Der düstere Parsifal der Staatsoper

Die Herrn des Konzertchors als verzückte Gralsritter und Knappen (Staatsoper Berlin | Foto: Ruth Walz)
Die Herrn des Konzertchors als verzückte Gralsritter und Knappen (Staatsoper Berlin | Foto: Ruth Walz)

Düster ist der Gesamteindruck an diesem Krafreitag in der Staatsoper. Im Rahmen der Festtage wird der „Parsifal“ in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakow aus dem Jahr 2015 gegeben. Geprägt ist sie von der Konzentration auf den Stoff in einer sehr gedämpften, getragenen, düsteren und eher hoffnungslosen Interpretation. Daniel Barenboim und seine Staatskapelle intonieren das monströse Werk von Richard Wagner dynamisch und dramatisch. 

Auch die Gesangspartien enttäuschen nicht. René Pape als Gurnemaz begeistert, Lauris Vasar als Amfortas überzeugt, Andreas Schager als Parsifal nimmt den Zuschauer emotional gefangen, Anna Larsson als Kundry gelingt die vielschichtige Interpretation der Figur und Tómas Tómasson ist ein teuflisch verrückter Klingsor. Und der Staasopernchor nimmt sowohl gesanglich als auch in den gruppendynamischen Bewegungsabläufen das Publikum voll und ganz für sich ein. Alle zusammen bringen musikalisch einen „Parsifal“ auf die Bühne, der nur begeistern kann.

Andreas Schager als Parsifal und die Blumenmädchen (Staatsoper Berlin | Foto: Ruth Walz)
Andreas Schager als Parsifal und die Blumenmädchen (Staatsoper Berlin | Foto: Ruth Walz)

Aber visuell ist die Inszenierung eher anstrengend. Alle drei Akte finden im gleichen Raum statt. Der wird zwar farblich angepasst, wenn er in Klingsors Reich nüchtern weiß ist. Und im dritten Akt ist der Saal der Gralsritter deutlich von den Zeichen des Zerfalls und Niedergangs geprägt. Aber trotz der anderen Farbe bleibt es der gleiche Raum. Für die Darsteller bedeutet das, dass sie ihre ganze schauspielerische Kraft für die Spiegelung der Inneren Konflikte nutzen müssen. Sie können sich nicht aufs Agieren legen. Da die Texte Wagners und natürlich die Musik diese inneren Konflikte und Veränderungen aufs Trefflichste zum Ausdruck bringen, ist die Aufgabe, die ihnen Regisseur Tcherniakow stellt, richtig schwer.

Tómas Tómasson als Klingsor bedrängt Kundry (Staatsoper Berlin | Foto: Ruth Walz)
Tómas Tómasson als Klingsor bedrängt Kundry (Staatsoper Berlin | Foto: Ruth Walz)

Umso höher ist die Leistung des gesamten Ensembles zu bewerten. Wo Philipp Stölzl in der Deutschen Oper auf drastische Optik setzt und dem Ensemble viel Raum zum Spielen lässt, bleibt in der Staatsoper nur die Konzentration auf die Innerlichkeit. Die Düsternis ist auch ein Zeichen für die Sinnlosigkeit all der Erlösungsphantasien Richard Wagners. Denn am Ende, wenn Parsifal die Herrschaft über die Gralsritter und damit über das erlösende Blut Jesu Christi übernimmt, wird es nicht hell. Zwar ist der Niedergang, der durch die Schuld Amfortas‘ ausgelöst wurde, beendet. Aber statt Licht und Erlösung folgt mystische Verzückung. Die Gralstitter werden nicht zu priesterlichen Hütern des Glaubensgeheimnisses, sondern zu einer Masse entrückter Gläubiger, die in der Ekstase des Glaubens jede sinnliche Wahrnehmung verlieren, in der jeder Einzelne seine Individualität aufgibt, die sich im göttlichen Prinzip auflöst. Ein Ego gibt es nicht mehr – nur noch eine verzückt-entrückte Masse. Ganz so, wie zum Beispiel im Sufismus. Tcherniakow feiert eine Weltentrücktheit, die schmerzt. Statt das Karfreitagsversprechen als erlösende Aufforderung zum gerechten Handeln auf der Welt zu interpretieren, schickt er die Zuschauer in eine schrecklich düstere Innerlichkeit. Das schmerzt. Auch wenn Wagners Musik den Schmerz erträglich macht.

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