Sigismund Krzyzanowski und sein „Club der Buchstabemörder“

Sigismund Krzyzanowski: Der Club der BuchstabenmörderIm Moskau der 1920er-Jahre treffen sich Literaten jeden Samstag, um ihre Ideen auszutauschen. Der Ort ist eine Bibliothek mit leeren Regalen. Bücher gibt es für sie nicht mehr. „Der Club der Buchstabenmörder“ ist sich sicher, dass Buchstaben auf Papier Ideen nicht befördern, sondern töten. Und sie glauben zu wissen, dass echte Überzeugungen das Ende der Freiheit sind. Sigismund Krzyzanowski (1887 – 1950) entwirft ein Szenario des literarischen Austauschs in einer Diktatur, die das eigenständige Denken als Gefahr begreift.

Zwar nimmt Krzyzanowski nie direkten Bezug auf die bolschewistische Revolution und ihren Terror. Aber das Bild der leeren Bibliothek ist ein sehr starkes, weil es auch für die geistige Armut der Diktatur steht, in der abweichende Gedanken Verschleppung und Tod bedeuten können. Sie steht aber auch für diesen exklusiven Club von Denkern, die sich ihres unabhängigen Denkens gewiss sind und deshalb auf die Fixierung auf Papier verzichten können. Dorothea Trottenberg findet als Übersetzung dafür immer die richtigen Sprachbilder und die nötige Distanz, die den Roman auszeichnet.

Der schmale Band aus dem Dörlemann Verlag ist eine faszinierende Entdeckung. Formal erinnert er etwas an das Dekameron, in den auch reihum Geschichten erzählt werden. Hier ist jeden Samstag ein anderer Erzähler an der Reihe. Sie entwickeln phantastische Geschichten voller literarischer Anspielungen. Gleich in der ersten wird dies auf die Spitze getrieben. Denn hier wird ein aus dem Hamletstoff eine Erzählung konstruiert, in der einzelne Rollen und Figuren ein Eigenleben entwickeln, sich vom Text Shakespeares geradezu emanzipieren. Als Einstieg ist dies ziemlich starker Tobak. Die folgenden Geschichten sind eingängiger und nicht ganz so theoriebeladen. Aber das hat wiederum den Effekt, dass dieser außergewöhnliche Roman von Seite zu Seite eingängiger und bereichernder wird.

Denn Krzyzanowski entfaltet auf den gut 220 Seiten vor allem das, was Literatur in ihrer vielfältigen Form zu leisten vermag. Eine Imagination der Wirklichkeit, die in kunstvollen Formen Erfahrungen des Lebens destilliert. Insofern ist dieser besondere Roman Literatur über Literatur, der auch in Zeiten funktioniert, wo das Denken nicht beschränkt und literarisches Schaffen nicht von Freiheitsentzug und Tod bedroht ist. Ein Abenteuer des Denkens und Entdeckens ist „Der Club der Buchstabenmörder“ aber allemal.

 

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