Lustvolle Trennung

Abschiedsbild vom Mini
Abschiedsbild vom Mini

Trennungen sind schmerzhaft. Das ist eine Binsenwahrheit. Dass sie auch lustvoll sein können, ist eher selten. Heute habe ich mich mit nur etwas Wehmut getrennt. Vor allem aber mit viel Zuversicht für die Zukunft.

Der kleine Mini war zwei Jahre eine praktische Erleichterung des Alltags. Er stand immer zur Verfügung, machte keine Scherereien und lud immer wieder zu Spontanität ein. Damit ist jetzt Schluss. Der Schlüssel ist abgegeben. Der Weg zurück versperrt. Das Übergabeprotokoll regelt etwaige Zahlungen. Und das alles ganz unbürokratisch.

Ab jetzt heißt es wieder Rad fahren. Und noch mehr Bahn. Und damit wieder mehr Zeit fürs Lesen. Mehr Bewegung. Mehr Offenheit und konkrete Beobachtung des Lebens. Das ist gut. Und allemal eine Trennung wert.

Heinz Erhard begleitet den Bahnreisenden

Heinz Erhard im DB-Reclamheft
Heinz Erhard im DB-Reclamheft

Die Bahn verwöhnt ihre Kunden. Zumindest in der 1. Klasse auf Fernreisen. Es werden nicht nur Zeitungen gereicht und Getränke am reservierten Platz serviert. Jetzt verteilt die Bahn auch Bücher.

In der DB-Sonderedition gibt es Reclam-Heftchen für den (be-)gierigen Reisenden, der bei Geschenken nicht Nein sagen kann. Für mich lag Heinz Erhard obenauf. Und siehe da, die Abwechslung ist gelungen. Wer bereit ist, in die Enge der 50er- und 60er-Jahre einzutauchen, kommt in den Genuss witziger Weisen.

Nette Verse, deftige Dialoge und treffende Sentenzen erheiterten auch mich. Da waren Texte über das Wetter, Worte über das Dichten, Sätze wider den Irrsinn des Lebens zu finden. Nur das Reisen, vor allem das mit der Bahn, kam in dem Büchlein nicht vor…

Susannes seltsame Spreewald-Erziehung

Dieses Kind war nicht auf den Heuschober
Dieses Kind war nicht auf den Heuschober

Der Heuschober ist schön. Er lädt die Kinder zum Spielen ein. In in hinein dürfen sie, doch nicht auf ihn hinauf. Allerdings steht das nirgends. Aber das Erklimmen erquiklicher Höhen ist ein Fest für Buben. Deshalb tun sie es auch. Bis Susanne von Susannes Barfuß-Park in Burg/Spreewald es mitbekommt. Schon erstaunlich, wie aus einer behäbigen Frau eine schnell agierende und laut lamentierende Furie reifen kann: „Wenn Du noch kleiner wärst, würde ich Dich an beiden Ohren ziehen und Knoten reinmachen.“

Was für ein Satz, was für eine Wut, was für eine Maßlosigkeit der schreienden Susanne. „Aber Du bist ja zu groß. Jetzt muss ich mir was anderes einfallen lassen.“ Der Bub ist neun oder zehn. So groß ist er also nicht. Aber für Barfuß-Susanne schon zu groß. Zum Glück sind seine Ohren auch normal gewachsen. Sonst würde sie noch auf die Idee kommen, tatsächlich dran zu ziehen. Doch so lässt sie wutschnaubend ab. Und lässt sämtliche Gäste mit offenem Mund hinter sich auf ihrem Weg zurück in die Küche.

Soll man jetzt gehen? Soll man jetzt einschreiten? Soll man Susanne sagen, dass sie Maß und Takt verloren hat? Oder soll man nur überall erzählen, dass Susannes Barfuß-Park in Burg/Spreewald ein Ort ist, den man unbedingt meiden sollte? Wer für letzteres ist, kann den Text ja auf Facebook etc. teilen.

P.S. Wer Susannes Refugium dennoch sucht: Sie hat auf das sonst übliche Apostroph zum Glück verzichtet, dafür schreibt sie Barfuß-Park so: Barfuss-Park.

Pamuk lesen – Türkei verstehen

Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne
Orhan Pamuk: Cevdet und seine Söhne

In Berlin war es. Im März. Da hat Orhan Pamuk sein aktuelles Buch vorgestellt. Die Situation war komisch. Denn „Cevdet und seine Söhne“ ist fast 20 Jahre alt. Der reife Autor musste also seinen Erstling präsentieren, der in Deutschland noch nicht zu haben war, weil derselbe Autor eine Übersetzung lange nicht wollte. Dem war das Buch zu traditionell. Eine Familiensaga, die stark an die Buddenbrocks erinnert. Die sehr chronologisch eine große Gesellschaftsgeschichte anhand einer Familie erzählt. Das ist tatsächlich große Literatur. Der Roman ist eine Mentalitätsgeschichte der Türkei in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Wer die Türkei in ihrer Zerrissenheit zwischen Orient und Okzident, zwischen europäischer Moderne und orientalischer Tradition begreifen will, ist bei dem Debüt Pamuks gut aufgehoben. Dennoch ist es auch gut verständlich, weshalb Pamuk sich mit der Übersetzung so schwer tat. In der Türkei werde er immer auf den Erstling angesprochen, erzählte er. Und das, wo er doch anschließend literarisch ambitioniertere Bücher geschrieben habe. Auch in Deutschland wird dieses Buch geliebt werden. Es ist so schön überschaubar, so klar in den Personen und Dialogen. Es ist gut erzählt und öffnet eine neue Welt. Das ist alles fein. Und dennoch ist es auch etwas langweilig. Man muss die 660 Seiten fressen, um im Geschehen zu bleiben. Ansonsten verschwinden die vielen Details sehr schnell wieder aus dem Bewußtsein.

Mit Espresso schmeckt der neue Veit Heinichen noch besser

Veit Heinichen: Eine Frage des Geschmacks
Veit Heinichen: Eine Frage des Geschmacks

Proteo Laurenti ist inzwischen eine bekannte Krimi-Figur. Dank der Verkörperung durch Henry Hübchen in der ARD ist der Commisario aus Triest einen großen Publikum bekannt. Doch anders als im Fernsehen ist in den Büchern von Veit Heinichen die Stadt Triest der eigentliche Star. Und nicht der Polizist.

Über die Grenze von Berlin und Brandenburg

Die Grenze zwischen Berlin und Eichwalde
Die Grenze zwischen Berlin und Eichwalde

So sieht die Grenze zwischen Berlin (links) und Brandenburg (rechts) aus. Links ist die Straße gepflastert. Rechts ist sie märkische Sandwüste mit Schlaglöchern. Links zeugt sie von einst besseren Zeiten. Rechts sagt sie uns, dass Zivilisation ein beschränktes Gut ist. Links stehen große Häuser, Villen gar. Rechts ducken sich kleinere Häuser, eher Datschen als Paläste. Links haben die Häuser Seeblick. Rechts verstecken sie sich auf fast bewaldeten Grundstücken.

Die Straße hat auf Berliner und auf Brandenburger Seite den gleichen Namen. Doch die Grenze ist mit der Fahrbahnmitte und dem Übergang von Kopfsteinpflaster zu Sand klar markiert. Weil die Straße eine Grenzstraße ist – eine „Grenzallee“ gibt es übrigens an anderer Stelle zwischen Schmöckwitz (Bezirk Treptow-Köpenick) und Eichwalde (Landkreis Dahme-Spreewald) auch noch – fühlt sich keine der beiden Seiten so richtig für sie verantwortlich. Diese Straße sieht schon seit Generationen so aus.

Und so wie es aussieht, wird sie ihr Gesicht auch in den nächsten Jahrzehnten nicht verändern. Für das große Berlin liegt sie zu abseitig, um den eigenen Anteil zu sanieren. Für das Brandenburger Eichwalde ist sie nur eine von vielen noch nicht befestigten Straßen. Warum also sollte ausgerechnet diese in Angriff genommen werden? Noch dazu müssten sich dann ja nicht nur die angrenzenden Anwohner einig sein, sondern auch die Landesregierungen. Das sind sie aber eigentlich nie.

Es sei denn, es geht um den Großflughafen. Dann sind sich Berlin und Brandenburg einig, dass Lärm für die Anwohner weniger wichtig ist als vermeintliche Wirtschaftlichkeit von Fluglinien. Hauptsache das Minus des Niemals-ein-Drehkreuz-werdender-Flughafen bleibt möglichst gering. Sowohl Schmöckwitz als auch Eichwalde werden Fluglärm von der Fehlinvestition BBI/BER abbekommen. Da spielt die Grenzstraße keine Rolle. Ob links oder rechts von ihr – alle sind betroffen. Und so steht dies Straße exemplarisch für den Umgang der beiden Länder mit den Flughafengemeinden: Erst vergessen, dann verlärmen.

Danke für die Ruhe, lieber Kopfhörer

Heute hat sie jeder im Ohr. Heute sind sie eigentlich auch weiß. Wer auf sich hält, hat entweder die Originale von Apple oder die Derivate anderer Hersteller, die einen auf Apple machen. Früher waren sie immer schwarz. Ganz früher waren sie sogar mit Bügel und so Dingern, die nicht ins Ohr gesteckt, sondern ans Ohr gepresst wurden. Ganz coole Zeitgenossen tragen inzwischen auch schon wieder solche Teile. Allerdings sind das dann richtige Kopfhörer, die für die schalldichte Abschottung von der Umwelt garantiert sorgen.

Jetzt ist es ja so, dass diese Stöpsel viele feine Dinge ermöglichen. Man kann Musik hören. Oder ein Feature vom Deutschlandfunk über die Lage in Berg-Karabach und die Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Oder einen BBC-Sprachkurs zur Auffrischung der Englisch-Kenntnisse. Hörbücher etwa über Essad Bey oder eine Lesung der Metamorphosen von Ovid. Alles ist möglich. Die Zeit in der Bahn wird verkürzt. Der Stöpsel im Ohr erzählt von der Welt. Direkt ins Gehirn, ohne Umwege durch Zimmer und Räume.

Das beste, was der Stöpsel aber leistet, ist etwas ganz anderes: Wer ihn im Ohr hat, wird nicht gestört, wird nicht angequatscht. Der kann sich ganz auf sich konzentrieren, selbst wenn er sinnlos, weil geräuschlos im Gehörgang stöpselt! Vor allem auf Zugfahrten kann diese Leistung der unscheinbaren und dennoch so unentbehrlich gewordenen Kopfhörerchen nicht überbewertet werden. Und deshalb lobe ich die Dinger heute hier. (Meine sind übrigens wieder schwarz, weil die weißen nur zur stillen Andacht, dauerhaft aber nicht zum Hören der Feature taugen…)

Nachtrag zum Fotografieren auf Konfirmationen

So also geht es in der Kirche zu, wenn der Gottesdienst zur Fotografierpause unterbrochen wird. Besonders emsige Knipser steigen sogar auf die Kirchenbänke. Und das nur, um aus dieser Perspektive ein ganz sicher schlechtes Foto zu schießen. Bis zu diesem Zeitpunkt war in der Kirche Ruhe und Konzentration. Nach der Unterbrechung, die für viele Konfirmationsgäste offenbar das Ende des Events bedeutete, kehrte keine Ruhe mehr ein. Einsegnung rum, Bild im Kasten, wo ist das Buffet? Darauf reduziert sich so ein Ereignis offenbar. Schade und traurig. Auch, dass ich es dokumentiert habe, indem ich selbst das Handy für ein Foto der Fotografierenden zückte.

Fotografieren auf Festen…

Gedanken zur Konfirmation

Man sagt, dass Ihr mit der Konfirmation bei uns Erwachsenen angekommen seid. In allen Religionen und Kulturen gibt es solche Feste, bei denen die Kindheit abgeschlossen wird. Ethnologen nennen das Initiationsritus. Dabei geht es stets um die Ankunft in der Gemeinschaft der Erwachsenen. Was heißt das? Für Euch sicherlich, dass der Abschnitt Kindheit tatsächlich hinter Euch liegt. Wer von Euch kleinere Geschwister hat, merkt den Unterschied. Ihr beschäftigt Euch mit anderen Dingen. Ihr spielt nicht mehr mit Playmobil oder Barbie. Ihr hört andere Musik, Eure eigene und nicht mehr die von uns Eltern.

Die Mädchen – oder besser jungen Frauen – nehmen die Jungen – oder genauer jungen Männer – ganz anders wahr; die jungen Männer Euch junge Frauen. Alles verändert sich. Und Ihr besteht darauf, dass Ihr von uns Erwachsenen ernst genommern werdet. Und für uns heißt das, dass wir Euch auch so ernst nehmen müssen. Das fällt uns Vätern und ich denke auch den Müttern nicht immer ganz leicht. Aber so eine Konfirmation, so ein Initiationsritus ist nur sinnvoll, wenn wir als Eltern Euch in der Welt der Erwachsenen auch willkommen heißen. Wir beobachten und merken die Veränderung ja schon länger.

Der Tag heute erinnert uns daran, dass Ihr keine Kinder mehr seid. Unsere Fürsorge muss sich weiter in Respekt wandeln. Wir müssen Euch mehr zuhören, Euren Argumenten Raum geben und sie nicht zu schnell abtun. Das wird bestimmt knirschen. Aber wir glauben für alle Eltern sprechen zu können, dass wir das ersthaft versuchen werden. Wir müssen das ja auch noch üben, jetzt keine Kinder, sondern Erwachsene an unserem Tisch sitzen zu haben. Und das werden wir. Versprochen. (Mein Teil des heutigen Elterngrußwortes während Tills Kofirmation.)

Bin ich spießig?

Am Morgen danach sieht es fast immer so aus. Wobei sich das „danach“ nicht auf eigene Feiern bezieht, sondern auf Abende, die zu viele Menschen an den Badewiesen in Eichwalde oder Schmöckwitz gefeiert haben. Neulich haben Kinder in Eichwalde 70 Bierflaschen eingesammelt und das Pfand ergattert. 70 Flaschen am nächsten Morgen!

Diese Flaschen waren wenigstens ganz. Aber allzu oft sind sie auch nur noch Scherben. Da kommen dann all die Badefreunde am nächsten Tag und müssen genau darauf achten, dass sie in keine Scherbe treten. Oder die Kinder aus der Eichwalder Waldkita, die einmal in der Woche einen Strandtag haben. An all sie denkt von den Feiernden niemand. Ist es jetzt spießig, sich darüber zu ärgern? So wie es vielleicht spießig ist, dass in Kreuzberg nicht mehr jeder lärmende und besoffene Tourist von allen Anwohnern herzlich begrüßt wird? Ich weiß es nicht, glaube aber nicht, dass das spießig ist. Ich denke eher, es ist Wut über den mangelnden Respekt, den die Dreck-Hinterlasser und Lärm-Verursacher ihrer Umwelt gegenüber haben.

Umwelt meint damit beides: Natur und Menschen, die daneben wohnen oder am nächsten Tag auf dem gleichen Stück Strand liegen wollen. Mit etwas Respekt und weniger Ignoranz dem Anderen gegenüber ginge so vieles so viel einfacher. Und alle wären zufriedener. Aber vielleicht ist diese Hoffnung romantisch? Oder diese Sehnsucht doch spießig?