Der erschütternde Euthanasie-Roman von Barbara Zoecke

Dieses Buch ist die vielleicht erstaunlichste Neuerscheinung des Jahres: „Die Stunde der Spezialisten“ von Barbara Zoeke. Da ist zum einen die unglaublich klare Sprache. Da ist das kunstvolle Weben des Erzählungsgeflechts. Und da ist eine Geschichte, die den Leser emotional so mitnimmt, dass selbst Tränen fließen. Barbara Zoeke hat einen Roman geschrieben, der es schafft, ohne Kitsch, ohne Oberflächlichkeit, ohne jede Übertreibung auskommt. Vielmehr ist es die gekonnte Zurückhaltung, die dem Leser in manchem Moment fast den Atem raubt. Barbara Zoeke scheint ihre literarische Raffinesse bei W.G. Sebald gelernt zu haben. Auch bei ihm kamen die abgründigen Geschichten immer aus einem stilistisch genauen und sprachlich sehr ruhigen Ton. Auch ihn interessierte vor allem, wie die Politik das Leben ganz konkreter Menschen zerstörte. Bei Barbara Zoeke geht es um Max Koenig, einen Professor für Archäologie, der in den 1930er Jahren an der Huntingtschen Krankheit leidet. Wie schon sein Vater, der an der Erbkrankheit gestorben ist. Zusammen mit seiner Frau Fee hat er eine Tochter. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten verändert sich seine Lebenssituation dramatisch. Auf einmal sieht er sich mit der Frage konfrontiert, was es für ihn und seine Familie bedeutet, dass die Nazis einen „gesunden Volkskörper“ propagieren und  „lebensuntwertes Leben“ vernichten wollen.

Den ersten Teil des Romans lässt Barbara Zoecke aus Sicht Max Koenigs erzählen. Alle Personen werden von ihm eingeführt. Seine Sicht ist das Ausschlaggebende. Wir erleben ihn im Krankenhaus. Wir freuen uns mit ihm, wenn die Oberschwester ihm eine junge Frau und einen jungen Mann zur Seite stellt, die sich um ihn kümmern. Beide sind selbst „Kranke“. Er liest und schreibt für Koenig und wird somit zu seiner wichtigsten Verbindung zur Außenwelt, zur Familie. Sie kann er mit Hilfe der Oberschwester bei Verwandten als Haushaltshilfe unterbringen – und so vor dem Euthanasie-Tod bewahren. Erschütternd sind die Passagen, wenn die Patienten aus Berlin verlegt werden. Sie müssen in graue Busse klettern, fahren stundenlang zunächst ins Dahme-Land und bei einem zweiten Transport nach Bernburg. Was mit welchem Patienten passiert, entscheiden Ärzte, die unter dem weißen Kittel die schwarze SS-Uniform tragen oder sich nicht widersetzen.

Im nächsten Teil wird die Begegnung mit Max Koenig durch eine dieser SS-Ärzte beschrieben. Jetzt nimmt Barbara Zoeke die Perspektive dieses Mannes ein, der sich für die Karriere und gegen die Menschlichkeit entschied. Auch jetzt sind die Sätze ruhig, manchmal fast banal. Im Geflecht der Erzählstränge entfaltet aber jeder von ihnen eine ungeheure Wucht. Dieses Kapitel ist schon deutlich kürzer als das erste, das uns die gesamte Leidensgeschichte von Max Koenig nahebringt. Den Arzt lernen wir nur auf Koenigs letzter Etappe kennen.

Barbara Zoeke lässt die beiden Protagonisten nicht lose nebeneinander stehen. Sie haben auch eine Verbindung, die erst ganz langsam klar wird. So wie es auch bei den anderen Personen ist. Dadurch wird der Text ungeheuer dicht. Man kann sich ihm nicht entziehen. „Die Stunde der Spezialisten“ ist ein Roman über den Wahnsinn, Menschen in lebenswert und lebensunwert einzuteilen. Es ist ein Buch über die Allmachtsphantasien von Ärzten. Und es ist ein empfindsamer Text über die Opfer. Erschütternd. Ergreifend.

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