Holzgeschenke für Nazis und Ostalgiker

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Wer kennt sie nicht, diese gebrannten oder bemalten Holztäfelchen mit Sinnsprüchen der eher dümmlichen Art? Neu war mir, dass es sie auch für Nazis und ähnlich gesinnte historisch Zurückgebliebene gibt.

Ein Stand auf einem Volksfest. Dutzende ovale Täfelchen werden angeboten. Darunter Tafeln für den ewiggestrigen Ossi und – noch schlimmer – für den Nazi, der von der rein deutschen Zone träumt. Da es solche Angebote in der Marktwirtschaft nur gibt, wenn Absatz winkt, scheint das Produkt auf dem Volksfest wohl platziert.

Aber fotografieren darf man es nicht. Der Naziausstatter will nur verkaufen, aber auf keinen Fall, dass darüber gesprochen wird. Den Gefallen kann ich ihm nicht erfüllen. Auch wenn er beim Knipsen „Unverschämt!“ schäumt. Und seine Frau versucht das Produkt verschämt zu verdecken. Doch unverschämt sind die Produkte für Nazis und Ostalgiker. Und nicht der angeekelte Blick darauf.

Fridericiana (IV) – d’Apriles feines Buch über die Aufklärer im Umfeld Friedrichs

Iwan-Michelangelo D'Aprile: Friedrich und seine Aufklärer
Iwan-Michelangelo D’Aprile: Friedrich und seine Aufklärer

Dieses Buch über die Aufklärung im Umfeld Friedrich II. aus dem Hause der heimischen MOZ hätten die Stadtverordneten von Frankfurt (Oder) mal lesen sollen. Und zwar vor der Abstimmung über den Namen des Karl-Liebknecht-Gymnasiums! Dann hätten sie festgestellt, dass es in Frankfurt Bezüge zu vielen positiven historischen Menschen gibt, die es allemal wert wären Namensgeber einer Schule zu sein – statt des Begründers einer in ihrer Geschichte regelmäßig die Menschenrechte mit Füßen tretenden kommunistischen Partei.

20 knappe Biografien hat der Potsdamer Historiker Iwan-Michelangelo d’Aprile geschrieben. Wobei das Wort Biografie etwas zu groß ist für diese Schlaglichter. Alle porträtierten spielen als Reformer im Zeitalter der Aufklärung in Preußen eine wichtige Rolle. Sie reformieren die Schulen, organisieren Universitäten erstmals wissenschaftlich oder begründen die moderne Staatsführung.

Die 100 Seiten lesen sich schnell, da d’Aprile eine klare Sprache hat. Die vielen Bilder runden den Eindruck von den Männern ab, die für ihr aufgeklärtes Denken oftmals auch persönliche Schwierigkeiten bis hin zur Haft auf sich nahmen. Vor allem nach Friedrich II. Tod war die Gefahr wieder größer, wegen eigenständigem Denken mit dem König oder dem Adel in Konflikt zu geraten.

Einige von ihnen haben an der Viadrina studiert oder lehrten dort. Etwa Christian Thomasius, der nach seinem Wechsel nach Leipzig die erste Vorlesung in Deutsch und nicht in Latein veranstaltete und der für die klare Trennung von Theologie und Wissenschaft eintrat. Eine Tradition, in die sich ein Frankfurter Gymnasium gut stellen ließe. Oder Gotthold Ephraim Lessing, der eine Minna von Barnhelm erstmals in Frankfurt zur Aufführung brachte – und damit dem Bürgertum das Theater eroberte. Auch er wäre ein guter Schulpatron. Oder Hans von Held, der an der Viadrina studierte und einer de wichtigsten Journalisten der Aufklärung war. Auch diese Tradition des Kampfes um Pressefreiheit wäre ein schöner Bezug für ein Gymnasium. Aber auf solche Ideen kamen in Frankfurt (Oder) die Kämpfer für die Aufrechterhaltung der SED-/DDR-Tradition nicht. Kein Wunder, Freiheit ist keine Bezugsgröße für sie. Sehr zum Leidwesen der Schüler.

Mehr Fridericiana:

I. Norbert Leitholds Panorama überzeugt
II. Wo steht das Erbstück richtig? 
III. Friederisiko zeigt den Preußenkönig in allen Farben

Penderecki über seine Bäume, seine Musik und Deutschland

Krzystof Penderecki
Krzystof Penderecki

Krzysztof Penderecki, Sie erhalten den Viadrina-Preis für deutsch-polnische Verständigung. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für einen Mann, der schon so viele Ehrungen erhalten hat? Der Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Mitglied der Akademie der schönen Künste Bayerns ist, der in den USA, in China ausgezeichnet worden ist. Was bedeutet so ein Preis aus Frankfurt (Oder)?

Sehr viel. Ich habe mich das ganze Leben um Verständigung zwischen Polen und Deutschland bemüht. Ich habe vier Jahre in Deutschland gelebt. Ich habe, vielleicht, viele hundert Konzerte dort gehabt. Aber was wichtiger ist: Fast die Hälfte meiner Konzerte ist für deutsche Auftraggeber geschrieben worden.

Es ist sehr interessant, dass ein Mann, der 1933 in Ostpolen geboren wurde, der den zweiten Weltkrieg, der die Schrecken des Krieges auch in der eigenen Familie erlebt hat, ausgerechnet Deutsch lernte.

Mein Großvater war ein Deutscher. Er hat mit mir, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern, vor dem Kriege Deutsch gesprochen. Aber als die Deutschen kamen, wollte er plötzlich kein Wort Deutsch mehr sprechen. Ich habe dann alles verlernt. Aber ich dachte dann, dass man das überwinden muss. Man kann nicht das ganze Leben nur vom Hass leben. Als ich nach Deutschland kam, habe ich dann ganz viele positive Deutsche kennengelernt.

Frankfurt muss die Hoffnung nicht aufgeben

First Solar streicht die Segel. Damit macht der amerikanische Konzern seine Ankündigung wahr, bei einer weiteren Senkung der Einspeisevergütung für Solarstrom Deutschland zu verlassen. Wirtschaftsminister Rösler und Umweltminister Röttgen kannten diese Gefahr. Dennoch setzen sie weiter auf eine radikale Kürzung der Solarförderung.

Ob tatsächlich die Kürzungspläne oder innerbetriebliche Ursachen für die Schließung verantwortlich sind, ist schwer zu beurteilen. Sicher ist nur, dass diese für Frankfurt (Oder), für Brandenburg, ja für große Teile Ostdeutschlands eine Katastrophe ist. Denn nach den Insolvenzen von Solon in Berlin, Q-Cells in Sachsen-Anhalt und Oder-Sun in Frankfurt (Oder) wird erneut die Zuversicht von ganzen Regionen in eine neue Industrialisierung zerschlagen. Menschen, die Dank einer Stelle in der Solarwirtschaft wieder hoffnungsfroh in die Zukunft blickten, sehen sich nun um diese betrogen. Allein 1200 Arbeitsplätze bei First Solar plus weitere 2000 bei Zulieferern und Dienstleistern werden in Frankfurt wegfallen. Wenn nun auch noch Conergy folgen sollte, gibt es die Solarindustrie in Ostbrandenburg nicht mehr.

Und dennoch steht Frankfurt diesmal nicht so schlecht da wie beim Ende der Chipfabrik vor zehn Jahren. Die Infrastruktur ist jetzt deutlich besser.  Die Stadt hat mit der Solarindustrie bewiesen, dass sie solche Ansiedlungen umsetzen kann. Auf dieses Know How kann die Wirtschaftsförderung nun zurückgreifen. Zusammen mit der jetzt vorhandenen Infrastruktur ist das ein Pfund, mit dem sie bei der Investorensuche ganz anders wuchern kann als vor einem Jahrzehnt. Deshalb hilft es jetzt nur, die Ärmel hochzukrempeln und nach vorne zu schauen. Zusammen mit der Hilfe von Land und Bund sind die Chancen ganz gut, dass neue Investoren gewonnen werden können.

Dieser Kommentar ist am 18. April 2012 auf Inforadio vom rbb und Antenne Brandenburg gesendet worden.

First Solar zieht die Notbremse

First Solar zieht die Notbremse

First Solar in Frankfurt (Oder). Foto: First Solar
First Solar in Frankfurt (Oder). Foto: First Solar

Schön bunt ist die Fabrik von First Solar in Frankfurt (Oder). Für die Mitarbeiter sieht die Zukunft aber eher schwarz-weiß aus. Die Farben werden bleiben, auch wenn die Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden. First Solar schließt die Fabriken. Der Aktienkurs macht einen Sprung. Und die Politik kann darüber nachdenken, ob die Senkung der Einspeisevergütung für Solarstrom, den die Bundesregierung beschlossen hat, eine gute Idee war.

Es ist tragisch, dass ein Unternehmen, das schwarze Zahlen schreibt, keinerlei soziales Gewissen hat. Es ist schlimm, dass einer Stadt, ja einer ganzen Region wieder einmal die Hoffnung genommen wird. Es ist ärgerlich, dass die Fördersummen zum Großteil nicht zurückgezahlt werden müssen.

Aber wirklich unfassbar ist, dass dies zu einem Zeitpunkt geschieht, an dem Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kommunen die Energiewende als notwendig akzeptiert haben. Aber eben nur im Prinzip – und nicht im Detail.

Demo gegen Neonazis in Frankfurt (Oder) am 24. März 2012


Nach einem stundenlangen Katz- und Mausspiel mit der Polizei ist es den Gegendemonstranten einen Marsch von Neonazis durch Frankfurt (Oder) zu verhindern. Leider hatten sich nicht Tausende, sondern nur einige Hundert auf den Weg zur Blockade gemacht. Vor allem Berliner Antifas sind die spontanen Sitzblockaden gelungen, die letztlich den Zug stoppten.

Mehr dazu:
Neonazis sehen Dich an
Video von der Sitzblockade 

Ein Stück Nachlass als Verpflichtung: Der letzte Vorwärts vor dem Verbot

Vorwärts
Vorwärts vom 28. Februar 1933

Gefunden habe ich ihn in einer Mappe meines Großvaters. Zusammen mit einigen Fotos meines Urgroßvaters. Die letzte Ausgabe des „Vorwärts“ vom 28. Februar 1933 ist damit nicht nur von ihm aufbewahrt worden. Auch sein Sohn und dessen Sohn – mein Vater – bewahrte diese Zeitung auf. Allen war klar, wie einschneidend der Reichstagsbrand war. Und was es bedeutete, dass der Vorwärts nach dieser Ausgabe endgültig verboten wurde.

1899 ist mein Urgroßvater Mitglied der Gewerkschaft geworden. Sozialdemokrat war der Berliner Gießer-Meister auch. Als solcher hat er die Parteizeitung sicherlich zugestellt bekommen. Er hat diese Ausgabe stets aufgehoben. Nach seinem Tod ist sie zum Glück nicht weggeworfen worden. Mein Großvater hat sie auch bewahrt und mein Vater dann ebenfalls. Wenn man bedenkt, was alles in den Müll wandert, wenn ein Nachlass sortiert wird, dann ist das eigentlich erstaunlich. Doch offensichtlich haben alle drei – trotz unterschiedlicher Lebenswege – die zehn Zeitungsseiten, in denen noch zu den nächsten Demonstrationen und Kundgebungen der SPD und der Gewerkschaften im März 1933 aufgerufen wurde, als Mahnung begriffen. Keine dieser Demos hat mehr stattgefunden. Etliche der angekündigten Redner wurden umgehend inhaftiert.

Insofern ist dieser geerbte Vorwärts auch ein Stück Verpflichtung für mich. Am Samstag versuchen Neonazis in Frankfurt (Oder) aufzumarschieren. Das wird ihnen hoffentlich nicht gelingen. Dieser Vorwärts, den ich am vergangenen Wochenende fand, bestärkt mich,  ihnen nicht den Bahnhof und die Straßen der Stadt zu überlassen.

Arbeit ganz transparent

Öffentlich-rechtliche Transparenz in Frankfurt (Oder)
Öffentlich-rechtliche Transparenz in Frankfurt (Oder)

Gegenüber liegt die Buchhandlung. Wenn der Blick vom Schreibtisch nach links schweift, dann lockt das gute, alte Papier. Nicht mehr als Zeitung, an der gearbeitet wird, sondern als Buch, das gelesen werden will. Doch der Kasten mit dem Mikrophon und dem wunderbar glatt geschliffenem Holz erinnert sofort daran, dass es jetzt um Radio und Fernsehen geht.

Da, wo andere einkaufen, sitzt der rbb in Frankfurt (Oder). Und weil all diejenigen, die im Oderturm ihr Geld im Schnäppchenkaufhaus lassen auch Gebührenzahler sind, können sie die Arbeit an ihrem Programm sehen. Ihre Blicke schweifen in Studios, in einen Großraum und in mein Aquarium. Das ist ein ganz neues Arbeitsgefühl. Genau beschreiben kann ich es noch nicht. Denn der Austausch mit den Kollegen, das Diskutieren der Themen und das Kennenlernen aller dazugehörigen Prozesse zieht alle Aufmerksamkeit so sehr auf sich, dass für die Blicke nach innen und den eigenen nach außen keine Zeit bleibt.

Die erstaunliche Ruhe der Frustrierten

Die MOZ weiß, was beim Warten auf den Zug hilft (s. oben).
Die MOZ weiß, was beim Warten auf den Zug hilft (s. oben).

Diesmal war nicht die Bahn schuld. Es war Tief Joachim, das Züge ausfallen ließ. Die Feierabendpendler nach Berlin warteten in Frankfurt (Oder) geduldig. Kein Murren, kein Gezeter, kein Gemaule.

Angesichts der regelmäßigen Verspätungen und der seit Monaten und Jahren anerzogenen Leidensfähigkeit hat die Bahn uns Dauerfahrgäste endlich da, wo sie uns haben will: Wir nehmen nur noch hin. Hauptsache, wir kommen irgendwie weiter. Die Kraft zur Aufregeng, die Wut zur Auseinandersetzung mit dem Bahnpersonal gibt es nicht mehr. Selbst wenn die Fahrgäste für drei Züge in nur einen gepresst werden. Wir dulden. Wir ertragen. Ja, wir freuen uns sogar, dass wir mitfahren dürfen.