Als erstes fällt das Gitter auf. Das trennt den eigentlichen Platz vom Vereinsheim und der Besucherterrasse. SV Nord Wedding 1893 macht an diesem Gitter deutlich, dass der Platz nur für die Spieler ist – und nicht für Eltern und Begleiter. Offenbar gab es hier schon die eine oder andere Auseinandersetzung zwischen sich ereifernden Vätern verschiedener Mannschaften. Der Platz selbst ist zwischen Straße und Häusern und Park schön angelegt. Nur die Flugzeuge, die kurz vor der Landung in Tegel direkt über den Platz fliegen, stören gewaltig. Der Kunstrasenplatz, der an einer Seite auch eine Mini-Tribüne mit drei Sitz- oder Stehreihen hat, ist solide. Und nach Regentagen schnell, weil die Nässe nicht versickern kann.
Reinhard Blomert: Adam Smiths Reise nach Frankreich oder die Entstehung der Nationalökonomie
Für die FDP ist Adam Smith eine Art Säulenheiliger. Für die Vertreter des Vulgär-Kapitalismus ist der schottische Philosoph und Ökonom derjenige, auf den man sich guten Gewissens berufen kann, wenn man sein Gewissen bei der Mehrung des Vermögens abschalten will. Adam Smith ist der, der sagte, dass der Markt alles regelt, derjenige, der den Eingriff des Staates in die Wirtschaft ablehnte, weil die Wohlstandsmehrung des Einzelnen nicht behindert werden dürfe, denn nur so könne der Wohlstand aller gemehrt werden.
So haben wir Adam Smith im Kopf. So wird er uns immer wieder vorgehalten, wenn uns nicht einleuchten will, dass der Staat schlechter wirtschaften soll als beispielsweise Opel oder die Banken, Versicherungskonzerne und Fonds, die die Alterversorgung Hunderttausender in nur zehn Jahren zweimal ruiniert haben. Nun ist niemand gezwungen, den radikalen Markt gut zu finden. Das Wählen der FDP ist auch kein Muss, sondern ein Akt der freien Wahl. Vor allem aber stimmt nicht einmal der Bezug auf Adam Smith in dieser vereinfachten und radikalen Form.
Das beschreibt Reinhard Blomert, der eine Ehrenrettung von Adam Smith in seinem Buch „Adam Smiths Reise nach Frankreich“ versucht. Vor allem will er verhindern, dass Adam Smith weiterhin so vereinfachend als Marktliberaler dargestellt werden kann und somit von den Philipp Röslers, Guide Westerwelles und Rainer Brüderles missbraucht werden kann. Denn auf der von Blomert beschriebenen Reise lernte Smith sehr wohl, dass Zölle im Einzelfall sinnvoll sein können. Er tauschte sich mit allen wichtigen Aufklärern von Voltaire bis Rousseau und den Enzyklopädisten aus lernte, von ihrem Denken zu lernen.
Blomert schreibt das gut verständlich. Allenfalls bei den großen Frankreich-Passagen hat die Entdeckung dieser versunkenen historischen Welt für den Autor eine so große Magie, dass der eigentliche Anlass der Entdeckungsreise manchmal aus den Blick zu geraten scheint. Aber selbst das ist lesenswert in diesem wunderschön gestalteten Buch. Angesichts des unablässigen Stroms an Wirtschaftsmeldungen, die der aufgeklärte Bürger verfolgen muss, um guten Gewissens seine Stimme bei der Bundestagswahl im Herbst abgeben zu können, ist es zudem hilfreich, sich etwas mit der Theorie der Ökonomen zu beschäftigen.
Idyllisch liegen die Fußballplätze des Frohnauer SC mitten im Grünen. Eine Kastanienallee trennt sie von den Tennisplätzen. Der Poloplatz liegt gleich hinter dem Gelände. Dort, wo sich die Spieler vor dem Spiel warm machen, war einst ein Friedhof der französischen Besatzungsmacht. Das Tor steht noch immer. Ein moderner Block mit Kabinen schließt sich link an. Ein großer Rasenplatz im Stadionrund und ein kleinerer Kunstrasenplatz machen runden das schöne Gelände ab.
Ende Mai: Beim Fahrrad fahren sehnen sich die Hände nach Handschuhen. Die Sonne versteckt sich hinter Wolken. Die Badehose bleibt im Schrank, das Kajak im Bootshaus. Nichts ist so, wie es sein sollte. Keine Wärme, kein Schwimmen im See. Keine lauen Terrassenabende, sondern Sofaabende in Decken gehüllt. Alles ist anders als es Ende Mai sein sollte.
Aber bei und bleibt die Heizung aus. Anders als beim Nachbarn, wo der Schornstein wieder raucht. Stattdessen ist schwerer Rotwein zum Wärmen statt eines leichten Weißweins zum Erfrischen in unseren Gläsern. Und beim Blick aus dem Fenster sitzen die Enten auf dem Dach des Nachbarn. Alles anders. In diesem Mai.
Stellenanzeigen in Zeitungen sind ja schon lange out. Heute suchen wir in sozialen Netzwerken wie Xing oder Linkedin, wenn die Arbeit langweilt, nervt oder es einfach nur an der Zeit ist, mal wieder etwas Neues zu versuchen. Das größte soziale Netzwerk aber ist nach wie vor die ganz normale Öffentlichkeit. Und so sucht dieser Arbeitgeber da, wo seine Kunden sind, nach Verstärkung im Team. Das ist irgendwie old fashioned und doch so selbstgemacht schon wieder modern und cool.
Allerdings muss sich der Leser bücken, um den Text der Stellenanzeige komplett zu lesen. In der Zeitung muss man blättern und die Augen zusammenkneifen, im Internet muss man klicken und klicken und suchen und klicken, um eventuell zu finden. Insofern ist das Bücken nur eine andere körperliche Anstrengung. Vielleicht gehört es ja auch zu den Kenntnissen und Fähigkeiten, die zur teamkompatiblen Ausübung der Beschäftigung notwendig sind.
Irgendwelche Kenntnisse werden ja bevorzugt. Welche ist offenbar nicht so wichtig. Rechnen vielleicht? Aber nicht unbedingt. Obwohl Eiskugeln zu zählen und Wechselgeld rauszugeben ja schon minimale Mathekenntnisse erfordern. Aber wenn’s damit nicht klappt, könnte ja auch noch Lesen gemeint sein. Oder Denken. Vielleicht auch Phantasie, die mit der kryptischen Jobdescription herausgefordert werden soll?
Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur
Der kleine Elster Verlag aus Zürich nimmt sich Walter Mehring an. Vor wenigen Tagen ist „Die verlorene Bibliothek“ hier in einer neuen Ausgabe erschienen. Inhaltlich handelt es sich um eine Neuauflage der Textfassung aus der von Christoph Buchwald herausgegebenen Werkausgabe im Claassen Verlag. Und damit um die letzte von Walter Mehring bearbeitete Fassung.
Mitten in Berlin. Ein Mann irgendwo ziwschen 50 und 60 trifft einen anderen. Rein dienstlich. Es geht um alte Fundstücke. Sie fachsimpeln, schauen sich in die Augen. Dann senkt er seinen Blick, blickt am zehn Jahre jüngeren herunter. Seine Miene hellt sich auf. Das Geschäftmäßige in seinem Blick weicht einem freundschaftlichen, fast verschwörerischen Lächeln.
„Sie tragen Haferlschuhe?“
Froh ist der Ton. Der jüngere blickt ebenfalls auf die Schuhe. Erkennt ebenfalls Haferlschuhe.
„Ja. Es gibt keine besseren Schuhe.“
„Mein erstes Paar habe ich vor 30 Jahren gekauft. In einem Geschäft, das Konkursmasse verkaufte. 90 Mark haben sie damals gekostet. Das war viel Geld für einen Studenten.“
„Hier in Berlin?“
„Ja. Ich weiß, für einen Hamburger in Berlin war das etwas seltsam. Aber seit damals trage ich eigentlich nur noch Haferlschuhe. Es gibt tatsächlich nichts besseres. Mein erstes Paar habe ich übrigens noch immer. Auch wenn sie schon mehrfach beim Schuster waren.“
Wie Verschwörer, die sich in einer feindlichen Umwelt zufällig erkannt haben, stehen sie da. Tauschen sich über Leder aus einem Stück, handgenähte Sohlen, geklebtes oder genähtes Innenfutter aus. Sie kennen die Unterschiede zwischen guter Schusterarbeit und geklebter Pseudonaht. Und sie vergewissern sich gegenseitig, dass die Liebe zum Haferlschuh gute Gründe hat. Gründe, die all jene nicht nachvollziehen können, die diesen Allzweckschuh nur als bajuwarisches, volkstümelndes Trachtenwerk abtun. Die sich ihn nie anziehen würden, weil sie ihn unförmig finden. Aber das ficht sie beide nicht an, diese Männer, die sich zufällig in Berlin trafen, und Dank ihrer Schuhe wissen, dass sie nun etwas verbindet: die Liebe zum Haferlschuh, diesem unglaublich bequemen, trittfesten und dem Fuß anpassenden Schuhwerk.
1933. Es ist die Nacht vor dem Reichstagsbrand. Walter Mehring will einen Vortrag halten. Der Veranstaltungsort ist von SA umstellt. Doch Mehring gelingt die Flucht – nach Paris. Fünf Jahre später. März 1938. Die Nacht vor dem Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Wieder entwischt Walter Mehring den Nazis im allerletzten Moment. Zuvor wurde schon sein Hotelzimmer mit der Bibliothek des Vaters durchsucht. Frankreich 1940. Walter Mehring wird in Marseille verhaftet und in ein französisches Internierungslager gesteckt. Auch von dort gelingt ihm die Flucht – diesmal bis in die USA.
Georg-Michael Schulz: Walter Mehring
Die Nazis hassten den 1896 geborenen Berliner Schriftsteller, Dramatiker und Journalisten, der auch für alle wichtigen Kabarettisten seiner Zeit die Texte verfasste. Seit 1919 schrieb er mit ungewohnter Klarheit, Schärfe und Prägnanz gegen Nationalismus und Antisemitismus an. Sein Freund Kurt Tucholsky war von seinen Versen hingerissen. Erwin Piscator inszenierte seine Stücke. Mehring war in den damals neuen Medien Radio und Film präsent. Für ihn war kompromissloses, engagiertes Schreiben und individuelles Denken existenziell.
Jahre später sagte er: „Denn mein Beruf ist der, soweit ich ihn ausfüllen konnte, eines Schriftstellers. Es kann jemand der Arzt ist, sich nicht weigern in eine Pest hineinzugehen. Es gibt für ihn keine Ausreden in dem Moment, in dem er beschlossen hat, ein Arzt zu sein. Für den Schriftsteller gilt genau dasselbe.“
Walter Mehring: Die verlorene Bibliothek – Autobiografie einer Kultur
Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt: Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.
Walter Mehring 1955: „Es wäre so als ob man seiner Geliebten etwas von seiner Vergangenheit erzählen wollte, aber sich auch lebendig machen wollte. Und das habe ich versucht.“
Die Geliebte ist in diesem Fall der Leser, der mit „der verlorenen Bibliothek“ nicht nur Mehrings schillerndes Leben kennenlernt: Sondern auch den Geist der Zeit. Einer Zeit, die Mehring aus der Erinnerung der Bücher seines Vaters wieder aufleben lässt – Und damit dazu beiträgt, dass die Kultur einer Epoche doch nicht vernichtet wurde.
Walter Mehring 1955: „Ich habe dazu nur mein Gedächtnis benutzt. Und auf der Public Library, auf der öffentlichen Bibliothek von New York, die ja sehr groß ist, die Zitate noch einmal nachgeschlagen, damit sie auch im Wortlaut stimmen.“
In den vergangenen 50 Jahren hat sich der Anblick Hammelburgs vor allem im Hintergrund verändert. Ob Krankenhaus oder Erdfunkstelle, ob Hochhaus oder Gewerbegebiet in Westheim, die Stadt hat sich schon sehr verändert.
Heer, Sturm und Stahl! So heißen die Pflichtverteidiger von Frau Tzschäpe.
Die Anwältin und die beiden Anwälte sind sicherlich keine Rechtsradikalen. Aber wenn sich die Nazis vom NSU und ihre Sympathisanten die Namen ihrer Verteidiger selbst wählen dürften, stünden diese drei bestimmt unter den Top Ten. Neben Soldat, Blitz und Granit. Zum Beispiel. Oder anderen, die man gar nicht nennen mag.
Es gingen sicherlich auch noch andere Namen, aber Heer, Sturm und Stahl sind fürs rechte, schlichte Gemüt schon eine sehr gute Wahl.
Ausgewählt wurden die drei Anwälte mit diesen Namen von jenem Münchner Gericht, das bei der ersten Vergabe der Presseplätze nicht an türkische Medien dachte, von griechischen ganz zu schweigen. Das ist dasselbe Gericht, das sich dafür entschied, möglichst wenig Zuschauer in den Gerichtssaal zu lassen, statt in einen anderen Saal umzuziehen. Deshalb könnte es gut sein, dass an einem der Verhandlungstage mehr Nazis präsent sind als demokratische Zuschauer.
Das ist alles wirklich irre. Wenn jemand einen Thriller über Nazi-Terror schreiben würde und sich so etwas einfallen ließe, dann würden wir alle sagen: Das ist aber arg dick aufgetragen. So holzschnittartig muss das doch nicht sein. Das würden wir sagen. Und das Buch eher nicht lesen. Weil das doch alles nicht wahr sein kann. Nicht wahr sein darf!