Bei Matthus sehnen sich „Luthers Träume“ nach Brüsten, Bier und Essen

Foto: Andreas Oppermann
Howard Griffiths, Siegfried Matthus und die Solisten beim Applaus.

Die Konstellation hat es in sich: Ein ehemaliger DDR-Staatskünstler schreibt eine musikalische Vision über den Protestanten Luther, das bei der Welturaufführung auch vor polnischen Katholiken intoniert wird. Da ist theologisch und weltanschaulich „Musike drin“. Auf jeden Fall stellt sich sofort die Frage, ob es künstlerisch gelingt, den Text so in Musik zu setzen, dass sich der Sinn der Worte vermittelt, selbst wenn man sie nicht verstehen kann. „Bei Matthus sehnen sich „Luthers Träume“ nach Brüsten, Bier und Essen“ weiterlesen

Rainald Grebe seziert in Schwedt die Provinz

Schwedt ist Provinz. Niemand, der das behauptet, wird damit den Schwedtern auf die Füße treten. Wenn Rainald Grebe das sagen würde, wären sie ihm zumindest nicht böse. Seit er in seinem Brandenburg-Lied das Autohaus in Schwedt besungen hat, sind Grebe und Schwedt fast schon ein Begriffspaar. und darauf kann dann auch der Schwedter stolz sein. Denn das ist ja auch ein Merkmal von Provinz: Auch wenn man veräppelt wird, freut man sich über die überregionale Wahrnehmung. Und wenn der Scherz zu Lasten des Provinzlers mit der eigenen Erfahrung übereinstimmt, dann passt das schon.

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Howard Griffiths und das BSOF machen Kino im Kopf

bsofWenn es ein akustisches Signal für Film und Kino gibt, dann ist es die Fanfare der 20th Century Fox. Sie ertönt vor allen Filmen des weltberühmten Studios – und zum Auftakt einer neuen CD des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt. „Music from the motion pictures“ heißt das gelungene Album. „Howard Griffiths und das BSOF machen Kino im Kopf“ weiterlesen

Mehrforte begeistert wieder beim Rosenfestkonzert

https://youtu.be/iFu2Ql7csbs

Die Konzerte des Eichwalder Chores Mehrforte beim Rosenfest sind eine schöne Tradition. Jedes Jahr treten die Laien, die von Chorleiter Thomas Merfort zu immer neuen Leistungen geführt werden, in der Eichwalder Kirche auf. Die Mischung von Klassikern der Pop-Musik bis hin zu Mozart und schwedischem Volkslied hat wieder viel Spaß gemacht.

Viele Worte muss man dazu gar nicht verlieren. Besser ist einfach zuzuhören!

https://youtu.be/klwYuMFzYvQ

„Faust I und II“ als pralle Musical-Oper am Berliner Ensemble

Programmheft von Faust I und II am Berliner Ensemble
Programmheft von Faust I und II am Berliner Ensemble

Es dröhnt beim Betreten des Zuschauerraums am BE. Mit lauter Musik – einer Mischung aus Techno und Rock – begrüßt das Berliner Ensemble das Publikum. Die Bühne ist nackt. Die Kabel und die Notleitern sind zu sehen. Und ein Ensemble, das wild durcheinander auf der Bühne tanzt. Schon dieser erste Eindruck macht klar, dass hier kein klassischer Faust-Abend droht. Stattdessen Schauspieler in Bewegung, die bis zur Selbstaufgabe Bilder zu Musik formen und dabei mit ihren Stimmen den alten Goethe als Lied mit voller Wucht vor dem Verstummen in Reclam-Heftchen oder repräsentativen Klassiker-Ausgaben bewahren. „„Faust I und II“ als pralle Musical-Oper am Berliner Ensemble“ weiterlesen

Max Raabe verzaubert bei einer Nacht in Berlin

Das Publikum im Admiralspalast ist schon sehr silbrig. „Eine Nacht in Berlin“ mit Max Raabe und dem Palast Orchester ist unter der Woche vor allem ein Ereignis für Senioren. Man selbst senkt den Altersdurchschnitt radikal. Und das, obwohl die Musik von Raabe und Co, deutlich mehr als Senioren-Unterhaltung ist. Sie ist witzig. Sie ist abwechslungsreich. Sie ist erstaunlich jung, obwohl die meisten Stücke in den kommenden 15 Jahren ihren 100. Geburtstag feiern könnten.

Das liegt vor allem am Palast Orchester. Max Raabe singt zwar gut. Aber seine Reduktion auf die den steifen, fast unbeweglichen Entertainer, raubt ihm Gestaltungsraum. Das Steife ermöglicht zwar mit jeder Bewegung einen besonderen Effekt, aber sie ist über die Dauer des Konzerts dann doch ermüdend. Ganz anders sind da die großartigen Musiker (und die einzige Frau des Orchesters). Sie sorgen für Bewegung, für den Wechsel von Kraft und Gefühl. Sie singen, sie spielen Soli und sie harmonieren aufs Vortrefflichste als Orchester. Und so bringen sie das auf die Bühne, was ein Konzert ausmacht.

Max Raabe bleibt in seiner Rolle. Er singt die wunderbaren alten Lieder und seine neuen. Das macht er souverän. Seine wenigen Zwischenmoderationen sind lakonisch und amüsant. Aber sie verstärken nur die Wirkung des Steifen. Angesichts der humorvollen und geistvollen Lieder ist das schade. Und dennoch ist der Abend kein ärgerlicher. Im Gegenteil. Max Raabe und seine Musiker sorgen für humorvolle Unterhaltung, für einen angenehmen Abend voller Amüsement und trefflich komischer Momente.

Vielleicht war das Publikum ja so silbrig, weil an einem Dienstagabend viele jüngere Menschen keine Zeit haben. Schön wäre es, wenn das der Grund wäre.

Der Rienzi der Deutschen Oper besticht durch Optik

Rienzi im Führerbunker vor der Kamera und live für seineUntertanen auf der Leinwand
Rienzi im Führerbunker vor der Kamera und live für seine Untertanen auf der Leinwand (S. 33 des Programmhefts).

In der Deutschen Oper ist Rienzi durch und durch ein Faschist. Die gesamte Inszenierung ist in schwarz-weiß gehalten, ganz so, wie wir die Bilder vom italienischen und spanischen Faschismus kennen – und natürlich von den deutschen Nationalsozialisten. Regisseur Philipp Stölzl hat Hitlers Lieblingsoper zur Parabel über dessen Aufstieg und Fall gemacht. Ein gewagtes Unterfangen, das Richard Wagner nicht unbedingt gerecht wird. Und dennoch überzeugt das gesamte Stück in Stölzls Interpretation, wenn man es nur für sich anschaut und sich vollkommen darauf einlässt. „Der Rienzi der Deutschen Oper besticht durch Optik“ weiterlesen

BigBand des BSOF feiert Astor Piazolla in Zielona Gora

BigBand des Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt

Eigentlich sollte das Konzert im kleinen Saal der Philharmonie von Zielona Gora (Grünberg) stattfinden. Aber dann waren die 200 Karten schnell weg. Die BigBand des Brandenburgischen Staatsorchesters Frankfurt lockte mit einem Konzert zum 95. Geburtstag von Astor Piazolla. Das war offenbar eine gute Idee, denn auch der große Saal war fast voll.

Unter der Leitung von Norbert Nagel und mit Unterstützung von Rainer Volkenborn am Bandeon ging es um Kontraste – ganz im Sinne des Mottos der Musikfesttage an der Oder. Wenn Volkenborn sein Bandeon erklingen ließ, war der Saal voller Melancholie. Und wenn die Musiker der BigBand zu ihren Soli anhoben, dann konnte sich niemand der Spielfreude entziehen. Wenn das kleine Bandeon seine leisen Töne verströmte, dann ging das ans Herz. Und wenn die BigBand ihre ganze Kraft entfaltete, dann rumpelte es im vegetativen Nervensystem der Grünberger.

Die Begeisterung, mit der die Musiker sich über ihre Musik freuten, nahm das Publikum sofort gefangen. Auch wenn sich etliche unter Astor Piazolla wohl etwas ruhigeres erwartet hatten. Doch die kraftvoll-dramatische Interpretation des Zwiegesprächs zwischen Bandeon und BigBand begeisterte. Und so wurde der Auftritt der deutschen Musiker vor polnischem Publikum zu genau dem, was dieses Festival erreichen will: Ein musikalischer Brückenschlag über die Oder – diesmal auf einer argentinischen Brücke.

BigBand des Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt

Mehr von den 61. Deutsch-Polnischen Musikfesttagen:
Deutsch-Polnische Musikfesttage starten mit Fazil Say  
BigBand des BSOF feiert Astor Piazolla in Zielona Gora

Deutsch-Polnische Musikfesttage starten mit Fazil Say

Howard Griffiths

„Kontraste“ ist das Motto der diesjährigen Deutsch-Polnischen Musikfesttage an der Oder. Schon das erste Konzert lebte dieses Motto intensiv aus. Erst ein Violinkonzert von Fazil Say und dann die orientalischen Phantasien von Nikolai Rimsky-Korsakow, die „Scheherazade“. Jenes leicht, luftig und voller Rhythmus, das andere schwer, fast schwül und voller Pathos.

Iskandar WidjajaHoward Griffiths ist mit der Türkei fest verbunden. Jahrelang lebte er dort. Fazil Say hat er in dieser Zeit kennen und schätzen gelernt. Und zum Glück für die Konzertbesucher in Frankfurt hat er dessen Komposition nun auch zu Gehör gebracht. Iskandar Widjaja spielte die Solovioline facettenreich und voll menschlicher Wärme und Aykut Köselerli sein Schlagzeug als emotionaler Taktgeber bei dem abwechslungsreichen und voller Spannungen und Wechseln in Dynamik und Rhythmik reichen Violinkonzert. Zusammen mit dem BSOF schufen sie einen akustischen Raum mit zauberhaften, verwunschenen und kraftvollen Momenten.

Nach der Pause drückte der schwere Rimsky-Korsakow mit seinem russisch-imperialen Träumen vom Orient die Leichtigkeit und Vielfalt Fazil Says weg. Wer ich in dessen Melodien verloren hatte, der wurde auf dramatische Weise in eine andere Welt gestoßen. Musikalisch war auch das überzeugend. Aber der Zauber ging etwas verloren. Natürlich passt das wunderbar unters Motto „Kontraste“. Viel verschiedener kann die musikalische Aneignung des Orients kaum sein. Zumindest für ein Orchester. Und auch nicht viel erfüllender.

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Wolke 4: Hymne für das Mittelmaß

Als ich das Lied das erste Mal hörte, hat es mir ganz gut gefallen. Und als bei einem Festival das gesamte Publikum den Refrain von Philipp Dittberner lauthals mitsang, war ich richtig erfreut. Aber je häufiger ich „Wolke 4“ im Radio höre, umso mehr ärgere ich mich über den Text.

„Ziemlich gut, wie wir das so gemeistert haben.
Wie wir die großen Tage unter kleinen Dingen begraben.
Der Moment, der die Wirklichkeit maskiert.
Es tut nur gut zu wissen, dass das wirklich funktioniert.“

Okay. Das klingt noch nach: Wir haben uns aber ganz schön toll zusammengerauft! Aber ist es wirklich so erstrebenswert, die großen Tage unter den kleinen Dingen des Alltags zu begraben? Begraben?  Es kann doch nicht schön sein, Freude, Lachen, Spaß, Lust und Liebe zu begraben! Wie groß muss die Depression sein, um „große Tage“ begraben zu wollen! Und dann weiter:

„Lass uns die Wolke vier bitte nie mehr verlassen,
Weil wir auf Wolke sieben viel zu viel verpassen
Ich war da schon ein Mal, bin zu tief gefallen.
Lieber Wolke vier mit Dir, als unten wieder ganz allein“

Hallo? Der Herr will nicht allein sein? Und dann ist es für ihn allemal besser, er findet eine Dame (oder einen anderen Herrn), die ihn schön in die Arme nimmt? Eine, die es aushält, dass der Gute schon mal richtig toll geliebt hat, dabei aber auf die Schnauze gefallen ist – und deshalb lieber das Mittelmaß bei ihr sucht, als die große Liebe?

„Hab nicht gesehen, was da vielleicht noch kommt.
 Was am Ende dann mein Leben und mein kleines Herz zerbombt.
 Denn der Moment ist das, was es dann zeigt, dass die Tage ziemlich dunkel sind.
 Doch Dein Lächeln bleibt. Doch Dein Lächeln bleibt…“

Das Herz des Kerls wurde zerbombt! Und jetzt sucht er Trost! Bei der Anderen, der zweiten Wahl, die dazu auch bitte unbedingt lächeln soll! Was ist das für ein weinerlicher und selbstgefälliger Kerl, der da vor sich hin singt? Und auch noch erwartet, dass die andere sich darüber freut, dass er sich in Zukunft dauerhaft bei ihr ausheulen will – und die Höhepunkte des Lebens lieber gleich begraben will anstatt sie zu feiern?

Kann es sein, dass sich noch niemand den Text wirklich angehört hat? Oder gelesen hat? Oder ist der Song von Philipp Dittberner die Hymne einer Generation (oder etwas kleiner: einer großen Gruppe) von lebensuntauglichen Muttersöhnchen, die ja nichts riskieren wollen?