Knutson steht auf Hasch gegen Hass

Schon gehört? Es gibt da einen feinen, neuen Krümel in der süßlich duftenden deutschen Musikszene. Knutson ist sein Name. Wenn man sich seine Songs reinzieht, dann ist das sagenhaft entspannend. Eine gewisse Lässigkeit macht sich breit. Und ein Lächeln, das sich gar nicht mehr unterdrücken läßt.

„Hasch gegen Hass“ nennt sich der Erstling von Knutson. Der Titel der CD ist in der Szene offensichtlich gut angekommen. Herwig Mitteregger (Spliff), Sebastian Krumbiegel (Prinzen), Rod Gonzales (Ärzte), Cappuccino (Jazzkantine) und P.R.Kantate sind mit dem
Newcomer ins Studio gegangen, um das hohe Lied des Kiffens in allerlei Variationen mitzusingen.

„Marie Johanna“ ist eine witzige Coverversion von „Carbonara“, dem großen Hit von Spliff. Und natürlich wird der Mädchen-Doppelname zu Marihuana, wenn er gesungen wird. Das Album mit seinen zwölf Songs ist eine Hommage an die entspannenden Gefühle beim Einatmen eines Spliffs. Natürlich läßt sich trefflich streiten, ob das gut ist. Worüber sich aber nicht streiten läßt, ist die Qualität des Albums. Knutson hat sehr gute Chancen, sich zu etablieren. Ob er dann auch noch ständig an der Tüte zieht, wird richtig spannend.

Element Of Crime auf dem Weg zum Mittelpunkt der Welt

Draußen wird es immer früher dunkel. Die Nächte werden länger. November-Depression stellt sich bei manchen ein. Das ist genau der richtige Moment für das neue Element of Crime-Album. „Mittelpunkt der Welt“ heißt die CD, die konsequent den melancholischen Sound der Band fortführt.

Wer also eine Neuerfindung von Sven Regeners Combo erwartet, wird enttäuscht. Aber genau das ist ja das Schöne. Alle zehn Lieder klingen so vertraut: die vielen Moll-Akkorde und die Bläsersätze zur Verstärkung der nachdenklichen Texte. Sven Regener (44) ist der einzig würdige Erbe Rio Reisers (1950 bis 1996). Zwar erlebt der deutsche Text einen Boom, doch diese lyrische Kraft, diese Poesie in der Schilderung des Alltags beherrscht
keiner so wie er. Das gilt für den Nachklang der großen Liebe, für die Desillusionierung des
älter Werdenden, die Regeners Texte bestimmen.

Textlich und musikalisch ist „Finger weg von meiner Paranoia“ der Höhepunkt der Platte. Da bündelt sich das Spiel mit musikalischen Stilen mit einem Becken dominierten
Rhythmus und einem wunderbar lakonischen Text zu einer Hymne an die Eigenständigkeit – auch in der Verarbeitung aller Narben, die einem das Leben so
zufügt.

Trikont feiert mit Mestizo Music die Rebellion Lateinamerikas

Mestizo Music
Mestizo Music

Lateinamerika ist einer der Brennpunkte der Anti-Globalisierungsbewegung. Der Weltsozialgipfel in Porto Alegro ist Ausdruck der Auflehnung vieler Menschen gegen
die vollständige Ökonomisierung des Lebens. Trikont hat sich die aktuelle Musik Mittel- und Südamerikas ganz genau vor diesem Hintergrund angehört. Entstanden ist so der Sampler Mestizo Music, der 17 Bands mit sozialkritischen Songs vereinigt.

Musikalisch ist das ein Fest: Raggae, Salsa, Ska und HipHop zeugen von der Vielfalt der Musikszenen. Das hat nichts mit folkloristischer Weltmusik zu tun, sondern mit richtig gutem Rock und Pop, den man bei uns nie im Radio präsentiert bekommt. Natürlich sind trotzdem die musikalischen Traditionen zu hören.

Sie werden von den Künstlern aus Argentinien, Mexiko oder Brasilien nicht verleugnet. Aber sie sind auch nicht bestimmend. Die Fusion dieser Musik ist teilweise auch schon nach Deutschland übergeschwappt. Manches Stück erinnert an die Berliner von Culcha Candela
oder Seeed. Wie immer glänzt Trikont auch bei diesem Sampler mit einem sehr guten und informativen Booklet – inklusive der Übersetzung aller Songs.

Mestizo Music – Rebelión en Amerérica Latina; Trikont.

Funny van Dannen textet uns lustig

Funny van Dannen: Authentic Trip
Funny van Dannen: Authentic Trip

Irgendwie klingt diese Live-CD wie früher die Musik am Lagerfeuer. Da singt ein Mann zu seinem Gitarrenspiel. Aber das, was er da singt, macht viel mehr Spaß als das Zeug damals. Funny van Dannen (47) hat 23 Songs im September live in München aufgenommen.

Er singt von der Zumutung, wenn die Freundin ständig von George Clooney träumt. Er zeigt sich selbst an: Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet. Und er blickt auf die Stringtanga-Queen von Berlin. Es ist ein subtil-böser Kommentar auf den Zustand der Republik und ihrer Insassen. Manchmal erinnert van Dannen dabei an den großen Bob Dylan.

FUNNY VAN DANNEN: AUTHENTIC TRIP, LIVE. TRIKONT

KTU erzeugen mit dem Akkordeon bombastische Sounds

KTU: 8Armed Monkey
KTU: 8Armed Monkey

Die Wucht des Akkordeons von Kimmo Pohjonen ist unglaublich. Sie hat so gar nichts mit den Klängen zu tun, die sonst mit der Ziehharmonika verbunden werden. Der Finne hat zu sammen mit seinem Percussion-Kollegen Samuli  Kosminen ein neues Album vorgelgt. Diesmal nicht mit dem legendären Kronos-Quartet, sondern mit zwei Veteranen von King Crimson.

8Armed Monkey ist eine Mischung aus  Psychedelic, Hard Rock und Techno. Dabei erinnert das Album stark an Klangexperimente von Tangerine Dream oder eben King Crimson. Aber auch große Orchesterwerke neuer Musik schwingen durch. KTU, so nennt sich Kluster der beiden Finnen jetzt, entführt in fünf langen Stücken in eine bombastische Natur. Wer das hören und verstehen will, muss die Augen schließen. Dann erlebt er berauschende Klangwelten. Grandios!

Kitschfreie Liebeslieder von Rio Reiser für die Ewigkeit

Rio Reiser (1950 bis 1996) war die kräftigste und poetischste Stimme der deutschen Rockmusik. Auch neun Jahre nach seinem Tod überzeugen seine Songs. Das beweist
jetzt das Familienalbum, Band 2.

Von Klee bis zu den Söhnen Mannheims, von Christina Stürmer (23) bis Dorfdisko, von Clueso bis Keimzeit reicht das Spektrum der Interpreten. Das Phantastische: Rios
Lieder funktionieren noch immer. Egal ob Klee mit „Lass mich ein Wunder sein“ ganz nah am Original bleibt oder ob die Söhne Mannheims aus „Mein Name ist Mensch“ ein Stück machen, das so klingt, als sei es nur für sie geschrieben.

Schon zu seinen Lebzeiten zeigte sich die Wandlungsfähigkeit von Rios Musik. Marianne Rosenberg (50) startete mit ihr ein Comeback, das vor allem in der Schwulen-Szene für Begeisterung sorgte. Das funktionierte auch damals nur, weil Rio die extrem seltene
Gabe hatte, kitschfreie Liebeslieder schreiben zu können. Selbst bei Marianne Rosenberg gingen die im Kitsch nicht vollständig unter.

Auf dem Familienalbum, Band 2 ist dann auch nicht umsonst „B-Seite“ von Annett Louisan (28) eines der schönsten Lieder. Es klingt tatsächlich so, als wäre es für ihr neues Album erst ganz neu geschrieben worden. Und das gilt für das rockige „Bis ans Ende der Welt“ von Christina Stürmer genauso. Nur Reinhard Mey (52) stört auf dem Album. Das hätte nicht sein müssen. Ganz anders übrigens als Claudia Roth (50). Ihr Intro ist ein starkes Bekenntnis der Grünen-Vorsitzenden, die so gern für ihre Emotionen und ihr Outfit belächelt wird. Im Intro erzählt sie kurz und klar, dass sie dieses Selbstbewusstsein
zum „Nur-Ich-Selber-Sein“ von Rio Reiser hat – aus der Zeit, als sie Managerin von Ton Steine Scherben war.