Richard Swartz erzählt die Geschichte seiner kroatischen Familie

Richard Swartz: Blut, Boden & GeldDie Bücher von Richard Swartz bewegen sich immer zwischen Journalismus und Literatur. Das Verbindende ist stets die Leidenschaft für die Reportage. Der schwedische Journalist, der seit Jahrzehnten aus Südosteuropa berichtet hat sich für sein neues Buch die Familiengeschichte seiner kroatischen Frau vorgenommen. Und die ist in dieser Region der Multinationalität höchst komplex. Sie reicht vom Partisanen über die Halbitalienerin bis hin zu einer Kroatin, die sich auch in Zeiten der Jugoslawienkriege weigert, Nationalistin zu sein. Ein Buch also, das dem Leser Kroatien sehr nahe bringt.

Zusammen mit seiner Frau lebt Richard Swartz auch in einem Dorf in Istrien. Sie ist Kroatin und Journalistin wie er. Ihr Vater war Partisan und in der Folge im Jugoslawien Titos Oberst und später Geschäftsführer. Seinen sozialen Aufstieg hat er dem Kampf gegen die Besatzung durch die Nationalsozialisten zu verdanken. Sein Leben war Teil des Vielvölkerstaates. Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo waren für ihn nicht nationalistisch besetzt. Und der Kommunismus war sein Glaube, der das ermöglichte.

Seine Frau stammt von einer kroatischen Insel, auf der die Bevölkerung immer Italienisch und Kroatisch sprach. Der Wechsel zwischen den Sprachen und den Nationalitäten war immer möglich. Das Verbindende blieb der katholische Glaube. Und mit dem Alter, nach dem Tod des Mannes und dem Zerfall Jugoslawiens, wird das Bekenntnis und das Verwischen der Identität wieder stärker. Ihre Tochter schließlich, die Frau Richard Swartz‘, hat sich im kroatisch-serbischen Krieges gegen die nationalistische Aufwallung gestemmt. Dafür wurde sie von Freunden und Bekannten geschnitten. Das Nationale war das Bestimmende.

Richard Swartz schaut auf all diese Entwicklung ohne einen einfachen Blick, der sich einfacher Schubladen bedient. Er spürt vielmehr all den lange währenden Traditionen nach, die unter den nationalen Oberflächen nachhaltig wirken. In Istrien mussten sich zum Beispiel viele Menschen entscheiden, ob sie Kraoten, Slowenen oder Italiener sein wollten. Und das, obwohl sie eigene Dialekte sprachen, im Dorf in Gemeinschaft lebten. Die Idee der Nation zerstörte all das. Und dennoch leben die Traditionen fort, leben nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt Sloweniens und Kroatiens wieder auf. Aber die Wunden, die der Zerfallskrieg geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. All das erzählt der Schwede Swartz anhand der Familie seiner Frau. Und weil es eine Familiengeschichte ist, kommt er ohne jede Art von Diffamierung aus. Das macht den Text so stark. Und zeigt uns, wie großartig die europäische Idee ist.

Richard Swartz: Blut, Boden & Geld – Eine kroatische Familiengeschichte. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder; S. Fischer, 19,99 Euro.

Wlodzimierz Odojewski im Sog der „Verdrehten Zeit“

Wlodzimierz Odojewski: Verdrehte ZeitWlodzimierz Odojewski ist einer der Gegenwartsautoren Polens, die nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten. Zwar sind seine Bücher auch in Deutschland erschienen, aber vor 1989 war das ein Drahtseilakt und anschließend war das Interesse in Deutschland an Polen nicht so groß, wie es eigentlich immer sein müsste. Jetzt ist sein Roman „Verdrehte Zeit“ bei dtv erschienen. Zwei Tage zuvor, am 20. Juli ist er jedoch mit 86 Jahren gestorben. Sein großes Thema war Polen im 2. Weltkrieg.

20 Jahre nach seiner Beteiligung im Widerstand gegen die Deutschen wird Waclaw Konradius in die Vergangenheit zurückgeworfen. Damals war er in einer Gruppe, die einen ranghohen SS-Mann liquidieren sollte. Doch die Gruppe wurde verraten, nur er selbst überlebte. Jetzt – im Roman das Jahr 1964 – wird er wieder an das prägende Ereignis seines Lebens erinnert.

Wlodzimierz Odojewski geht der Frage nach, wie viel Schuld sich der Einzelne aufbürden kann, wenn er der Richtige will. Die Aktion der Widerstandsgruppe ist definitiv richtig. Aber ist es auch in Ordnung, wenn der Widerständler Mitleid angesichts des Blutes seines Opfers bekommt? Darf er lebensrettende Hilfe rufen? Und wenn ja, auch dann, wenn das Leben der anderen Mitglieder seiner Widerstandsgruppe dadurch gefährdet wird?

Waclaw Konradius wird in die Vergangenheit wie ein einen Tunnel gezogen. Eine Spirale zieht ihn in die Vergangenheit hinab. Seine Gegenwart gleicht sich dem Damals an. Dieses durchdringt das ganze Jetzt – das Denken, das Fühlen. Die Erinnerung verschlingt ihn. Odojewski ist als Autor ganz bei und in seiner Figur. Deren Angstzustände übertragen sich auf den Leser. Auch der verliert zeitweise die Orientierung in der Zeit.

In den Tagen, in denen sich der ehemalige Widerstandskämpfer mit den schrecklichen Ereignissen im Jahr 1944 beschäftigt, wird ihm nach und nach klar, dass er mit dem Tod seiner Kameraden und seiner Kameradin etwas zu tun hat. Er wurde gefasst. Er wurde gefoltert. Er hatte Mitleid mit dem Opfer. Aber seine Erinnerungen täuschen ihn. Sowohl die Familie, die vor dem SS-Mann und nach der Flucht der Nazis aus Warschau wieder in der Wohnung lebte, als auch ein Historiker erzählen Varianten seiner Geschichte, von denen er gar nichts weiß.

All das ist konzentriert und knapp geschrieben. Wlodzimierz Odojewski erweist sich als ein Meister des Stils, was seine Übersetzerin Barbara Schaefer wunderbar ins Deutsche überträgt. Er fällt kein Urteil. Das überlässt er dem Leser, der mit Konradius mitleidet. Auf nur 159 Seiten ist ein kompakter, großartiger Roman entstanden, dem sehr viele Leser zu wünschen sind.

 

 

Das ägyptische Konzil von Leonardo Sciascia spielt mit Macht, Gier und Lüge

Leonardo Sciascia: Das ägyptische KonzilOb Umberto Eco oder Luigi Malerba, in Italien ist der historische Roman auch in der Nachkriegszeit immer ein Genre der Gegenwartsliteratur gewesen. Anders als in Deutschland galt er nie als angestaubt. Und so haben ihn die besten Schriftsteller immer wieder mit alten Stoffen, neuen Ideen neu belebt. So wie der Sizilianer Leonardo Sciascia (1921 – 1989) mit seinem 1963 erschienen Roman „Das ägyptische Konzil“, der in den 1790er-Jahren in Palermo spielt.

„Die Andere Bibliothek“ hat das Buch in der Übersetzung von Monika Lustig jetzt neu herausgebracht. Und das zu Recht. Der Roman enthält alles, was in Serien wie „House of Cards“ oder „Borgen“ die Zuschauer an die Fernsehsessel fesselt. Nur dass es in diesem Roman um einen jungen Vikar geht, der sich dank einer genialen Fälschung unentbehrlich macht und den Mächtigen die Argumente liefert, die sie benötigen um ihre Privilegien als historisch berechtigt zu begründen. Don Giuseppe Vella nutzt die Gunst der Stunde als der marokkanische Botschafter in Palermo strandet. Er wird vom Vizekönig gebeten, sich um ihn zu kümmern, weil der annimmt, dass der Malteser Arabisch könne. Da der Botschafter einen zufriedenen Eindruck macht, glauben schließlich alle, dass der Vikar wirklich Arabisch spricht.

Und so macht er sich daran, ein arabisches Manuskript zu „übersetzen“. Dieses „ägyptische Konzil“ fasst zusammen, welche Rechtstitel und Privilegien in der Zeit Friedrich II. galten und auf die sizilianischen Adelsfamilien übergingen. Sciascia beschreibt ganz ruhig, wie sich der Adel dem Ordensmann nähert, ihn mit Geschenken bedenkt, um ja nicht irgendetwas zu verlieren. Selbst wissenschaftliche Zweifel von echten Arabisten übersteht Don Giuseppe Vella, weil er das Publikum mit Witz und guter Rhetorik auf seine Seite zu ziehen weiß. Was immer auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit. Sie passt nichts ins Gefüge der Macht, der Gier und der Herrschaft im feudalen Vizekönigreich Neapel.

Auch wenn das Buch schon mehr als 50 Jahre alt ist, wirkt es noch immer frisch und modern. Sciascias feine Ironie, sein lakonischer Stil und seine Beschränkung auf die wesentlichen Figuren und Handlungsstränge wirkt noch immer. Da ist nichts angestaubt oder nur aus der Zeit verständlich. Das alles zusammen macht einen großen Roman aus. Und damit auch „Das ägyptische Konzil“.

Mehr von Leonardo Sciascia:
– „Der Zusammenhang
– „Das ägyptische Konzil
– „Mein Sizilien

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Italo Calvino liebt den „Rasenden Roland“ von Ariost

ariostEigentlich ist es schade, dass so großartige Bücher wie der „Rasende Roland“ auch bei mir zwölf Jahre im Regal stehen, bevor sie gelesen werden. Was für ein Fest an Gedanken, Farben, Leben, Wahnsinn und Freude! Was für ein irrer Ritt durch ganz Europa! Was für eine Lust am Fabulieren und Sprache zu formen. Kaum ist das Buch zu Ende gelesen, kommt schon Wehmut auf, weil das nächste mit Sicherheit nicht so viel Kraft haben kann. Und die Erkenntnis, dass es sich eben doch lohnt, alte Texte zu lesen. Dass es ein Vergnügen ist, sich in die Gedanken- und Fabelwelten anderer Zeiten hineinzuversetzen und den Wahnsinn der Gegenwart in einem 500 Jahre alten Text zu spiegeln.

Das Besondere an der Ausgabe des „Rasenden Roland“, die ich zur Hand hatte, war die Mischung aus Original-Passagen und Nacherzählung von Italo Calvino. Die bringt den teils auch sperrigen Text elegant, belesen und immer gut verständlich jedem Leser nahe. Aber sie gibt dem Versepos auch genug Raum, um die ihm innewohnende Faszination entfalten zu können. Der Stoff des strahlenden Ritters, der dem Wahnsinn verfällt, weil sich seine Liebe zu einer chinesischen Prinzessin nicht erfüllen kann, stammt schon aus dem Mittelalter. Er geht auf Karl den Großen zurück, der im „Rasenden Roland“ Krieg gegen die Sarazenen und deren König Agramante führt. Roland ist einer der wichtigsten Ritter Karls und für das Kriegsglück extrem wichtig. Aber die Liebe kostet ihn erst den Verstand, dann fast das Leben und zu guter Letzt dann beides doch nicht.

ariost-orlandoBis dahin erlebt der Leser eine Reise auf den Mond, er durchreist ganz Europa zu Fuß, auf dem Pferd und per Schiff. Und immer wieder nimmt ihn Ariost mit auf die Schlachtfelder Karls und Agramantes. Da wird Paris gestürmt und gebrandschatzt, da werden Klöster und Burgen gestürmt, gebaut, geschliffen. Und da treffen Männer und Frauen aufeinander, die sich lieben, die sich hassen, die sich nicht finden dürfen oder die sich wie der rasende Roland im Wahnsinn hinterherlaufen. Da ist das ganze Panorama menschlichen Lebens zu bestaunen. Und umwerfend viel Phantasie, die den Geist des Lesers neue Welten öffnet. Das ist viel besser als all diese Phantasy-Romane, die sich ja doch nur an den alten Stoffen bedienen.

Ein Glück gibt es immer mal wieder Urlaub – und damit Zeit und Muße, sich auf solche Texte einlassen zu können!

Heinz Georg Held zeigt uns die Kunstdebatten der Renaissance

Heinz Georg Held: Die Leichtigkeit der Pinsel und Federn„Italienische Kunstgespräche der Renaissance“ lautet der Untertitel eines erstaunlich lebendigen Buches über die Malerei. Heinz Georg Held hat sich nicht einzelne Künstler und deren Rezeption vorgenommen, sondern die als Renaissance bezeichnete Zeit als Ganzes. Dabei zeichnet er in seinen 21 Kapiteln die Entwicklung der Kunst und der Künstlerpersönlichkeit nach – von der erwachenden und autonomen Künstlerpersönlichkeit zu Beginn dieses prägenden Zeitalters bis zur von der Kirche und deren Gegenreformation geprägte Austreibung der Autonomie.

Das klingt sehr theoretisch und wenig fesselnd. Aber der Aufbau seines Buches überzeugt, weil uns Held in die sich verändernde Gedankenwelt mitnimmt. Das macht er anhand von Texten der Zeit, aber vor allem immer wieder mit Bildinterpretationen, in denen sich Theorie und Kunst treffen. „Die Leichtigkeit der Pinsel und Federn“ ist insofern ein Buch, das uns das Verstehen von Kunst erleichtert. Es ist aber auch ein faszinierendes Werk über versunkene Denkwelten. Und es zeigt ganz nebenbei, wie schwer es für einen selbständigen und freien Künstler ist, sich treu zu bleiben, wenn der Common sense einen Erwartungsdruck ausübt, dem man sich kaum entziehen kann.

Denn die Phase der wirklich freien Künstlerpersönlichkeit war auch in der Renaissance nur sehr kurz. Zwar konnten sich einige Maler und Bildhauer auf einer Ebene mit den Mächtigen der Stadtstaaten Norditaliens und der Kirche austauschen. Aber den Mächtigen war das auf Dauer ein Graus. Sie wollten Kunst, die sie ins rechte Licht rückt. Und dafür musste sich der Künstler anpassen. Tat er das, konnte er reich werden. Entzog er sich, war zumindest ein Verlust der Heimat notwendig. Und die Kirche fand es furchtbar, dass sich autonome Persönlichkeiten anmaßten, Bildinhalte und deren Interpretationen selbständig zu bestimmen. Deshalb versuchte sie alles nur Erdenkliche, um im Zuge der Gegenreformation wieder zur bestimmenden Kraft zu werden. Da sie nach wie vor die meisten Aufträge vergab, hatte sie einen guten Hebel. Und mit der Inquisition auch ein weiteres, kraftvolles Mittel, ihr Denken durchzusetzen.

Heinz Georg Held erzählt dies anhand einer enormen Fülle von Originalquellen. Dabei nimmt er sich selbst stets zurück und ermöglicht es dem Leser, sich die Vorstellungen der einzelnen Künstler anzueignen. Es entsteht ein stilistisch bestechendes, inhaltlich gehaltvolles und formal überzeugendes Buch über Kunst und Macht in der Renaissance.

Crecchio feiert sich und Byzanz

Historisches Fest in Crecchio

In Crecchio verlangen sie keinen Eintritt. Jeder darf über das historische Stadtfest schlendern. Aber mit dem Essen und dem Trinken wird es dann doch schwer. Denn wer in dem Ort in den Abruzzen richtig mitfeiern will, der muss sich eine Garnitur Geschirr für vier Euro kaufen. Dann bekommt er die Gerichte, die schon die Byzantiner in dem Städtchen zu sich nahmen.

Gegessen werden die Eintopfgerichte mit dem Holzlöffel. Dazu gibt es Brot. Für acht Euro wird der Teller gefüllt. Und das so, dass man satt werden kann. Der Becher Wein – weiß oder rot – kostet einen Euro. Und Wasser kommt aus den Brunnen, die auch zum Abwaschen des Geschirrs gedacht sind. Denn das sollte man unbedingt tun. Nur dann kann man ja einige Meter weiter das nächste Gericht zu sich nehmen. Das ganze Fest ist über die kleinen Plätze entlang der beiden Straßen im historischen Kern Crecchios angelegt. Und zwar nach dem Motto: Vorspeisen, erstes Gericht, zweites Gericht und Nachtisch. Wein gibt es natürlich überall.

Eine erstaunlich simple und doch schöne Idee, um die Besucher zum Essen und Trinken zu animieren. Und damit zur Geselligkeit. Denn natürlich wird überall an Bierbänken gesessen. Selten allein, denn die Straßen und Plätze füllen sich abends immer mehr. Noch um 22.oo Uhr stehen Besuche an, um sich ihre Papiertüte mit Geschirr zu kaufen. Und so sitzt man, trinkt man und freut sich über die Szenen der Darsteller, die das Leben der Spätantike oder des frühen Mittelalters in die die Gassen bringen. Das sind Gaukler, Patrouillen, Schwertkämpfe, Artisten, Stelzenläufer und Gefangenentransporte in Käfigkugeln.

Das alles ist einladend, freundlich und unterm warmen Sternenhimmel Ende Juli auch überhaupt nicht kitschig. Das Reactment wirkt authentisch. Es findet überall statt, ist aber dennoch nicht aufdringlich. Wer nur feiern will, der kann sitzen und den guten Wein der Region trinken. Ein wirklich schönes Fest, das jeder mitfeiern sollte, der Ende Juli in den Abruzzen zwischen Ortona und der Majella ist.

 

Stephan Wackwitz erkundet den Kaukasus

Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der WeltStephan Wackwitz ist ja nicht nur mit einem Roman über die Goethe-Institute – „Walkers Gleichung“ – bekannt geworden. Er arbeitete auch für den Vermittler deutscher Kultur im Ausland. Unter anderem in Krakau, New York und Tiflis. All diese Stationen hat er literarisch verarbeitet. „Die vergessene Mitte der Welt“ ist eine hervorragende Sammlung von Essais über den Kaukasus, die in seiner Zeit in Tiflis entstanden ist. Unter anderem hat er 2012 dort einen friedlichen Machtwechsel erlebt, der nur durch den Druck der demokratischen, westlichen Kräfte auf der Straße stattfinden konnte. Sämtliche Texte sind zwischen 2011 und 2013 entstanden.

Wackwitz gehört zu den großen deutschsprachigen Essayisten, die uns die Welt näher bringen, die früher durch den eisernen Vorhang getrennt war. Und die für den Großteil der Menschen in Westeuropa noch immer nicht wirklich interessant ist. Nach einer aktuellen Umfrage waren zum Beispiel nur 30 Prozent der Deutschen schon einmal in Polen, dem immerhin zweitgrößten Nachbarland. Und von diesen 30 Prozent kommt der größte Teil aus dem Osten Deutschlands. Umso wichtiger sind die Texte von Wackwitz oder zum Beispiel Karl Markus Gauß. Denn sie nehmen den Leser bei ihren Reisen in der Gegenwart auf eine unaufdringliche Entdeckung in die europäische Vergangenheit mit. Und machen so anschaulich, welche Entwicklungen das Jetzt bewegen und teilweise sogar bestimmen.

In „Die vergessene Mitte der Welt“ wird das besonders anschaulich. Georgien, Aserbaidschan und Armenien wirken die vielen Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft nach. Da die drei Länder unterschiedliche Traditionen haben – Aserbaidschan ist muslimisch geprägt, Georgien und Armenien unterschiedlich christlich – hat sich dort die Dominanz Moskaus aber auch verschieden ausgewirkt. Georgien beispielsweise distanziert sich sehr stark von der imperialen Macht, die 2008 sogar Krieg gegen das kleine Land führte. Aber es gibt nach wie vor auch Stolz darauf, dass Stalin einer der ihren war. Wackwitz nähert sich solchen Aspekten als wissender Flaneur an. Er bereist das Land, spricht mit den Menschen und reflektiert die historische Substanz von Bauwerken, Städteplanung und Bushaltestellen, um den Geist zu destillieren, in dem all dies entstand. Und um zu zeigen, mit welchem Geist heute damit umgegangen wird und wie verschieden die postsowjetischen Transformationsprozesse vonstatten gehen.

Das lässt sich nicht nur gut lesen. Es ist tatsächlich auch spannend. Etwa wenn er von den Menschen in Tiflis erzählt, die sich gegen Korruption und Vetternwirtschaft wehren. Oder wenn er verdeutlicht, welche Traditionsstränge helfen den Nachhall sowjetischen Denkens zu überwinden. All das ist klug erzählt ohne auch nur den Anschein von Überheblichkeit zu erzeugen. Wackwitz ist ein Mensch, der mit Empathie durch die Gassen und über die Treppen von Tiflis geht. Genau deshalb sieht er viele Dinge, die anderen verborgen blieben.

Wer das erst vor zwei Jahren erschienene Buch jetzt kaufen will, hat ein Problem. Es ist vergriffen. Und offenbar denkt der S. Fischer Verlag, dass sich Bücher über den Osten Europas nicht so gut verkaufen lassen. Eine neue Auflage ist nicht angekündigt. Es bleibt nur der Download des Ebooks oder die Hoffnung, dass sich das Buch im Antiquariat auftreiben lässt.

Lynn Sherr feiert das Schwimmen in einer persönlichen Kulturgeschichte

Lynn Sher: SwimSie kann es nicht mehr lassen. Zwar ist Lynn Sherr Zeit ihres Lebens auch geschwommen, doch seit sie als Frau von fast 70 Jahren damit begonnen hat, sich auf eine Durchquerung des Hellespont vorzubereiten, ist das Schwimmen für sie immer wichtiger geworden. In ihrem siebten Lebensjahrzehnt hat sie daran gearbeitet, ihren Stil zu verbessern. Sie ist auf spezielle Trainigscamps gegangen, um bei großen Schwimmtrainern mehr über sich, über das Wasser und das Schwimmen zu erfahren. Und sie hat das alles in einer Kulturgeschichte des Schwimmens zwischen zwei Buchdeckeln zusammengefasst. Entstanden ist dabei ein Buch, das nicht nur Erstaunliches über das Schwimmen erzählt, sondern vor allem Lust darauf macht, ins Wasser zu springen und loszuschwimmen.

„Swim“ ist ein Buch mit einer persönlichen Rahmenhandlung. Lynn Sherrs eigener – geglückter – Versuch es der antiken Sagengestalt Leander gleich zu tun und den Hellespont zu durchschwimmen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Kapitel. Diese kleine Reportage über ihre Selbstwahrnehmung, über das Gewusel beim Start durch die Meerenge zwischen Europa und Asien, über die Gedanken und Gefühle bei Schwimmen entlang der Strömungen, ist allein schon lesenswert. Immerhin wird einmal im Jahr für 90 Minuten der Schiffsverkehr bei Canakkale angehalten, damit das Freiwasser-Schwimmspektakel überhaupt stattfinden kann. Wer sich nicht an die Vorgaben der Betreuer hält und statt der gut 1,5 Kliometer eine Strecke von 6,5 Kilometer auf den richtigen Strömungen schwimmt, hat keine Chance anzukommen. Wenn man bedenkt, dass der Großteil diese Distanz in gut 45 Minuten schwimmt, kann sich vorstellen, welche Kraft diese Strömungen haben.

Überhaupt lässt Lynn Sherr, eine ehemalige Journalistin von ABC-News in den USA, viele Schwimmer zu Wort kommen. Die wichtigste Frage, die sie alle für sich entschieden haben, ist die: Lieber im Becken schwimmen oder in Flüssen, Seen oder dem Meer? Der Großteil hat sich für das Freiwasserschwimmen entschieden. Vielleicht auch, weil die Autorin es selbst für sich entdeckt hat?

Auf jeden Fall war das der Beginn des Schwimmens. Sherr hat sich auf die Suche nach Fundstellen des Schwimmens in den Archiven der Welt gemacht. Und so erzählt sie von Präsident Jefferson, der ein leidenschaftlicher Schwimmer war. Oder von Präsident Adams, der bei einem morgendlichen Schwimmausflug in ein Gewitter geriet und sechs Stunden nackt am Ufer ausharren musste, bis er mit der Kutsche abgeholt wurde. Sie erzählt von den ersten Kanalschwimmern, von der Entwicklung der Bademoden und der Begeisterung der Massen für die ehemaligen Schwimmerinnen und Schwimmer, die im Kino nach der aktiven Zeit Karriere machten. All das – und noch sehr viel mehr – erzählt sie in einem angenehmen Plauderton. Der ist nie Besserwisserisch. Viel mehr zeugt er von der Freude, das Gelesene mit den Lesern zu teilen. Und so werden auch die Ausflüge in die Sport- und die Textilwissenschaft nicht von kaum verstehbaren Expertensprech verstellt, sondern gut für den Leser übersetzt.

Wer das Buch liest und schon immer gern geschwommen ist, den juckt es bei jeder Seite an den verkümmerten Schwimmhäuten zwischen den Fingern. Und – so glaube ich – wer bisher noch keine große Lust auf das Eintauchen ins Wasser hat, der muss genau die bekommen.

Mehr vom Schwimmen:
Mein Sprungturm
Schwimmen im Salzwasser der Adria
Gefahr beim Schwimmen im SeeHauptsache rüberschwimmen
Schwimmen ohne Wand und Wende
Wassererzählungen: John von Düffel schwimmt wieder
Leanne Shampton meditiert über das Bahnen-Ziehen
Anbaden 2012
Lynn Sherr feiert das Schwimmen in einer persönlichen Kulturgeschichte

Günter de Bruyn erzählt von der verhängnisvollen Altersliebe des Staatskanzlers Hardenberg

Günter de Bruyn: Die Somnambule oder Des Staatskanzlers TodGünter de Bruyn ist inzwischen 89 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Beeskow und schreibt noch immer. Gerade ist sein neues Buch erschienen:  „Die Somnambule oder Des Staatskanzlers Tod“. In ihm geht es um einen alten Mann, der sich noch einmal in eine junge Frau verliebt. Auch, weil er es nicht erträgt, alt zu werden. Ein Stoff, der in einer älter werdenden Gesellschaft sicherlich nicht außergewöhnlich ist. Aber weil es sich um eine wahre Geschichte handelt, hat sie einen ganz besonderen Reiz.

Günter de Bruyn erzählt von der letzten Liebe des preußischen Staatskanzlers und Reformers Karl August von Hardenberg. Mit 66 Jahren lernt er Friederike Hähnel kennen. Er verliebt sich in die nur 24 Jahre junge Frau und bringt nicht nur sein ganzes privates Umfeld gegen sich auf, sondern auch den König von Preußen, dessen Hof und den Großteil der Gesellschaft.

Das allein hätte schon genug Kraft, um eine Erzählung zu rechtfertigen. Aber die Geschichte hat noch mehr Zutaten, die uns neugierig machen. Der für seine Zeit sehr moderne Hardenberg stand auch damals modernen Heilmethoden aufgeschlossen gegenüber, wie dem Mesmerismus. Diese medizinische Methode glaubte, durch Magnetismus, sanftes Streichen und hypnotisch-psychologische Behandlungsmethoden die verschiedensten Krankheitsbilder heilen zu können. Bei einem Berliner Arzt dieser Schule sah Hardenberg die Hähnel das erste Mal. Sie war eher leicht angezogen und in einen hypnotischen Zustand versetzt (zumindest glaubten das die Anwesenden).

Günter de Bruyn erzählt dies mit vielen Zitaten von Zeitgenossen und einer leicht ironischen Distanz. Der Bericht über den Mesmerismus läßt de Bruyns Skepsis an aktuellen alternativen Heilmethoden erkennen. Und die Liebe des alten Mannes, der einer jungen Frau verfällt, ist für ihn auch ein Stoff, der nicht nur vor genau 200 Jahren Unheil anrichten konnte.

Das funktioniert deshalb so gut, weil de Bruyn immer bei den Fakten bleibt. Er, der wie kein anderer die Landschaft und Geschichte Brandenburg-Preußens ins literarische Bewußtsein der Gegenwart holte, vermeidet es konsequent, Altherren-Erotik wie etwa Martin Walser zu verfassen. Die Gefahr bei diesem Stoff, der ja auch noch die Scheidung Hardenbergs beinhaltet und dann den Tod des Staatskanzlers, weil er seiner Liebe nicht mehr gewachsen war, ist ja gewaltig groß. Er würde auch für ein schmalziges Historienspektakel taugen. Aber –  wie gesagt – da ist Günter de Bruyn vor. Und das ist ein Segen für diese feine, kleine Erzählung aus Preußen.

„Die Somnambule oder des Staatskanzlers Tod“ ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 18 Euro.

„Unter Schwalbenzinnen“ macht aus einem Rätsel Literatur

Unter SchwalbenzinnenWir leben in einer Welt, in der fast alle wesentlichen Fragen von der Wissenschaft beantwortet werden können. Und dennoch gibt es noch immer Geheimnisse. Das Voynich-Manuskript ist ein solches. Ein Text mit vielen Bildern, der aus Versen in einer bislang noch nicht entzifferten Schrift besteht. Diese Buchstaben machen die Forschung nach wie vor ratlos. Und wenn die Wissenschaft nicht weiterkommt, dann hat die Kunst ihre große Chance. Astrid Dehe und Achim Engstler haben sie genutzt und einen überzeugenden historischen Roman aus diesem Stoff geschrieben.

Matteo ist ein junger Kopist, der schon eine erstaunliche Meisterschaft beim Abschreiben von Manuskripten erreicht hat. Seine Buchstaben sehen genauso aus wie die im Original. Das spricht sich im Florenz des Jahres 1442 herum. Die Stadt liebt die Künste, Maler, Schriftsteller, Bildhauer und all die Gewerke, die damit zu tun haben, stehen hoch im Kurs. Aber Kopisten sind ganz unten in der Gunst – und damit auch der Bezahlung. Als die Patrizier-Familie di Adimari Matteo zu sich ruft, öffnen sich für Matteo ganz neue Hoffnungen. Er soll aufschreiben, was Evelina, die Tochter des Hauses erzählt. Weil sie ihre enormen Phantasien in rasender Geschwindigkeit erzählt, beginnt Matteo alles aufzuzeichnen.

Die Familie di Adimari hat sich einst mit dem Medicis überworfen. In der Regentschaft Cosimos ist das ein große Bürde, unter der auch Matteo zu leiden hat. Das Autorenteam Dehe/Engstler fängt die Stimmung der Stadt sehr gut ein. So entsteht ein historischer Roman, der auf der einen Seite ein gutes Zeitbild zeichnet. Auf der anderen konstruieren aus den Sitzungen von Evelina und Matteo die Entstehung des Voynich-Manuskriptes. Denn die Besonderheit der einmaligen Schrift hat Matteo mit einem kleinen Buch von seinem Vater und seinen Vorvätern geerbt. Er weiß nicht, was in dem Buch steht, was diese Buchstaben bedeuten. er weiß nur, dass er sie von Generation zu Generation weitergeben soll. Um das sicherzustellen, kombiniert er die Bilder als Evelinas Phantasien und seine überlieferten Buchstaben zu einem einmaligen Manuskript.

„Unter Schwalbenzinnen“ ist der erste Roman einer auf vier Bände angelegten Reihe von Dehe/Engstler. Die Schwalbenzinnen sind Ziegel, die im Manuskript zu seihen sind. Und sie stehen für den Treffpunkt an einer Burg, an der sich Evelina und Matteo im nächsten band bestimmt wiedersehen werden.