Kaminer und Rotfront machen Literatur nach Tönen

Kaminer und Rotfront im Festsaal Neukölln
Kaminer und Rotfront im Festsaal Neukölln

Rotfront und Bestuhlung, das ist ungefähr so wie Eisern Union im Maßanzug. Im Festsaal Neukölln stehen Stühle. Und Rotfront ist angekündigt. Normalerweise heizt die Band mit dem ersten, spätestens dem zweiten Song so sehr ein, dass der ganze Saal in Bewegung, ja in Wallung kommt. Und spätestens nachdem vierten Lied der Schweiß fließt. Aber hier in Neukölln stehen Stühle, soll man sich setzen, um Rotfront zu hören. „Kaminer und Rotfront machen Literatur nach Tönen“ weiterlesen

Shtetl Superstars – das klingt nach Culcha Candela

Stehtl Superstars
Stehtl Superstars

Mit Russendisko wurde Yuriy Gurzhy bekannt. Er ist der musikalische Kopf hinter Wladimir Kaminers Berliner Tanzprojekt im Café Burger. Zusammen mit Lemez Lovas,
einem Londoner Musiker und DJ hat Gurzhy einen wunderbaren Sampler kompiliert: „Shtetl Superstars – Funky Jewish Sounds from around the World“.

Gurzhy und Lovas stammen aus der Ukraine. Hier haben sie auch die Reste einer jüdischen Musikkultur kennengelernt, die inzwischen über die gesamte Welt verbreitet ist. Die beiden haben danach gesucht, was aus dieser alten Musik in Funk, Ragga oder Rock zu finden ist. Das klingt dann nicht nach Klezmer. Das klingt vor allem nach richtig guter aktueller Musik, die mehr mit Culcha Candela zu tun hat als mit Giora Feidman.

Der musikalische Kosmos ist universell, auch wenn er sich auf traditionelle Wurzeln   bezieht. Für westliche Ohren gibt es noch viel zu entdecken. Gurzhy weiß das aus der Russendisko und Lovas aus seinem Projekt Radio Gagarin, das eine englische Hommage an das deutsche Projekt ist. Wie immer bei Trikont-Samplern ist auch diese CD mit einem super Booklet ausgestattet. Das ist informativ und macht Spaß auf viel mehr Shtetl.

Die volle Wucht der Balkan Beats

Wer sich für den satten Sound von Tuba, Posaune, Trompete und Co begeistern kann, der ist bei den „Balkan Beats – Volume 3“ genau richtig. Die geballte Lebensfreude auf den 15 Tracks schreit nach einem guten Verstärker.

Bei den ersten beiden Ausgaben der Balkan Beats war nur Musik von Bands aus dem ehemaligen Jugoslawien und Österreich zu hören. Diesmal hat Robert Soko alias DJ Soko, der wieder die Auswahl besorgte, auch Bands aufgenommen, die sich den Klängen des
Balkan in Frankreich (Watcha Clan und Slovanski Bal) und den USA (Slavic Soul Party), Deutschland (Äl Jawala), Italien (Figli di madre ignota) und England (Max Pashm) widmen. Die Mischung ist so rasant, dass das Wort atemberaubend tatsächlich stimmt.

Neben dem Phänomen der Russendisko von Wladimir Kaminer (40) und Yuriy Gurzhy in Berlin ist die Musik vom Balkan das zweite große Phänomen osteuropäischer Musik, die in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern viele Anhänger findet. Wer den Balkan-Brass, die wummernden Bässe aus der Tuba und die Geschwindigkeit genossen hat, wird die Balkan Beats 3 sicherlich nicht mehr so schnell weglegen. Im Gegenteil.

Wladimir Kaminer kocht in der „Küche Totalitär“

Offensichtlich hat der Sozialismus gut geschmeckt. Den Eindruck muss gewinnen, wer sich über Wladimir und Olga Kaminers Rezepte aus „Küche totalitär – Das Kochbuch des Sozialismus“ hermacht.

Die kulinarische Reise durch die Ex-Sowjetrepubliken ist deftig. Wladimir Kaminers passende Erzählungen aus der Gegenwart zu all diesen Ländern sind zudem eine feine ironische Brechung alter Vielvölkerstaatsträume. Sie handeln vom Leben der Exilanten in
Berlin, von ihren Träumen und Erinnerungen an die Heimat. Und sie erzählen von der postsozialistischen Geschichte Weißrusslands, Lettlands oder Tschetscheniens.

Eine als Kochbuch getarnte literarische Geschichtsstunde also. Und sie ist kraftvoll angerichtet.