Mögliche Lieben – Heiße Sommernächte in Rio

Mögliche Lieben - Amores Possiveis
Mögliche Lieben – Amores Possiveis

Was wäre, wenn Julia damals vor 15 Jahren gekommen wäre? Wenn sie Carlos nicht vor dem Kino versetzt hätte?

Die alte Frage, wie sich das Leben hätte entwickeln können, spielt die Brasilianerin Sandra Werneck in ihrem zweiten Kinofilm ganz überraschend durch. Sie lässt drei unterschiedliche Carlos‘ Julia wiederbegegnen.

Da ist der reiche Rechtsanwalt, der in einer Midlifcrisis steckt. Dann der Sunny- und Playboy, der noch immer bei Muttern wohnt und der trotz allem Vögeln quer durch
Rio noch immer auf die große Liebe hofft und wartet. Und dann ist da noch der schwule Carlos, der in einer festen Beziehung lebt, aber dennoch die Liebe zu seiner Ex Julia wieder entdeckt.

Jeder Carlos trifft auf eine andere Julia. Alle drei Geschichten spielen durch, ob es sich dabei um Mögliche Lieben handelt. Da die Geschichten nicht linear erzählt werden, sondern sich ständig abwechseln, entsteht ein Film, der nicht nur die Frage Was wäre wenn beantwortet, sondern ganz nebenbei einen verwirrenden, erotischen Blick auf Rio wirft. Zwar ist dem Film das geringe Budget anzumerken, doch die witzigen Dialoge, die
überzeugenden Stories und die tollen Darsteller machen das mehr als wett.

Wladimir Kaminer kocht in der „Küche Totalitär“

Offensichtlich hat der Sozialismus gut geschmeckt. Den Eindruck muss gewinnen, wer sich über Wladimir und Olga Kaminers Rezepte aus „Küche totalitär – Das Kochbuch des Sozialismus“ hermacht.

Die kulinarische Reise durch die Ex-Sowjetrepubliken ist deftig. Wladimir Kaminers passende Erzählungen aus der Gegenwart zu all diesen Ländern sind zudem eine feine ironische Brechung alter Vielvölkerstaatsträume. Sie handeln vom Leben der Exilanten in
Berlin, von ihren Träumen und Erinnerungen an die Heimat. Und sie erzählen von der postsozialistischen Geschichte Weißrusslands, Lettlands oder Tschetscheniens.

Eine als Kochbuch getarnte literarische Geschichtsstunde also. Und sie ist kraftvoll angerichtet.

Raymond van de Klundert über Brustkrebs und Sterbehilfe

Raymond van de Klundert
Raymond van de Klundert

Als seine Frau im Alter von 36 Jahren an Krebs starb, ging Kluun (41), mit bürgerlichem Namen Raymond van de Klundert, nach Australien, wo er seinen Roman „Mitten ins Gesicht“ schrieb. Das Buch des Schriftstellers aus den Niederlanden wurde zum Bestseller und bot vielfach Zündstoff zur Diskussion.

Ihr Buch handelt davon, wie der Brustkrebs das ganze Leben einer 35 Jahre jungen Frau und vor allem ihres Mannes verändert. Auf dieses Thema reagieren viele mit Abwehr.

Ich habe bei Lesungen viele erlebt, die sagten: „In dem Buch geht es um einen Mann, der fremdgeht, weil seine Frau stirbt? Das möchte ich gar nicht lesen!“ Mein Buch ist eines
von denen, die von anderen Lesern empfohlen werden müssen. Die wissen dann, dass es vor allem ein Buch über eine tiefe Liebe ist.

War Ihnen klar, dass das Leben mit und das Sterben an Brustkrebs ein so heikles Thema ist?

Ja. Für die Betroffenen, im Buch für Carmen und Stijn, ist das ein Thema, das viel wichtiger ist, als für Freunde und Familienangehörige. Für die zählt nur die Gesundheit und das Überleben. Aber für Carmen und Stijn geht es um mehr. Das, was sie erleben, habe ich auch mit meiner Frau erlebt. All unsere Freunde haben den Krebs mitbekommen. Wir waren junge, urbane Leute. Da wurde mit Freunden und Freundinnen auch immer über Sex geredet. Aber was die Brustamputation mit meiner Frau gemacht hat, danach hat keine von den Freundinnen gefragt. Keine wollte wissen, wie es ist, ohne Brust zu leben. Und keiner meiner Freunde hat mich gefragt, wie das ist, mit einer Frau ohne Brust zu leben.

Also ein richtiges Tabu?

Ob Tabu das richtige Wort ist? Es ist mehr eine Art Verdrängung. Wenn du eine lebensbedrohende Krankheit bekommst, dann ist für die Außenwelt nur dein Überleben
wichtig. Alles andere ist unwichtig. Genau das hat meine Frau und mich frustriert. Diese Reaktion der Außenwelt ist Quatsch.

Warum?

Ich glaube, dass Brüste das Symbol für Sexualität schlechthin sind. In Werbung, Film oder Mode, überall werden die Brüste als das Symbol für Weiblichkeit inszeniert. Wenn eine junge Frau krank wird, dann ist das für die Umwelt aber auf einmal nicht mehr wichtig.

Kluun: Mitten ins Gesicht
Kluun: Mitten ins Gesicht

Noch nicht bei der ersten Diagnose. Da war eine Brustamputation noch keine Option, weil der Tumor zu groß war. Aber als dann die Ärzte über die Brust meiner Frau diskutierten, war uns klar, dass sich unser Leben verändern wird. Wenn meine Frau noch zehn oder fünfzehn Jahre gelebt hätte, wäre die Wirkung eine andere gewesen.

Aber die Amputation kann doch nicht rückgängig gemacht werden.

Ich glaube, dass mit den Jahren der Einfluss der Brustamputation auf die Beziehung unwichtiger wird. Wenn eine Frau mit 30 oder 40 Jahren ihre Brust verliert und dann
noch 70 oder 80 Jahre alt wird, dann ist der Zustand irgendwann bestimmt normal. Dann ist es wie eine Art Schönheitsfehler. Aber wir hatten diese Zeit nicht. Uns blieb nur ein Jahr. Wir hatten nicht die Chance, damit leben zu lernen.

War es eine schreckliche Erfahrung, wie die Ärzte damit umgehen?

In Holland ist gerade ein Foto-Band von Frauen erschienen, die nur noch eine Brust haben. Die Herausgeberin ist Chirurgin. In ihrem Vorwort hat sie geschrieben, dass sie die Probleme bis zur Lektüre meines Buches nie sah. Obwohl sie selbst eine Frau ist, habe sie Brüste immer genauso operiert wie Arme oder Ohren. Aber jetzt verstehe sie, welche Belastung eine solche Operation für die Frau und auch den Mann sei.

Stijn, der Mann der kranken Frau, geht fremd. Irgendwie ist er ein Drecksack, aber ein sympathischer.

In Stijn habe ich die schwarze, die schlechte Seite von mir selbst vergrößert. Stijn schaut jeder Frau hinterher – und auf jeden Busen.

Wenn man Umfragen trauen darf, wird Treue wieder wichtiger.

Viele Menschen hoffen, dass das Treue-Versprechen bei der Hochzeit gehalten werden kann. Auch ich hoffte, dass das Versprechen, in guten wie in schlechten Zeiten treu zu bleiben, bis dass der Tod uns scheidet, hält. Mein Buch hält den Spiegel in dem Moment vor, in dem es schlecht geht. Märchen funktionieren nur in guten Zeiten. Aber was passiert in schlechten? Das weiß keiner. Deshalb ist das Buch so hart. Ich denke, es ist mir gelungen, Stijn als Drecksack darzustellen. Und dennoch die Frage aufzuwerfen: Wie wärst du selbst, wenn dir so etwas passiert?

Stijn geht nicht nur fremd. Er hat auch ein Verhältnis.

Von allen Arten des Fremdgehens ist ein Verhältnis die moralisch verwerflichste. Von vielen Lesern habe ich jedoch gehört, dass Stijn die One-Night-Stands, das rein sexuelle Fremdgehen, mehr verübelt werden als das Verhältnis mit Roos. Die Leser verstehen, dass dieses Verhältnis wichtig ist.

Ihr Buch kann einem die Tränen in die Augen treiben. Ging Ihnen das beim Schreiben auch so?

Ja. Der dritte Teil ist zu 99 Prozent autobiografisch. Hier sind die Briefe von Carmen an die Tochter Luna, fast genauso wie die meiner Frau an unsere Tochter. Der Abschied von Luna ist zu 100 Prozent so geschehen. Das war beim Schreiben emotionaler  als in Wirklichkeit. Da war ich ein Manager des Trauerns. Da wollte ich mich um den Abschied kümmern, um es meiner Frau so schön wie möglich zu machen. Das Buch ist die zwölfte Version des
Originalmanuskripts. Am Ende ist das Buch kein Roman mehr, sondern eine Lebensgeschichte.

Es ist auch ein Buch über Sterbehilfe. Die beschreiben Sie als etwas Selbstverständliches

Ja, in Holland ist das selbstverständlich, aber in Deutschland nicht. Auch deshalb bin ich stolz darauf, dass die Deutsche Krebshilfe das Buch adoptiert hat. Sie sagt, dass ich keinen Leitfaden für Sterbehilfe geschrieben habe. Aber dennoch habe ich wohl den Vorgang so beschrieben, wie man es noch nie gelesen hat.

Ich habe das Buch als Plädoyer für Sterbehilfe wahrgenommen, weil eine junge, starke Frau bewusst entscheidet, wann für sie Schluss ist.

Mir geht es nicht um die Auseinandersetzung, ob Sterbehilfe gut oder schlecht ist. Ich verstehe, dass es für deutsche Politiker ein sehr schwieriges Thema ist. Nachdem die Nazis
ihre Morde an Behinderten als Euthanasie, als Sterbehilfe bezeichneten, ist das in Deutschland sehr problematisch. Insofern ist es gut, dass ein Ausländer wie ich darüber
schreibt. Dann können die Leute selbst darüber nachdenken und sich fragen: Was ist so schlimm daran?

Worum geht es im nächsten Buch?

Das neue Buch fängt da an, wo „Mitten ins Gesicht“ aufgehört hat. Fertig ist die Geschichte erst am Ende des zweiten Buches. Das heißt „Der Witwer“. Witwer ist ein Wort, das nur für Leute im Alter von 70 oder 80 Jahren benutzt wird. Zu 30- oder 40-Jährigen sagt man das
nicht. Aber die Betroffenen sind es tatsächlich.

Christopher Lewis repariert die Gesundheit der Männer

Gesundheitsratgeber haben oft etwas Antiseptisches. Medizinische Fachwörter machen aus Beschwerden, die das normale Leben schwer- oder sogar unerträglich machen können, eine nur für Ärzte handhabbare Angelegenheit. Der Leidende bleibt da auf der Strecke.

Das „Handbuch Männergesundheit“ geht ganz anders ran. Es nimmt den Mann mit all seinen Schwächen ernst. Ob bei seinem besten Stück oder beim Spaß am Alkohol. Erst mal wird nicht verurteilt, sondern mit Comics, Witz und verständlichen Infos aufgeklärt. Und das dann noch nach unterschiedlichen Altersabschnitten. „Inspektion. Wartung. Reparatur“ heisst das Buch mit Untertitel. Das klingt ein bisschen zu viel nach Gebrauchsanweisung. Aber Männer verstehen das schon.

Christopher Lewis: HANDBUCH MÄNNERGESUNDHEIT, VGS, 12,90 EURO

Rot liegt im Trend – Deutsche Trinker entdecken den heimischen Rotwein

HAMMELBURG. – Weiß ist der Franke aus dem Bocksbeutel, herb und für viele Nichtfranken gewöhnungsbedürftig. Eher schwarz ist des Franken Wahlverhalten, konservativ und für viele Außenstehende ungewohnt konstant. Doch in den letzten Jahren mischt sich immer mehr Rot in das mainfränkische Farbenspiel. Aber nicht die SPD, sondern der Rotwein ist im Kommen. Wo in den fünfziger und sechziger Jahren weiße Rebflächen die Hänge des Mains prägten, mischen sich nun immer mehr rote ein.

In der Nachkriegszeit bauten fränkische Winzer lediglich drei bis vier Prozent Rotwein an. Inzwischen hat sich die Menge bereits verdoppelt, und in den kommenden Jahren rechnet der Fränkische Weinbauverband mit einer Verdreifachung auf zwölf Prozent. Das klingt nicht viel, ist für eine Gegend, die lange Zeit für nur zwei bis drei Weißweinsorten bekannt war, jedoch eine erstaunliche Umstellung.

Dieser Wandel vollzieht sich nicht nur in Franken. Auch in den anderen deutschen Weinbaugebieten hat die Rotweinproduktion stark zugenommen. Anfang der sechziger Jahre lag die Anbaufläche in Deutschland noch bei gut 10 000 Hektar, fast ausschließlich an der Ahr, in Baden und Württemberg. Seit Beginn der achtziger Jahre wuchs der Rotweinanteil nach und nach auf das Doppelte. Inzwischen warten die roten Beeren auf knapp 21 000 Hektar – meist in ökologischen Nischen – auf das nötige Sonnenlicht.

Die deutschen Winzer folgen damit einem Trend: Die Verbraucher haben den heimischen Rotwein entdeckt. Zwanzig Prozent aller deutschen Weine, die sie kaufen, sind inzwischen Dornfelder, Spätburgunder oder Trollinger. Noch vor vier Jahren waren es lediglich vierzehn Prozent. Doch der Erfolg des eigenen Rotweins verunsichert manchen Winzer. Der Seniorchef des Hammelburger Winzerbetriebs Eilingsfeld beispielsweise verlangt, daß die Kunden mit jeder Flasche Roten auch einen Silvaner oder Müller-Thurgau kaufen. „Jeder kommt und will den Spätburgunder, aber der Silvaner ist fei auch gut“, fordert der Unterfranke die Kundschaft auf, die traditionellen Weine beim Einkauf ja nicht zu vergessen. In Württemberg, das wie Baden zu den Weinbaugebieten gehört, in denen es schon immer sehr viel Rotwein gab, kann sich Horst Reuschle an diese eigensinnige Vermarktungsstrategie nur noch erinnern. „Das ist vorbei“, meint der Experte der Werbegemeinschaft Württembergischer Weingärtnergenossenschaften. Dennoch sieht auch er einen Rotweinboom. Vor allem klassische Weißweinbetriebe seiner Region hätten ihren Umsatz bis zu zwanzig Prozent gesteigert – fast nur mit ihren neuen Roten. „Das zeigen die Umsatzzahlen des letzten halben Jahres“, erklärt Reuschle. Die Statistik weist aus, daß die Württemberger 1996 vier Prozent mehr Wein verkaufen konnten als noch 1995. Zu verdanken haben sie diesen Wert tatsächlich nur dem Trend zum Roten. Reuschle warnt allerdings: „Trends kommen und gehen.“

Ähnlich sieht Klaus Böhme die Lage. Zwar hat auch er den Anteil des Rotweins auf zwanzig Prozent seines Betriebes gebracht, „doch in dieser Nische sollte er bleiben“. Schließlich sei der Weißwein für Europas nördlichstes Weinbaugebiet, Saale-Unstrut, der traditionelle Wein. „Ich denke, der goldene Mittelweg ist richtig. Bloß weil der Markt jetzt nach Rotwein fragt, sollte man nicht auf Teufel komm raus umsteigen“, meint Böhme, obwohl er mehr Rotwein verkaufen könnte.

Auch im Rheingau und in der Pfalz steigt das Angebot an Roten.

Neben achtzig Prozent Riesling wurden im vergangenen Herbst bereits neun Prozent Spätburgunder im Rheingau gelesen. Winzern aus Rheinland-Pfalz gelang es, mit Rotweinen in die internationale Qualitätsspitze vorzustoßen. Dabei kommt ihnen wie überall in Deutschland ein weiterer Trend zugute. Trotz Rezession sind die Deutschen bereit, mehr für einen guten heimischen Schoppen auszugeben. Sechs Mark und 21 Pfennig zahlten sie 1996 im Durchschnitt für einen Liter deutschen Wein. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Steigerung um elf Prozent. Allerdings tranken die Deutschen etwas weniger heimische Weine: 9,9 Liter pro Kopf im Jahr 1995, 9,4 im vergangenen Jahr.

Dieser Text ist am 14. März 1997 in der ZEIT erschienen.