Schwimmen im Salzwasser der Adria

Adria in Istrien

Zugegeben, mit einer Schwimmbrille im Gesicht zu baden, sieht schon ziemlich bescheuert aus. Aber zum Schwimmen im Meer ist sie unverzichtbar. Nicht nur aus rein praktischen Gründen, sondern auch aus ästhetischen. Denn mit geöffneten Augen kann man das Wasser der Adria in all seinen Schattierungen sehen. Da, wo der Arm eintaucht, ist es ganz türkis. Wenn der Arm dann unter dem Körper durchzieht, wird es dunkelblau. und dazwischen nimmt es alle Farbschattierungen an.

Adria in Istrien

Das Beobachten des Wassers und seiner Farb- und Lichteffekte nimmt mich beim Schwimmen in der istrischen Adria komplett gefangen. Statt der Monotonie des schwarzen Balkens am Beckenboden oder des grünlich-trüben Wassers des Zeuthener Sees ist hier das Wasser in ständiger Veränderung. Nahe am Ufer, wo es nur zwei bis drei Meter tief ist, bieten die schroffen Felsen und Steine eine weitere Abwechslung. Wo im Becken schon nach einigen Bahnen eine Art meditative Gleichförmigkeit um sich greift, ist hier stete Abwechslung – einfach zu viel Schönes, um sich nur der Gleichförmigkeit des Bewegungsablaufes hinzugeben.

Adria in Istrien

Doch Konzentration ist dennoch nötig. Denn Verschlucken darf man sich nicht. Das Salzwasser, das im stets geöffneten Mund nach einigen Minuten nicht mehr störend auffällt, ist in der Speiseröhre die Hölle. Abruptes Abbrechen aller Bewegungsabläufe ist die sofortige Folge. Und Husten, fast bis zum Erbrechen. Deshalb ist das Einfühlen in den Wellengang so wichtig. Aber das Salz hat auch sein Gutes. Es trägt mich. Beinschlag ist kaum nötig, um ein einer optimalen Wasserlage zu kraulen. Und das mache ich dann auch. Zug um Zug. Immer und immer wieder. Gefangen von den Farben. Und begeistert von der Ruhe, mit der sich die Adria durchziehen lässt.

Adria in Istrien

Mehr vom Schwimmen:
Mein Sprungturm
Schwimmen im Salzwasser der Adria
Gefahr beim Schwimmen im See
Hauptsache rüberschwimmen
Schwimmen ohne Wand und Wende
Wassererzählungen: John von Düffel schwimmt wieder
Leanne Shampton meditiert über das Bahnen-Ziehen
Anbaden 2012
Lynn Sherr feiert das Schwimmen in einer persönlichen Kulturgeschichte

Hat der Lektor von Enrique Vila-Matas‘ Dublinesk zu viel getrunken?

Enrique Vila-Matas: Dublinesk
Enrique Vila-Matas: Dublinesk

Als Riba seinen Job als Verleger an den Nagel hängt, hört er auf zu trinken. Sonst wäre ihm die Frau weggelaufen. Aber im Jahr 2009, in ihm spielt der Roman „Dublinesk“ von Enrique Vila-Matas, gibt es ja neue Flucht- und Suchtmöglichkeiten: das Internet und der Computer bieten die Riba die Chance, sich vor der realen Welt zu verstecken. Da er merkt, dass es so nicht weitergehen kann, rafft er sich zusammen mit Freunden, deren Bücher er einst verlegte auf, um in Dublin den Bloomsday zu begehen und dabei auch gleich das Gutenberg-Zeitalter zu begraben.

Enrique Vila-Matas spinnt aus diesem Plot und ganz vielen Zitaten und Reminiszenzen ein literarisches Requiem auf den Untergang der alten, analogen Welt der Bücher, Verleger und Autoren. Wobei wir dabei nicht die Perspektive des Autors und seines Protagonisten verwechseln dürfen. Dessen Höhepunkt des Zeitalters der Gutenberggalaxie ist der Ulysses von James Joyce. Der Autor hat offenbar auch große Sympathie für das Werk. Aber er distanziert sich auch ironisch vom Bloomsday und dem Glauben an den Untergang guter alter Zeiten. Genau darin liegt der Reiz des Romans. Selbst Dublin unerfahrene Leser können darin ihr Vergnügen finden. Und in den Überlegungen Ribas, der sich von der Alkoholsucht, in die Computersucht und wieder zurück in den Suff katapultiert – natürlich in Dublin. Wo so gerne gesoffen wird. Wo sonst?

Ärgerlich an dem Band ist allerdings das Lektorat. Mir ist das Problem mit den Knieschmerzen von Riba aufgefallen. Einmal hat er sie links und wenige Seiten später rechts. Aber nicht als Erweiterung des Leidens, sondern als Schlampigkeit des Lektorats. Andreas Mertin hat in seiner Besprechung des Romans noch viele andere Fehler gefunden. Da er sie mit dem spanischen Original aus dem Jahr 2010 vergleicht, erschreckt die Fülle von Übersetzungs-, Orthografie- und Verständnisfehlern. Das hat eigentlich in einem Band der Anderen Bibliothek nichts zu suchen. Da stellt sich dann schon die Frage, ob sich der deutsche Lektor zu sehr mit der Hauptperson identifizierte, als er das Buch bearbeitete. Und sich auch all die depressiven Schübe mit kräftigen Schlucken aus dem Guiness-oder dem Whiskey-Glas ganz dublinesk weggespült hat?

Mehr über Bücher der Anderen Bibliothek

Eine Rezension auf Sätze und Schätze…

Marisa Madieri blickt in Wassergrün auf ihre Kindheit in Istrien zurück

Marisa Madieri: Wassergrün - Eine Kindheit in Istrien
Marisa Madieri: Wassergrün – Eine Kindheit in Istrien

Flucht und Vertreibung wird hierzulande gern als etwas wahrgenommen, dass nur Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geschah. Schon die direkte Folge, dass auch Polen vertrieben und umgesiedelt wurden, ist vielen schon unbekannt. Dass die Vertreibung auch in anderen Landstrichen Menschen entwurzelte, macht Marisa Madieri in ihrem Buch „Wassergrün“ eindringlich deutlich. Sie wurde mit ihrer Familie als Kind aus Istrien vertrieben – wie 300.000 andere Italiener.

Marisa Madieri verschlug es nach Triest, ins Auffanglager „Silos“, so benannt nach dem ursprünglichen Verwendungszweck in der Zeit, als Triest zu Österreich gehörte. Doch bevor sie zu ihrer Familie ins Silos kam, konnte sie in Venedig bei Verwandten in einer Klosterschule ihre Mittlere Reife machen. Jahrzehnte später – konkret 1981 bis 1984 – erinnert sie sich an diese Zeit. Und beginnt die Verluste und Verletzungen zu verarbeiten.

Das macht sie auf eine erstaunlich knappe Art. Fast wie in einem Prosagedicht verdichtet sie Erinnerung und Gegenwart als Mutter zweier Söhne und Frau von Claudio Magris, dem Triester Literaturwissenschaftler und weltweit bekanntem Autor. Marisa Madieri reflektiert, wem sie es in der schweren Nachkriegszeit zu verdanken hat, dass ihre Schwester und sie studierten. Nämlich der Mutter, die angesichts ihres eigenen Lebens darauf bestand, dass ihre Mädchen auf eigenen Füßen stehen können.

Sie erzählt auch davon, wie sie erstmals wieder in die ehemalige Heimat kommt. Sie berichtet, wie trotz der vielen Verwundungen bei vertriebenen Italienern und bei zurückgebliebenen Slowenen und Kroaten trotz der vorausgegangenen Unterdrückung durch das faschistische Italien, Verständnis wachsen. Ganz ohne Zorn schreibt sie. Ganz ohne Neid. Aber mit einem klaren Bekenntnis zur Versöhnung. Auch wenn das nicht immer selbstverständlich ist. Etwa, wenn sie den Sandstrand Venedigs als schmierig und dreckig wahrnimmt. Denn ihr Meer ist klar und grün und der Strand aus Kieseln, so dass kein Sand den Genuss stört.

 

Pula feiert die Eurpäische Union ohne Pulverdampf

„Heute bin ich noch Kroate. Morgen bin ich Europäer, der Kroatisch spricht.“ Der Mann schwankt. So wie die Boote und Schiffe, wenn die Bora die Adria aufwühlt, für deren Ausfahrten er im Hafen von Pula Touristen zu begeistern versucht. Jetzt aber nicht mehr. Am 30. Juni um 21.30 Uhr ist er nur noch auf Europa eingestellt – und feiert fröhlich mit einigen Bierchen die Aufnahme seines Kroatiens in die Europäische Union.

Ganz Pula scheint in der Innenstadt versammelt zu sein. Ob vor dem römischen Triumpfbogen oder auf dem Forum, an beiden Orten spielen Bands bei einem „Umsonst und Draußen“, oder quer durch die Gassen der Altstadt, überall sind die Menschen auf den Beinen. Und bei allen scheint nicht nur das Fest der Grund für die Freude zu sein, sondern auch der Anlass.

Pula/Pola, das noch immer eine italienische Minderheit beherbergt, ist nicht nur wegen der vielen Touristen international-europäisch. Hier, wo die staatliche Zugehörigkeit in den vergangenen 100 Jahren vier Pässe erforderte – Österreich, Italien, Jugoslawien, Kroatien – ist mit der Europäischen Union auch der Wunsch verbunden, endlich in eine jahrzehntelange Epoche des Friedens zu gelangen. Der letzte Krieg, der zwar nicht in Pula wütete, aber dennoch im Land Kroatien, ist schließlich erst knapp zwei Jahrzehnte her.

In der Stadt stößt man überall auch Zeugnisse der Vergangenheit, die mit Krieg und Kampf zu tun haben. Aber davon will an diesem Abend niemand etwas wissen. Heute wird Europa gefeiert – mit den gelben Euopasternen, die an die Wände projieziert werden – und um Mitternacht mit einer Lichtinstallation an der Fassade eines Hauses, dessen Läden verschlossen sind. Das Licht sorgt dafür, dass die aufgehen, dass Sterne aus ihnen kommen und dass die Fahnen aller Länder der EU aus ihnen wehen. Das ist beeindruckend und völlig kitschfrei. Und es ist viel schöner als ein Feuerwerk, nach dem alles nach Schwarzpulver stinkt – wie im Krieg, wie in der Schlacht, die Europa doch zum Glück überwunden hat.

Lidija Klasic macht uns klar: Auf nach Istrien

Lidija Klasic: Auf nach Istrien
Lidija Klasic: Auf nach Istrien

Richard Swartz lebt die Hälfte des Jahres in Istrien. Den Schweden hat die Halbinsel, die fast vollständig zu Kroatien und etwas zu Solwenien gehört – und irgendwie auch noch italienisch ist, in den Bann gezogen. Das satte Grün, die Berge und das klare Meer begeistern auch Lidija Klasic. Sie hat in „Auf nach Istrien“ ihre Liebe zu dieser Halbinsel literarisch verarbeitet. Eine Mischung aus Reportagen, historischen Erzählungen und in die Texte eingearbeitete Tipps ist entstanden.

Bei Richard Swartz war sie bei ihren Recherchen auch. Und auf den Spuren des Entdeckers von Valium, von Nora Joyce und vielen kroatischen Künstlern, Schriftstellern und Verlegern. Das macht das Buch aus. Lockt nach Istrien, auch wenn darin ein Problem steckt: Weder Richard Swartz noch die anderen, bei denen sie auf der Terrasse den guten Speck, das vorzügliche Olivenöl, die Vielfalt der Tomaten und den erfrischenden Malvasier probiert hat, werden meiner Familie und mir die Türen öffnen. Uns werden nur eigene Entdeckungen bleiben, eigenes Kosten und eigenständiges Beobachten.

Genau darauf macht die kr0atische Journalisten, die in Berlin für die Deutsche Welle arbeitet, Lust. Vor allem auch, weil sie die historischen Verwerfungen dieses Landstrichs, der lange zur Wiener Doppelmonarchie gehörte, dann zu Italien und schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg Teil von Titos Jugoslawien wurde, eindrücklich und ohne nationale Voreingenommenheit schildert.

Fragen kultureller Divergenz zum Schoppen

Ein herrlicher Sonntag. Die Sonne scheint. Das Freibad ist mittags noch lange nicht überfüllt. Das Bahnenziehen hat gut getan. Die Kühle das Wassers wirkte belebend. Und die Begegnung mit einem alten Freund ist eine Freude. Und zwar eine so große, dass irgendwann die Frage kommt: „Ein Frühschoppen wäre doch jetzt fein?“

Und so gehen wir zum Kiosk im Freibad, freuen uns auf das Bier, auf den Augenblick, in dem der erste Schluck die Kehle prickeld kühlt, auf die gesellige Satt- und Zufriedenheit, die sich einstellen wird. Bis die Frage der kleinen Tochter kommt: „Warum gehen Männer im Freibad eigentlich shoppen?“

Ja warum eigentlich? „Weil das früher üblich war. Vor allem am Sonntag nach der Kirche.“ Das antworte ich planlos vor mich hin – und merke erst dabei, dass das Kind etwas ganz anderes meinte. Shopppen! Einkaufen! Und nicht Schoppen, Frühschoppen. Das in Berlin geborene Kind kennt das gar nicht. Und hier? In Hammelburg wüsste wohl jedes Kind mit dem Wort etwas anzufangen. So sind sie, die kulturellen Unterschiede. Und um diese zu überwinden, lässt sich ein Prost nicht vermeiden. Mit einem frischen, kühlen Hefeweizen.

Christine Küster erinnert sich an den 17. Juni 1953 in Fürstenwalde

Christine Küster aus Fürstenwalde.
Christine Küster aus Fürstenwalde.

Christine Küster lebt noch immer in ihrem Elternhaus. Von hier wurde sie vor 60 Jahren, am Abend des 17. Juni 1953 von der Volkspolizei abgeholt. Als junge Sekretärin der Bauunion-Spree protokollierte sie die Streikversammlung der Fürstenwalder Bauarbeiter. Unser Reporter Andreas Oppermann hat Chrstine Küster besucht und über ihre Erinnerungen an den Volksaufstand vom 17. Juni gesprochen.

Wie immer kommt Christine Küster auch am 17. Juni 1953 gegen halb sieben zur Arbeit. Anders als sonst, sind die Arbeiter der Bauunion-Spree in Fürstenwalde aber noch auf dem Hof. Sie diskutieren, was sie im RIAS gehört haben: Die Kollegen der Berliner Stalinallee streiken. Sie wollen sich keine höheren Normen bieten lassen.

Christine Küster: „Wir hatten einen alten Betriebsgewerkschaftsvorsitzenden (BGL),  der auch in der Partei war. Aber die Leute waren damals noch nicht so fanatisch. Es waren ja die Anfänge. Der wusste noch, wie man so Streiks organisiert. Wenn ihr jetzt streiekn wollt, dann müssen wir jetzt erstmal eine Versammlung machen.“

Christine Küster führt dabei das Protokoll. Und sie hält sich an die klare Anweisung des Genossen: „Aber, hat er gesagt, keine Namen dazu schreiben.“

Nach der Versammlung ziehen gut 200 Bauarbeiter ins Fürstenwalder Reifenwerk. Dort schließen sich ihnen die Arbeiter an. Gemeinsam ziehen sie ins Zentrum der Kreisstadt. Es werden immer mehr, die fordern: Freie Wahlen, Wegfall der Leistungsnormen und Preissenkungen für Lebensmittel in HO-Geschäften.

Christine Küster: „Es waren auf jeden Fall weitaus mehr, als am 1. Mai.“

Erst beim Rat des Kreises stockt der Zug. Die Tore sind  verschlossen. Niemand will mit ihnen sprechen. Deshalb kehren sie um, wollen zur SED-Kreisleitung und zur russischen Kommandantur.

Christine Küster: „Da kamen uns plötzlich Russen um die Ecke entgegen, mit Gewehr im Anschlag und Bajonett. Und dahinter kamen Panzer um die Ecke.“

Angst macht sich breit. Die friedliche Menge löst sich in Panik auf. Auch die junge Sekretärin flieht, wird sich jetzt erst bewusst, wie gefährlich Streik und Demonstration waren.

Als die Volkspolizei sie am Abend abholt, verrät sie keine Namen. Auch acht Tage später, als sie ein Stasi-Offizier anwerben will, verweigert sie die Zusammenarbeit.

Christine Küster: „Es war ein gutaussehender, Mann. Ein großer, blonder, hübscher Mann. Aber seine Art. Ich dachte, der sieht nur nett aus, wie so ein SS-Offizier, habe ich gedacht.“

Dennoch macht Christine Küster Karriere. Sie studiert, steigt in die Leitung der Bauunion auf und wird nach dem Ende der SED-Diktatur von den Arbeitern zur Betriebschefin gewählt. Für Kinder und Enkel schreibt die Fürstenwalder Rentnerin jetzt ihre Erinnerungen auf. Denn der 17. Juni hat ihre Haltung gegenüber der DDR geprägt:

„Ich habe schon früher nicht so viel von dem Staat gehalten. Aber danach war mir das klar.“

Hier ist der Beitrag als Audio…

Urfa Sofrasi – die Türkei mitten in Hannover

Urfa Sofrasi in Hannover
Urfa Sofrasi in Hannover

Dieser Tomatensalat mit Stangensellerie, Koriander, Petersilie und etwas Minze. Er schmeckt wie in den Lokalen in der Türkei. Die Kellner in schwarzem Hemd und schwarzer Hose bewegen sich wie ihre Kollegen in der Türkei. Der Chef, so um die vierzig, mit schwarzer Hose und weißem Hemd, plaudert, kassiert und gibt Anweisungen wie in der Türkei. Alles im „Urfa Sofrasi“ in Hannover ist wirklich so, wie in den trubeligen Restaurants in Anatolien. Die Gäste und die Kellner sprechen alle Türkisch, selbst die Speisekarte ist wie jene für Touristen: erst Türkisch und dann in kleineren Buchstaben Deutsch – mit Bildern, die zeigen, was man nach der Bestellung auf dem Teller haben wird.

Der Mann, der mir am Tisch gegenüber sitzt, zieht beim Bezahlen die Scheine aus der Hosentasche, als würde sich die Szene in der Türkei abspielen. Und die Frauen sind teils mit und teils ohne Kopftuch, so wie es in Urfa wohl auch wäre. Alle essen mit Freude, parlieren mit Lautstärke, zeigen sich Bilder auf ihren Handys und trinken Tee, Ayran oder Cola – aber kein Bier. Mit dem Schritt in das „Urfa Sofrasi“ wechselt man von Hannover in die Türkei.

Ich fühle mich so in die Türkei versetzt, dass ich fast erschrecke, als ich auf Deutsch angesprochen werden. Als man wissen will, was ich von Erdogan und den Demonstranten halte? Ob es mir schmeckt? Ob ich schon einmal in der Türkei war? Und wo? All das wurde ich auch in der Türkei schon viele Male gefragt. Und so bin ich hier Mitten in Hannover doch in der Türkei. Und genieße das Essen, freue mich über die Gastfreundschaft und denke an Lokale in der Türkei, die ich alleine, zu zweit oder in Begleitung ganzer türkischer Familien besucht habe. Spüre Erinnerungen nach und frage mich, wie es denn jetzt in Istanbul wäre, am Taksim oder in dessen Nähe? Und was all die Schüler und  Lehrer wohl davon halten, wie die Regierung Erdogan im ganzen Land die Jugend niederknüppeln lässt?

Leanne Shapton meditiert über das Bahnen-Ziehen

Leanne Shapton: Bahnen ziehen
Leanne Shapton: Bahnen ziehen

Vielleicht muss man selbst eine intensive Beziehung zum Wasser haben oder zumindest gehabt haben. Denn wer selbst immer und immer wieder gespürt hat, wie das Schwimmen den Körper schmerzen kann, aber auch wie das Bahnen ziehen den Kopf befreien kann, der wird in Leanne Shaptons Buch „Bahnen ziehen“ Seite um Seite Erfüllung und Erinnerung finden.

Leanne Shapton war vor gut 20 Jahren eine einigermaßen erfolgreiche Schwimmerin aus Kanada. Den Sprung in die Olympia-Mannschaft schaffte sie zwar nicht, aber im eigenen Land zählte sie dennoch zu den besten zehn bis 20. Damit konnte sie ihren Traum nicht erleben, aber all das, was das Schwimmen ausmacht, hat sie so intensiv erlebt, dass sie fast vergessen hat zu leben. So, wie es vielen Hochleistungssportlern ergeht.

Inzwischen ist sie eine etablierte Künstlerin, Autorin und Verlegerin. Aber der Weg dahin war nicht einfach. Leanne Shapton zeichnet ihn nach, mit Worten und Bildern. Sie versetzt den Leser in die chlorhaltige Luft der Schwimmbäder, in die Rituale der Wettkämpfe und in den Schmerz des Trainings. Das ist faszinierend, weil sie es reflektiert. Es wird klar, wie die Muster des Schwimmens auch im trockenen Leben eine wichtige Rolle spielten. Und wie wichtig das Bahnen ziehen noch immer ist. Shapton hat die Obsession, in jedes Schwimmbad gehen zu wollen, jeden Pool durchqueren zu müssen.

All das erzählt sie teils ernst, teils ironisch. Sie illustriert es mit eigenen Bildern und macht das Buch so auch zu einem Kunstbuch, das auf einer anderen Ebene als nur der schriftlichen die Monotonie und Meditation, die Erfüllung durch Wiederholung illustriert.

 

Der Gast, der wird geehrt, auch wenn er noch so stört

Eigentlich gibt es den Schüleraustausch ja, damit sich Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Ländern kennenlernen, indem sie sich austauschen, indem sie miteinander reden und gemeinsam lachen.

Aber sie sitzt da und sagt nichts. Wenn man sie fragt, schaut sie nur. Manchmal kommt auch ein „Ja“. Häufiger aber ein „Nein“. Am wahrscheinlichsten aber sagt sie: „Wie Du willst.“

Zehn Tage geht das so. Ob beim Frühstück oder beim Abendessen, ob bei der Frage nach der Freizeitgestaltung oder dem gewünschten Lunchpaket. „Wie Du willst.“

Ist das Schüchternheit? Immerhin ist die Gastschülerin aus Frankreich das erste Mal bei einer deutschen Familie. Oder ist das Höflichkeit? Also der Versuch, dem Gastgeber nicht zur Last zufallen?

Aber genau dadurch wird sie zur Last. Weil sie nicht spricht! Weil sie keine Antworten gibt! Weil sie einfach nicht kommuniziert! Das stete Rätseln was sie wohl will, macht die ganze Familie  mürbe. Während sie passiv und inaktiv da sitzt, wächst in der Familie die Aggression. Eine Stichelei hier, ein Genervt-Sein da. Und das nicht nur bei mir.
Dagegen hilft nur das meditative Wiederholen eines schönen Satzes, den mein Vater immer sagte: „Der Gast, der wird geehrt, auch wenn er noch so stört.“ Denn auch Höflichkeit kann stören. Und Schweigen kann nerven. Ja Schweigen kann richtige Wunden schlagen. Aber: „Der Gast, der wird geehrt, auch wenn er noch so still und schweigsam nervt.“