Schnittstellen in der Natur

Bei meiner externen Festplatte nervt die Schnittstelle. Ob es das Kabel oder die Buchse ist, weiß ich nicht. Sicher ist nur, dass ich nicht mehr an die Daten komme.

In der Natur finden sich auch ganz viele Schnittstellen. So wie hier im Wald auf Schmöckwitz-Werder. Sie zeugen davon, dass Schnitte mit Sägen oder Bruch durch Wind Bestehendes zerstört hat. Bei meiner Festplatte ist das nicht viel anders. Auch da existieren die Daten noch. Aber die kaputte Schnittstelle verhindert, dass ich an sie komme. Und so sind die Daten für mich das, was die Bäume, die es nicht mehr gibt, für die zurückgebliebenen Stümpfe sind: Erinnerungen an etwas Verschwundenes.

Blicke durch den Aussichtsturm auf den Rauener Bergen

Seit September 2011 steht der Aussichtsturm auf den Rauener Bergen bei Bad Saarow. Von hier sieht man über die Bäume hinweg bis nach Berlin, Rüdersdorf, Tropical Islands oder Jänschwalde. Und bei klarer Sicht sogar bis zur Schneekoppe.

Penderecki über seine Bäume, seine Musik und Deutschland

Krzystof Penderecki
Krzystof Penderecki

Krzysztof Penderecki, Sie erhalten den Viadrina-Preis für deutsch-polnische Verständigung. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für einen Mann, der schon so viele Ehrungen erhalten hat? Der Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Mitglied der Akademie der schönen Künste Bayerns ist, der in den USA, in China ausgezeichnet worden ist. Was bedeutet so ein Preis aus Frankfurt (Oder)?

Sehr viel. Ich habe mich das ganze Leben um Verständigung zwischen Polen und Deutschland bemüht. Ich habe vier Jahre in Deutschland gelebt. Ich habe, vielleicht, viele hundert Konzerte dort gehabt. Aber was wichtiger ist: Fast die Hälfte meiner Konzerte ist für deutsche Auftraggeber geschrieben worden.

Es ist sehr interessant, dass ein Mann, der 1933 in Ostpolen geboren wurde, der den zweiten Weltkrieg, der die Schrecken des Krieges auch in der eigenen Familie erlebt hat, ausgerechnet Deutsch lernte.

Mein Großvater war ein Deutscher. Er hat mit mir, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern, vor dem Kriege Deutsch gesprochen. Aber als die Deutschen kamen, wollte er plötzlich kein Wort Deutsch mehr sprechen. Ich habe dann alles verlernt. Aber ich dachte dann, dass man das überwinden muss. Man kann nicht das ganze Leben nur vom Hass leben. Als ich nach Deutschland kam, habe ich dann ganz viele positive Deutsche kennengelernt.

Sie waren Anfang 30, als Sie 1966 nach Essen kamen. Dort hatten Sie einen Lehrauftrag für Komposition an der Folkwang-Hochschule für Musik. Wie war es für Sie als jungem Polen ins Land der Täter zu kommen?

In Polen war es in den 50er- und 60er-Jahren sehr schwer zu leben. Man durfte nicht reisen und war vom westlichen Teil Europas total abgeschlossen. Ich wollte unbedingt für einige Zeit weg. Als ich diesen Lehrauftrag aus Essen bekam, akzeptierte ich sofort. Für meine Frau und mich war das eine freie, neue Welt. Im Grunde genommen habe ich sehr schnell vergessen, was zwischen Deutschen und Polen geschehen ist. Vor allem, weil ich viele, sehr positive Menschen kennenlernte. Ich war sehr dankbar für die Hilfe. Meine Frau und ich haben versucht etwas für die deutsch-polnischen Beziehungen zu machen.

Ende der 60er-Jahren waren Sie dann dank des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in West-Berlin. Sie waren wieder in der Bundesrepublik und nicht in der DDR. Es hätte doch näher gelegen, dass ein polnischer Komponist in den sozialistischen Bruderstaat DDR geht.

Wissen Sie, in der DDR war Avantgarde noch massiver verboten als in Polen.  Avantgarde war in Polen bis Mitte der 60er-Jahre verboten. Aber in der DDR war sie total verboten und sie wurde nicht gespielt. Meine Werke waren in der DDR anfangs verboten. Deshalb bin ich dort nicht hingegangen.

Als Avantgardist haben Sie mit allen Traditionen gebrochen. Sie haben ganz neue Töne versucht zu finden und gefunden. Dann ist die Avantgarde in den Hintergrund getreten und Sie haben sich wieder verstärkt einer zugänglicheren Musik zugewandt. Was war dafür der Grund?

Ich glaube, alles was ich zu sagen hatte, hatte ich schon gesagt. In den 60er-Jahren habe ich mehrere Werke geschrieben. Ich glaube, was ich damals geschrieben habe, war schon Musik, die man damals nicht weiterentwickeln konnte. Ich habe in kurzer Zeit 20 Werke geschrieben und wollte mich nicht wiederholen.

Diese Werke setzten sich mit großen Stoffen auseinander. Sie haben sich mit den Opfern von Hiroshima auseinandergesetzt. Sie haben über die Opfer von Auschwitz geschrieben, später dann über den 11. September. Das sind alles historische Tragödien. Aber es gibt kein Stück über den Fall der Mauer, den Niedergang des Ostblocks, obwohl sie selbst von dort kommen.

Nein, ich wollte keine Musik schreiben, die für jede Tragödie, jede Veränderung wie dem Fall der Mauer zu verwenden ist. Ich habe aus großer Überzeugung Werke wie die über die Opfer von Hiroshima und Auschwitz geschrieben. Aber ich schreibe keine Chronik. Es sind Themen, die mich packen. Ich habe ein Stück geschrieben, das polnische Requiem. Das reicht.

Sie leben in Krakau vor den Toren der Stadt und gehen einem interessanten Hobby nach: Sie sammeln Bäume. Wie kommt man darauf Bäume zu sammeln? Und wir reden hier nicht von zwei oder drei Bäumen, sondern von  1700 unterschiedlichen Baumarten, die schon auf ihrem Land gepflanzt wurden!

Das wurde eigentlich mein zweiter Beruf. Angefangen hat es mit meinem Großvater. Bei ihm musste ich alle Bäume auf Latein benennen, was ich damals nicht wollte. Er hatte eine Liebe zu den Bäumen, die ich erbte. Vielleicht ist es genetisch bedingt. Sein Vater, mein Urgroßvater war Förster. Vor mehr als 40 Jahren habe ich ein Stück Land gekauft und sofort Bäume gepflanzt, bis kein Platz mehr war. Dann habe ich weiteres Land gekauft und noch mehr Bäume gepflanzt.

War das Zufall oder folgen Sie einem Plan?

Ich habe viele Bücher studiert und daraus habe ich einen Plan für meinen Park entwickelt. Jetzt sind 1700 Arten, oder auch mehr, auf 30 Hektarn gepflanzt. Ich pflanze jedes Jahr 50 bis 100 Arten. Ich suche diese Arten in aller Welt. Früher habe ich sie geschmuggelt. Heute sind diese Bäume 20 Meter hoch. Das ist eine Passion, die man nicht erklären kann.  Der eine sammelt Briefmarken und der andere Bäume. Das ist schon eine Verrücktheit.

Den Bäumen wird diese Liebe zum Wald nachgesagt. Ihre achte Sinfonie beschäftigt sich mit der Romantik. Ist da eine Ader in Ihnen, die mit Bäumen ausgelebt wurde und jetzt verstärkt in der Politik?

Ja, die achte Sinfonie wurde eigentlich für meine Bäume geschrieben. Da ich vor allem in der deutschen Literatur viele wunderbare Dichter fand, die über Natur und Naturphilosophie schreiben, Rilke und Goethe und viele andere. Das hat mich fasziniert. Das Stück ist jetzt etwas länger als eine Stunde. Aber vielleicht werde ich es noch verlängern.

Gibt es etwas, worauf Sie ich freuen, wenn Sie nach Frankfurt (Oder) kommen?

Das ist die Geschichte dieser Universität, die im frühen 16. Jahrhundert gegründet wurde. Schon damals studierten viele Ausländer, vor allem Polen, aber auch Dänen und Schweden. Das ist ein besonderer Ort.  Es freut mich, dass ich dort einen Preis bekomme.

Mehr dazu:
Das Interview zum Hören steht in der rbb-Mediathek…
Mein erster Eindruck vom Besuch bei Krzysztof Penderecki…

Frisches Ostermoos an Weihnachten

Weihnachten 2011: Bei elf Grad schimmert das Moos wie eigentlich an Ostern. Zartes Grün macht sich breit, wo Schnee sein sollte. Im Wald auf Schmöckwitz Werder erinnert gar nichts an Winter. Lediglich einige Spaziergänger, die dick vermummt frische Luft im Wald suchen, erinnern an die Jahreszeit. Obwohl die Temperaturen keine Mützen, keine Schals und keine Handschuhe erfordern.

Heimat (8): Laufwege an und in Buchenwäldern

Buchenwald bei Betzenberg
Buchenwald bei Betzenberg

Die Ruhe wird nur von Traktoren gestört. Ab und an ist das Pumpen der Kolben in der Ferne zu vernehmen. Aber hier in der Fränkischen Schweiz ist dieser Klang schon fast natürlich. Er gehört hier her wie der Fels aus Kalk. Beim Laufen durch noch immer hellgrün schimmernden Buchenwald, die leichte Steigung deutlich spürend, stellt sich ein vages Heimatgefühl ein.

Die Farbe der Erde, der Geruch des Waldes, der Klang der fernen Bulldogs, all das macht die Schritte leichter. Auch ohne Laufschuhe (stattdessen leichte Straßenschuhe) dafür aber mit Kreuzschmerzen. Die lassen dann auch nach. Mit jedem Einatmen dieser wohl vertrauten Luft.

Mehr Heimat:
(1) Mein Sprungturm
(2) Stänglich vom Schwab
(3) Leberkäsweck
(4) Bilder aus Hammelburg
(5) Schlesisch Blau in Kreuzberg
(6) Danke Biermösl Blosn!
(7) Weinlaub und Weintrauben
(8) Laufwege in Buchenwäldern
(9) Fränkische Wirtschaft
(10) Bamberger Bratwörscht am Maibachufer
(11) Weißer Glühwein
(12) Berlin
(13) Geburtstage bei Freunden aus dem Heimatort
(14) Gemüse aus dem eigenen Garten
(15) Glockenläuten in der Kleinstadt
(16) Italienische Klänge
(17) Erstaunliches Wiedersehen nach 20 Jahren
(18) Federweißen aus Hammelburg
(19) Wo die Polizei einem vertraut
(20) Erinnerungen in Aschaffenburg
(21) Nürnberg gegen Union Berlin
(22) Der DDR-Polizeiruf 110 „Draußen am See“

Schrecksekunden beim Laufen im Wald

Laufen am Morgen. Die Schritte legen regelmäßig das gleiche Stück Weg zurück. Der Puls hat sich auf einen schnelleren, aber geregelten Schlag eingestellt. Der See links neben mir bewegt sich in der immer gleichen, ganz sanften Dünung. Die Lunge saugt die Luft in einem Zug ein und pumpt sie in drei kurzen Stößen aus. Alles ist ruhig.

Doch dann kommt ein kläffender Hund von der Seite angerannt. Meine Schritte stoppen. Das Herz beginnt zu rasen. Der Atem stockt. Der Hund springt mich an. Will er beißen? Ich weiß es nicht. Nicht in dieser Schrecksekunde und nicht später. Ein Mann ruft den Köter zu sich. Er hörtr erst beim dritten Mal. Zu meiner Beruhigung trägt das nicht bei.

Und dann kommt der Satz, der mich explodieren lässt: „Er will ja nur spielen.“ „Und ich will in Ruhe laufen! Woher soll ich denn wissen, dass das Vieh nicht beißt?“ Der Mann ist verdutzt. Schaut mich an, als sei ich von einem anderen Stern. Und dreht sich wortlos um. Ich beginne wieder zu laufen. Die Schritte sind schwer. Das Herz schlägt zu schnell. Der Atem ist unregelmäßig, Seitenstechen ist die Folge. Und das alles nur wegen dieses Hundes. Nicht, nicht wegen des Hundes ermahne ich mich selbst. Wegen des Mannes, der seinen Hund nicht unter Kontrolle hat.

Als ich mich beruhigt habe, als ich den Rhythmus wiedergefunden habe, als das Seitenstechen vorbei ist, kommt ein Mann mit Fahrrad entgegen. Die Hundeleine hat er um den Nacken gelegt. Hinter ihm rennt ein Hund, der so groß ist wie das Fahrrad. Ich stocke, bleibe wie angewurzelt stehen. Der Mann erschrickt. Ruft den Hund zu sich und fährt zwischen Hund und mir an mit vorbei. Der Lauf bleibt danach unruhig. Ruhig sind nur die Hundebesitzer, die mit ihren Tieren nur spielen. Und sich gar nicht vorstellen können, dass man Angst vor ihnen hat. Begründete Angst, wenn man schon zweimal gebissen wurde.