Sorge um lieb gewonnene Türken

Atatürk als Kühlschrankmagnet
Atatürk als Kühlschrankmagnet

Batman, Erzrum, Samsun, Adana, Trabzon, Izmir, Ankara und Istanbul waren vor sechs und sieben Jahren Stationen mehrerer Türkei-Reisen. Das Goethe-Institut hatte sie im Rahmen des Projekts PASCH – Partnerschulen vermittelt. An Schulen, die vor Atatürk-Gedenken nur so strotzten, sollte Deutsch als feste Fremdsprache etabliert werden. Und um das zu unterstützen durften Muttersprachler Theaterkurse, Musikprojekte und Workshops zum Gestalten von und Schreiben für Schülerzeitungen an eben diesen Partnerschulen abhalten. Eine bereichernde Erfahrung, die ich nicht missen will. „Sorge um lieb gewonnene Türken“ weiterlesen

Vier Monate Lieferzeit für meine Pasch Post

Die Pasch Post aus Ankara
Die Pasch Post aus Ankara

Der Poststempel aus Ankara ist vom 22. September. Die Zeitung selbst ist von Anfang Juli. Seitdem habe ich darauf gewartet zu sehen, was meine Paschcamp-Schüler aus unserer gemeinsamen Ideeentwicklung gemacht haben. Was ich jetzt sehe, erfreut mich sehr! Gute Themen. Gute Texte. Schöne Gestaltungsideen. Nur bei den Fotos müssen wir noch mal ein bisschen üben. Aber das ist lässlich. Denn für die nicht einmal zwei Wochen, die Zeit von der Idee bis zum Druck war, ist das echt klasse!

 

Musikproduzent Ünal Yüksel lebt die Integration von Orient und Okzident

Ünal Yüksel in seinem Studio am Mischpult
Ünal Yüksel in seinem Studio am Mischpult

Ünal Yüksel kennt beide Seiten. Er ist in Berlin geboren, in Istanbul aufgewachsen und in Berlin erfolgreich geworden. Für den Musikproduzenten ist das Leben als Türke in Deutschland ganz selbstverständlich. Die türkische Tageszeitung Hürriyet hat ihn jetzt zu einem der 50 wichtigsten Türken in Deutschland gewählt. 1969 ist Ünal Yüksel in Berlin geboren. Seine Eltern sind türkische Gastarbeiter, wie das damals noch hieß. Der Vater ist Tischler und Zimmermann. Den Beruf hat er nach der 5. Klasse bei seinem älteren Bruder gelernt. Die Mutter arbeitet in Berlin bei den Deutschen Telefonwerken und lötet Platinen. Beide haben die Chance ergriffen, in einem fremden Land zu größerem Wohlstand zu kommen. Doch ganz trennen wollten sie sich damals von ihrer Heimat noch nicht. Das hat Sohn Ünal, der älteste von drei Söhnen, leidvoll erfahren. Seine Eltern haben ihn in Istanbul eingeschult. Sie wollten in die Türkei zurück. Und da dachten sie, dass es für den Sohn das Beste sei, wenn er von Anfang an in eine türkische Schule geht. „Ich bin da ins Internat gekommen und konnte kein Wort Türkisch,“ erinnert sich Ünal Yüksel. In Berlin hatte er Deutsch gesprochen. Für seine Mitschüler war er deshalb eher Deutscher als Türke. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Aus dem ursprünglich einem Jahr Internat wurden schnell zwei, vier und schließlich gar acht.

Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara
Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara

Jedes Jahr hieß es: Bleib noch eines, dann kommen wir nach. Doch irgendwann wollte Ünal das nicht mehr hören. Er wollte sein Leben nicht in einem Internat verbringen, sondern bei der Familie. Deshalb hat er seine Rückkehr nach Berlin durchgesetzt. „Endlich wieder Familie,“ freut sich Ünal Yüksel im Rückblick noch immer. Aber die Sicherheit der Familie war nicht alles. Denn jetzt wurde er mit dem gleichen Problem wie beim Umzug nach Istanbul konfrontiert: Er hatte die Sprache in den Jahren verloren. Zwar konnte er nun Türkisch, aber sein Deutsch war weg. Diese Grunderfahrung treibt Yüksel noch immer um. Deshalb engagiert er sich in Schulen mit hohem Migrantenanteil in Neukölln, Moabit oder Kreuzberg. Dort erzählt er von seinem Leben in der dritten Person und fragt die Schüler, was aus so einem Jugendlichen wohl geworden ist. „Opfer oder Drogenhändler,“ heißt es dann oft. Umso größer ist dann das Erstaunen, wenn er sagt: „Dieser ehemalige Jugendliche steht vor euch.“ Auf diesen Aha-Moment setzt er. Er will ein positives Beispiel sein. Denn die negative Grundhaltung vieler Migranten ärgert ihn. Positiv ist sein Beispiel in der Tat. Yüksel hat sich trotz der anfangs katastrophalen Deutschkenntnisse mit Disziplin und Hartnäckigkeit erst zum Abitur und dann zum Diplom-Audio-Ingenieur durchgebissen. „Die Eigenschaften habe ich von der Mama,“ lächelt er. Vom Vater hat er die Bereitschaft, die Selbständigkeit zu riskieren. Der hatte sich Ende der 80er Jahre als Zimmermann ein eigenes Geschäft aufgebaut.

Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara
Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara

Den Schülern sagt er: „Ihr müsst nur lernen. Eure Hemden bügeln eure Mütter. Der Staat bezahlt die gute Bildung. Ihr müsst dieses Angebot nur annehmen.“ Da seine Geschichte echt ist und er auch mit 42 Jahren authentisch geblieben ist, erreicht Ünal Yüksel die Jugendlichen. Damit sprengt er immer wieder Löcher in die Mauern der geistigen Ghettobildung, der etliche Jugendliche aus Bequemlichkeit, oder weil sie nicht anderes kennen, erliegen. „Aber den Hintern müssen sie dann schon noch selbst hoch bekommen.“ Ünal Yüksel hat es als Musiker und Musikproduzent geschafft. In der Schöneberger Hauptstraße hat er in den vergangenen 18 Monaten ein eigenes Studio gebaut. Er wollte mit seinen Bands nicht mehr in gemietete Studios. „Kreativität kannst du nicht planen. Wenn ich eine Idee habe, will ich einen Schlagzeuger oder einen anderen Musiker anrufen und ihm sagen: Komm vorbei. Ich will etwas ausprobieren.“ Das Studio ist frei schwingend in das alte Gemäuer eingehängt. Noch ist nicht jede Wand verputzt, aber aufgenommen wird schon. Unter dem Studio ist ein Club. Hier sollen bald Konzerte stattfinden, die er dann über das Studio kostenpflichtig ins Internet streamen will. Yüksel produziert für den türkischen und den deutschen Markt. Hier erreichte er als Labelinhaber mit seinem Künstler Muhabbet Charterfolge, remixte für Seeed „Ding“ als türkischen Song „Oy Güzelim Remix“ oder tritt als Veranstalter auf. In der kommenden Woche etwa mit dem „Delighted-Festival“ im Kreuzberger Atze-Musiktheater. Er bringt auf die Bühne, was er an Musik so liebt: „Grenzenlose Musik jenseits von Orient und Okzident“ wie das Festival im Untertitel heißt. Am 30. Oktober im Tempodrom tritt der türkische Superstar Sezen Aksu auf. Dieses Konzert ist für Yüksel etwas besonderes: „Wir feiern 50 Jahre Türken in Deutschland. Ich habe mir überlegt, welchen Beitrag wir dafür ohne staatliche Unterstützung aus Deutschland, der Türkei oder der Stadt Berlin leisten können.“ Für Ünal Yüksel ist das ein Statement in mehrerlei Hinsicht. Zum einen ist es ein Grund, diese 50 Jahre türkische Migration nach Deutschland zu feiern. Schließlich ist er mit seinen 42 Jahren Teil dieser Geschichte. Und dann ist es für ihn ein Beleg, dass man den Freiraum, den Deutschland bietet, für sich und andere nutzen kann: „Alle sind dazu eingeladen.“

Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara
Ünal Yüksel beim Pasch-Mediencamp in Ankara

Das heißt nicht, dass Yüksel mit Deutschland vollständig im Reinen ist: „Mich ärgert, dass ich hier kein Wahlrecht habe, obwohl ich als gebürtiger Berliner hier lebe, Mitarbeiter beschäftige und Steuern zahle. Und mich ärgert, dass mir die doppelte Staatsbürgerschaft verweigert wird.“ Das ist für ihn ein Indiz, dass Deutschland auch 50 Jahre nach Beginn der Einwanderung die neue Rolle noch nicht vollständig akzeptiert hat. Die Art und Weise, wie die Integrationsdebatte geführt werde, hält Yüksel auch für ungerecht, weil in ihr stets die negativen Beispiele in den Vordergrund gerückt werden und nicht die vielen positiven. Doch all das wird ihn auch in Zukunft nicht davon abhalten, sich in Berlin und in der Türkei heimisch zu fühlen. Genauso wie er in Berliner Schulen seinen Beitrag für eine bessere Integration leistet, fliegt er für das Goethe-Institut nach Ankara, um mit deutschen, kosovarischen und türkischen Schülern auf Deutsch Musik zu machen. Austausch und gegenseitiges Kennenlernen sind seine Anliegen. Das lebt er mit seiner Musik, seinen Plattenfirmen und mit seinem Synchronstudio. Dieses Porträt ist am 29. September 2011 in der Märkischen Oderzeitung erschienen.

Die Pasch-Post aus Ankara

Das Thema Schülerzeitung in der Türkei lässt mich nicht mehr los. Nach zwei Rundreisen im vergangenen und diesem Jahr nun also eine Woche Mediencamp in Ankara. Wieder war das Goethe-Institut in Ankara Organisator, um Schülern der PASCH-Schulen Deutsch auf eine lehrreiche und vor allem erlebnisreiche Art zu vermitteln. Mehr als 60 Kinder zwischen 14 und 18 aus der Türkei, dem Kosovo und Deutschland verbrachten zwei Wochen gemeinsam in einer Schule in Ankara. Sie hatten sich für Musik, Film, Radio oder Zeitung entschieden.

Vormittags war Deutschunterricht und nachmittags wurde an den Projekten gearbeitet. Angesichts der sehr unterschiedlichen Deutschkenntnisse war das nicht immer einfach. Aber das aufrichtige Interesse der Schüler, etwas lernen und eine Zeitung machen zu wollen, wog das alles auf. Möglich wurde die Zeitung vor allem dank des Einsatzes von Öznur. Sie ist Deutsch-Türkin und übernahm sämtliche notwendigen Übersetzungsdienste. Außerdem nahm sie zusammen mit einigen anderen die Zügel in die Hand und sorgte dafür, dass die Texte und Bilder von der ganzen Projektgruppe trotz der vielen Ablenkungen auch geliefert wurden.

Unterstützt wurde sie dabei von einer Vietnamesin, die in Jena Deutsch als fremdsprache studiert und bis zu diesme Zeitpunkt noch keine Zeitung gemacht hatte. Das, was Jörg Jenoch als für die Türkei verantwortlicher Pasch-Lehrer (das Programm heißt „Schulen: Partner der Zukunft“) auf die Beine stellt, ist wirklich beachtlich. Und wenn man so wie ich schon einige Schüler von den Besuchen kannte, merkt man auch, wie viel ihnen diese Möglichkeiten aus dem Schulalltag ausbrechen zu können und dennoch lernen zu dürfen bedeutet. Das ist tatsächlich Kulturvermittlung der ganz konkreten Art. Jetzt bin ich nur noch auf die fertige Zeitung gespannt. Die habe ich noch nicht gesehen, weil ich ja nur die erste Woche in Ankara war. Ich weiß nur, dass sie tatsächlich erschienen ist.

Ein Tag in Samsun

Samsun ist eine sehr moderne Stadt. Es gibt kaum noch echte Altstadt. Ich habe nur eine handvoll alte Häuser gesehen. Aber die Straßenverläufe sind alt. Gleich hinter dem Hotel war richtiges Bazar-Treiben. Enge Straßen, einige sogar vom Autoverkehr befreit. Fischläden, in denen die Fische direkt an der Straße hingen. Unendlich viele Männer, die Handel treiben. Und auf der Straße Tee trinken. Das war in diesem Basarviertel überhaupt der stärkste Eindruck. Tee trinkende Männer überall. Nun ist dieser Eindruck zwischen neun und zehn Uhr früh entstanden. Die Läden haben gerade erst geöffnet. Lediglich die Fischläden waren wohl schon länger auf. Ansonsten hätten diese Fische nicht so schön präsentiert werden können. Wobei es schon befremdlich ist, wenn der Fisch direkt auf der Straße hängt und von jedem angefasst werden kann. Für den fremden Betrachter ist das pitoresk. Aber für die Hygiene ist es sicherlich nicht ganz so gut. Die Metzger allerdings haben ihre Ware nicht auf der Straße. Sie wird hinter Schaufenstern ausgestellt.

Frauen tragen im Basarviertel Kopftuch. Hier ist offenes Haar bei Frauen offenbar tabu. Auf der anderen Seite der Hauptstraße, die zum Meer und direkt auf das Atatürk-Denkmal führt, sieht die Welt anders aus. Hier gibt es vor allem moderne Geschäfte und hier gibt es zwar Kopftücher. Aber sie halten sich eher im Hintergrund. Das war schon sehr seltsam, diese Trennung. Vielleicht ist es nur ein Eindruck, der beim Laufen durch die Stadt in nur zwei Stunden, die ich hatte, sich verfestigte. Prinzipiell ist der Eindruck ja sehr modern. Nur in diesem Bazarviertel sieht alles aus, wie im Orient.

Erstaunlich waren riesige Fahnen, die in rot und weiß quer über die Straßen gespannt waren. Überall in der Stadt hingen diese bestimmt zehn Meter breite und deutlich höheren Stoffbahnen, Und alle waren beschrieben. Später in der Schule wurde ich aufgeklärt: Samsunspor ist aufgestiegen. In der kommenden Saison spielt der Club in der Süperlig, der 1. Liga der Türkei. Und die Fahnen sind das Dank von Firmen und Gruppen, die die Freude der Stadt zum Ausdruck bringen sollen.

Beeindruckend und befremdlich zugleich ist das Atatürk-Denkmal. Ein nachgebautes Schiff legt am Ufer von Samsun an. Und Atatürk verlässt dieses Schiff mit seinen Mitstreitern für eine freie Türkei. Empfangen werden sie von Honoratioren der Stadt. Dies ist nicht die Beschreibung einer Plakette auf einem Denkmal. Nein, Samsun hat sich entschieden, diese Szene mit Figuren zu gruppieren, die Menschengroß sind. So bleibt diese für die türkische Geschichte wichtige Moment für immer in der Gegenwart. Denn diese Figuren sind als bestimmte Personen ganz klar zu erkennen. Atatürk hat in Samsun angelegt und von hier den Widerstand gegen die Besatzungstruppen organisiert. Am Ende gab es die Republik Türkei. Und das außerordentliche Modernisierungswerk, das noch lange nicht abgeschlossen ist, konnte greifen. Befremdlich wirkt das Denkmal wegen dieser bewussten Gegenwärtlichkeit. Es geht offenbar nicht nur um Geschichte, sondern um das Jetzt. Direkt neben diesem Denkmal ist übrigens eine riesige Markthalle, in der alles, was gern in der Türkei gekauft wird, vorhanden ist: Gefälschte Sportklamotten, Leder, Taschen, Jeans – und alle mit fraglicher Herkunft.

In der Schule begrüßte mich eine etwas verunsicherte, aber sehr nette Lehrerin. Als ich in die Klasse kam, wollte sich diese nicht leeren. Es war ausgemacht, dass ich nur mit den Schülerzeitungsleuten arbeite. Aber die anderen Deutschschüler wollten auch dabei sein, Und so stand ich in einem schlecht belüfteten Kellerklassenzimmer, das nur kleine Oberlichter rund keine echten Fenster hat, vor mehr als 40 Schülern. Das war schon sehr schön. Wenn man auf ein so großes Interesse stößt, schmeichelt es etwas. Leider war das Deutsch der Schüler nicht ganz so gut. Es musste fast alles übersetzt werden. Aber vor allem drei Mädchen fragten unentwegt auf Deutsch. Auch wenn sie sich schwer taten. Sie wollten die Chance nutzen – und haben es getan. Das sind dann tatsächlich Momente, die für die Strapazen, die eine solche Reise auch ist, mehr als nur entschädigen.

Zwei Schulen in Ankara

Berufsverkehr in Ankara. Stop and Go. Das Taxi muss ständig anhalten und wieder losfahren. Auf dem Weg von der Tunus Cadessi zur Schule sind es vor allem die zwei, drei ersten Kilometer, in denen der Magen mit dem Taxifahrer kämpft. Zum Glück gewinnt der Magen. Das Frühstück bleibt im Bauch. Aber vor lauter Konzentration auf das innere Rumoren bleibt der Blick auf die Stadt, durch die das Taxt fährt, auf der Strecke.

Um neun Uhr bin ich in der Schule angekündigt, 15 Minuten früher bin ich schon da. Ein Geografielehrer nimmt mich in Empfang, weil die Deutschlehrerin noch nicht da ist. Er führt mich in den Raum für die Geografielehrer und bietet Tee an. Da er kurze Zeit in Deutschland lebte, kann er etwas Deutsch. Aber als jüngstes Kind kehrte er mit den Eltern in die Türkei zurück, während seine Geschwister fast alle in der Bundesrepublik blieben. Sie will er besuchen, weiß aber nicht genau, welche Art Visum er dafür benötigt und ob er dieses einfach bekommt.

Die Visumsfrage taucht auf der gesamten Reise immer wieder auf. Deutschland erteilt es nicht einfach. Zu groß ist die Angst, dass sich die halbe Türkei auf den Weg machen könnte. Für diejenigen, die ihre Verwandten besuchen wollen, bedeutet dies Stress. Und offensichtlich auch immer wieder Demütigungen. Wie in den anderen Schulen auch ist die Aufnahme herzlich. Zwischen Deutsch und Englisch schwankt die Unterhaltung. Immer ist sie von einem echten Interesse an dem Besucher getragen. Dafür wird sich auch Zeit genommen.

Etwa wenn die Deutschlehrerin zu spät kommt und darüber wegen eines defekten Handys nicht informieren kann. Dann geht der betreuende Lehrer eben etwas später in den Unterricht. Hier gilt tatsächlich der Satz: „Der Gast, der wird geehrt, auch wenn er noch so stört.“ Wobei der Gast hier nicht als störend empfunden wurde. Die Schule hat ein Internat und Schüler, die aus der Umgebung kommen. Das PASCH-Sommercamp zum Thema Schülerzeitung soll hier stattfinden. Bei der Übung sind drei Lehramtspraktikanten und zwei Lehrerinnen dabei. Die Schülerinnen – nur ein Junge gehört zur Gruppe – sind sehr aufgeweckt und nehmen vor allem die Anregungen zur Themenfindung gern an. Stellten sie sich ursprünglich vor allem ein sehr offizielles Heft als Schülerzeitung vor, begannen sie bald über die Themen nachzudenken, die für die selbst relevant sind.

Das war wieder der hohe Lerndruck, die Anzahl der Prüfungen und Tests, aber auch die Diskussion der Internatsschüler, was auf dem einen Fernseher geschaut wird. Oder das Schulessen. Es ist nicht so gut, wie sie es sich wünschen. Die Begeisterung für die Entdeckung ihrer eigenen Themen war so groß, dass die abschließende Übung eine andere Wendung nahm wie in allen anderen Schulen. Eigentlich sollten sie in Kleingruppen einen Text über das gerade Erlebte schreiben. Also eine kleine Nachricht über meinen Besuch, bei dem die Wörter Ich und Wir auf keinen Fall vorkommen dürfen, weil eine Icherzählung bei Lesern nie gut ankommt.

Die Schülerinnen der ersten Schule in Ankara haben gleich damit begonnen, über die neuen Themen zu schreiben. Das war ein ganz neuer Lehrerfolg auf dieser Reise. Gleich nach Ende der Einheit musste ein Taxi gesucht werden. Denn jetzt ging es zum TED-College am anderen Ende der Stadt. Was bei der Fahrt auf der Strecke blieb, war das Mittagessen. Denn ich war erst pünktlich um 13.00 Uhr vor Ort. Da ging es dann gleich weiter. Die nächste – und letzte Schülergruppe dieser Reise. Das TED ist eine riesige private Lerneinrichtung. Grundschule, Gymnasium und Universität auf einem Campus. Allein am Gymnasium werden 2.000 Schüler unterrichtet. In den anderen Einrichtungen sind die Zahlen ähnlich. Das Gelände wirkt von außen wie ein Hochsicherheitstrakt. Es ist vollständig von hohen Zäunen umgeben, wird von einer großen Schranke gesichert und ist beim ersten Besuch kaum zu übersehen. Man fühlt sich in die USA versetzt. Das wird noch durch die vielen Schulbusse verstärkt. Dutzende holen Schüler und Lehrer nach der Schule ab. Den richtigen findet man nur dank der Hilfe vieler freundlicher Menschen. Der Eintritt in die Schule birgt eine Überraschung. Hier sind keine engen Korridore, sondern eine Art überdachte Straße. Rechts und links wird gemalt. Und was da auf die Leinwände gezaubert wird, zeugt von einem guten Kunstunterricht. Weiter vorne spielt eine Band vor einer großen Traube Schüler. Und überall ist Bewegung, auch nach den Pausen. Die Atmosphäre ist sehr einladend. Nur leider fehlte mir die Zeit zum Essen, noch entspannter all die Kreativität aufnehmen zu können. In einem Raum der Bibliothek fand dann die Übung statt. Auch hier herrschte zunächst der Wunsch vor, weniger eine Schülerzeitung als vielmehr eine PR-Broschüre zu gestalten. Da sollten Texte über Faust erscheinen, über türkische Geschichte und die eigenen Schule. Doch auch bei dieser Gruppe sprang der Funken schnell über. Die Themen, die sie drücken, sind die gleichen: Hausaufgaben, Prüfungsstress, Dersane und so weiter. Aber dann kamen die eigenen Beobachtungen: Der Kiosk ist zu teuer. Jetzt soll mit einem Preisvergleich das Thema bearbeitet werden. Mal schauen, ob es gelingt. In die Stadt ging es dann mit einem der vielen Busse.

Der Vater eines Schülers hat mich am Ende begleitet. Und sein Leid geklagt. Denn er war vom TED auf dem Weg in die Dersane, in der sein Sohn nach der Schule täglich noch zusätzlichen Unterricht hat. Oft kommt der erst um neun Uhr nach Hause, um sich dann noch an die Hausaufgaben setzen zu müssen. Er tut seinem Vater leid. Aber einen anderen Weg, seinen Sohn in der Schule erfolgreich zu machen sieht er – wie hunderttausende andere türkische Eltern nicht. Rund um die Tunus Cadessi sind viele Lokale. Stetes Leben lädt zum Verweilen ein.

Ein Tag in Erzurum

Die Zitadelle liegt an einer sehr schmalen Straße. Hier ist richtig Altstadt. Es gibt alte Holzhäuser und Kopftücher überall. Auf dem kurzen Stück von der Zitadelle zurück zur Hauptstraße findet sich rechterhand eine Moschee oder ein Kulturverein, in den nur bekopftuchte Frauen gingen. Für den westlichen Beobachter wirkte das befremdlich; auch weil die Frauen mich nicht anblickten. Sie schauten allenfalls auf meine Schuhe. Und das machte mich wiederum so verlegen, dass ich mich nicht mehr traute, genau hinzuschauen. Und deshalb weiß ich nicht, ob es eine Moschee oder ein Kulturverein oder gar ein Frauen-Hamam war, in das sie alle verschwanden.

Links neben der Ulu-Moschee öffnet sich von der Zitadelle kommend ein Platz. Auf ihm steht eine Besonderheit: eine Medresse mit je einem Turm rechts und links neben dem Tor. Diese Koranschule ist heute nur noch für Besichtigungen offen. Gelehrt wird nicht mehr in ihr. Sie scheint aus der gleichen Zeit zu stammen wie die Moschee. In ihr ist alles um einen Kreuzgang angeordnet. Der Platz in der Mitte ist frei, doch rechts findet sich eine erhobene Fläche, auf der der Koranlehrer einst dozierte. Rechts und links davon sind die Türen, die in die kleinen Zimmer der Studenten führten. Am Kopfende ist das Grab einer Frau, offenbar der Stifterin der Schule.

Nun wirkte das bei mir alles sehr entrückt, weil ja alles voller Schnee war, aber im Sommer kann sich hier ein Eindruck davon verfestigen, wie die Islamlehrer ausgebildet wurden, um die Religion zu verbreiten. Der karge Raum verstärkt den Eindruck der Entbehrung. Aber wahrscheinlich ist das zu sehr aus dem Jetzt gedacht. Mittelalterliche Klöster waren auch kein Ort der Abwechslung. Auch bei uns waren die Häuser und Schulen aus heutiger Sicht eher entbehrungsreich.

Ein Mann um die 50 hat mich dann auf Englisch angesprochen. Nach meiner Antwort ist er sofort ins Deutsche gesprungen. Er hat mir seine Geschichte erzählt, wie er um 1980 als kurdischer Flüchtling für fünf Jahre in Dortmund gelebt hat. Die Zeit hat er genutzt, um Deutsch zu lernen. Er war neugierig und aufgeschlossen. Politisch hat er davon geträumt, dass der Nationalitäten-Quatsch ein Ende haben möge, damit sich alle Menschen darauf konzentrieren können, um zu sich selbst zu finden und damit auch die anderen besser wahrnehmen können. Das galt auch für die kurdischen Parteien. Die hält er inzwischen für genauso falsch wie die Parteien, die für ein geeintes Türkentum kämpfen. Es könne doch nur darum gehen, dass alle Menschen, die in einer Region oder einem Land leben, die gleichen Rechte und Pflichten hätten. Deshalb sei kurdischen Nationalismus genauso falsch wie türkischer, deutscher oder sonst einer auf der Welt.

Das Gespräch war sehr angenehm, da er gar nicht aufdringlich war. Auch nicht, als er sagte er sei Teppichhändler und würde mir seinen Laden gern mal zeigen. In dem Moment regten sich bei mir alle Abwehrreflexe. Doch dann habe ich mich entschieden mitzugehen. Sein Laden ist gleich in der Gasse rechts von der Medresse. Er zeigte mir unterschiedliche Stücke und war auch gar nicht sauer, als ich schon anfangs sagte, ich werde nichts kaufen. Der Tee war gut und ich habe einiges über spezielle Tücher aus Erzurum gelernt, über Teppichhandel und Reisen in den Iran und Preisunterschiede zwischen Erzurum und Istanbul. Anschließend hat er mir noch seine neueste Errungenschaft gezeigt: Ein altes Haus, das er saniert hat und in dem jetzt auf zwei Etagen ein Café ist. Die rohen Holzstämme im Inneren haben etwas Befremdliches, aber auch etwas sehr Gemütliches. Wenn ich nicht den Termin in der Schule und tatsächlich auch etwas Hunger gehabt hätte, wäre ich sicherlich noch auf einen Cay geblieben.

So aber ging ich die Hauptstraße zurück und genoss die Sonne. Meine Schuhe sahen ganz furchtbar nach all dem Dreck und Regen und Schnee aus. Deshalb habe ich mir die Schuhe putzen lassen. Im ersten Moment hatte ich ein schlechtes Gewissen. Der reiche Europäer lässt sich vom armen Türken die Schuhe putzen. Das Bild hat schon etwas Perverses. Aber ich benötigte die Dienstleistung. Und so habe ich sie in Anspruch genommen. Was der Mann dann aus meinen Schuhen gemacht hat, ist kaum zu glauben. Nach etwa zehn Minuten glänzten sie so sehr, dass der Grundglanz bestimmt noch tagelang zu sehen sein wird.

Zum Essen bin ich dann in ein Lokal, das einen Dönerspieß in der Waagrechten im Fenster hatte. Schon als ich das Lokal betrat, wurde der Tisch mit Salat und zwei Vorspeisen bestückt. Dann dauerte es gerade mal zwei Minuten und schon bekam ich einen Spieß auf den Teller gelegt. Erst wunderte ich mich, wo der Spieß herkam. Doch dann beobachtete ich den Mann am großen, liegenden Spieß. Hinter ihm ist glühende Holzkohle. Er dreht den Spieß ständig. Mit einem kleinen Spieß sticht er fertiges, überstehendes Fleisch an und schneidet es ab. So füllt sich der kleine Spieß mit immer neuen kleinen Stückchen. Und diese Spieße werden dann durch das Lokal getragen. Und einfach auf die Teller der Gäste gelegt.

Bis man Nein sagt. Erst dann ist Schluss. Das Essen war sehr gut, aber allzu viel konnte ich nicht zu mir nehmen. Schade eigentlich. Der türkische Kaffee zum Schluss rundete das Mittagsmahl ab. Und dann half mir die ganze Belegschaft – es waren mindestens sechs, die ich mit nur 11 Tele für das reichliche Mittagessen plus Cola und Kaffee entlohnen sollte – einen Taxifahrer zu organisieren. Zwischenzeitlich wurde mir ein Handy ans Ohr gehalten, aus der eine Männerstimme sagte, ich könne immer anrufen. Ere würde sich um mich kümmern und mir alles zeigen in der Stadt. Aber ich wollte doch nur in ein Taxi und in diese Schule. Irgendwann klappte es dann auch. Das Taxi fuhr an der neuen Skisprungschanze vorbei, passierte viele neue Häuser und brachte mich schließlich auf einen Campus, der wie ein Ufo wirkte.

Da war alles blitzblank, da zeugte eine moderne, markante Architektur von großem Selbstbewusstsein. In der Schule wurde mir klar, dass das alles zusammengehört. Denn die Schule ist eine Privatschule, die sich zur Aufgabe macht, eine neue türkische Elite in der Peripherie des Landes auszubilden. Dafür gewährt eine Stiftung Stipendien für 80 bis 90 Prozent der Schüler. Um in den Genuss zu kommen, müssen sie bei den landesweiten Abschlussprüfungen nach der achten Klasse eine sehr hohe Punktzahl erreichen. Außerdem ist noch eine extra Aufnahmeprüfung nötig. Dafür kommen sie in eine Schule mit Internat, in der jeder Schüler einen eigenen Laptop bekommt und in Klassenräumen lernt, die mit der neusten Technik ausgestattet sind. Zudem wurde mir gesagt, dass die Klassen in der Regel 16 bis 18 Schüler haben. Wichtig ist den Lehrern offenbar, dass die Schüler auch lernen selbstständig zu denken. Für türkische Schulen ist das nicht selbstverständlich.

In der Regel geht es dort um abfragbares Wissen. Meine Übung war großartig. Die Schüler machten mit, stellten mir Fragen und waren auch sonst nicht nur neugierig. Nein, diese Schüler stellten auch immer wieder in Frage, was ich sagte. Und so war der Lerneffekt bestimmt noch besser, weil ich mir stets neue und noch überzeugendere Argumente einfallen lassen musste. Nach der Übung führte mich die Lehrerin noch zum Generaldirektor. Denn es gibt an der Schule neben dem Direktor auch diesen Mann, der dafür zuständig ist, die nächsten vergleichbaren Schulen in Van und einigen anderen Städten zu planen. Er selbst war Präsident einer Istanbuler Universität, war mehrere Jahre Gründungsrektor einer türkischen Uni in Kirgisien (wenn ich richtig aufgepasst habe) und auch sonst ein sehr weltgewandter Mann.

Trabzon im Dauerregen

Die Busfahrt von Trabzon nach Samsun führt immer entlang des Schwarzen Meers. Meist fahren wir zehn bis 20 Meter über ihm. In Trabzon hat es noch wie wild geregnet. So schwere Regentropfen, von denen jeder einzelne einen nassen Fleck hinterlässt. Nicht von diesen kleinen, eher feinen, die wir bei uns haben. Doch nach zwei Stunden kam die Sonne durch. Das trübe Meer hat sich von einem dunklen Grau in ein dunkles Türkis verfärbt.

Und immer da, wo die vielen Flüsse aus den Bergen rechts von uns in das Meer mündeten, lag ein helles Ocker in einer großen Fläche im Meer, die nach hinten immer weiter ausfranste. Da trugen die Flüsse den Sand und den Lehm von den Bergen, die mit Schnee bedeckt sind. Das sah schon alles imposant aus. Die Straße, auf der wir fahren, führt fast ständig an Orten und Städten vorbei oder durch sie hindurch.

Überall ist diese Küste bebaut. Immer in den gleichen vier bis sechsgeschossigen Häuser, wie sie überall zwischen Griechenland und Ägypten mal höher, mal niedriger stehen. Schön sind die nicht. Erst das Leben, das zwischen und in ihnen stattfindet, macht sie interessant.

Trabzon selbst war nicht so toll. Das lag aber sicherlich sehr stark an diesem Regen. Und dann auch nur 3 Grad. Die Ayasofia ist recht schön. Sie ist im 15. Jahrhundert gebaut worden und eines der wichtigsten spätbyzantinischen Bauwerke der Türkei. Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre wurden die erhaltenen Fresken saniert. Doch wirklich geschützt werden sie nicht. Zwar ist das Blitzen verboten, doch die Tauben fliegen durch die offenen Türen und hausen in dem Baudenkmal. In meinem Reiseführer von 1985 wird das schon bemängelt. Damals gab es wohl auch noch keine Fenster. Die schützen in der Kuppel nun, doch wenn die Tauben anders hineinkommen, ist nicht viel gewonnen. Die Fresken, die auch deshalb interessant sind, weil sie wie Mosaiken gemalt sind, werden wohl die nächsten 20 Jahre kaum überstehen. Das mit den Mosaiken bezieht sich auf die Strukturierung der Körper und die Faltenwürfe der Kleider. Sie wirken, als wären sie mit Mosaiksteinchen gemacht worden. Die Farbübergänge sind nicht so fein, wie normalerweise mit Farbe. Und dennoch sind die Gesichter, Körper und Gegenstände sehr plastisch.

Ein Blick in das Museum lohnt sich also. Auch, weil die Lage früher einmal sehr schön war. So erhaben mit dem Blick auf das Schwarze Meer.

Spannend ist die Schule. Sie wurde von Bruno Taut gebaut und ist tatsächlich ein für eine Schule erstaunliches Bauwerk. Alles ist licht und hell. Es gibt viele Räume zur Begegnung, etwa mit Tischtennisplatten und Billardtischen. Die Klassenzimmer sind großzügig und selbst die Schulbibliothek, die mit dunklen Bücherregalen bis unter die ca. 3,50 bis 4 Meter hohe Decke zugestellt ist, strahlt selbst bei diesem grauen Himmel und dem Dauerregen eine erstaunliche Helligkeit aus.

Wichtig in der Schule ist zudem der Fußballplatz. Vor knapp zehn Jahren war die Schule Weltmeister der Schulen. Und die türkische Meisterschaft holen sie fast jährlich. Kein Wunder, ist doch Trabzonspor seit Jahren einer der besten Clubs und spielt auch gerade wieder um die Meisterschaft ganz oben mit. Im vergangenen Jahr habe ich Trabzonspor in Istanbul gegen BBS spielen gesehen. Das kam bei den Schülern gut an. Es hat wieder viel Spaß gemacht, mit ihnen zu arbeiten. Leider waren sie noch nicht so gut, dass sie deutsch reden konnten. Sie haben zwar viel verstanden, aber es musste alles von der netten Deutsch-Lehrerin übersetzt werden.