Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe

Hans Keilson: Sonette für HannaLiebe in Zeiten des Untergrunds und des Exils ist immer auch ein Hoffen auf eine andere Zukunft. 1944, als Hans Keilson seine Sonette für Hanna schrieb, waren die Niederlande noch immer von den Deutschen besetzt. Hans Keilson lebte im Untergrund und lernte eine junge Frau, die sich als Jüdin vor den deutschen Mördern und ihren Helfern verstecken musste, kennen. Und er begann Hanna zu lieben. Davon zeugen die 46 Sonette, die vom S. Fischer Verlag jetzt erstmals als eigenes Buch veröffentlicht wurden. „Hans Keilsons Sonette einer verbotenen Liebe“ weiterlesen

Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen

Sören Bollmann: Angst in der halben St<adtSören Bollmann hat als Krimi-Autor seine Erfüllung gefunden. Schon zum dritten Mal schickt er seinen Frankfurter Kommissar Matuszek zusammen mit dessen Słubicer Kollegen Miłosz auf Mörderjagd. Diesmal steht ein Serienmörder im Mittelpunkt des Buches. Der verbreitet Angst und Schrecken vor allem an der Viadrina, der Frankfurter Universität. Denn die drei ersten Opfer sind allesamt Studentinnen. „Sören Bollmann schockt mit einem Serienmörder an Viadrina-Studentinnen“ weiterlesen

Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit

Thea Dorn: Die UnglückseligenWissenschaft ist kein großes literarisches Thema. Allenfalls in Science Fiction spielt sie eine bedeutende Rolle. Aber sonst? Wissenschaftler als Figuren gibt es häufiger, aber die Auseinandersetzung mit der Forschung der Gegenwart scheuen die Schriftsteller. Umso erstaunlicher – und erfreulicher – ist der aktuelle Roman von Thea Dorn, „Die Unglückseligen“. Das sind Johanna, eine energische Genforscherin, die auf der Suche nach der Unsterblichkeit ist. Und Johann, ein Physiker aus dem frühen 19. Jahrhundert, der aufgrund eines Gen-Defekts jede Art von Verletzung in kürzester Zeit auskuriert. Außerdem altert er seit Mitte 30 nicht mehr. Johanna lernt den Deutschen bei einem Forschungsaufenthalt in den USA kennen. Von Anfang an fühlt sie sich zu diesem Mann hingezogen. Warum weiß sie nicht. Ab dass er besonders ist, weiß sie. „Thea Dorn sucht die faustische Unsterblichkeit“ weiterlesen

Die DADA-Texte von Walter Mehring neu aufgelegt

Walter Mehring: Sturm und DadaDer Elster Verlag macht weiter! Mit „Stum und Dada – Gedichte, Erinnerungen und Essays das Walter Mehring“ bringt der Zürcher Verleger Bernd Zocher den dritten Band von Walter Mehring in nur vier Jahren heraus. Das ist nicht nur löblich. Es ist vor allem für den Leser ein Fest. Immerhin handelt es sich bei Walter Mehring (1896 – 1981) um einen lesenswertesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In diesem Band sind seine frühsten und etliche späte Texte versammelt. „Die DADA-Texte von Walter Mehring neu aufgelegt“ weiterlesen

Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner

de-bruynKeiner schreibt über Preußen wie Günter de Bruyn. Seine Bücher bilden immer märkische Geschichte ab. Das gilt auch für „Sünder und Heiliger“, in dem de Bruyn „das ungewöhnliche Leben des Dichters Zacharias Werner“ – so der Untertitel – nachzeichnet. Kurz vor seinem 90. Geburtstag ist die literarische Biografie soeben erschienen.

„Günter de Bruyn auf den Spuren des erstaunlichen Dichters Zacharias Werner“ weiterlesen

Adam Zamoyski großartiges Porträt des Wiener Kongresses

Adam Zamoyski: 1815Der Wiener Kongress steht für das Ende aller revolutionären Träume in Europa. Er ist das Sinnbild der Reaktion, die nach der Französischen Revolution und den ihr folgenden Umstürzen und Veränderungen in Europa, die alten Monarchien festigte. Und das Jahr 1815 steht für eine Epoche, die Restauration, in der Metternichs Geheimpolizei und die gefestigten Herrscher die Entwicklung Deutschlands zu einem normalen Nationalstaat verhinderte. Das ist alles richtig. Und dennoch wird diese Beschreibung dem Wiener Kongress nicht gerecht. Davon überzeugt Adam Zamoyski die Leser seines umfangreichen Werkes „1815 – Napoleons Sturz und der Wiener Kongress“. „Adam Zamoyski großartiges Porträt des Wiener Kongresses“ weiterlesen

Marco Lodoli zeigt uns ein erstaunliches Rom

Marco Lodoli: Unter dem blauen Himmel RomsMarco Lodoli genießt ein ganz besonderes Privileg. Er darf in einer Tageszeitung literarische Streifzüge durch seine Stadt schreiben. Seine Kolumne widersetzt sich zwar so ziemlich allem, was heute von Zeitungstexten verlangt wird. Dennoch hält La Repubblica daran fest. Die Sätze sind verschlungen. Die Geschichten erzählen keine Sensationen. Konjunktive sind erlaubt. Und dennoch werden die Texte gelesen. In der Zeitung und als Buch. Bei dtv ist jetzt der zweite Teil von Marco Lodolis Streifzügen durch Rom erschienen.

Ein echter Römer kann viel aus seiner Stadt erzählen. Noch dazu, wenn er eine sensible Auffassungsgabe hat. Dann kann er nicht nur in stille Museen führen, an denen die Touristenströme garantiert vorbeiführen, obwohl hier die Baugeschichte Roms wunderbar anschaulich dargestellt wird. Lodoli erkennt auch die Veränderungen in den einzelnen Stadtteilen, in Kiezen und rund um bestimmte Plätze. Da wird aus einer Kolumne schnell eine kleine Sozial-Reportage, eine historische Erzählung oder eine kunstvolle Miniatur.

Alles zusammen ist eine fesselnde Vorbereitung auf eine Reise nach Rom. Lodoli teilt interessante Tipps, ohne diese als solche vorzustellen. Aber wer sich auf die Texte einlässt, findet sie reihenweise. Und er reist in eine lebendige Stadt, nicht in ein Museum, in dem auch noch Menschen wohnen. Genau diese Mischung lohnt den Blick in „Unter dem blauen Himmel Roms“.

Richard Swartz erzählt die Geschichte seiner kroatischen Familie

Richard Swartz: Blut, Boden & GeldDie Bücher von Richard Swartz bewegen sich immer zwischen Journalismus und Literatur. Das Verbindende ist stets die Leidenschaft für die Reportage. Der schwedische Journalist, der seit Jahrzehnten aus Südosteuropa berichtet hat sich für sein neues Buch die Familiengeschichte seiner kroatischen Frau vorgenommen. Und die ist in dieser Region der Multinationalität höchst komplex. Sie reicht vom Partisanen über die Halbitalienerin bis hin zu einer Kroatin, die sich auch in Zeiten der Jugoslawienkriege weigert, Nationalistin zu sein. Ein Buch also, das dem Leser Kroatien sehr nahe bringt.

Zusammen mit seiner Frau lebt Richard Swartz auch in einem Dorf in Istrien. Sie ist Kroatin und Journalistin wie er. Ihr Vater war Partisan und in der Folge im Jugoslawien Titos Oberst und später Geschäftsführer. Seinen sozialen Aufstieg hat er dem Kampf gegen die Besatzung durch die Nationalsozialisten zu verdanken. Sein Leben war Teil des Vielvölkerstaates. Kroatien, Serbien, Montenegro, Bosnien und Kosovo waren für ihn nicht nationalistisch besetzt. Und der Kommunismus war sein Glaube, der das ermöglichte.

Seine Frau stammt von einer kroatischen Insel, auf der die Bevölkerung immer Italienisch und Kroatisch sprach. Der Wechsel zwischen den Sprachen und den Nationalitäten war immer möglich. Das Verbindende blieb der katholische Glaube. Und mit dem Alter, nach dem Tod des Mannes und dem Zerfall Jugoslawiens, wird das Bekenntnis und das Verwischen der Identität wieder stärker. Ihre Tochter schließlich, die Frau Richard Swartz‘, hat sich im kroatisch-serbischen Krieges gegen die nationalistische Aufwallung gestemmt. Dafür wurde sie von Freunden und Bekannten geschnitten. Das Nationale war das Bestimmende.

Richard Swartz schaut auf all diese Entwicklung ohne einen einfachen Blick, der sich einfacher Schubladen bedient. Er spürt vielmehr all den lange währenden Traditionen nach, die unter den nationalen Oberflächen nachhaltig wirken. In Istrien mussten sich zum Beispiel viele Menschen entscheiden, ob sie Kraoten, Slowenen oder Italiener sein wollten. Und das, obwohl sie eigene Dialekte sprachen, im Dorf in Gemeinschaft lebten. Die Idee der Nation zerstörte all das. Und dennoch leben die Traditionen fort, leben nach dem Fall der Mauer und dem Beitritt Sloweniens und Kroatiens wieder auf. Aber die Wunden, die der Zerfallskrieg geschlagen hat, sind noch nicht verheilt. All das erzählt der Schwede Swartz anhand der Familie seiner Frau. Und weil es eine Familiengeschichte ist, kommt er ohne jede Art von Diffamierung aus. Das macht den Text so stark. Und zeigt uns, wie großartig die europäische Idee ist.

Richard Swartz: Blut, Boden & Geld – Eine kroatische Familiengeschichte. Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder; S. Fischer, 19,99 Euro.

Wlodzimierz Odojewski im Sog der „Verdrehten Zeit“

Wlodzimierz Odojewski: Verdrehte ZeitWlodzimierz Odojewski ist einer der Gegenwartsautoren Polens, die nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten. Zwar sind seine Bücher auch in Deutschland erschienen, aber vor 1989 war das ein Drahtseilakt und anschließend war das Interesse in Deutschland an Polen nicht so groß, wie es eigentlich immer sein müsste. Jetzt ist sein Roman „Verdrehte Zeit“ bei dtv erschienen. Zwei Tage zuvor, am 20. Juli ist er jedoch mit 86 Jahren gestorben. Sein großes Thema war Polen im 2. Weltkrieg.

20 Jahre nach seiner Beteiligung im Widerstand gegen die Deutschen wird Waclaw Konradius in die Vergangenheit zurückgeworfen. Damals war er in einer Gruppe, die einen ranghohen SS-Mann liquidieren sollte. Doch die Gruppe wurde verraten, nur er selbst überlebte. Jetzt – im Roman das Jahr 1964 – wird er wieder an das prägende Ereignis seines Lebens erinnert.

Wlodzimierz Odojewski geht der Frage nach, wie viel Schuld sich der Einzelne aufbürden kann, wenn er der Richtige will. Die Aktion der Widerstandsgruppe ist definitiv richtig. Aber ist es auch in Ordnung, wenn der Widerständler Mitleid angesichts des Blutes seines Opfers bekommt? Darf er lebensrettende Hilfe rufen? Und wenn ja, auch dann, wenn das Leben der anderen Mitglieder seiner Widerstandsgruppe dadurch gefährdet wird?

Waclaw Konradius wird in die Vergangenheit wie ein einen Tunnel gezogen. Eine Spirale zieht ihn in die Vergangenheit hinab. Seine Gegenwart gleicht sich dem Damals an. Dieses durchdringt das ganze Jetzt – das Denken, das Fühlen. Die Erinnerung verschlingt ihn. Odojewski ist als Autor ganz bei und in seiner Figur. Deren Angstzustände übertragen sich auf den Leser. Auch der verliert zeitweise die Orientierung in der Zeit.

In den Tagen, in denen sich der ehemalige Widerstandskämpfer mit den schrecklichen Ereignissen im Jahr 1944 beschäftigt, wird ihm nach und nach klar, dass er mit dem Tod seiner Kameraden und seiner Kameradin etwas zu tun hat. Er wurde gefasst. Er wurde gefoltert. Er hatte Mitleid mit dem Opfer. Aber seine Erinnerungen täuschen ihn. Sowohl die Familie, die vor dem SS-Mann und nach der Flucht der Nazis aus Warschau wieder in der Wohnung lebte, als auch ein Historiker erzählen Varianten seiner Geschichte, von denen er gar nichts weiß.

All das ist konzentriert und knapp geschrieben. Wlodzimierz Odojewski erweist sich als ein Meister des Stils, was seine Übersetzerin Barbara Schaefer wunderbar ins Deutsche überträgt. Er fällt kein Urteil. Das überlässt er dem Leser, der mit Konradius mitleidet. Auf nur 159 Seiten ist ein kompakter, großartiger Roman entstanden, dem sehr viele Leser zu wünschen sind.

 

 

Das ägyptische Konzil von Leonardo Sciascia spielt mit Macht, Gier und Lüge

Leonardo Sciascia: Das ägyptische KonzilOb Umberto Eco oder Luigi Malerba, in Italien ist der historische Roman auch in der Nachkriegszeit immer ein Genre der Gegenwartsliteratur gewesen. Anders als in Deutschland galt er nie als angestaubt. Und so haben ihn die besten Schriftsteller immer wieder mit alten Stoffen, neuen Ideen neu belebt. So wie der Sizilianer Leonardo Sciascia (1921 – 1989) mit seinem 1963 erschienen Roman „Das ägyptische Konzil“, der in den 1790er-Jahren in Palermo spielt.

„Die Andere Bibliothek“ hat das Buch in der Übersetzung von Monika Lustig jetzt neu herausgebracht. Und das zu Recht. Der Roman enthält alles, was in Serien wie „House of Cards“ oder „Borgen“ die Zuschauer an die Fernsehsessel fesselt. Nur dass es in diesem Roman um einen jungen Vikar geht, der sich dank einer genialen Fälschung unentbehrlich macht und den Mächtigen die Argumente liefert, die sie benötigen um ihre Privilegien als historisch berechtigt zu begründen. Don Giuseppe Vella nutzt die Gunst der Stunde als der marokkanische Botschafter in Palermo strandet. Er wird vom Vizekönig gebeten, sich um ihn zu kümmern, weil der annimmt, dass der Malteser Arabisch könne. Da der Botschafter einen zufriedenen Eindruck macht, glauben schließlich alle, dass der Vikar wirklich Arabisch spricht.

Und so macht er sich daran, ein arabisches Manuskript zu „übersetzen“. Dieses „ägyptische Konzil“ fasst zusammen, welche Rechtstitel und Privilegien in der Zeit Friedrich II. galten und auf die sizilianischen Adelsfamilien übergingen. Sciascia beschreibt ganz ruhig, wie sich der Adel dem Ordensmann nähert, ihn mit Geschenken bedenkt, um ja nicht irgendetwas zu verlieren. Selbst wissenschaftliche Zweifel von echten Arabisten übersteht Don Giuseppe Vella, weil er das Publikum mit Witz und guter Rhetorik auf seine Seite zu ziehen weiß. Was immer auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit. Sie passt nichts ins Gefüge der Macht, der Gier und der Herrschaft im feudalen Vizekönigreich Neapel.

Auch wenn das Buch schon mehr als 50 Jahre alt ist, wirkt es noch immer frisch und modern. Sciascias feine Ironie, sein lakonischer Stil und seine Beschränkung auf die wesentlichen Figuren und Handlungsstränge wirkt noch immer. Da ist nichts angestaubt oder nur aus der Zeit verständlich. Das alles zusammen macht einen großen Roman aus. Und damit auch „Das ägyptische Konzil“.

Mehr von Leonardo Sciascia:
– „Der Zusammenhang
– „Das ägyptische Konzil
– „Mein Sizilien

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