürtiger Berliner hier lebe, Mitarbeiter beschäftige und Steuern zahle. Und mich ärgert, dass mir die doppelte Staatsbürgerschaft verweigert wird.“ Das ist für ihn ein Indiz, dass Deutschland auch 50 Jahre nach Beginn der Einwanderung die neue Rolle noch nicht vollständig akzeptiert hat. Die Art und Weise, wie die Integrationsdebatte geführt werde, hält Yüksel auch für ungerecht, weil in ihr stets die negativen Beispiele in den Vordergrund gerückt werden und nicht die vielen positiven. Doch all das wird ihn auch in Zukunft nicht davon abhalten, sich in Berlin und in der Türkei heimisch zu fühlen. Genauso wie er in Berliner Schulen seinen Beitrag für eine bessere Integration leistet, fliegt er für das Goethe-Institut nach Ankara, um mit deutschen, kosovarischen und türkischen Schülern auf Deutsch Musik zu machen. Austausch und gegenseitiges Kennenlernen sind seine Anliegen. Das lebt er mit seiner Musik, seinen Plattenfirmen und mit seinem Synchronstudio. Dieses Porträt ist am 29. September 2011 in der Märkischen Oderzeitung erschienen.
Facebook erhitzt die Gemüter. Kurz nach der Ankündigung von Marc Zuckerberg, das ganze Leben der Facebook-Mitglieder abbilden zu wollen, verklagt der Wiener Student Max Schrems (23) das Unternehmen wegen Verstoßes gegen den Datenschutz. Denn Facebook sichert sogar gelöschte Daten.
Max Schrems ist einer von mehr als 800 Millionen Menschen, die sich bei Facebook registriert haben. In Deutschland waren es im August mehr als 20 Millionen, die sich auf der Plattform von Firmengründer Marc Zuckerberg vernetzten. 1,2 Millionendavon sind Berliner.
Vor wenigen Tagen waren erstmals mehr als 500 Millionen Menschen weltweit gleichzeitig auf der Seite aktiv. Die dezentrale Kommunikation in Echtzeit auf Facebook und beim Kurzmitteilungdienst Twitter hat die Revolutionen und Aufstände in Tunesien, Ägypten und anderen arabischen Länder maßgeblich beschleunigt und verstärkt. Facebook ist weder aus dem privaten noch aus dem öffentlichen Leben wegzudenken.
Der damit verbundenen Verantwortung wird das Unternehmen aber nicht in allen Dingen gerecht. Vor allem am Datenschutz hapert es. Wie groß die Verstöße gegen die Datenschutzbestimmungen in Europa sind, hat Max Schrems aufgedeckt. Zusammen mit einigen anderen Studenten hat er die Initiative „Europa gegen Facebook“ gegründet.
Schrems war als Student in den USA und hat dort eine Arbeit über den Datenschutz bei Facebook geschrieben. Als Nutzer, der den leichten Austausch von Links, Texten, Bilder und Videos über die Seite schätzt, war er angesichts des Ergebnisses erschrocken: „Ich habe analysiert, wie sich Facebook so gut wie nicht an die europäischen Datenschutzbestimmungen hält.“
In Irland hat Schrems einen Hebel gefunden, der Facebook sehr schmerzt. Da die europäische Niederlassung dort ihren Sitz hat, beantragte er die Herausgabe seiner Daten. Er bekam eine CD zugeschickt, auf der mehr als 1200 DinA 4-Seiten mit Chat-Protokollen, Verweisen, Statusmeldungen und Einladungen zu Veranstaltungen gespeichert waren. Als er das Material genauer ansah, entdeckte er, dass Facebook selbst Daten, die er selbst gelöscht hatte, noch immer aufbewahrt.
Einige Wochen vor Schrems hat der Datenschutzbeauftragte Schleswig Holsteins auf das Problem aufmerksam gemacht. Thilo Weichert sagt. „Wir können nur glaubhaft Datenschutz im Kleinen durchsetzen, wenn wir auch bei struktureller massenhafter Missachtung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung tätig werden.“
Zentrales Problem dabei ist der „Like-Button“. Diese geniale Idee erlaubt es den Facbook-Nutzern, ihren Bekannten im Netzwerk ganz unkompliziert Artikel oder Fotos zu empfehlen. Dazu muss ein Nutzer wie der Autor dieses Textes nur auf den „Like-Button“ klicken. Schon erscheint bei all seinen Freunden der Hinweis: „Andreas Oppermann gefällt der markierte Artikel“. So machen Empfehlungen schnell die Runde. Auf diesem Weg wurde das in dieser Woche verstorbene Opossum Heidi zum Medienstar. So bekannten sich innerhalb weniger Tage nach der Atomkatastrophe von Fukushima Hunderttausende Deutsche zu einem schnellen Ausstieg aus der Atomkraft. Und auf diesem Weg werden Informationen über spontane Demonstrationen im Nahen Osten verbreitet. Da die Information von Freunden und Bekannten kommt, ist sie besonders glaubwürdig. Der Pferdefuß beim „Like-Button“ ist aber, dass das dazu nötige Cookie (Mini-Informationsspeicher der von der Internetseite auf dem Rechner des Nutzers hinterlegt wird) auch Informationen über das Surfverhalten sammelt, wenn man den Button gar nicht nutzt. Dazu muss man nicht einmal bei Facebook eingeloggt sein.
Verstärkt wird das ganze noch durch Fanpages und Apps, wie sie inzwischen auf den meisten Internetseiten zu finden sind. Sie verknüpfen den Nutzer der Seite mit Facebook. All diese Informationen nutzt das Netzwerk wiederum, um Werbung auszuspielen, die genau zu den Interessen des Nutzers passt. In den USA haben Facebook und das Online-Warenhaus Amazon einen Vertrag geschlossen, der es dem Händler ermöglicht, nicht nur die persönlichen Daten von Menschen auszulesen, die gleichzeitig bei Facebook und Amazon registriert sind, sondern auch von dessen Facebook-Freunden.
All das verstößt gegen den europäischen Datenschutz. Schrems will mit Hilfe der irischen Behörden dagegen vorgehen.
In Deutschland engagiert sich vor allem Thilo Weichert: „Bevor Plugins und Fanpages von Facebook datenschutzkonform genutzt werden können, muss sich das Unternehmen noch gewaltig bewegen.“ Er fordertdeutsche Webseiten-Betreiber auf, den „Like-Button“ zu verbannen.
Aber für Marc Zuckerberg ist Datenschutz Vergangenheit. Sein Ziel ist totale Transparenz. Immer mehr Menschen sehen darin vor allem Vorteile.
Ganz vorsichtig wird das Diabolo in Schwung versetzt. Die rechte Hand hebt den Stock mit dem Seil immer wieder an. Die linke Hand stabilisiert mit dem anderen. Der Ablauf gelingt eigentlich immer. Dann dreht sich das Diabolo immer schneller. Es ist in Schwung und macht sich durch eine Straffung des Seils auf zu Höhenflügen. Einmal, zweimal, dreimal, immer wieder.
Es ist ein Genuss, diese fliegende Freude zu sehen. Es ist schön, diese Höhenflüge auszulösen. Manchmal ist es atemberaubend, in welche Höhen es abhebt. Dann landet es auf dem Seil, bekommt einen neuen Impuls von der rechten Hand. Das Diabolo wird wieder schneller und kann abheben.
Doch manchmal kommt es ins Trudeln. Es genügt ein falscher Impuls, eine minimal falsche Bewegung der führenden Hand und schon wird aus dem kribbeligen Höhenflug ein böser Absturz. Dann knallt das Diabolo auf den Boden. Es versucht noch einmal abzuheben, aber der Aufprall dämpft alle Bewegungsfreude. Dann bleibt es liegen. Und sieht irgendwie verloren aus.